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HERBST9: The Gods Are Small Birds, ...

But I Am The Falcon (Loki48)


HERBST9: The Gods Are Small Birds, ...
Genre: Ritual
Verlag: Loki Foundation
Vertrieb: Loki...
Erscheinungsdatum:
20.10.2008
Medium: CD
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Seit 1999 existiert das Zweimannprojekt HERBST9, welches an dieser Stelle wohl kaum noch näher vorgestellt werden muss, da es neben INADE, PREDOMINACE und DAGDA MOR zu den wohl etabliertesten deutschen Dark Ambient-Formationen gehört, deren Qualitätsanspruch zu guter Letzt immer auch durch die überwiegende Zusammenarbeit mit der LOKI FOUNDATION garantiert wird. Somit stellt sich im Vorfeld dieser Rezension für den Schreiber gar nicht erst die Frage, ob dieses Album empfehlenswert ist, offenbar ist es ähnlich wie bei den ARAFNAs ein Selbstläufer, LOKI-Releases sind einfach gut – sofern man natürlich auf diese Art von Musik- und Soundtüftelei steht. HERBST9 sind für mich von Beginn an immer die organisch-rituelleren, mystischeren Vertreter im großen Spektrum des Dark Ambient gewesen, und so verwundert es kaum, dass auch das neue Album an ein Thema mit "rituellem Background" gebunden ist.

Dieses Mal laden HENRY EMICH & FRANK MERTEN zu einer Reise in die assyrische Mythologie bzw. in die von Naturvölkern ein. Dafür ist ein ganz kleiner Ausflug in die Geschichte schon nötig. Das Assyrische Reich existierte von etwa 2000 v. Chr. bis 600 v. Chr. und war in seinen Anfängen sumerisch beeinflusst. Das Volk der Assyrer lebte in Nordmesopotamien, auf dem Boden des heutigen Iraks und breitete sich im Zuge von Eroberungen bis nach Syrien aus, ebenso wurde die antike Stadt Babylon von den Assyrern erobert. Die Assyrer galten als kriegerisches Volk, brachten es aber ebenso zu enormen kulturellen Leistungen in den Bereichen Wissenschaft und Religion, welche wie bei vielen Völkern von einer tiefen Spiritualität durchdrungen war und Einfluss auf alle Bereiche des Lebens nahm. Wie bereits angedeutet, wurde das Reich der Assyrer gegen 600 v. Chr. vollständig von Medern und Babyloniern vernichtet.

Umso spannender also, dass HERBST9 dieses Thema nun zumindest musikalisch anschneiden, wenngleich auf einer meditativ-rituellen Ebene, atmosphärisch die dunkle und archaische Zeit wieder aufleben lassen und den Zuhörer in fast schon vergessen geglaubte Welten entführen. Herbst9 präsentieren uns Klagelieder, Gebete und uralte (Opfer-)Rituale. Dabei orientiert man sich an authentischen Texten und Bildern der damaligen Zeit (von der assyrischen Mythologie als Schwerpunkt bis hin zu Elementen und Anleihen aus asiatischen Mythologien) und kreierte ein Sound-Labyrinth aus orientalischen Klangfragmenten, meditativen Percussions, traditionellen Instrumentenklängen und Drones. Hinzu kommen Stimmen und Gesangsfragmente, welche dem geneigten Hörer die möglichen Verfasser aus assyrischer Zeit schemenhaft erscheinen lassen. Das Ganze ist tatsächlich (und laut Label Info) eher ein Soundtrack als ein bloßes Album voller düsterer und mystisch durchtränkter Soundcollagen.

