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NICO: The Marble Index (Re-Release)

Deutschland Deutschland ....


NICO: The Marble Index (Re-Release)
Genre: Avantgarde
Verlag: Sundazed...
Vertrieb: Sundazed...
Erscheinungsdatum:
2004
Medium: CD / LP
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Can you follow me
Can you follow my distresses
My caresses
Fiery guesses

Swim and sink into
Early morning mercies

He blesses you
He blesses me
The day the night caresses

Caresses you, caresses me
Can you follow me

Dawn your guise has filled my nights with fear
At each closing of my eyes
You never see these pictures in my mind
Can you follow me

Aside from leaving overdrawn caresses
Aside from having thrown a joke on you and me
Can you follow me

I cannot understand the way I feel
Until I rest on lawns of dawns
Can you follow me


Nahezu als mythenhaft sind das Leben und künstlerische Schaffen von CHRISTA PÄFFGEN alias NICO (die Frauenikone der 60er-Bohème) zu bezeichnen. Kein Wunder, wie der kurze biographische Abriss zeigen wird:

1938 in Köln geboren, machte sie bereits außerhalb ihres späteren musikalischen Schaffens auf sich aufmerksam, lange bevor sie auf Persönlichkeiten wie ANDY WARHOL oder JOHN CALE oder BRIAN ENO stieß, welche sie begleiteten und künstlerisch förderten. Mit 16 Jahren wurde sie als Fotomodell entdeckt. Als sie 1954 die Schule verlässt, arbeitet sie für den Modedesigner HEINZ OSTERGAARD, welcher ihr eine kleine Nebenrolle in dem Filmklassiker „La Dolce Vita (Federico Fellini, „Das süße Leben“) besorgt, in welcher sie sich selbst spielt. Ende der 50er Jahre zieht sie aufgrund ihrer Modellkarriere nach Paris und lernt den Filmemacher NICO PAPATAKIS kennen, von dem sie auch den Spitznamen als ihr Pseudonym übernimmt. Durch Besuche New Yorks und der Schauspielschule von LEE STRASBERG lernt sie verschiedene Musiker und Produzenten kennen, u. a. BOB DYLAN (über den sie ANDY WARHOL kennen lernen wird), BRIAN JONES (ROLLING STONES) oder JIMMY PAGE von LED ZEPEELIN. In Berlin-Kurfürstendamm lernt sie keinen geringeren als ANDREAS BAADER kennen, der zu der Zeit noch als Fotomodell für ein Schwulenmagazin arbeitet, eine Bekanntschaft, welche sie derartig prägt, dass sie ihm später, nach seinem Tod in der Torturekammer Stammheim, u. a. das „Deutschlandlied“ live mit allen Strophen widmet (nachzulesen in dem Buch „Andreas Baader – Das Leben eines Staatsfeindes“).
Doch zurück zum musikalischen Werdegang. Nach dem Kennenlernen von ANDY WARHOL wird sie von selbigem gefördert, 1965 arrangiert und produziert er ihre erste Single „I`m not saying“ und  gibt ihr eine Rolle in dem Film „Chelsea Girl“. Kurz danach und allseits bekannt wird sie Sängerin der Band THE VELVET UNDERGROUND, in welcher auch LOU REED und JOHN CALE aktiv sind. Obwohl sie nie offizielles Bandmitglied war, wurde das Album wesentlich durch ihren markanten und außergewöhnlichen Stimmeinsatz geprägt. LOU REED, mit dem sie eine kurze Beziehung hatte, widmete ihr einige Texte, u. a. „Femme Fatale“ oder „“All tomorrow`s parties“. Trotz des Erfolges verlor NICO den Bezug zu THE VELVET UNDERGROUND, da LOU REED die treibende Kraft war und die Sängerin keinen Platz für das Arrangieren und Umsetzen eigener Songideen besaß. Nach Streitigkeiten erfolgte der Rausschmiss, allerdings erwies sich nun LOU REEDs Bandkollege JOHN CALE als Förderer und Unterstützer von NICO. Er wird es sein, der für ihre „traumatischen Solo-Eskapaden“ die Klangfarben mischen wird. Für NICO heiligt auf künstlerischer Ebene der Zweck die Mittel, und sie greift auf alle Möglichkeiten musikalischen und lyrischen Ausdrucks zurück. So wirkt das besagte „Lied der Deutschen“ wie ein „Lullaby der EVA BRAUN kurz vor dem Selbstmord ihres geliebten Führers“, Songs wie „My funny Valentine“ zeichnet eine traurige Erhabenheit sondergleichen aus und die Interpretation des „Nibelungenlieds“ sorgte ebenfalls für öffentliches Aufsehen oder Aufschrecken. Der THE DOORS-Klassiker „The end“ wird noch eindruckvoller und auflösender interpretiert, als es JIM MORISSON selbst gelang.
1969 erscheint dann ihr SOLO-Debüt mit dem Namen „Chelsea girl“, in den Jahren darauf  folgen Klassiker wie die LP „The marble index“ (1972) und das Album „The end“ (1974), an welchem BRIAN ENO maßgeblich beteiligt war und auf dem auch „Das Lied der Deutschen“ zu finden ist. Auf ihrer 1981er LP „Drama of exile“ sang sie DAVID BOWIEs „Heroes“ und den Klassiker „Waiting for the man“, welcher ihr bei THE VELVET UNDERGROUND immer verwehrt gewesen ist. Häufig sind ihre Songs von Lebenserfahrungen und eine melancholischen, tiefsinnigen Selbstreflexionen gezeichnet. NICO lebte relativ zurückgezogen in Paris oder London, gab einige denkwürdige Konzerte, u. a. 1974 mit JOHN CALE, KEVIN AYERS und BRIAN ENO im Londoner Rainbow Theatre, im Dezember des selben Jahres trat sie gemeinsam mit TANGERINE DREAM in der Kathedrale von Reims auf. Der Anfänge der 80er sind es dann, welche NICO eine nahezu mythische Anerkennung verschaffen, nachdem der PUNK die übersättigte Rockmusik der 70er überrollt und Bands wie SIOUXSIE & THE BANSHEES in NICO einen essentiellen Einfluss für ihre eigene Musik sehen. 1988 stirbt sie auf Ibiza im Alter von gerade einmal 50 Jahren durch die Folgen eines Hitzeschlags.

