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Michael We.

CURRENT 93: Aleph At Hallucinatory ...

... Mountain. TIBET goes DEEP PURPLE - ein erster Eindruck.


CURRENT 93: Aleph At Hallucinatory ...
Genre: Neofolk
Verlag: Coptic Cat
Erscheinungsdatum:
Mai 2009
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
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Die folgenden Worte sind mehr ein erster Eindruck denn eine nach vielen Hördurchängen gereifte Besprechung, zumal nur die 'nackte' Promo-Kopie ohne Cover und Booklet vorliegt. Sie sollen Lesern und Hörern ungefähr umreißen, was sie erwartet. Weitere, intensivere Auseinandersetzungen der NONPOP-Redaktion mit dem neuen CURRENT-Album werden nicht lange auf sich warten lassen.

Wer hätte jemals geglaubt, dass CURRENT 93 von einem Album mehrere 100.000 Exemplare verkaufen? "Black Ships Ate The Sky" (NONPOP-Besprechung) war, nach 23 Jahren, der kommerzielle Durchbruch für DAVID TIBET und eine Reihe anderer beteiligter Musiker wie BABY DEE oder ANTONY HEGARTY. Die Songs aus dem Jahr 2006 kamen passend zum Höhepunkt der 'weird folk'-Huldigung. Sie klangen zwar eingängig und liefen sogar im Radio, aber immer noch genug nach CURRENT, um auch langjährige Fans zu erfreuen. Drei Jahre später erscheint nun "Aleph At Hallucinatory Mountain" auf dem TIBET-eigenen, neuen Label COPTIC CAT; so nannte er sich auf allen "Black Ships ..."-Produktionen. Es bietet acht neue Stücke und ein noch umfangreicheres Line-up. Von einem 'Nachfolger' kann man allerdings kaum sprechen, denn "Aleph ..." hat aber auch gar nichts mit den 'schwarzen Schiffen' zu tun und wird kaum so viele Anhänger finden.
Das neue Album gehört zu einer Trilogie namens "Anok Pe", deren erster Teil die Ausstellung von DAVID TIBET in London (Bilder und Texte, von November 2008 bis Januar 2009 in der Isis Gallery) war. Unter anderem wurde dort auch die EP "Birth Canal Blues" verkauft, die thematisch als Vorläufer für "Aleph ..." konzipiert war, musikalisch aber kaum Gemeinsamkeiten aufweist. Vom auf der EP dominierenden Klavierspiel BABY DEEs ist zum Beispiel nichts mehr zu hören. Dafür fehlte STEVEN STAPLETON an den Reglern, der jetzt wieder mit an Bord ist. Die aktuelle CD bildet also den zweiten Teil dieser Trilogie, und der dritte folgt vermutlich im August mit der LP-Edition "Adam At Docetic Mountain". Für TIBET-Verhältnisse ist die Zahl der unterschiedlichen Ausgaben dieses Mal geradezu knauserig, denn die CD gibt es nur in zwei Varianten: Das Pre-Order-Exemplar hätte, wie der Name sagt, schon bestellt werden müssen und beinhaltet ein Buch mit allen Texten und eine CD mit alternativen Versionen (20 Minuten). Das Standard-Exemplar kommt mit sechsseitigem Digipak und Booklet.
Noch kurz zum Titel: Aleph ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets und damit auch der Anfangsbuchstabe der Wörter für "Mensch" und "Erde", für die er häufig als Synonym verwandt wird. Auch TIBET setzt in seinen Songs Aleph mit Adam gleich, so dass wir während der rund 53 Minuten offenbar einer Schöpfungsgeschichte nach CURRENT-Art lauschen: "Am Anfang war der Mörder!"

