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Michael We.

KRAKEN: Nachtschade

Zwischen Alptraum und Erlösung


KRAKEN: Nachtschade
Genre: Experimental
Verlag: Spectre
Erscheinungsdatum:
November 2008
Medium: CD / DVD
Preis: ~18,00 €
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Die Familie der Nachtschattengewächse umfasst knapp 3000 Arten. Und damit herzlich willkommen zu Ihrem Telekolleg Biologie. Benannt wurden die Pflanzen vermutlich so, weil viele von ihnen giftig sind und 'Nachtschatten', also Alpträume verursachen – wie die Musik von KRAKEN aus Belgien, um den kurzen Ausflug in die Pflanzenwelt gleich wieder zu beenden. "Nachtschade" ist das flämische Wort für diese Gattung und passt zu den manchmal alptraumhaften Tönen von JORIS VERMOST und RICARDO GOMEZ Y DE BUCK. Passt zu den großen, tiefen, düsteren Räumen, welche die beiden mit Drones, Noise, Dark Ambient und sonstigen elektronischen Experimenten seit 20 Jahren entwerfen. Allerdings haben ihre zur Tiefsee affinen Sounds immer wieder auch schöne Seiten, ein Auftauchen und Schweben gewissermaßen.
Die gleichbleibend hohe musikalische Qualität von KRAKEN ist gerade im Bereich der elektronischen Spielereien eine Seltenheit. Die Dichte ihrer Werke ist hoch, und dazu kommt eine optische Ausstattung, für die sich die beiden professionellen Fotografen ebenso ins Zeug legen. Nachdem das Duo mit "Drift" (Besprechung hier) eine als Trilogie angelegte Reihe auf SPECTRE im vergangenen Jahr beendet hat, liegt nun das insgesamt sechste Album vor, hochkant und mit einem Mini-Fotoalbum in der Mitte. Dieses Mal sind KRAKEN aber noch einen Schritt weiter gegangen und haben eine DVD mit audiovisuellen Arbeiten beigelegt, auf der zu älteren oder überarbeiteten Audio-Fragmenten Materialien zwischen Fotomontage und Kurzfilm zu sehen sind.



Bilder aus dem Booklet von "Nachtschade"

Auf der CD erwarten uns 13 neue Stücke, dieses Mal nur mit den zwölf Buchstaben des Wortes "Nachtschade" betitelt, der letzte Track bleibt unbenannt. Sofort stellt sich die unheimliche und klaustrophobische, in ihrer Anmutung aber nicht unästhetische Stimmung ein: Das Leben unter See zischelt und dröhnt, von oben piept ein Echolot, während ein elektrisches Klavier für Atempausen sorgt. Auch das Brabbeln während des zweiten Tracks, wie Schleifen von Funksprüchen, ist ein wiederkehrendes Element bei KRAKEN. Kurz bevor der Schädel von den vielen Stimmen platzt, sorgt eine avantgardistische Niederländerin für Ruhe. Ihre Sprechstimme erzählt zu spukigen Synthiedrones eine Geschichte, bevor nach einigen Minuten die Geister überhand nehmen. Wunderschön ist die Pianomelodie auf brummelndem Untergrund, darüber ein Monolog. Fast absurd wird das hektische Stummfilmpiano, zu dem später fernöstliche Ethno-Gesänge auf niederfrequenten Drones einschweben. Wie immer bewegen sich die Belgier zwischen Alpdruck und Erlösung, und Parallelen zu den letzten – mutmaßlichen – Bildern im Kopf eines Ertrinkenden kommen mir nicht zum ersten Mal in den Sinn. Spannend wie immer ist "Nachtschade", vielleicht sogar etwas experimentierfreudiger als sonst, mit mehr Geräuschen sowie niederländischen und persischen Stimmen.

Das optische Erlebnis, das bei KRAKEN durch die filmischen Sounds sowieso vorhanden ist, wird nun also durch bewegte, meist farbige Bilder verstärkt. Die Musik zu den 63 Minuten der separaten DVD ist durchweg düster, für Auflockerungen sorgen, wenn überhaupt, die Clips. Dabei handelt es sich um alle Arten von Videokunst: übereinandergelegte Fotos und Muster, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen, übereinandergelegte Filmausschnitte, aber auch klare, kurzfilmartige Segmente.



Teilcover von "Drift"

Aufnahmen von Körpern sind zu sehen, die nackte und gefesselte Frau von "Drift" begegnet uns wieder, Münder sprechen ohne Worte, und besonders häufig blicken Augen hinter den Bildern und Filmen hervor. Die Fahrt in einer Schneeraupe oder die Aufnahmen eines Stammesrituals, bei dem sich der 'Medizinmann' in Trance ins Feuer legt, kommen dagegen ohne Verfremdung aus. Eine der interessantesten Szenen hat – wieder einmal – mit Ertrinken zu tun. Zu Polizeisirenen und sphärischen Klängen liegt ein – noch atmender – Mensch unter der Wasseroberfläche. Interessant deshalb, weil hier die beiden Pole von KRAKEN ganz besonders deutlich werden: Zum einen der stark entwickelte Sinn für ästhetische Darstellung, der mit schiefen Perspektiven und Verzerrungen manchmal (auch musikalisch) an einen 'Film Noir' erinnert. Zum anderen die permanente Nähe zum Wahnsinn, dessen Durchbruch immer nur einen Sekundenbruchteil entfernt scheint.
Wenn es an der DVD etwas zu bemängeln gibt, ist es die Abstinenz eines inhaltlichen roten Fadens, der die Einzelteile zusammenhält. Andererseits sind die Bilder ebenso Gedankensplitter aus der KRAKEN-Welt wie die Audio-Takes und funktionieren am besten über die Stimmung, die sie verbreiten: einen schwer zu fassenden, surrealen Grusel.

Wer in die Tiefsee der Belgier eintauchen will, findet mit "Nachtschade" aufgrund des Umfangs und einiger sehr zugänglicher Stücke auf der CD das bisher beste Angebot, zumal der Preis günstig ist. Der Vor-Vorgänger "Chagrin" (NONPOP-Besprechung) war allerdings noch einen Tick intensiver.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» KRAKEN-Blog

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Zusammenfassung
Düsterer, surrealer Tiefsee-Grusel in Ton und Bild. Die Belgier erweitern ihre filmischen Sounds und legen dem neuen Album eine DVD bei. Darauf sind Fragmente zwischen rotierender Fotomontage und Kurzfilm zu sehen. Das bislang größte Projekt der Elektroniker, wie immer auf hohem Niveau.

Inhalt
Spectre S30 / CD+DVD

01. N 14 (06:58)
02. A 01 (04:58)
03. C 03 (14:50)
04. H 08 (06:48)
05. T 20 (02:39)
06. S 19 (05:47)
07. C 03 (06:47)
08. H 08 (05:23)
09. A 01 (04:58)
10. D 04 (09:11)
11. E 05 (02:06)
12. ---- (03:29)

DVD ---- (63:18)
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