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Michael We.

COLLEC. D'ARNELL ANDREA: Les Marronniers

Neoklassische Kastanienbäume in zweiter Auflage


COLLEC. D'ARNELL ANDREA: Les Marronniers
Genre: Neo - Klassik
Verlag: Prikosnovénie
Erscheinungsdatum:
Juli 2008
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Prikosnovénie


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Sommer

Über die Heide ziehen Spinneweben
Von Halm zu Halm ihr silberweißes Tuch,
Am Himmelsrande weiße Wölkchen schweben
Und weißes Wollgras wimpelt überm Bruch.
Es glüht die Luft wie ein Maschinenofen,
Kein Menschenleben regt sich weit und breit,
Der Baumpieper nur schmettert seine Strophen
Und hoch im Blau der Mäusebussard schreit.
In rosa Heidekraut den Leib ich strecke,
Das Taschentuch ich auf die Augen breit',
Weit von mir ich die schlaffen Glieder recke
Und dehne mich in süßer Müdigkeit.
O Grabesschlaf, wollüstiges Genießen!
Wenn dieser müde Menschenleib verwest,
Wenn die Atome auseinanderfließen
Und Glied an Glied sich reckend, dehnend löst.

(HERMANN LÖNS, 1866-1914)


"Les Marronniers" ist wie ein heißer, einsamer Sommertag auf dem Land. Die Blumenwiesen scheinen endlos, die Luft flirrt in der Hitze, und in den Pausen abseits der staubtrockenen Wege, im Gras liegend, befällt den Wanderer immer wieder eine seufzende, aber nicht unangenehme geistige Mattigkeit. Mit ihren ersten, noch überwiegend akustischen Alben haben die 1986 gegründeten COLLECTION D'ARNELL ANDREA (CDAA) die musikalische Umsetzung dieser Stimmung perfektioniert. Neben einer besonders intensiven, die Sinne betörenden Wahrnehmung der Umgebung erfasst sie auch die einem solchen Tag eigene, starke Melancholie. Die Werke von CDAA gleichen darin den in heißen Sommern angesiedelten Romanen großer Schriftsteller oder der Sommerlyrik vieler Dichter. Ein Beispiel bietet der "Sommer" des Heide-verrückten HERMANN LÖNS zu Beginn des Artikels. Auch die Texte des klassisch geschulten Ensembles aus Orléans beschäftigen sich häufig mit der Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur.
Neben diesem an sich schon starken Ausdruck durchweht die Lieder der Franzosen stets ein Flair des Vergangenen. Viele Cover – für die CDAA bis heute selbst zuständig sind – zeigen wunderschöne, alte Landschaftsfotos, einige CDs (wie "Villers-aux-Vents - Février 1916") geben die Zeit vor, der sie sich widmen. Am deutlichsten aber zeigt sich das Gestern in der Art des Vortrags: Mit (unter anderem) Klavier, Cello und der glockenklaren Stimme von CHLOÉ ST LIPHARD, die wie eine Sonne über allem schwebt, bringen CDAA ihre Verehrung für Komponisten des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck, allen voran FRANZ SCHUBERT, an dessen Liederzyklen viele Stücke aus den Anfangsjahren der COLLECTION erinnern. Musikalischer Impressionismus also, den eine französische Zeitschrift – es sind leider bis heute fast nur die französischsprachigen Magazine, die sich der Musik von CDAA widmen – einmal mit der Aura einer alten, verlassenen und verfallenen Dorfschule irgendwo inmitten einer Heidelandschaft der Sologne verglich.

Das französische Label PRIKOSNOVÉNIE, welches vor einem Jahr auch das bislang letzte Album "Exposition..." herausbrachte (NONPOP-Besprechung hier), hat nun diesen vergriffenen sommerlichen Sinnesrausch von 1992 wiederveröffentlicht. Die Musik hat selbstverständlich nichts von ihrer zeitlosen Faszination verloren. Bassgitarre und Keyboards dienten damals – bis auf den Coldwave-Ausreißer "Collection" (12) – noch lediglich als Taktgeber, als Unterbau für die klassischen Kompositionen von JEAN-CHRISTOPHE D'ARNELL; ein Verhältnis, das sich später umkehren sollte. In SCHUBERTscher Manier schweift die opernhafte Stimme von ST LIPHARD umher und singt zu traurigen Streichern von Rosengärten, Linden und vielen, wie aus symbolistischer Lyrik entlehnten Metaphern, etwa den "Feldern des Kummers".
"Les Marronniers" (die im Sommer blühenden Edel- oder Esskastanien) ist eines der Meisterwerke der Neoklassik, was allerdings auch für die anderen, frühen Alben (vor allem noch "Au Val Des Roses", 1990) von CDAA gilt, weil – wie schon erwähnt – die Elektronik noch nicht die Akustik vor sich her treibt und die Unsitte, französisches Englisch zu singen, sich auf ein oder zwei Songs pro Album beschränkt. Wie einzigartig die Kompositionen der fünf bis sieben Musiker damals waren, zeigt die Schwierigkeit, Vergleiche zu ziehen: Die am nächsten liegenden scheitern, weil DEAD CAN DANCE und die COCTEAU TWINS zu ätherisch und die thematisch zu Beginn sehr ähnlich ausgerichteten Norweger von BEL CANTO zu poppig sind.
Die Neuauflage von "Les Marronniers" ist im Vergleich zum Original noch mit einem Livevideo neueren Datums ("Les Temples Elevés") ausgestattet worden, außerdem kommt das Cover – ein Kind in einem Margeritenfeld – auf dem Digipack viel besser zur Geltung. Ein Muss.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» CDAA-Homepage
» PRIKOSNOVÉNIE

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Zusammenfassung
Neuauflage eines vergriffenen Meisterwerkes der Neoklassik. Hitze und Melancholie eines längst vergangenen Sommertages strömen durch die Lieder; die glockenklare Stimme von CHLOÉ ST LIPHARD streicht, den SCHUBERTschen Liederzyklen ähnlich, über die Landschaft. Ein sinnlicher Rausch.

Inhalt
01 Kedves
02 Une Attente Fragile
03 Les Chants De Peine
04 Aux Thermes
05 Rózde
06 Les Marronniers
07 Le Pré Dormant
08 Les Temples Elevés
09 Kergal
10 Au Sacre Des Nuits
11 Les Tilleuls
12 Une Attente Douleur (Mahan's Version)
13 Collection (Anton's Mind's Getting Blind)

+ Livevideo: Les Temples Elevés
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