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Michael We.

JAHRTAL: Lichtbuch

Moosige Folkgeschichten aus Österreich


JAHRTAL: Lichtbuch
Genre: Folk
Verlag: Ahnstern
Vertrieb: Steinklang
Erscheinungsdatum:
Januar 2008
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: Steinklang


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Ich war mir lange Zeit ziemlich sicher, dass die erste Vollzeit-CD des österreichischen Folkprojekts JAHRTAL hier nicht zur Besprechung gelangen wird. Die beiden Stücke der vorangegangenen Mini-CD "Zwei Lieder" waren doch sehr dünn und blass, das eigentlich ansprechende "Innsbruck, Ich Muss Dich Lassen" verlor sich auf dem STEINKLANG-Sampler "Wilde Jäger" im eher deftigen Umfeld, und die Idee, Texte von (unter anderem) JOSEPH VON EICHENDORFF zu vertonen, ist nicht neu. Nun, nachdem ich "Lichtbuch" mehrere Male gehört habe, entschuldige ich mich für derlei Gedanken und verleihe dem Album, quasi als Wiedergutmachung, den Titel "Bisherige Folküberraschung des Jahres".

Hinter JAHRTAL steckt der Österreicher EWALD SPISS, der ungefähr zehn Jahre lang, ab Anfang der 1980er, experimentelle Elektronikmusik komponierte, unter anderem für das 'Kunstradio' des ORF, des Österreichischen Rundfunks. Für diese Radiosendung, die seit 1987 ausgestrahlt wird, arbeiten Kulturschaffende aller Stilrichtungen an einer Art 'Hörkunst'. Viele Ausschnitte der Werke von SPISS (auch aus der Kunstradio-Zeit) sind zum Hören und Staunen auf seiner Homepage hinterlegt. Verschiedene buddhistische Studien (wie die der Thangkamalerei) haben ihn offenbar dazu gebracht, sich ab Anfang der 1990er Jahre ausschließlich mit Bildenden Künsten zu befassen. Beispiele dafür finden sich ebenfalls auf der genannten Internetseite, auch die Bilder auf "Lichtbuch" sind von SPISS. Über die Antwort auf die Frage, was ihn nun im vergangenen Winter zur Folkmusik und damit zu JAHRTAL bewegt hat, kann ich nur spekulieren; vielleicht war es der Kontakt zu MAX PERCHT, dem Chef des STEINKLANG-Labels, und dessen rührigem STURMPERCHT-Umfeld. Gedankt wird PERCHT im Booklet auf jeden Fall für die 'Ermutigung'.  

Die zwölf Lieder führen uns in die moosige Folkwelt der 1970er Jahre. Manche erinnern mich zum Beispiel an die – immer leicht pilzige – Musik von WITTHÜSER & WESTRUPP oder, in ihrer Hippie-Attitüde, an die gerade in unserer "Das Jahr Der Seele"-Reihe besprochenen TONY, CARO & JOHN. Sie scheinen aus einer Zeit zu stammen, als Musik noch draußen in der Natur stattfand, mit der Gitarre unterm Baum und beiden Beinen auf der Erde, und passen damit wunderbar zu WOVEN WHEAT WHISPERS, dem britischen Folk-Downloadportal, das die JAHRTAL-CD demnächst online anbieten will. Im Gegensatz zu den genannten Musikern aber reduzieren JAHRTAL ihre Stücke noch weiter, verzichten auf ausufernde Effekte und begnügen sich – zumindest in der ersten Hälfte des Albums – meist mit Gitarre und Gesang, so dass ein starker Eindruck von Schlichtheit, Einfachheit und manchmal fast religiös anmutender Reinheit entsteht. Die brüchige Stimme von EWALD SPISS, immer wieder auch im Duett mit seiner Frau CHRISTINE, trägt ihren Teil dazu bei. Das zittrige "Es Ist Verspielt" etwa, das ein Sterbender im Angesicht seines nahenden Todes singt, ist so rührend, dass man EWALD SPISS die Hand dabei halten möchte. Auch das sanfte "Innsbruck, Ich Muss Dich Lassen" entfaltet hier nun seine Wirkung, wie die meisten Tracks auf "Lichtbuch" ist es von einer tiefen Sehnsucht und Melancholie durchdrungen. Für Abwechslung sorgt zunächst die schier unglaubliche Palette an Instrumenten. Banjo, Laute, Schalmei, Geige, eine selbstgebaute Sitar und noch circa 15 weitere Musiziergeräte kommen zum Einsatz, spielen aber – der verhuschten Grundstimmung der ersten Songs folgend – meist einzeln auf, leise und dezent. Selbst die zerrende E-Gitarre (!) unterbricht die langen Balladen nur für wenige Takte. Die zweite Hälfte des Albums ist die pilzigere, hier treffen mehr und mehr Instrumente gleichzeitig aufeinander, die Folkmusik wird saftiger, psychedelischer und weist zwischen schottischen und mittelalterlichen Anklängen ab und zu sogar einen disharmonischen Schnörkel auf. Das schönste Lied, ein wieder ganz traditionelles, zu Gitarre und wenigen anderen Instrumenten gesungenes Duett, erklingt kurz vor Schluss: "Wilhelm Von Winsburg" erzählt im Stile der Liebeslyrik eines Minnesänges eine zehnminütige Geschichte von Heimat und der Liebe zu einer Königstochter. Lediglich das Ende fällt dann etwas aus dem Rahmen: Die Vertonung einer 'Gebetsweise aus Tibet' klingt nach Hörkunstprojekten früherer Tage. Die sich selbst überlagernde Stimme von EWALD SPISS rezitiert zu mächtigen Orgelklängen und Vogelgezwitscher eine Art Schöpfungsgeschichte. Geschmackssache.