Gleich der Opener „The Laments Begin“ ist ein schwermütiger, droniger Ausflug in die finsteren Mythen: weibliche Stimmfragmente, männliche Flüsterstimmen, Echos einer fernen Zeit, unglaublich intensiv, nicht nur durch den orientalischen Touch sondern auch aufgrund der vielen kleinen Soundschnipsel, die gekonnt und niemals als Lückenfüller dienend, eingebaut sind. „Must I Die (Because Of My Holy Songs)“ ist aus Texten entnommen, welche der sumerischen Göttin INANNA (babylonisch: ISCHTAR) gewidmet waren – tiefe Chöre, hypnotische Tribal-Percussions, dazu fast schon beschwörende Stimmen. Ähnlich düster, besser bedrohlicher ist „Threshold Of Tears“, welches die Stimmung beim Verlust eines nahestehenden Menschen auszudrücken versucht. Mit „Enenuru“ (sumerisch: Beschwörung) folgt ein langsames, fast schon einem Prozessionsmarsch gleichendes Musikstück, das durch seine monotone und starre Vertonung zu begeistern weiß. Der Titelsong „The Gods Are Small Birds But I Am The Falcon“ ist erneut einem INANNA-Gebet entnommen und demonstriert vielleicht am eindeutigsten das Können der HERBST9-Leute, da im Grunde alle verschiedenen musikalischen Mittel zu einem intensiven Ritualsong verschmelzen. Die letzten drei Songs widmen sich etwas allgemeiner alten Naturvölkern und deren Auffassung der Welt, „White Ashes (Black Smoke)“ ist einem schamanischen Feuerritual angelehnt, „…And Everything Around Him Answered“ führt den Zuhörer in die Rauschzustände von Amazonasindianern, welche durch eine Art Schnupftabak jenen Rausch erfahren, der eine Zwiesprache mit Geistern möglich macht. In die rituellen Klangkompositionen sind Sprachsamples dieser Indianer eingebaut, so dass man von einer fast schon authentischen Empfindsamkeit sprechen kann, in die der Zuhörer eintaucht. Der Schlusstrack „Shaking Ground“ umschreibt die Haltung der Naturvölker gegenüber den Urgewalten der Erde, die aufgrund fehlender Erklärbarkeit bis heute als göttlich deklariert sind. Ein großartiger Abschluss, der sowohl klanglich wie auch inhaltlich den Kreis dieses Albums schließen kann.

Trotz der Be- und Umschreibungen der Inhalte bleibt es potentiellen Hörern natürlich selbst überlassen, in die Songs, bzw. das Album als Ganzes einzutauchen und am Klang- und Bilderkosmos teilzuhaben, der hier von HERBST9 kreiert wurde. Trotz des düsteren und zuweilen monotonen (im positiven und für Ritual auch logischen Sinne) Grundtenors stecken Puls und Leben in den Stücken, was das Anhören zu einer kurzweiligen Angelegenheit und Erfahrungsreise macht, welche man getrost mehrfach antreten kann, da es immer wieder neue Elemente und Hörebenen zu entdecken gibt. Großartiges Album, wie so oft zum Ende der Versuch eines passenden Vergleichs, es ist natürlich immer schon gut, wenn genau das fast unmöglich ist, denn HERBST9 gehören zu jenen Vertretern einer an sich restlos überlaufenen Musikrichtung, denen ein eigener Klangkosmos zugesprochen werden kann. Also reicht vielleicht als Aussage, dass Fans von VOICE OF EYE oder S.P.K. zu „Zamia Lehmanni“-Zeiten hier voll auf ihre Kosten kommen werden. Großartige Scheibe!


 
für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Herbst9
» Loki Foundation

Themenbezogene Newsmeldungen:
» Diverse Konzerte u.a. mit HERBST9 und BAD SECTOR

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Zusammenfassung
HERBST9 gehören zu jenen Vertretern einer an sich restlos überlaufenen Musikrichtung, denen ein eigener Klangkosmos zugesprochen werden kann. Also reicht vielleicht als Aussage, dass Fans von VOICE OF EYE oder S.P.K. zu „Zamia Lehmanni“-Zeiten hier voll auf ihre Kosten kommen werden. Großartige...

Inhalt
Tracks:

01 The Laments Begin
02 Must I Die (Because Of My Holy Songs)
03 Threshold Of Tears
04 Enenuru
05 The Gods Are Small Birds ...
06 White Ashes (Black Smoke)
07 ... And Everything Around Him Answered
08 Shaking Ground
09 Ilimmu

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