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BERSARIN QUARTETT

Pränatale Besinnlichkeit


BERSARIN QUARTETT
Genre: Experimental
Verlag: Lidar
Erscheinungsdatum:
bereits veröffentlicht
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Lidar


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Dieser Artikel wurde mit Musikbeispielen in der NONPOP-Hörschau Nr. 22 vertont!

Sehnsucht und Wehmut haben einen üblen Namen. Will man sie definieren, führt kein Weg an pathologischen Zuschreibungen vorbei: Das Sehnen, die Sucht, das Weh(klagen), ... bestenfalls der Mut führt aus dem dunklen Dickicht der Seelenuntiefen, wo sich Freudianer begierig die Hände reiben, um uns schnell den Weg zurück in den Mutterleib zu weisen. Nach ihrem Wissen findet sich dort der letzte Ort, an dem jeder Mensch so etwas wie totale Geborgenheit in dunkler Gemütlichkeit genießen durfte – die Ur-Lounge mit dem Herzschlag als Mutterklang aller Downbeats. Warm, dunkel, mollig: Perfekt. Kein Wunder, dass, nachdem man uns in die Welt geworfen hat wie den sprichwörtlichen Hund ohne Knochen, nur noch Sehnsucht und Wehmut aufkommen, wenn man durch irgendwas, und sei es auch nur ein langsamer Beat, an diese kurze, glückliche Phase erinnert wird. Ja, das könnte einiges erklären, nicht zuletzt den immensen Erfolg von zuckrigen Breakbeat-, Electronica- und Ambient-Spielarten, von hundert gleich klingenden Chillout- und Café Del Mar-Compilations. Ja, vielleicht erklärt das sogar am Ende aller Tage eine ganze Kultur der Gemütlichkeit, die diese widerliche Neue Harmlosigkeit erst möglich gemacht hat, inklusive öliger Finanzdienstleister mit Wellness-Ausstrahlung und großäugiger Naivität im Dienst von Flatrate-Hökern – spätestens wenn es Rosenblätter regnet und die sich selbst prostituierende Unschuld Marke Amelie von der Liebe smst, werden hoffentlich Mädchen zu Frauen und geloben, es solchen Fotzen irgendwann mal heimzuzahlen. Dasselbe gilt natürlich für die Jungs/Männer und die Stricher von der Bank. Wie auch immer, zu guter Letzt ist also das Navigieren durch ruhigere Gewässer zu einem Allgemeingut geworden; was in der hedonistischen, von Ecstasy geprägten Clubkultur Anfang der Neunziger dem deprimierenden Comedown entgegenwirkte, half zunehmend auch den Nüchternen beim täglichen Runterkommen. So hat jede Szene, jeder Tribe, jede Crew, Posse, Familie oder wie sich diese alt- und neumodischen Banden von Gleich- oder Ähnlichgesinnten auch immer nennen mögen, die (musikalische) Gebärmutter gefunden, die sie verdient hat; jeder Topf findet seinen Deckel. Was uns endlich (zurück) zum Thema führt. Denn bei aller Kontemplation sorgt das BERSARIN QUARTETT mit Nachruck dafür, dass Sehnsucht und Wehmut wenn schon keinen guten Namen, dann doch zumindest einen vollendeten Soundtrack bekommen. Eine Filmmusik für das innere, stille Drama. Töne zu den Bildern, die kein anderer sehen kann. Melodien voller Erinnerungen an Orte und Personen, die man nie kennen gelernt hat. Gefüttert von unerfüllten Träumen und einem unbestimmten Fernweh. Gleichzeitig fremd und vertraut, und darin gespenstisch wie ein Déjà-vu.

Laut letztem Stand der Wissenschaft handelt es sich bei einem Déjà-vu mitnichten um Botschaften aus der Dämmerungszone, dem Jenseits oder einem Paralleluniversum sondern um eine ganz profane Gedächtnisstörung, die sich in einer mangelnden Zusammenarbeit zwischen Schläfenlappen und Scheitellappen äußert. Wenn das stimmt, wirkt das BERSARIN QUARTETT hirnschädigend oder zumindest psychoaktiv, indem es ein konstantes Gefühl von Déjà-entendu (“schon gehört”) erzeugt; wohlgemerkt ohne die Taschenspielertricks der Post-Modernen zu reproduzieren, ohne Karaoke-Sampling und andere Zitat-Techniken. Das Quartett spielt vielmehr in denselben Höhlen, in denen originäre Künstler wie BADALAMENTI, COLLEEN, TIM HECKER, AKIRA YAMAOKA, SVARTE GREINER oder das KILIMANJARO DARK JAZZ ENSEMBLE ihren dunklen Glanz entfalten. Obwohl sich hinter dem Namen BERSARIN QUARTETT mit THOMAS BÜCKER nur eine Person versteckt, die übrigens als JEAN-MICHEL in Netlabel- und Electronica-Kreisen kein Unbekannter ist, klingt das bisher einzige Album wie die Gemeinschaftsleistung von mindestens vier Menschen. Jeder mit seiner eigenen (pränatalen) Geschichte und einem anderen Verständnis von musikalischer Formvollendung. Da ist der Symphoniker, der Mann für die breite Orchester-Rolle, für schwelgenden Bombast und maßlose Streicher-Arrangements. Ihm gegenüber seine Nemesis, der immer etwas aufgekratzte Frickler, der Fummler, der zur Not auch mal seine wundersame Gerätschaft selbst verlötet und damit Kurzschlüsse provoziert, denn der Fehler ist sein kompositorischer Komplize. Etwas abseits steht der Ethnologe, ein Feldforscher mit mobilem Equipment – der alles sammelt, was komische Eigengeräusche macht, z.B. wenn man drauf tritt oder wenn man den Trigger zieht. Komplettiert wird das Quartett von einem guten Geist, einem üblen Mucker, der alle Studiotricks kennt und eine Liebe zu Jazz & Poetry pflegt, dem aber zum Glück jemand (wahrscheinlich der Frickler) die Zunge rausgeschnitten hat. Es bleibt instrumental und auch dieser Umstand bestimmt bei Zeiten die Atmosphäre von Verlorenheit. Dann fühlt sich das geneigte Publikum wie der “Capital Of Pain” (OT “La Capitale de la Douleur” von Paul Éluard) lesende Lemmy Caution in Godards “Alphaville” – nur dass die Sonne längst untergegangen ist und scheinbar nie wieder aufgehen wird. “Hello darkness, my old friend, I’ve come to talk with you again ...”


 
für nonpop.de


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Zusammenfassung
Sehnsucht, Wehmut, Kontemplation

Positiv aufgefallen
Musik wie ein "Dangerflirt mit der Schlägerbitch"

Negativ aufgefallen
Nur als schnöder Silberling erhältlich, bis jetzt kein Vinyl!

Inhalt
Digipack

Tracklisting:
Oktober 6:26
Geschichten Von Interesse 4:56
Inversion 5:42
St. Petersburg 5:16 Quartett
Und Die Welt Steht Still 8:52
Die Dinge Sind Nie So Wie Sie Sind 8:05
Nachtblind 4:04
Es Kann Nicht Ewig Winter Sein 4:28
Endlich Am Ziel 4:38
Mehr Als Alles Andere 5:47
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