Diese Sammlung traditioneller Lieder und Texte (aus dem Alpenraum, aus Schottland und England, aus den Gedichtbänden von EICHENDORFF) ist wie STURMPERCHT ohne STURM; Folk im ursprünglichen Sinne, als mündliche Überlieferung von Geschichten, ausgeschmückt mit meist schlichter Musik. Diese Einfachheit, immer wieder unterbrochen von psychedelischen Anspielungen, entfaltet in einer lauten und komplizierten Zeit eine immense Stärke. "Lichtbuch" drängt sich nie auf. Das Album ist leise und zurückhaltend, nach außen hin manchmal spröde, wie die schüchterne Prinzessin im Märchen. Wer sich aber Mühe gibt und ihr Herz gewinnt, wird lange Freude haben.

Nach dem Schreiben dieser Rezension kam ein Kontakt mit EWALD SPISS zustande, der mir – Bezug nehmend auf die im Artikel gestellte Frage nach seinem Folkhintergrund – einen kurzen JAHRTAL-Lebenslauf zusammengestellt hat. Hier ist er:

"Seit den 70er Jahren ist Folkmusic mein treuer Begleiter durch die Jahrzehnte, auch wenn ich selbst andere Musik und Sounds gemacht habe. So hab' ich in den 70ern Lieder von WILLIAM BLAKE vertont und mit einer Tonbandmaschine Spur über Spur aufgenommen. Das Ergebnis war eine total verrauschte Ahnung von Liedern und Arrangements, die mir vor ca. eineinhalb Jahren wieder in die Hände gefallen ist. Und da ist die Idee aufgetaucht, dieses Projekt neu mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln aufzunehmen. Sozusagen als Übung hab' ich die "Zwei Lieder" aufgenommen und eine kleine Auflage draus gemacht. Damals war ich schon einige Zeit in Kontakt mit STEINKLANG RECORDS, der sich ergeben hat auf meiner Suche nach einem Label, das eventuell Interesse an der Veröffentlichung meiner Soundarbeiten hätte. So hab' ich dann auch die "Zwei Lieder" an STEINKLANG geschickt. Die Antwort war das Angebot, den Vertrieb der Single zu übernehmen und eine Einladung für einen Beitrag zu einem Sampler über und mit alpenländische(r) Kultur (daraus ist dann "Wilde Jäger" geworden). Sofort hab' ich da an Volkslieder gedacht und fand Interesse daran, einige meiner und CHRISTINEs Lieblings(volks)lieder und auch solche, die für meine Begriffe eine gute Botschaft und einen interessanten Inhalt haben, aber leider oft sehr abgedroschen und verkitscht werden und wurden, neu und mit meinen Möglichkeiten zu interpretieren. Nachdem MAX PERCHT die ersten Einspielungen, die ich eigentlich für den Sampler zur Auswahl gestellt hatte, gehört hat, hat er angeboten und mich ermutigt, ein eigenes Album zu machen. So ist dann im Lauf des vergangenen Jahres "Lichtbuch" entstanden."

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» JAHRTAL @ myspace

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Kommentare
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Schön.
gregor (20-03-2008, 18:22)
Das ist eine Rezension, die ich gerne gelesen habe! Mehr davon bitte.

Zusammenfassung
Zwischen Minnesang und Pilz präsentiert EWALD SPISS zwölf Folksongs. Versehen mit einem spröden, zurückhaltenden Charme, entwickeln die stillen Lieder eine sehr starke Anziehung. Schlichte und klare Balladen mit einer teilweise unglaublichen Instrumentierung. Schönes Debüt!

Inhalt
01 Klein Wild Vögelein, Reprise (2:39)
02 Der Wandernde Musikant (8:31)
03 Innsbruck, Ich Muss Dich Lassen (8:32)
04 Abschied (9:38)
05 Klein Wild Vögelein (4:25)
06 Es Ist Verspielt (5:37)
07 Fein Sein (5:31)
08 Totenwachelied (7:14)
09 Reigen (7:45)
10 Wilhelm Von Winsburg (10:33)
11 Abschied, Reprise (1:30)
12 Die Welt Voller Düfte (3:33)
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