Zunächst eine Entwarnung. Der hier rezensierte JOHN MAUS ist nicht identisch mit dem gleichnamigen MAUS (aka
JOHN WALKER) der WALKER BROTHERS, obgleich in einer Rezension eine Ähnlichkeit zu SCOTT WALKER behauptet wurde und somit mein Interesse geweckt war.
Der hier rezensierte JOHN MAUS ist ein Elektroniker aus dem Umfeld der recht bekannten
ANIMAL COLLECTIVE, genauer: JOHN MAUS spielt Keyboard bei
PANDA BEAR, einem Nebenprojekt von NOAH LENNOX (ANIMAL COLLECTIVE), welches einem seltsamen Neo-BEACH BOYS-Stil frönt. Desweiteren ist dieser JOHN MAUS eng verbandelt mit
ARIEL PINK, einem weiteren Lo-Fi Elektroniker und Maler aus diesem Umfeld, der bereits dem deutschen
SPEX-Magazin, wie auch dem englischen
THE WIRE interessant genug für
hauseigene Compilations schien.
Auf diesem schlicht „Songs“ betitelten Erstlingsalbum versammelt MAUS Solokompositionen der Jahre 1999-2004, ARIEL PINK half ihm dabei ein wenig. Das Ganze erinnert (glücklicherweise) weder an ANIMAL COLLECTIVE, noch an PANDA BEAR, am ehesten mag man vielleicht noch an ARIEL PINK’s HAUNTED GRAFFITI denken, insofern die Musik hier ähnlich schräg ist. Die Rezension auf der Seite des berühmten
AQUARIUS-Mailorders aus San Francisco, die für mich die Initialzündung war, mich mit JOHN MAUS zu beschäftigen, liegt mit ihrer Beschreibung allerdings auch eher daneben. Es ist richtigerweise von einer Art „Dark Pop“ die Rede, es werden neben SCOTT WALKER noch THE CURE als Vergleich herangezogen und geschrieben, MAUS besäße eine Stimme wie
CALVIN JOHNSON und „channelle“ im allgemeinen den Geist von IAN CURTIS (JOY DIVISION). Der SCOTT WALKER- und der THE CURE-Vergleich führen in die Irre, die beiden anderen Referenzen sind da schon sinnvoller.
Grundsätzlich darf man hier von einer Art kaputtem Minimal-Cold-Wave-Stil sprechen, mit dem Unterschied, dass es eigentlich nicht sehr „cold“ klingt, sondern eher „warm“, nicht wohlig warm, sondern eher warm wie ein Furz und auch (passend zum Cover) etwas tuntig. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Herr MAUS hier an die Adresse der Weltschmerz-Musikliebhaber gerichtet ein Verarschungsalbum zusammenstellen wollte, sollte das so sein, ist es gelungen. Man kann „Songs“ auf seltsame Art genießen, man fühlt sich zwar als Hörer nicht ganz für voll genommen, doch das hat seinen Reiz. Charakteristisch für das Album ist eine Art Hammond-Orgel-Sound wie er z.B. von PROCOL HARUM („A Wither Shade Of Pale“) oder von THE DOORS her so wohlig vertraut ist, nur meint MAUS das nicht ernst, die Hammond-Orgel ist auch nicht echt, sondern klingt nach billigem Plastik. Der Lo-Fi Sound, die völlig sinnentleerten Texte (es geht z.B. um „Sex mit RINGO STARR“) und das allgemeine Loser-Image ("It's time to get a job") unterstreichen diese seltsam ambivalente Atmosphäre noch zusätzlich. Das ganze Album ist eine Falle. Manche Stücke wie „Maniac“ (der flotteste Song des Albums), „Just Wait Til Next Year“ oder „It Takes Time“ besitzen eine so unglaubliche Ohrwurmqualität und wirken in ihren Melodien so vertraut, dass man einfach nicht glauben kann, dass hier nichts geklaut wurde bei Pop-Größen a la SOFT CELL oder
FACTORY RECORDS-Kultbands, die einem verflixt nochmal nicht einfallen wollen. Davon fühlt man sich nur noch zusätzlich verarscht, es ist zum verrückt werden!
Das alles soll aber nicht bedeuten, dass es auf „Songs“ nicht auch „authentisch“ bitter zugehen kann, das Album versprüht schon eine dunkle, negative Energie, besonders „Of North Of North Stars“ ist ein herunterziehender, misanthropischer Anti-Sommer-Selbsthass-Song, zumal JOHN MAUS oft auf eine Weise singt, die an den alten TONY WAKEFORD (SOL INVICTUS) erinnert. Es ist trotz aller Absurdität ein hohes Maß an Schmerz in der Musik, ein Schmerz, der z.B. an den SOL INVICTUS-Klassiker „Abattoirs Of Love“ erinnern kann, und manches lässt auch einfach an NEW ORDER, kurz bevor sich die Kassettenbänder im Rekorder verfangen, denken. Es wird tatsächlich manchmal mit unerwarteten
technischen Verlangsamungen im Sound manipuliert, überhaupt wirkt manches wie zusammengeschnipselt.
JOHN MAUS’ „Songs“ ist ein seltsames Album, bei dem ich mir wirklich den Kopf darüber zerbrochen habe, ob es eine positive Rezension verdient. „Songs“ verdient es jedenfalls, „ambivalent“ genannt zu werden. Am Ende der 45-Minuten Spielzeit war ich erschöpft, irritiert und hoffnungslos. Das ist auch was!
Kurz noch für die Neofolker, Punks und Cold-Waver: Das Album dürfte Fans von
DAVID E. WILLIAMS,
MONTY CANTSIN,
WINSTON TONG (TUXEDOMOON) oder sogar von TOMMI STUMPFF besonders gelegen kommen. JOHN MAUS hat auf seiner Myspace-Seite (die dort zu hörende Musik ist nicht vom Album) einige Zitate besonders negativer Rezensionen gesammelt, bei einer heißt es: „If it is supposed to be funny, it is not. If it is meant seriously, then Maus needs some SERIOUS help.“