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Dominik T.

FALKENSTEIN: Kraftort

Schwerter zu Pflugscharen - Oh how we laughed


FALKENSTEIN: Kraftort
Genre: Neofolk
Verlag: Heimatfolk
Vertrieb: Steinklang
Medium: CD
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Die Burg Falkenstein im Harz war, wie mich Wikipedia belehrt, nicht nur Drehort einiger DDR-Serien und Spielfilme, sondern auch Tatort eines der wichtigsten Neofolkkonzerte der Post-WORLD SERPENT-Zeit. Es spielten dort 1999 DEATH IN JUNE, DER BLUTHARSCH und FORSETI, von letzteren damals einer ihrer ersten Auftritte überhaupt. Im Eintrittspreis enthalten war der kleine, aber feine „Der Tod im Juni“-Sampler. Im Rückblick lässt sich sagen, dass viele Besucher, die sich in den darauf folgenden Jahren Wochenende um Wochenende in Schale und Uniform schmissen, hier ihr Initiationserlebnis hatten … und nun, nachdem über die Jahre verschiedene Miltary-Pop-Soldaten, Minnesänger und mehr oder weniger verwirrte Trachtengruppen an uns vorübergezogen sind, LICHTTAUFE zu NONPOP wurde und auch FORSETI als Formation allein noch in unserer Erinnerung lebt, musiziert in Post-Neofolk-Zeiten ein Allgäuer Projekt namens FALKENSTEIN von mir bisher unbemerkt auf dem einschlägigen HEIMATFOLK-Musikverlag (AHNSTERN- bzw. STEINKLANG-Sublabel) vor sich hin. Das musste nun, da schon das dritte Album „Kraftort“ vorliegt, endlich anders werden.
Auch wenn es durchaus im Rock- und Popbereich Beispiele dafür gibt, dass sich Bands nach berühmten Konzerten benennen, um somit eine Tradition, der sie sich verpflichtet fühlen, zu kennzeichnen, ein Beispiel wäre DALE CROVERs (THE MELVINS) ALTAMONT-Nebenprojekt, scheint mir dies im Falle von FALKENSTEIN eher unwahrscheinlich zu sein. Wahrscheinlicher ist eine Burgruine im Allgäu Namensgeber, Märchenkönig Ludwig II plante einst dort zu verweilen, doch blieb das eine unerfüllte Sehnsucht, vielleicht ist dieser Kontext gerade eine gute Namenswahl für dieses märchenhaft sein wollende Projekt …?
FALKENSTEIN singen komplett Deutsch, ihren meist beschwingt-engagierten Folk-Stil darf man auch als recht FORSETI-nah und absolut DEATH IN JUNE-fern bezeichnen. Auffallend sind ferner die variable Instrumentierung mit Flöte, Xylophon, Maultrommel und Synthesizern (u.a.) und die sehr naturreligiösen Texte. In jedem Stück geht es um irgendwelche Naturgeister, Ahnenmächte, Runen, Kraftorte, Anderswelten und dergleichen. Als Hörer muss man die Fähigkeiten mitbringen, sich auf diese Mythenwelt einzulassen und ich gebe gerne zu, dass mir diese romantisierende Distanzlosigkeit hier ebensowenig gelingt, wie mir das bei SONNE HAGAL möglich ist. Dennoch, FALKENSTEIN sind ein Beispiel dafür, dass eine grundsätzliche Fremdheit nicht zu Spott führen muss, sondern im Gegenteil zu Respekt, ja, geradezu Bewunderung, zumal der musikalische Rahmen, Gesang und Lyrik absolut stimmig sind und nicht hölzern oder gar einfältig wirken. Die Stimme des Multiinstrumentalisten TOBIAS FRANKE ist tief und im Wesentlichen sicher, wenn er auch glücklicherweise nicht allzu professionell klingt, und damit die Tradition einer hintergründigen, amateurhaften und auch emotionslosen Unauffälligkeit fortsetzt, die auch bei FORSETI und DARKWOOD wirksam war bzw. ist und ohne die deutscher Neofolk schlechterdings nicht möglich wäre. Wer daran zweifelt, muss sich nur den Gegenentwurf vorstellen: folkloristische, deutsche Musik mit Rockstargesang oder auch nur WESTERNHAGEN-„Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin“-Gedröhne, würde das funktionieren? Nein, natürlich nicht! Weiter auf der Haben-Seite, ich erwähnte es bereits, der variable, instrumentenreiche, eher beschwingte, nichtsdestotrotz melancholisch bleibende Folk, der auf Stücken wie „Kraftort“ schon in hippieske Blumenkinder-Atmosphären vordringt, zumal dies eines der Stücke ist, auf dem TOBIAS FRANKE auch von einer lieblichen Frauenstimme unterstützt wird. Letztendlich haben jedoch auch FALKENSTEIN insgesamt genügend Stock im Arsch vorzuweisen, um den Kenner spüren zu lassen, dass der beschützenswerte Gartenzwerg-Schatten des Neofolk nicht weit ist, womöglich war ja auch der Urheber des Ganzen unter den 99er Burg-Falkenstein Besuchern …?