Über 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung entschließt sich das Label SUNDAZED RECORDS, „The marble index“ auf LP wiederzuveröffentlichen und diese Scheibe soll an dieser Stelle nun stellvertretend für einen Großteil des NICO-Outputs besprochen werden. Eine stilistische Rahmung oder Prägung ist bei NICO-Publikationen nahezu unmöglich, eine Zuordnung ist weder im Rock- noch Elektronikbereich machbar, sämtliche Publikation reichen von elektronischer und akustischer Experimentalklangmusik über leicht neoklassische Züge bis hin zu rein grotesken, atonalen Klangsimulationen, die teilweise von Künstlern wie JOHN CALE oder BRIAN ENO kreiert wurden. Ganz gleich, in welche Schublade man NICO nun stecken möchte, ihre Publikationen zeichnet stets eine nicht fassbare Zerrissenheit und Traurigkeit aus. Der beschwörerische Gesang ist mit einer Schwermütigkeit beseelt, die jeden Hörer in den Bann zu ziehen vermag, während sich die teilweise äußerst bizarren  Soundkompositionen ins Gehör drängen. Ständige Wechsel zwischen melodischen Kompositionen und schiefen, regelrecht schmerzhaften Geräuschen machen das Zuhören nicht ganz einfach. Nichtsdestotrotz steckt in den Songs eine Unmenge Atmosphäre und Anziehungskraft. Songs wie „Facing the wind“ mit seinen sägenden atonalen Tönen, den minimalistischen Percussions oder „Lawns of dawn“ mit seinem fast schon grausigen (im Sinne von Grauen erregenden), experimentellen Klangszenario ziehen schlichtweg in den Bann. Angesichts des Entstehungszeitraums der Songs bleibt man regelrecht sprachlos zurück. Die elektronischen Komponenten werden immer wieder durch teilweise melodische, teilweise absolut schräge Streicher unterlegt. Als Ergebnis liegen durchweg Klagelieder vor, die sich in die Seele bohren und eine nicht ganz begründbare Bitterkeit zurücklassen. Avantgardistisch ist das Werk von NICO allemal, nie zuvor wurden in der Popmusik Songstrukturen so kompromisslos aufgelöst und Poesie derartig in Szene gesetzt. Großartiges Schaffen einer kleinen (deutschen) Musiklegende!

Auf RHINO/REPRISEWARNER gibt es übrigens die 2 CD „The frozen borderline 1968 -1970“ von Nico, welche die Alben „The marble index" und „Desertshore" enthält, zuzüglich einer Menge alternativer Versionen und nie veröffentlichter Songs, welche für die damalige Zeit zu avantgardistisch oder schlichtweg zu krass waren. 


 
für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Diskographie

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Kommentare
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danke
Maria-Virgin (13-07-2007, 09:51)
ein klasse album, schön das so eine musikalische perle mal wieder vom grund des durchschnitts-meeres gehoben wird ...

Zusammenfassung
Avantgardistisch ist das Werk von NICO allemal, nie zuvor wurden in der Popmusik Songstrukturen so kompromisslos aufgelöst und Poesie derartig in Szene gesetzt. Großartiges Schaffen einer kleinen (deutschen) musikalischen Legende!

Inhalt
Tracks:

a01 Prelude
a02 Lawns of dawn
a03 No one is there
a04 Ari`s song
a05 Facing the wind

b01 Julius Caesar (Memento Hodiè)
b02 Frozen warnings
b03 Evening of light

Bonus CD Version Elektra 1991:

09 Roses In The Snow (4:06)
10 Nibelungen (2:44)
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