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US, HAUNTED BODIES: s/t


US, HAUNTED BODIES: s/t
Kategorie: Rezension
Verlag: Communique...
Medium: Vinyl 7''
Preis: ~5,00 €
Kaufen bei: Communique...


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Dank Klimawandels, Smogs und subtropischer Temperaturen wird selbst der Gang zum Briefkasten zu einer sportlichen Herausforderung. Man stelle sich einmal vor, wie wahnsinnig man sein muss, bei den Temperaturen seinen Lieblingsplattenläden einen Besuch abzustatten. Ich war wahnsinnig genug und wurde, Gott sei Dank, mit einigen tollen Veröffentlichungen belohnt. Auf eine möchte ich nun näher eingehen.
US, HAUNTED BODIES, ein Alias für KEVIN FUNG, wohnhaft in Nordkalifornien, brachten dieses Jahr eine mehr als gute 7'' heraus. Verpackt in schönem, ockerfarbigen Kartonpapier, knallen einem hier vier Noisecore-Interims, für Songs wären sie wirklich zu kurz, um die Ohren. Auf dem Cover findet sich ein Verweis für ein Tonstudio in Oakland. Wäre dieser Verweis nicht da, würde ich glatt auf eine Vierspur- oder Overdub-Aufnahme tippen. Gesang, Gitarre und Schlagzeug sind annähernd gleich laut, und da sind wir auch schon bei dem Punkt, wie man diese Platte hören sollte: LAUT! Immer und immer wieder!
US, HAUNTED BODIES entstammen einer Schule, die ich schon tot glaubte. Anfang bis Mitte der 90er formierten sich Bands an der Westküste der USA, um ein musikalisches Gegengewicht zum frotzelnden Melodycore und frottierendem Powerviolence auf musikalischer Ebene, zum Phrasendrescherbubengegrunze der Ostküste und abgebrochenen Clownsschülern aus Nordeuropa auf inhaltlicher Ebene zu schaffen. Von Anfang an setzte man auf streng limitierte Auflagen von 50-500 Stück. Das bevorzugte Format war die 7''-Platte. Die bekanntesten Vertreter dürften HONEYWELL, JEROMES DREAM, NEILL PERRY und THE VSS gewesen sein. Der ein oder andere wird sich jetzt wahrscheinlich denken: "Noch nie etwas von denen gehört." Es war die Zeit vor myspace, vor google, vor DSL-Anschlüssen. Charmante Mailorder-Kataloge in schwarz-weiß mit einer Dividende von Null waren die einzige Vertriebsplattform, und diese Mailorder-Kataloge wurden in der Regel nunmal regional vertrieben. Das Geld für Konzerte im internationalem Rahmen war natürlich nie da und die Konkurrenz im Mainstream-Bereich zu präsent, als das man wirklich Aufmerksamkeit hätte erzielen können. Kirchen fackelte man nie ab. Suizid war thematisch zwar präsent, aber bei der kulturellen Reflexion blieb es dann auch. Ende der 90er/ Anfang 2000er waren da auf einmal Acts wie CONVERGE, THE LOCUST oder BLACK DICE, und sie integrierten diesen Sound in ihre Musik und haben mittlerweile damit so viel Erfolg, dass sie davon leben können.
Wie kann man den Sound umschreiben? Man imaginiere, dass ORNETTE COLEMAN, HÜSKER DÜ und DARKTHRONE zusammen eine Jam Session halten würden. MISSION OF BURMA und FUGAZI schreiben die Texte und der Wahnsinn entsaftet die Pedanterie jedes Stils. Nach zwei Takten in 4/4 entschließt sich der Schlagzeuger spontan in einen 33/8 zu wechseln, dem Gitarristen ist jetzt eigentlich egal, ob er überhaupt einem Takt folgt und der Sänger dellt seine Stimme so ein, dass er eine Woche nur noch Hustenpastillen verköstigen kann. Das Auseinanderbrechen der Struktur ist das hervorstechendste Element, was den Aufbau angeht. Im Gegensatz zu Neuer Musik, Industrial und Noise-Unterarten wirkt es aber immer so, als würde man verzweifelt versuchen, die Struktur doch noch zusammenzuhalten und genau dieser Widerspruch macht diese Variante der Musik so wahnsinnig interessant.
Die vier Stücke auf der EP heißen: "we and what we´ve become", "untitled", "the unreported resistance", "austere aceticism". Da die Fragmen sich sehr gleichen und tatsächlich wie Varianten ein und des selben Themas wirken, kann man sich auch inhaltlich auf das Konzept der Variation einlassen. Briefbombengleich geht es in erster Linie gegen den Narzissmus. "Der Narzissmus hat sich in der Tat der amerikanischen Psychoanalyse als die verbreitetste und am meisten charakteristische Krankheit präsentiert: Er hat für die Kenntnis des wahrhaftigen Fühlens dieselbe Bedeutung wie die Hysterie und die Neurose zur Zeit Freuds. Dies erklärt sich sowohl von einem psychologischen Standpunkt aus mit dem Untergang der autoritären Erziehung, wie von einem soziologischen mit der Vorherrschaft des Bildes über die Realität in allen Arten privater und öffentlicher Kommunikation." – Mario Perniola. Die Erotik als Ersatz zur Emotion führt letztendlich zur Aushöhlung des Menschen, und er gleicht immer mehr einer Puppe, die sich der Adrettheit wegen der Sozialbilität verweigert. Die einzige Form von Widerstand, die in irgendeiner Art und Weise noch erfolgreich sein kann, ist jene, die nicht dokumentiert oder gar dokumentierbar ist. Was bleibt dann noch von dem Abstraktum Reflexion übrig? "Das ist das Dilemma des Behavioristen, des Kindes eines calvinistischen Vorfahren, der nicht im Wohlstand selbst, sondern in dessen Aneignungsprozess das sicherste Mittel sah, die Macht des Teufels über müßige Hände zu brechen." – Marshall Macluhan.
Es ist ein guter Start in die Musikwelt gelungen, obwohl sich der Gang ins Studio nicht wirklich gelohnt hat. Die  Produktion ist unglaublich roh, und genau an diesem Punkt werden sich, glücklicherweise, die Geister scheiden. Nun bin ich mir unschlüssig, ob ich KEVIN FUNG für die Zukunft einen besseren Tontechniker wünschen soll oder nicht. Eine übergute Produktion hat schon den Stil so mancher Band zunichte gemacht, und gerade sein Stil braucht eigentlich keinen monatelangen Studioaufenthalt. Das Drumming sollte noch präziser werden und die Rhythmusfiguren gleichen sich für meinen Geschmack ein My zu sehr. Aber diese Feinheiten, und von mehr reden wir hier wirklich nicht, fallen erst nach 30mal Hören auf. Für alle Freunde der konzedierenden Porosität heißt es: Hört auf eure Popel zu horten, es gibt wieder gute Musik. 


 
für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» US HAUNTED BODIES


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Zusammenfassung
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Inhalt
1. we and what we´ve become
2. untitled
3. the unreported resistance
4. austere aceticism
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