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Michael We.

NAEVUS: Silent Life

Was kann nach einem Meilenstein noch kommen?


NAEVUS: Silent Life
Genre: Neofolk
Verlag: HauRuck!
Vertrieb: TESCO
Erscheinungsdatum:
Mai 2007
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Tesco


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Seit dem Auseinanderfall der 'World Serpent-Familie' wird ja oft und gerne über den miserablen Zustand der antriebslosen Neofolk-Szene gejammert. Allerdings stehen in den Trümmern der alten Zeit immer noch - oder inzwischen wieder - ein paar Recken aufrecht, die wie Leuchttürme herausragen und um die sich andere, alte wie junge Musiker neu gruppieren. Ein Trend zum All-Star-Projekt, sozusagen, und damit doch irgendwie ein bisschen Familien-Feeling wie früher. DAVID TIBET ist zum Beispiel so ein Leuchtturm, der für seine C93-Platten und -Auftritte inzwischen mit einer riesigen Schar an Künstlern zusammenarbeitet (ANTONY, BABY DEE, BONNIE 'PRINCE' BILLY, MARC ALMOND...). Ebenso sammeln sich um ANDREW KING eine Reihe von Musiker (KARL BLAKE, SCOTT HOWLAND, TONY WAKEFORD...). Und auch NAEVUS, vor knapp zehn Jahren (1998) in London von LLOYD JAMES und JOANNE OWEN gegründet, haben sich zu einer solchen Viel-Künstler-Band entwickelt. Ihr fünftes Album 'Silent Life’ ist bei HAU RUCK! erschienen, dem Label von BLUTHARSCH-Gründer ALBIN JULIUS, und als ständige Freie Mitarbeiter haben sich Gitarrist GREG FERRARI, Drummer JOHN MURPHY (SPK), Sängerin ROSE MCDOWALL, Sänger und Songwriter DAVID E. WILLIAMS und Geiger MATT HOWDEN (SIEBEN) beteiligt. PATRICK LEAGAS hat auf diesem Album zwar keine Musik, aber einige Fotos für das Booklet beigesteuert. 

