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Michael We.

STURMPERCHT: Schattenlieder

Viele neue Berggeister


STURMPERCHT: Schattenlieder
Genre: Alpinfolk
Verlag: Steinklang
Erscheinungsdatum:
Januar 2010
Medium: CD / 2xLP
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: Steinklang


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Neben großer Vorfreude auf das neue STURMPERCHT-Album trug ich in den vergangenen Wochen zwei Befürchtungen mit mir herum. Zum einen klang der Vorabtrack aus dem Label-Newsletter – "Die Teufelsgeiger" – sehr schunkelig und schnapsgetränkt. In der ewigen Diskussion, ob STURMPERCHT nun aufgrund ihrer vielen wunderbaren Lieder ernst zu nehmen sind oder ob ihnen Späße wie die "Brathähnchen"-Persiflage auf den Song "Little Black Angel" von DEATH IN JUNE (Sakrileg!) auf ewig nachgetragen werden müssen, sah ich meine (Gams)Felle davon schwimmen. Siehe zu diesem Punkt auch unsere Forendiskussion: "Ich gehe zum Lachen in den Keller, wer kommt mit?" Eine völlig unbegründete Sorge, denn bis auf zwei Lieder – eben "Die Teufelsgeiger" und "s'Jagagstanzl" – gerät "Schattenlieder" nie in Gefahr, zu einem Gang in den Keller zu animieren.
Zum anderen haben die Mannen um ihren Chefperchtn und STEINKLANG-Labelchef MAX die Türen zum Proberaum, so scheint es, weit offen gelassen. Das Phänomen der Gastmusiker haben wir in den vergangenen Monaten verstärkt beobachtet: Je kleiner die 'Szene', desto familiärer das Musizieren, so etwa auch beim jüngsten WERKRAUM-Album "Early Love Musik" (Besprechung). Die Zahl der Beteiligten ist auf "Schattenlieder" im Vergleich zum Vorgänger "Geister im Waldgebirg" (Besprechung) noch einmal gestiegen, CHRISTOPH ZIEGLER gar zu einem neuen Vollmitglied (WALDWUUDZ) geworden. ZIEGLER, vor allem bekannt durch sein Ambient-Projekt VINTERRIKET, beschäftigte sich bislang nur thematisch, nicht aber musikalisch mit ähnlich landschaftsromantischen Ansätzen wie STURMPERCHT. Gerade hat er als DÂNNÂGÔISCHD allerdings ein Werk veröffentlicht, welches sich dem alpinfolkigen Universum auch klanglich annähert ("Emm dichdâ Ondrholz"). Ansonsten mischen viele alte Bekannte – GERHARD HALLSTATT (ALLERSEELEN), MARKUS WOLFF (WALDTEUFEL), AXEL FRANK (WERKRAUM) – und einige weitere neue Gesichter – ÀRNICA, MERI TADIC (ELUVEITIE) – mit. Diese schon vor der Veröffentlichung gemachte Beobachtung manifestiert sich beim Hören, denn zuweilen hinterlassen die vielen Gäste den Eindruck einer 'Best Of Alpinfolk'-Zusammenstellung, und die Frage blitzt auf, wie viel Geist von STURMPERCHT noch darinnen ist. Erweitert wurde übrigens auch das Instrumentarium: Einige der verwendeten Klangmacher (Nachteule, Geisterflöte, Druidenrassel ...) konnten Fans vorab in einer limitierten Box-Ausgabe des Albums erstehen.

