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Dominik T.

ALLERSEELEN: Hallstatt

Die kauzige Gerhard Ein-Mann-Krautpop-Show!


ALLERSEELEN: Hallstatt
Kategorie: Rezension
Verlag: Ahnstern
Medium: CD
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ALLERSEELEN veröffentlichten soeben mit „Hallstatt“ ein neues Album! Man hat fast gar nicht mehr daran geglaubt, weil doch GERHARD, der Künstler dahinter, in den letzten Jahren dazu übergegangen schien, jede Neukomposition entweder auf Vinylsingles oder kleineren Splitalben (CHANGES, SANGRE CAVALLUM) zu verwursten. So wundert es auch nicht, dass die Veröffentlichung des letzten ALLERSEELEN-Albums „Abenteuerliches Herz“, welches wirklich komplett nur neue Stücke enthielt, schon rund fünf Jahre zurückliegt.
Der Kenner des österreichischen Projekts weiß eigentlich seit einigen Jahren, was er von dieser Musik zu erwarten hat, den Neuankömmlingen sei aber gesagt, dass es im Oeuvre des Wahlwieners um die Jahrtausendwende herum einen recht starken Bruch gab. ALLERSEELEN fabrizierten früher reine Klangcollagen, die sich grob als eine Mischung aus rhythmischem Industrial und okkult-ritueller Musik der „NEKROPHILE-Schule“ beschreiben ließen, aus deren Umfeld GERHARD (damals KADMON) auch herstammt, allmählich verabschiedete sich dann seine Musik von der Form „Collage“ und wurde auf eigentümliche Weise „songorientierter“. Ebenso ließ er sukzessive die Stahlgewitter-Brachialität, die den ALLERSEELEN-Sound früher mitunter ausmachte, hinter sich und versuchte eher, sich einer sinnlichen, vom Natur- und Landschaftserlebnissen geprägten - oft mediterranen - Musik anzunähern. Zur musikalischen Arbeitsweise GERHARDs gehört das geschickte Stibitzen fremden musikalischen Materials, um diese kurzen Ausschnitte dann in oft sich exzessiv wiederholenden Loops zur Basis seiner eigenen Musik zu machen. So ist davon auszugehen, dass immer dann, wenn bei ALLERSEELEN beispielsweise herzzerreißende Geigen oder  eine folkloristische Gitarre zu hören sind, diese nicht für den Zweck eingespielt wurde, sondern in Wirklichkeit von irgendwelchen obskuren Schallplatten herrühren, deren Namen GERHARD sicher wie ein Geheimnis hütet. Dazu gesellt sich dann ein Rhythmus – das Rhythmische ist zusammen mit dem immer etwas unfertig wirkenden Charakter seiner Musik die Konstante in GERHARDs Schaffen schlechthin, auch wenn sich über die Jahre sonst alles änderte, der Rhythmus, um den herum sich alles aufbaut, bleibt bestehen, er zeigt auch, wie sehr letztendlich seine Musik, wie er selbst freimütig gesteht, von DAF, DER PLAN, DIE TÖDLICHE DORIS, GRAF HAUFEN und anderen „Künstlichen Dilletanten“ geprägt bleibt.
Als letztes Element kommt dann bei ALLERSEELEN die Sprache hinzu. Hier liegt dann vielleicht eine besondere Stärke des GERHARD’schen Schaffens: Der Mann ist zweifellos ein Trüffelschwein, einer der von Neugierde getrieben ist und Themen im Bereich des Okkulten, des „Konservativ-Revolutionären“, der symbolistischen und romantischen Literatur in „Magickal Mystery Tours“ aufspürt und verarbeitet, damit prägte er das „geistige Feld“ der Neofolk-Subkultur wie vielleicht sonst kein anderer. GERHARD ist übrigens auch der Wortschöpfer des sich mittlerweile durchsetzenden Begriffs „Military Pop“, zu Zeiten des „Neuschwabenland“-Albums (2000) bezeichnete er seine eigene Musik so, mittlerweile ist aber klar, dass es eine Vielzahl Projekte gibt, zu denen eine solche Bezeichnung viel eher passt, und auch GERHARD ist mittlerweile zur begrifflichen Erfassung seiner Musik weitergezogen, was ganz früher für ihn „Technosophische Tonkunst“ war, ist heute „Krautpop“ oder „Industrial Folklore“. Beides passt und meint doch auch eine Verbundenheit zu dem neuralgischen Punkt, an dem sich in Deutschland Krautrock, Minimal und „Industrial Culture“ bereits einmal trafen. In einem Satz: ALLERSEELEN heute bedeutet kauzige, ja teilweise unmusikalisch wirkende Einsiedlermusik, eine Mischung aus gerappter Literaturvertonung, folkloristischen Loops und sonstigen musikalischen Einflüssen, die bei DAF, FALCO und PSYCHIC TV anfangen und über PAOLO CONTE hinweg irgendwo bei CARL ORFF enden. All das zusammengerührt in einem Zimmer in Wien und irgendwann schonungslos vorgetragen in klobigen Wanderschuhen! Man könnte das Ganze auch "Outsider-Alteuropa-Rap" nennen.
Also: Nichts klingt wie ALLERSEELEN und nicht jeder mag seine Musik, häufig zu hörende Reaktion ist vielmehr ein amüsiertes bis irritiertes „was ist das für spinnerte Musik?“

