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Michael We.

VARIOUS: Heilige Feuer 6

Aufbau Ost


VARIOUS: Heilige Feuer 6
Genre: Industrial
Verlag: Der Angriff
Vertrieb: Indiestate
Erscheinungsdatum:
2009
Medium: 2xCD
Preis: ~18,00 €
Kaufen bei: Tesco


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Dieser Artikel wurde in der Hörschau Nr. 23 mit Musikbeispielen vertont!

Die "Heilige Feuer"-Serie ist eine gute Sache; eine Behauptung, die sich zunächst einmal unabhängig von der Musik aufstellen lässt. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Sampler finanziert sich nämlich teilweise das gleichnamige Festival in St. Petersburg (seit Nummer 5: Moskau). Es gilt als das erste Industrial-Festival Russlands, startete im Jahr 2000 und leistete gleich Pionierarbeit: Die drei Russen von REUTOFF wurden durch ihren Auftritt am 9. Dezember 2000 und die Tracks für "Heilige Feuer 1" über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Seitdem treten in der heimlichen Hauptstadt Russlands immer wieder große Namen auf (GENOCIDE ORGAN, ANENZEPHALIA, CISFINITUM, RAISON D'ÊTRE ...) und liefern, so die mündliche Vereinbarung, anschließend zwei exklusive Studiostücke für die Compilation ab. Die musikalische Qualität der daraus entstehenden Zusammenstellungen schwankt durchaus, wie allein am unterschiedlichen Euphorisierungsgrad der NONPOP-Besprechungen zu Teil 3 und Teil 4 zu sehen ist.
Keine Ahnung, wo Teil 5 abgeblieben ist – das Festival jedenfalls hat im Dezember 2004 (in Moskau, siehe Flyer) stattgefunden, unter anderem mit REUTOFF und BRIGHTER DEATH NOW. Vielleicht gab es wieder Streit mit einem der Teilnehmer, wie schon bei Teil 3, dessen Veröffentlichung sich deshalb um Jahre verzögerte. Letztes Lebenszeichen der Serie war somit die DVD zum vierten Konzertabend, die Ende 2005 erschien. Die Doppel-CD "Heilige Feuer 6" bildet nun die Veranstaltung aus dem Dezember 2006 (ebenfalls in Moskau) ab und kommt zum ersten Mal in zwei Versionen auf den Markt, die sich aber nur durch Äußerlichkeiten unterscheiden: 100 Exemplare gibt es im schwarzen Karton mit vier Konzertfotos (27,-), der Rest der 500er-Auflage steckt ohne Fotos in einem eleganten, weinroten Karton (18,-).



Das Album ist unterteilt in eine industrielle Hälfte (CD1) und eine, die melodischer in Richtung Dark Ambient geht (CD2). Die ersten knapp 50 Minuten sind streckenweise anstrengend und bestehen zum Teil aus typischem Rumpel-Industrial. KRYPTOGEN RUNDFUNK, ein von NONPOP immer wieder geschätztes Projekt aus Russland, kommt zu Beginn mit Brummen, Rauschen und einer Art verzerrter E-Gitarre aus. Auch der mit viel Hall und dezenten Störgeräuschen versehene Gesang des zweiten Stückes – eine alte Hymne auf das sozialistische Vaterland? – kann nicht voll überzeugen. LEICHE RUSTIKAL (der Münchener Künstler RUTRA BAZ) bleibt mit seinen harschen Sounds und den rhythmischen, stampfenden Elementen ebenfalls noch recht emotionslos. Ein erstes Ausrufezeichen setzt I-C-K (oft auch ICK geschrieben), das Projekt des niederländischen Künstlers EDWIN STOUTJESDIJK. In "Administration" manifestiert sich zum ersten Mal eine konkrete Stimmung, eine Atmosphäre: Die aggressiven Schreie, begleitet vom Stampfen tausender Fabrikhallen, triefen vor Wut und Verstörung. Ein Track also, der den Namen 'Industrial' auch verdient. Im zweiten, sehr rhythmischen I-C-K-Stück wirkt der Einsatz von Stimmsamples leider etwas chaotisch. Zum Schluss von Teil 1 das Highlight: Nach ein paar tieffrequenten Noise-Sounds mit wenigen Samples ("Keine Musik" – haha) bricht das deutsche Projekt RADIO MURMANSK mit "Nacht über Berlin" durch die Wand, zum Glück ohne Sirenen oder ähnlichen Mist, wie der Titel vermuten ließe: Irgendwo im Hintergrund wabern ein paar Töne, die entfernt an "Being Boiled" von HUMAN LEAGUE erinnern. Dazu dröhnt ein gewaltiges Gewitter an Zerrgeräuschen, rauschenden und krachenden Störungen. Gefühle wie Trostlosigkeit und Bedrohung werden in ein Soundgerüst verpackt, das sich ins Hirn wummert und dort bleibt.