Am auffälligsten beim ersten Hören ist, mir fällt kein clevereres Wort ein, ein verbesserter Klang. "Schattenlieder" ist sicher das professionellste, am besten produzierte und musikalisch reichhaltigste Werk von STURMPERCHT. Darunter leidet phasenweise die raue Urigkeit, das Gepolter, das Nachts-Im-Wald-Gefühl. Abgemischt hat nicht mehr MAX PERCHT, sondern AXEL FRANK, dessen Akustikgitarre auch fast alle Lieder begleitet. So entsteht ein freundlicherer, hellerer und manchmal psychedelischer Eindruck, der tatsächlich in Richtung WERKRAUM geht. Pilz statt Unterholz.
Der neu eingespielte "Tanz Des Tatzelwurms" etwa (Track 2), im Original mit "teils gar rustikaler technischer Ausrüstung" aufgenommen, wie es in der Zusammenstellung "A Wilde Zeit" geschrieben steht. Rustikal ist nun nichts mehr, Akkordeon, Gitarre und der Chorgesang im Hintergrund verleihen der Geschichte vom alpinen Drachen weiche, fast romantische Züge. Dass "Stechapfelnacht" (3) aus der Feder von GERHARD HALLSTATT stammt, ist nach den ersten, schepperigen Tönen klar. Auf eine sich stets wiederholende Abfolge von Perkussion, Zupfinstrument und Kontrabass – typisch ALLERSEELEN – erzählt der Österreicher seine düstere Geschichte. Da ist es dann doch, mein Waldgefühl: In "Tannenwichtel" (4) wird zu nächtlichen Feldaufnahmen, Gitarre und Maultrommel in perchtscher Manier – vom neuen Mitglied WALDWUUDZ – geflüstert und rezitiert. Sehr stimmungsvoll, mit Glöckchen und verhuschter E-Gitarre ist auch "Der Wolpertinger" (5), welcher nicht als einziger Song an den frühen deutschen Psych-Folkrock von WITTHÜSER & WESTRUPP erinnert.
Wir müssen nicht alle, immerhin 20 "Schattenlieder" einzeln durchgehen, sie lassen sich der Übersicht halber in Kategorien einteilen: Manche von ihnen nutzen alte Texte, erzählen Sagen oder Geschichten über das harte Leben in den Alpen. Der Opener vom "Wildschütz Jennerwein" gehört dazu, der mit einem Alpentango-Rhythmus überrascht, oder die Sage vom "Irrwurz". Hier erkennen wir in STURMPERCHT alte Freunde wieder, knurrig, wurzelig. Allerdings klingen gerade manche dieser Lieder stark nach WERKRAUM ("Wolfsschlucht"). Bewegend, mit wunderbar anrührenden Texten, knappen Worten und wenigen Instrumente, karg wie die Berge, sind "Wallfahrt" und "Tränenkrug", zwei der schönsten neuen Stücke.
Dann gibt es die Gastsongs, die sofort und unzweifelhaft ihrem Urheber zugeordnet werden können: "Stechapfel", "Salamanderschnaps", "Mittn In Da Nacht" – bleibt im Ohr wegen der Blas-/Marschmusik im Hintergrund – und "Novembervoid" – besteht nur aus field recordings und dem geflüsterten Songtitel – gehören zu HALLSTATT. Ebenso klar ist "Einheit" ein WALDTEUFEL-Song, die Trommel stoisch. Der unaussprechbare Titel stammt von DÂNNÂGÔISCHD, dem schwäbischen Gegenentwurf zu STURMPERCHT: Dark Ambient mit hörspielartig eingesetzten field recordings. Eine Hand voll weiterer Lieder klingt wie Landschaftsmalerei, romantisch-mystischer Alpinfolk. Der "Winterreigen" oder die schöne, dunkle Ballade von den "Nachtfratzen" zum Beispiel, nur mit wenig Gitarre und dumpfer Trommel, spartanisch und schamanisch, vermutlich waren hier ÀRNICA mit am Werk.
Etwas dick aufgetragen, aber gerade deshalb schon beim ersten Durchgang mitreißend und wohl der 'Hit' des Albums ist "Zur Zwölften Stund'": Chorgesang zum Einstieg, sakrale Atmosphäre, Piano und Geige, mächtiges Getrommel, dazu ein Text über die Rückkehr von Kaiser Karl (Der Große). Military folk? Zum Schluss die schon erwähnten "Teufelsgeiger", alle Musiker zusammen drehen sich leicht angetrunken ums Mikrofon im Kreis, Schunkelcharme. Leider, wie mehrere Stücke, am Ende ausgeblendet; warum nur?

STURMPERCHT haben sich mit "Schattenlieder" einen großen Schritt weiterentwickelt. Neue Musiker, neue Instrumente und vor allem neue Stimmungen, das alles in einer hochwertig eingerichteten Umgebung. Dazu gehören auch das liebevoll gestaltete Cover – Waldtiere versammeln sich um ein Lagerfeuer – und das meines Wissens erste Booklet in der Geschichte der Band, mit allen Texten und Quellenangaben. An manchen Stellen wünsche ich mir, in einem Anfall von trotziger Nostalgie, das Großprojekt STURMPERCHT mehr konzentriert auf den bisherigen Kern, bärbeißiger und weniger perfekt, aber das Lob und die Begeisterung für zahllose überraschende Ideen und schöne Lieder überwiegen. "Wallfahrt" – übrigens nach einem Text des Volkskundlers HANS HAID – und andere Höhepunkte des neuen Albums befördern die Österreicher wieder einmal auf einen vorderen Platz in meiner Liste der NONPOP-Allzeit-Favoriten.



 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» STURMPERCHT @ myspace
» STEINKLANG

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Zusammenfassung
Neue Musiker, Instrumente und vor allem Stimmungen in einer hochwertig eingerichteten Umgebung. Die perfektionierte Vielfalt geht manchmal auf Kosten der durchgängigen, wurzeligen Knurrigkeit früherer Tage. Mehr Projekt als Band, mehr Pilz als Unterholz, trotzdem jede Menge toller Lieder.

Inhalt
CD 13 Euro, Doppel-LP mit drei bespielten Seiten 20 Euro

01 Wildschütz Jennerwein
02 Der Tanz Des Tatzelwurms
03 Stechapfelnacht
04 Tannenwichtel
05 Der Wolpertinger
06 Irrwurz
07 Nachtfratzen
08 Salamanderschnaps
09 Winterreigen
10 Wolfsschlucht
11 Einheit
12 Zur Zwölften Stund'
13 Auf Den Schwingen Der Stürme
14 Wallfahrt
15 D' Forstwuudz Onnd Dr Dannagoischd
16 Mittn In Da Nocht
17 Der Tränenkrug
18 Novemberwoid
19 S' Jagagstanzl
20 Die Teufelsgeiger
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