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Michael We.

Sol Sajn. Jiddische Musik in Deutschland

... und ihre Einflüsse (1953-2009) - VOL. 1


Sol Sajn. Jiddische Musik in Deutschland
Genre: Klezmer
Verlag: Bear Family
Erscheinungsdatum:
Juli 2010
Medium: 3xCD
Preis: ~40,00 €
Kaufen bei: Bear Family


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Wer wohnt in einem Bauernhof und ist für opulent ausgestattete Themenboxen bekannt? Richtig, BEAR FAMILY RECORDS aus 27729 Holste-Oldendorf. Das jüngste Projekt ist allerdings selbst für BEAR-Verhältnisse bombastisch und einmalig: Eine 12-teilige Anthologie mit über 240 Liedern zeigt die Entwicklung jiddischer Musik in Deutschland innerhalb der vergangenen rund 60 Jahre.
Jede Box beinhaltet drei CDs zu unterschiedlichen Themenkomplexen, welche so weit wie möglich chronologisch angeordnet sind; von ersten zarten Versuchen der deutschen Folkszene in den 1960er-Jahren über den Klezmer der Jahrtausendwende als wichtige Strömung innerhalb der Weltmusik bis hin zur 'neuen jiddischen Welle' mit Rap, Punk und Elektro. Eine solche Brücke ist sowohl inhaltlich als auch zeitlich – die älteste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953, die jüngste aus dem Jahr 2009 – noch nicht geschlagen worden.
Zusammengestellt und jeweils mit einem umfangreichen Buch versehen – pro Trilogie rund 150 Seiten voller Fakten und umfangreicher Porträts aller beteiligten Künstler – wurde "Sol Sajn" von ALAN BERN, HEIKO LEHMANN und BERTRAM NICKOLAY. BERN ist Musiker und Komponist jiddischer Musik, LEHMANN Mitglied der in der DDR gegründeten Klezmerband AUFWIND, NICKOLAY sammelt jiddische Lieder und hat unter anderem schon, in jahrelanger Kleinarbeit, eine CD mit Liedern aus dem Warschauer Ghetto herausgegeben. Die drei Experten erläutern im Booklet auch ihre Auswahlkriterien und weisen darauf hin, dass die Berücksichtigung wirklich aller Künstler den Rahmen selbst dieser umfangreichen Compilation gesprengt hätte; ein Kritikpunkt, der in manchen "Sol Sajn"-Besprechungen auftaucht, deren Autoren bestimmte Lieder auf den CDs vermissen.

Die erste Box, die wir hier stellvertretend vorstellen, beginnt logischerweise am Anfang und thematisiert den Umgang mit jüdischer Kultur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. "Die Folkbewegung entdeckt das Jiddische Lied" (1), "Jiddisches Lied in der DDR" (2) und "Jiddische Lieder aus europäischen Nachbarländern" (3), so sind die CDs betitelt. Die Historie dazu wird im Booklet abgebildet: Zunächst die Studenten der 68er-Generation, die sich mit der Kultur der Juden auseinandersetzten (1968 erschienen die beiden ersten westdeutschen Alben mit jiddischer Musik), dann die deutsche Folkszene der 1970er-Jahre, die kleine Gruppe von DDR-Musikern, die sich vorwiegend mit jiddischen Widerstandsliedern beschäftigte, und die daraus resultierende Suche – vor allem in den 1980er-Jahren – von DDR-Künstlern nach Überresten jüdischen Lebens bei den östlichen Nachbarn.
Vor allem auf den ersten beiden CDs haben wir es also mit deutschen Künstlern zu tun, die jiddische Musik interpretieren – ein Umstand, der häufig zu einer Art Glaubenskrieg führt und dem auch die ersten Sätze des Vorwortes Rechnung tragen:

Von deutschen Nichtjuden gespielte jiddische Musik ist ein Phänomen, das ungefähr genauso lang reflektiert wird, wie es diese Interpretationen gibt. Die Reflektionen haben eine Spannweite vom Verbot (jiddische Musik darf nur von Juden gespielt werden; dieses Argument erinnert an das Dogma, Blues dürfe nur von Schwarzen gespielt werden) bis hin zum Vorwurf der Nekrophilie einerseits; andererseits reicht das Spektrum von ernsthafter kritischer Reflektion zu nüchterner positiver Bewertung bis hin zu philosemitischer Schwärmerei. Pauschale Betrachtungen beginnen und enden oft mit GIORA FEIDMAN, der Ende der achtziger/ Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts tatsächlich einen großen, vielleicht den größten Einfluss auf deutsche Interpreten hatte. Doch jiddische Musik im Nachkriegsdeutschland gab es bereits Jahrzehnte bevor GIORA FEIDMAN in Deutschland jiddische Musik zu beeinflussen begann.