Die Mission nach der vielumjubelten 'Perfection Is A Process'-Veröffentlichung vor drei Jahren (2004) ist für NAEVUS fast unerfüllbar: Ein Album abzuliefern, das den Erwartungen an die 'Erneuerer der Szene' gerecht wird, gleichzeitig aber den Vorgänger musikalisch nicht kopiert, sondern noch toppt. 'Perfection...' war für viele Neofolker ein Segen, ein Pflaster auf die Wunden, der Beweis, dass sich doch noch etwas bewegen kann. Die Engländer bauten um klassische Neofolk-Elemente wie Marschtrommeln, Akustikgitarren und rezitierend vorgetragenen Text eine sehr rockige Mischung irgendwo zwischen Punk und Shanty, zwischen alten, kratzigen NEW MODEL ARMY-Platten und dem modernen, düsteren Folkrock der WALKABOUTS, mit einem Halt bei MOMUS und NICK CAVE. Der Titel der CD war mit viel Selbstironie gewählt, denn der Charme des Albums, der es so außergewöhnlich machte, bestand gerade in der Nicht-Perfektion und der Rauheit, den schiefen Balladen und schrägen Rocksongs. Also keine 'Perfection', sondern höchstens der lange, harte, holperige und mutige Weg dorthin. Um es endlich auszusprechen: 'Silent Life' ist ein gutes Album, wahrscheinlich sogar ein sehr gutes. Aber es ist auch genau das, was der Vorgänger nicht war - zu perfekt und glatt, und damit ein Schritt zurück.
Zwei grundsätzliche Entwicklungen lassen sich feststellen. Erstens: Die volle, tiefe Stimme von LLOYD hat sich verbessert, sie ist voluminöser und eindringlicher geworden, so dass sich das melodiöse Sprechen kaum noch von 'echtem' Gesang unterscheidet. Zweitens: Die zarten Folkelemente wie das Akkordeon treten in den Hintergrund; 'Silent Life' ist schneller und (noch) rockiger geworden. Schon der Opener, ein hymnisches Duett mit ROSE MCDOWALL, treibt mit Trommeln und E-Gitarre die beats per minute nur so vor sich her. In der 'bass line' versteckt sich angeblich eine Hommage an '69 Année Erotique' von SERGE GAINSBOURG, und auch bei anderen Songs verdichtet sich der Eindruck, dass einiges 'schon mal dagewesen' ist. Zwei ruhigere Lieder folgen, eine Ballade über die Verlogenheit der Welt (und nicht über das FRANCO-Regime in Spanien - laut NAEVUS ist mit FRANCO der spanische Filmregisseur JESS FRANCO gemeint) und die NAEVUS-Version des alten, englischen Folksongs 'Bobby Shafto' ('Bobby Shafto's gone to sea, Silver buckles on his knee'). Die besten Stücke sind in der Mitte des Albums plaziert: 'Kill your friends' (4) als einer der - musikalisch - harmonischsten Songs auf dem Album, im Walzertakt und in bester WALKABOUTS-Tradition aus 'Scavenger'-Tagen. Und 'Ballad Of Benjamin Munt' (6), für mich der stärkste Song auf dem Album, der alle Elemente von 'Silent Life' positiv nutzt. Die sägende E-Gitarre bleibt wohltuend im Hintergrund und springt nur ab und zu hervor, ergänzt durch die verzweifelte Violine von MATT HOWDEN. Die sich immer wiederholenden Textzeilen, die in manchen Songs (fast alle Stücke sind länger als fünf Minuten) leicht penetrant werden, verdichten sich hier zu einer Grabesstimmung. Nach einer kurzen Piano-Bar-Ballade schließt das Album mit dem Track, der für die meisten Diskussionen sorgen wird ('Ist das noch Neofolk?'): Einem glasklaren, britischen Popsong, dem 'Dominic Song', den auch die LIGHTNING SEEDS hätten performen können, als sie noch nicht vom Radio totgedudelt waren. Mit dem größten Folk-Anteil - in Form von Akustik-Gitarren - auf der ganzen Platte, die Trommeln auf ein unterstützendes und nicht allzu treibendes Maß gestutzt, die Stimme von LLOYD kristallen. Die euphorischsten Vergleiche, die ich von schreibenden Kollegen gelesen habe, wagen sich in die Regionen der BEATLES und BYRDS vor. Der Song profitiert auch von der besten Produktion aller Titel auf 'Silent Life', denn jedes Instrument steht einzeln, ist hörbar und verschwindet nicht in einer 'Wall of Sound'. 
Wie gesagt, NAEVUS ist eine große und wichtige Band, wie es sie unter der Bezeichnung 'Neofolk' im Moment nicht oft gibt. Und 'Silent Life' ist ein gutes Album, mit tollen Momenten, das gekauft werden sollte. Es ist eine Spur zu strukturiert und diszipliniert, weil alles sich fügt und nichts ausbricht. Auf 'Perfection...' waren die Gitarren halt ein wenig schmutziger, die Balladen ein wenig schräger und die Shantys deftiger. Ich räume aber gerne ein, dass dieser subjektive Eindruck schnell entsteht, wenn man - wie ich - das vorangegangene Album für einen Meilenstein hält. Und ich wünsche mir, dass auf dem nächsten NAEVUS-Album (in ein paar Monaten soll zunächst der Re-Release vom ersten Album 'Truffles Of Love' aus dem Jahr 1999 erscheinen) wieder mehr der 'process' und weniger die 'perfection' im Vordergrund steht.


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» NAEVUS
» LLOYD JAMES auf myspace
» LARK BLAMES auf myspace

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Zusammenfassung
Das fünfte Album von NAEVUS hat einen schweren Stand: Es ist Nachfolger der gefeierten CD von 2004 und kann damit eigentlich nur verlieren. Trotzdem ist 'Silent Life' eine gute Platte geworden, mit einigen wunderschönen Songs, nur manchmal eine Spur zu brav.

Inhalt
Tracklist:
01. Spring Summer Railway
02. Castles in Spain
03. Bobby Shafto
04. Kill Your Friends
05. Hasty Bastard
06. The Ballad of Benjamin Munt
07. White Love
08. Dominic Song
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