Was auf CD1 nur teilweise gelingt, schafft der zweite Teil durchgehend: Atmosphäre. Eine 'typisch russisch' klingende Weite und Melancholie lugt durch fast alle Songs. ANTHESTERIA, ein noch junges Projekt aus St. Petersburg mit einer gewissen musikalischen Ähnlichkeit zu RAISON D'ÊTRE, beginnt mit einigen wabernden Synthie-Drones und einem luftigen, dahingetupften Elektro-Rhythmus – sehr meditativ. Der zweite Beitrag ist düsterer, melodisch zwar, aber von einem glockenähnlichen Klang getragen, der Apokalypse verspricht. Vorbildlich, wie hier mit wenigen Zutaten eindringlich gearbeitet wird. THE PROTAGONIST - das erste von zwei Synonymen des COLD MEAT-Schweden MAGNUS SUNDSTRÖM – verwendet ähnliche Mittel, welche sofort Bilder von ausgemergelten, kargen und düsteren Landschaften entstehen lassen. Beeindruckend sind die sehr intensiven Geräusche, etwa ein durchdringendes Hämmern im ersten Lied. Das Livestück mischt martialische und neoklassische Klänge, und für SUNDSTRÖM spricht, dass er es nie übertreibt: Man kann die Schönheit des künstlichen Orchesters würdigen, ohne dabei totgetrommelt zu werden. A CHALLENGE OF HONOUR – Ein-Mann-Unternehmen aus den Niederlanden und nicht gerade bekannt für sensiblen Umgang mit der Drummachine – passt sich an und bleibt angenehm zurückhaltend. Die Betonung liegt klar auf der Melodie, eine Art Cembalo-Sound sorgt für fast mittelalterliches Flair. Trommel und Trompete drehen für den zweiten Beitrag auf, ein Fest für Freunde von GAË BOLG, aber die erstaunlich authentischen Streichersounds machen das Stück gut hörbar. DES ESSEINTES, ein weiterer Arbeitstitel von MAGNUS SUNDSTRÖM, landet am Ende gar im elektronischen Frickel-Bereich: Aus Zischen, Tuckern und Piepen erwächst eine mitreißende Rhythmik. Das letzte (Live)Stück schlägt einen Bogen zur Industrial-Seite, es ist sehr noisig, sehr monumental und die Schreie sind sehr überflüssig.

Wären die besten Stücke von "Heilige Feuer 6" auf nur einer CD versammelt, von manchen Künstlern vielleicht auch nur ein Beitrag, wäre der Sampler hervorragend. So ergeben sich vor allem auf der ersten 'Seite' immer wieder Lücken, und die Gesamtmischung liegt bestenfalls im vorderen Mittelfeld. Allerdings – siehe oben – ist die "Heilige Feuer"-Serie ja eine gute Sache, sind solche Festivals gerade in Ländern mit schlechter musikalischer Infrastruktur zwingend notwendig. Deshalb spricht nichts dagegen, die sechste Ausgabe als besondere Art der 'Aufbauhilfe Ost' zu begreifen und zu kaufen. Es muss ja nicht die teure Spezialausgabe sein.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» A CHALLENGE OF HONOUR @ myspace
» PROTAGONIST / ESSEINTES @ myspace
» ANTHESTERIA @ myspace

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» V/A: Heilige Feuer III


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Zusammenfassung
Neue Ausgabe des russischen Samplers zum Festival. Dieses Mal als Doppel-CD, was genau eine Scheibe zu viel ist. Wären die besten Beiträge auf nur einer CD versammelt: hervorragend! So entstehen vor allem auf der Industrial-'Seite' gefühlte Lücken. Trotzdem kaufen - solche Festivals müssen leben!

Inhalt
CD1

KRYPTOGEN RUNDFUNK
1-1 Blue Like A Carrot (7:55)
1-2 Which Way The River Runs (2:46)
LEICHE RUSTIKAL
1-3 Contra (4:42)
1-4 L7sd (5:37)
I-C-K
1-5 Administration (5:55)
1-6 Le Temps Efface La Vie (6:21)
RADIO MURMANSK
1-7 A Hump (6:52)
1-8 Nacht Über Berlin (7:46)

CD2

ANTHESTERIA
2-1 First Winter Day (6:41)
2-2 Peter Krasnov (6:21)
THE PROTAGONIST
2-3 The Human (4:50)
2-4 The Sick Rose (Live) (4:38)
A CHALLENGE OF HONOUR
2-5 Far Away From Home (4:57)
2-6 Snow On The Red Square (5:45)
DES ESSEINTES
2-7 Strapped (4:03)
2-8 Off (Live) (3:51)
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