"Sol Sajn" als Titel für die Sammlung ist perfekt gewählt, denn so heißt ein typisch jiddisches Lied von JOSEF PAPIRNIKOV. "Es erzählt davon, alles sei Konfusion, Illusion oder ein Traum, denn wir würden niemals erleben, dass sich unsere Hoffnungen erfüllen", erklärt Mitherausgeber ALAN BERN im Interview mit der BÜCHERGILDE. "Entscheidend aber ist der Weg, den wir dabei gehen, denn der muss schön sein." Die Welt ist schlecht, lasst uns was draus machen – genau dieser Tanz zwischen Diskriminierung, Lebenslust, Trauer, Humor, Heimatlosigkeit und Feierlaune prägt jiddische Musik.
Stellvertretend für die 71 Lieder blicken wir kurz auf Beiträge von drei Künstlern, die sicher vielen NONPOP-Lesern bekannt sind: Die deutsche Folkband ZUPFGEIGENHANSEL, 1974 gegründet und maßgeblich für die Folkbewegung der 1970er in Westdeutschland verantwortlich, ist mit zwei Liedern vertreten. Zum einen mit dem traurig-zynischen 'Arbeitslosenmarsch' (im Original "Arbetlosemarsch", alle Texte sind übrigens auf Hochdeutsch abgedruckt), der mit Geige und Akkordeon wunderbar den Gegensatz zwischen Depression und Lebensfreude abbildet. Zum anderen mit "Tsen Brider", der jiddischen Variante von "Zehn kleine Negerlein", wobei der Sänger hier selbst einer der 'Brider' ist und am Ende als zehnter vor dem Hungertod steht. Die britisch-berlinerischen 3MUSTAPHA3 (auch 3MUSTAPHAS3 geschrieben) werden nicht selten als Erfinder des 'Konzepts Weltmusik' gefeiert. Auf jeden Fall haben sie in den 80ern Vorarbeit für den späteren Balkanboom geleistet. Sie steuern ein rasantes, orientalisch klingendes Instrumentalstück aus ihrem Auftritt in der JOHN PEEL SHOW am 30. Januar 1984 bei. KAREL GOTT (ja, der) liefert mit "Eli, Eli" ein stimmgewaltiges, dramatisches Klagelied ("Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?") aus dem Jahr 1967, wie auch alle anderen älteren Stücke klanglich hervorragend aufbereitet.

Ein Vergleich, der zugegeben gerne mal für Compilations bemüht wird, aber trifft: Diese Box ist eine überbordende Schatztruhe, was sicher auch für ihre drei Schwestern gilt. Das Konzept ist in allen Punkten stimmig und transparent, die Qualität von Sound und Begleitmaterial hoch, die Auswahl – soweit ich das als Nicht-Fachmann beurteilen kann – treffend. 40 Euro pro Dreierpack sind darüber hinaus ein fairer Preis. Wer sich für diesen besonderen Aspekt deutscher Musikgeschichte interessiert, wird erstklassig und mit viel Liebe bedient.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» umfangreiche Klezmer-Seite (deutsch)
» deutscher Klezmer-Blog
» Klezmer @ Wiki


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Zusammenfassung
Eine von vier Boxen zur Geschichte jiddischer Musik in Deutschland. Das Konzept ist in allen Punkten stimmig, die Qualität von Sound und Begleitmaterial hoch, die Auswahl treffend. Wer sich für diesen besonderen Aspekt deutscher Musikgeschichte interessiert, wird hervorragend bedient.

Inhalt
- 3 CDs im Digipack
- 140-seitiges Booklet
- 71 Einzeltitel
- Spieldauer 216:21 Minuten
- 3 weitere Folgen mit je 3 Cds pro Box
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