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Michael We.

NUCLEUS TORN: Andromeda Awaiting

"Influences: Rational analysis of emotional malfunctioning."


NUCLEUS TORN: Andromeda Awaiting
Genre: Post-Black Metal/Prog-Rock
Verlag: Prophecy
Erscheinungsdatum:
Winter 2010
Medium: CD
Preis: ~15,00 €
Kaufen bei: Grau


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"Bis zu einem gewissen Grad stelle ich mir künstlerisch die Frage, was passiert, wenn der Mensch an der Grenze des Erträglichen, am Ende seiner Fähigkeiten angelangt ist, sowohl auf sich alleine gestellt, wie auch als Individuum in seiner Gesellschaft. Im Zusammenhang solcher Fragen ist das Zusammenbrechen von Gesellschaften oder Welten eine besondere Inspiration für mich."
FREDY SCHNYDER im Interview mit METAL1

Kurz vor Jahresende noch ein Höhepunkt: Das neue Album von NUCLEUS TORN ist berauschend! Somit wäre der einfache Teil dieser Besprechung geschrieben, denn wie schon Kollege DOMINIK vor zweieinhalb Jahren in seinem Artikel zum letzten Album "Knell" feststellte: "Ja, es ist tatsächlich ziemlich schwer, die musikalische Schublade annähernd zu bestimmen." (In diesem Artikel ist übrigens auch vieles zur Bandgeschichte nachzulesen, was ich hier nicht noch einmal wiederholen muss.) Schwer vor allem deshalb, weil das Schweizer Projekt um Kopf und Komponist FREDY SCHNYDER die Schubladen permanent wechselt, sogar innerhalb eines Albums.
Auf "Knell" hat DOMINIK Parallelen zum norwegischen Black Metal entdeckt, was für das gesamte Schaffen von NUCLEUS TORN nicht von der Hand zu weisen ist. Eine gewisse Lebensfeindlichkeit – siehe auch Zitat oben –, ein düsteres In-Sich-Gekehrt-Sein ist durchweg zu spüren. Außerdem wiesen sowohl "Knell" als auch das wiederum zwei Jahre zuvor erschienene Album "Nihil" (2006) metallische Elemente wie sägende E-Gitarren auf, weshalb es kaum verwundert, dass die meisten NUCLEUS-Reviews im Netz auf Metalseiten zu finden sind. Die Bandbreite der Schweizer ist allerdings unendlich viel größer und streift beziehungsweise beinhaltet ebenso Klassik, Folk, Doom und mittelalterliche oder orientalische Anleihen. Vor allem die Vokabel 'progressiv' nimmt FREDY gerne in den Mund, das Internet ist für ihn ein Prog-Rock-Treffpunkt, und tatsächlich blitzen auf "Andromeda Awaiting" auch Ähnlichkeiten zu entsprechenden Bands der 1970er-Jahre auf.

"Dieses Werk wird weitaus sanfter klingen, dafür äußerst episch angelegt sein und nur aus einem Track bestehen." Vor einigen Monaten hat sich FREDY so über das bevorstehende neue Album geäußert. Sanfter ist es, in der Tat, denn düstere, verzweifelte und verzerrte Töne wie in "Summer Bled" und "Peregrina Sublime" ("Nihil") oder sinfonische Gitarrenpassagen ("Knell") fehlen. Die gute, alte Melancholie ist dafür durchgehend auf "Andromeda Awaiting" zu spüren, schwermütig gar wirken einige Abschnitte. Zwar sind es sechs Tracks geworden, aufgrund der epischen Anlage hat es allerdings keinen Sinn, nur einzelne Stücke zu hören.
Rund 20 Instrumente haben FREDY SCHNYDER und seine mindestens sechs Begleiter dieses Mal eingesetzt, zusätzlich wieder die beiden Stimmen von PATRICK SCHAAD und MARIA D'ALESSANDRO, ausschließlich im Klargesang. Die vielen klassisch instrumentierten Passagen schlagen den Bogen zur ersten Komposition von NUCLEUS TORN, der "Krähenkönigin"; einer vierteiligen Suite für klassische Gitarre, die FREDY Ende der 1990er-Jahre – noch vor der Gründung von NUCLEUS TORN – niedergeschrieben, aber erst später veröffentlicht hatte.
Thematisch orientiert sich das neue Album – das in vielen Artikeln als Abschluss der fiktiven Trilogie "Nihil" - "Knell" - "Andromeda Awaiting" bezeichnet wird, obwohl es weder inhaltlich noch musikalisch eine direkte Verbindung gibt – an der griechischen Mythologie. Es basiert auf – Überraschung – der Geschichte der ANDROMEDA. Die Tochter des äthiopischen Königs KEPHEUS soll einem Seeungeheuer geopfert werden, PERSEUS (Sohn des ZEUS) rettet sie und nimmt sie zur Frau.