Etwas schmunzeln musste ich beim Text des vierten Stücks „Am Ende wird Anfang sein“, denn inmitten des naturreligiösen Einerleis und beschwingt, engagiertem Flöten- und E-Gitarren-Einsatz, übrigens so, dass man meinen könnte, ein MARK KNOPFLER hätte sich auf das Album verirrt, wird’s hier auf einmal recht kämpferisch, ja geradezu realpolitisch-misanthrop (Die unvergessene Östrogenfaschistin JUTTA DIRFURTH würde es „ökofaschistisch“ nennen.), der Urheber singt hier sich seinen Frust über „Umweltverschmutzung“ usw. von der Seele, und es heißt „Zu übervölkert, die heilige, sie war! Zu groß ihre Last, die Zeit ist nun da! Siebzig Prozent der Weltbevölkerung Sterben an diesem Tag am Ende nichts als Dung! Dung für die neue Saat, das Ende wird Anfang sein! Nach dieser Läuterung wird golden die Zeit sein!“, PENTTI LINKOLA lässt grüßen, das wirkt zwar trotz aller Bemühungen nicht gerade grimmig, so wie FALKENSTEIN insgesamt absolut lieb sind, aber gerade deshalb lässt sich ein Überraschungseffekt nicht leugnen.
Wie dem auch sei, wer das FALKENSTEIN-Vorgängeralbum „Urdarbrunnen“ kennt, wird ob der starken Weiterentwicklung überrascht sein. Dort, das muss abschließend zugegeben werden, ging mir das Besingen aller möglichen Grashalme und Pflänzchen noch ziemlich auf den Senkel, einfach weil die Kompositionen dies noch nicht oder nur manchmal gelungen einzubetten vermochten. In dieser jetzigen Form sind FALKENSTEIN aber zweifellos eines derjenigen Projekte, die glauben machen, dass die liebenswerte Geschichte des deutschen Neofolks auch mit neuen Projekten und jenseits von Rumgehampel fortgesetzt werden kann. Dennoch: Natürlich ist nicht alles super, beispielsweise hätte "Ewiger Wald" ein paar weniger Wiederholungen vertragen können oder die Stimme ist manchmal gar zu emotionslos, ganz davon abgesehen, dass alles manchmal so lieb ist, dass man dem Künstler, je nach Temperament, rechts und links eine batschen könnte, aber was soll's.
Erwähnenswert noch: Das vielleicht beste Stück „Kornmuhme“ basiert auf einem Gedicht von Heimatdichter HUGO KAEKER (Who the fuck is this?), den bereits WALDTEUFEL im Internet entdeckten (denn ausgerechnet das von WALDTEUFEL und das von FALKENSTEIN vertonte Gedicht, sind die beiden, die das Internet zugänglich macht), wohingegen „König von Thule“ natürlich von GOETHE stammt und – das ist ganz besonders großartig – mit „Sommer“ erstmalig ein RUDOLF STEINER-Gedicht aus dem "Seelenkalender" die Ehre hat, in einen Neofolkkontext eingeführt zu werden.
So darf der Naturbursche von FALKENSTEIN gerne weitermachen! „Es muss immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen“.


 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Bandhomepage

Themenbezogene Newsmeldungen:
» Neues Album von FALKENSTEIN
» Neues FALKENSTEIN-Album angekündigt

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Zusammenfassung
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Inhalt
1 Die Alte Norne
2 Trudenritt
3 Die Letzte Reise
4 Am Ende Wird Anfang Sein
5 Kraftort
6 Eihwaz
7 Ewiger Wald
8 Kornmuhme
9 König Von Thule
10 Sommer

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