"Hallstatt"

Dieser grundsätzliche Eindruck dürfte sich auch beim aktuellen „Hallstatt“-Album nicht ändern, es ist eigentlich alles so wie immer bei ALLERSEELEN, wenn man die letzten fünf Jahre zum Maßstab nimmt, fast könnte man sagen, eine heimelige Routine mache sich breit. Auffallend ist vielleicht, dass GERHARD noch mehr mit Wiederholungen arbeitet als sonst. Bei einem Stück wie „Der Sehnsucht Adlertrotz“ geht das dann schon deutlich über die Schmerzgrenze hinaus, aber sollte damit nochmals der im Titel vorkommende „Trotz“ unterstrichen werden, ist das gelungen.
Sonst ist zu sagen, dass „Hallstatt“ ein durchaus bedrückendes Album geworden ist. Lyrisch geht die Sonne unter, und der Himmel stürzt ein, der Tod und die Vergänglichkeit sind ein ständiges Thema. Bis auf eine Ausnahme sind alle Texte in Deutsch gehalten, es finden sich literarische Adaptionen von HESSE, NIETZSCHE,  HEBBEL, HÖLDERLIN, ALFRED KUBIN, HERMANN VON GILM und GOETHE.
Erstaunlich ist die Fähigkeit GERHARDs, Alben zu schaffen, die ein abgeschlossenes, rundes Ganzes ergeben, ohne immer in letzter Konsequenz auch Konzeptalben zu sein. Wenn also „Neuschwabenland“ (2000) sein kühlstes Album, „Venezia" (2001)  und „Abenteuerliches Herz" (2002) seine südeuropäischen Alben waren, so ist „Hallstatt“ sein österreichischstes Album. Man fühlt direkt, dass alle Lieder vom Ort Hallstatt (Salzkammergut) in Oberösterreich geprägt sind, ohne dass offensichtlich die ausgewählte Lyrik darauf Bezug nimmt.  
Besonders gelungen ist „But A Spark In The Night“, die englisch gesprochene Ausnahme des Albums, die Stimme stammt hier von R.N. TAYLOR (CHANGES), der ja schon mit seinem Soloprojekt SOUL OF STEEL beweisen konnte, dass er eine sehr kraftvolle und virile Erzählstimme hat, und so ist auch sein Beitrag hier eine großartige, sinnliche Sound-Poetry.
„Hallstatt“ verzichtet vollständig auf weibliche Stimmen. Als Hörer ist man somit praktisch gezwungen, sich tief auf GERHARDs Alpendeutsch einzulassen. Der Einsiedlercharakter seiner Musik scheint auf „Hallstatt“ nochmals potenziert, ein Typ wie TED KACZYNSKI würde vermutlich auch so Musik fabrizieren, wenn er denn Musiker geworden wäre, wobei man sich bei ALLERSEELEN immer fragen muss, ist GERHARD eigentlich Musiker? Die Antwort ist eher Nein, aber das macht nichts. Er ist ja in der Beziehung auch nicht allein, jemand wie STEVEN STAPLETON (NURSE WITH WOUND) ist beispielsweise auch keiner, und dennoch brutzeln und basteln sie im stillen Kämmerlein vor sich hin und wagen sich mit dem Ergebnis dann und wann an die Öffentlichkeit, die wiederum reagiert teils mit Kopfschütteln und teils bewegt. „Hallstatt“ vereint beide