Zwei 15-Minüter, einer am Anfang und einer am Ende, dominieren die CD. "I" (die Stücke sind einfach durchnumeriert) zeigt bereits die ganze Vielfalt auf, mit der "Andromeda Awaiting" arbeitet. Unterschwellig ist er permanent zu spüren, der Ausbruch, ohne jedoch wirklich stattzufinden, was kraftvoller wirkt als lautes Gelärme. Gleich zu Beginn klingt ganz kurz eine E-Gitarre so, als ob Donnern und Growlen folgen würde – passiert aber nicht. Stattdessen ein impressionistischer Klavierlauf, Flöte und Schlagzeug – progressiv. Im Verlauf setzt die wunderbar weiche und traurige Frauenstimme zu Klavier und Streichern ein, Kammermusik, sehr intim und dunkel. Möglicherweise sind Teile davon in einer Kirchentonart komponiert, was den durchweg mittelalterlichen und historischen Klang erklären würde. Ansonsten gemahnen die Zwischenspiele auch an PROKOFJEW oder, romantischer, an LISZT. Die männliche Stimme – zunächst a capella, dann zügig von einer Flöte begleitet – erinnert mich hier stark an ANDREW KING, das altertümliche Saiteninstrument unterstützt das Minnesang-Flair, und im Duett mit der Frauenstimme werden diese Minuten zu den stärksten auf dem Album. Es folgt ein wie frei improvisierter Instrumentalteil, Dark Ambient mit klassischem Klangkörper, zum Ende hin haben Cello und Klarinette ihre Soloauftritte. Nochmal zum Verständnis: Hierbei handelt es sich um einen einzigen Track!
In "II" arbeiten Akustikgitarre, Piano und die wunderbare, sphärische Stimme von MARIA D'ALESSANDRO ungeheuer melancholisch zusammen, "III" bietet ein kurzes und fröhlicheres, südländisches Instrumental. Besonders mittelalterlich-orientalisch beginnt "IV", übergehend in einen Prog-Teil mit Bass, Schlagwerk, Flöte und MARIA. Mit einem erneut kurzen Instrumental – "V", sehr festlich mit Gitarre und Flöte – beginnt der Schlussteil: "VI" lässt sich gut mit den hier schon angesprochenen, frühen Epen von zum Beispiel MARILLION vergleichen (Männerstimme), wechselt dann aber erneut in Richtung klassische Instrumentierung (Frauenstimme).

Unabhängig von der Interpretation – ob es sich nun um ein Zwiegespräch zwischen ANDROMEDA und PERSEUS oder eine Vertonung des Coverfotos, eines dunklen Waldsees im Stile von EMPYRIUM handelt – ist "Andromeda Awaiting" ein wahrhaft berauschendes, intensives und episches Werk. Derart hohe musikalische Standards in Komposition und Darbietung sind selten, der Kauf ist eigentlich für jeden, der sich von einer der hier erwähnten Stilrichtungen angesprochen fühlt, Pflicht. Die Verpackung ist übrigens, wie immer bei NUCLEUS TORN, edel: DinA5 zum Aufklappen inklusive aller Texte.

Parallel ist gerade die NUCLEUS TORN-Zusammenstellung "Travellers" erschienen (ebenfalls auf prophecy.cd/">PROPHECY). Darauf befinden sich unter anderem die "Krähenkönigin"-EP (zum ersten Mal auf CD) sowie weitere, seltene Songs, die meisten davon im Klang verbessert. Mit "Leadless" und "Lurking" gibt es zusätzlich zwei neue Stücke.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» NUCLEUS TORN @ myspace
» Interview FREDY SCHNYDER auf METAL1

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Zusammenfassung
Unabhängig von der Interpretation - ein Zwiegespräch zwischen ANDROMEDA und PERSEUS oder eine Vertonung des Coverfotos? - ist "Andromeda Awaiting" ein wahrhaft berauschendes, intensives und episches Werk. Derart hohe musikalische Standards in Komposition und Darbietung sind selten.

Inhalt
Klappbares Cover im DVD-Format

I (15:34)
II (03:55)
III (01:58)
IV (08:11)
V (0:49)
VI (15:56)

ca. 46 min.
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