Wirklich lustig an dem Album ist der Gegensatz zwischen Line-up und Musik, denn von den mehr als 15 Gästen ist kaum etwas zu hören, im Gegenteil: Meist scheinen die Songs von TIBET (am Mikrofon) und ein, zwei Instrumentalisten gemacht. Ich frage mich zum Beispiel, wo – bis auf wirklich wenige Klaviertöne – BABY DEE versteckt ist, die neben RICKIE LEE JONES, Pornodarstellerin SASHA GREY, Gitarrist JAMES BLACKSHAW oder OSSIAN BROWN (COIL) auf der Liste steht. Die volle Besetzung ist auf der nächsten Seite zu lesen.
Über dem Ganzen schwebt von Beginn an eine metallene Atmosphäre, so wie bei den Epen von OPETH oder ISIS. Gleich, weiß der Hörer, bricht das Soundgewitter über ihn herein. Nicht anders ist es auf "Aleph ...". Nach einem kurzen Intro mit Kinderstimme und Geige fahren E-Gitarren und Bässe wie Blitze zur Erde, und mittendrin spricht die Stimme von Pater TIBET zu uns: "Almost in the beginning ..." Er singt nicht, er rezitiert dämonisch wie in alten Zeiten, und auch die textliche Auseinandersetzung mit religiösen Themen klingt nach altem TIBET, der seine Sicht der Welt ("... full of confusion ...") darbietet. Dazu Musik zwischen Doom-Metal und DEEP PURPLE oder RAINBOW. Irre. An den orgelnden, leiernden Gitarrenriffs mit teilweise anstrengenden Verzerrungen ändert sich während der neun Minuten des ersten Songs auch nichts mehr. "Poppyskins" (2) ist wesentlich ruhiger und klingt, wie einige weitere Stücke, sehr improvisiert: Über orientalischen Sitar- und Gitarrenklängen und freiem Schlagzeugspiel im Hintergrund liegen die Lyrics von TIBET wie 'spoken word poetry'. Einer der Gäste lässt den Track mit dezenter Geigenmusik ausklingen. "On Docetic Mountain" (3) erweckt die E-Gitarre wieder zum Leben, dieses Mal zusammen mit der Geige aber eher in Richtung 70er-Jahre-Folkrock: ausufernd, mäandernd und düstere Geschichten erzählend. Die Stimme geht dabei schon in Richtung Gesang. Bei "26 April 2007" (4) steht zum ersten Mal ein anderer Sänger am Mikrofon, das Organ ist tiefer und sehr eindringlich. Die Musik wirkt in dieser Phase weiterhin improvisiert, der Text sehr apokalyptisch ("... the murder is here ..."). Einzig die schöne, fast bluesige E-Gitarren-Melodielinie fällt hier auf. TIBET übernimmt wieder und singt für "Aleph Is The Butterfly Net" (5) so intensiv, dass er am Ende heiser ist. Ein psychedelisch verwehter Chor begleitet ihn; Gitarre, Bass und Schlagzeug finden nie ganz in den Takt, so dass auch hier der Eindruck einer Jamsession entsteht, in diesem Fall vielleicht – softer als zu Beginn – von R.E.M. Wie viele Stücke endet auch dieses versöhnlich mit einer schönen Melodie, mal per Akustikgitarre, mal per Geige und (selten) Piano. Nach einem Märchenonkel-Beginn mit schüchterner Violine kippt "Not Because The Fox Barks" (6) schnell, die psychedelische Wah-Wah-HENDRIX-Gitarre sorgt zusammen mit den Drums für drogige Rock-Ekstase. Überhaupt – fällt spätestens hier auf – trägt "Aleph ..." immer wieder die Züge einer Rockoper. "UrShadow" (7) ist der schönste Song, die Melodie von einer klassischen Neofolk-Akustikgitarre und einem Piano getragen, ein trauriger TIBET – solo oder phasenweise im Duett mit sich selbst gedoppelt – geht am Ende in undefiniertem, gelooptem Lärm unter. Der letzte Track "As Real As Rainbows" (8) erinnert an COCOROSIE: Zwei leise Frauenstimmen flüstern zu verhalltem Klavier.

Die Atmosphäre ist wieder so apokalyptisch wie früher – und das, wo im Forum gerade diskutiert wird, ob sich Neofolk auflösen soll / muss / darf. Hauptsächlich liegt das an den langen, mysteriösen Texten und an der außerirdischen Stimme von TIBET, die einen Großteil der Songs allein bestreitet. Die Musik dazu lässt mich etwas ratlos zurück. Die klaren Songstrukturen von "Black Ships ..." wurden aufgelöst, die Instrumente sind oft eher Begleitung als tragende Säulen. Die 'CURRENT goes Rock'-Erfahrung hat ihre Reize, vor allem in den starken Stücken "On Docetic Mountain" und "Not Because The Fox Barks". Mir fehlt aber bei dieser Art von inhaltlichem Konzeptalbum eine dazu passende, wiedererkennbare musikalische Farbe. Allerdings ist TIBETs ständige Bewegung nach vorne mit dem Drang, Neues auszuprobieren, allemal besser als das, was andere alternde Neofolker machen. Das erste Fazit: Nicht schlecht, aber gewöhnungsbedürftig und anders als alle CURRENT-Alben, die ich kenne. Vielleicht wächst "Aleph ..." ja noch in den kommenden Wochen. Live zu sehen ist TIBET mit den neuen Songs übrigens auf dem kommenden WGT in Leipzig am 29.05.2009.

Als 'Kostprobe' findet Ihr auf der nächsten Seite den Text zu "On Docetic Mountain". => nächste Seite

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» TIBET @ myspace

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Zusammenfassung
Der Nachfolger zu "Black Ships ...", der musikalisch nichts mit dem 'Erfolgsalbum' zu tun hat. TIBET steht wieder mehr im Zentrum, er rezitiert rund um eine Art Schöpfungsgeschichte. Dazu wird er häufig begleitet von Hard Rock-Gitarren Richtung DEEP PURPLE oder RAINBOW. Gewöhnungsbedürftig.

Inhalt
1. Invocation Of Almost (8:50)
2. Poppyskins (5:18)
3. On Docetic Mountain (8:12)
4. 26 April 2007 (5:13)
5. Aleph Is The Butterfly Net (5:52)
6. Not Because The Fox Barks (10:15)
7. UrShadow (4:38)
8. As Real As Rainbows (4:36)

~ 53 min.
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