Seiten, knisternd-sinnliche Kleinode im Stil der großartigen „Knistern/Löwin“-Single wie „wir träumten voneinander“ stehen neben Liedern, die vor allem etwas für ALLERSEELEN-Hartgesottene sind. Die Klangfarbe des Albums ist rot, kupfern, braun, aber nicht Angst einflößend, eher fühlt man sich geborgen, so wie das bei manchen COIL-Kompositionen der Fall war. Die Musik entzieht sich einer Bewertung, alles ist viel zu eigen, um dazu „gut“ oder „schlecht“ sagen zu können. Erst wer grundsätzlich im Stande ist, zu dem Ösi-Rap, den Loops, den Wiederholungen und der Kauzigkeit „Ja“ zu sagen, wird „Hallstatt“ gebührend feiern können. Ich bin durchaus so etwas wie ein ALLERSEELEN-„Fan“, sehe aber trotzdem, dass es Lieder gibt, bei denen GERHARD seine Eigentümlichkeiten etwas unvorteilhaft übertreibt, die „Knospe“-Single von vor zwei Jahren ist ein Beispiel dafür, „Hallstatt“ ist aber gemessen an seinem Oeuvre ein Album, das gut „in der Balance“ ist, Lieder wie „Der Sehnsucht Adlertrotz“ oder „Ohne Das Di Wer Siagt“ sind mir ein undurchdringliches Rätsel, die ich eigentlich nur amüsiert zur Kenntnis nehmen kann, andere wie die bereits positiv Hervorgehobenen  oder wie „Nicht nur eine Sonne“ oder „Der Himmel ist Eingestürzt“ sind aber schlicht großartig und lassen die ALLERSEELEN-Liebe neu aufglühen. So muss auch diese ALLERSEELEN-Rezension mit dem Allgemeinplatz enden, dass das hier Gebotene schon sehr speziell ist, jeder „Fan“ wird sich andere Perlen raussuchen, kaum jemand wird alles mögen, aber wer sich mit ALLERSEELEN verbunden fühlt, darf sich über ein geheimnisvoll-dunkles, aber auch warmes, liebevolles Album freuen. 

 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ALLERSEELEN
» ALLERSEELEN @Myspace

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Zusammenfassung
ALLERSEELEN wie immer! Kauziger Krautpop fern aller Vergleiche, doch auch (wie immer) mit DAF-Einfluss, österreichischem Sprechgesang, sinnlichen Atmosphären und Dilletanten-Flair!

Positiv aufgefallen
Sehr gelungene Gestaltung!

Inhalt
Tracklisting:
1 Nicht Nur Eine Sonne (5:45)
2 Der Sehnsucht Adlertrotz (6:16)
3 Wir Träumten Voneinander (6:05)
4 Hörst Du Die Toten Singen (6:24)
5 Dunkelheit (6:27)
6 Allerseelen (3:49)
7 Der Himmel Ist Eingestürzt (5:50)
8 Mit Der Sonne (5:33)
9 Auf Alten Seltnen Wegen (6:01)
10 Schwartzer Rab (4:42)
11 But A Spark In The Night (5:03)
12 Ohne Das Di Wer Siagt (5:47)
13 Kastanienlied (6:03)

Sehr schönes, stimmungsvolles Digipack mit Booklet, Texten in Deutsch und englischer Übersetzung. Die Gestaltung übernahm diesmal nicht SALT (ANT-ZEN), sondern M. PRESCH (STEINKLANG).
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