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Axel M.

CHARLOTTE GAINSBOURG: 5:55

Durch die Nacht in den Morgen


CHARLOTTE GAINSBOURG: 5:55
Genre: Singer/Songwriter
Verlag: Because Music
Medium: CD / LP
Preis: ~18,00 €
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 “Sie hat die Figur der Mutter und die Nase des Vaters.”

CHARLOTTE GAINSBOURG wurde 1971 als Tochter von SERGE GAINSBOURG und JANE BIRKIN geboren. Beide Namen bedürfen sicherlich keiner näheren Erklärung.

Das führt natürlich unweigerlich zu dem Rückschluß, daß eine Kindheit im Schatten dieser beiden Talente nicht ganz einfach sein kann. Das hat CHARLOTTE GAINSBOURG auch in vielen Gesprächen bestätigt. Für sie ist laut eigener Aussage dieser hier vorliegende Tonträger ein Befreiungsschlag aus dem Schatten ihres berühmten Vaters. Die virtuelle Nabelschnur zur Mutter konnte sie bereits recht früh zerschneiden durch ihre schon im zarten Teenageralter begonnene Schauspielkarriere.

Ihr erstes Album, das 1986 veröffentlichte „Lemon Incest“, bestand ausschließlich aus von ihrem Vater komponierten Liedgut, unter anderem das skandalträchtige Titelstück. Ihre Stimme war dem Alter entsprechend noch mitten im Stimmbruch, aber trotzdem wird dieses Album für mich immer den Musikstil verkörpern, den wohl nur Franzosen hinbekommen, nämlich die pure Freiheit verströmende Atmosphäre von frühreifem Sex am Rande des Verbotenen, gerahmt in einprägsame Melodien und dazu der wunderschöne Klang dieser Sprache, für die ein französischer Künstler sich auch nie geschämt hat.

20 Jahre später nun liegt ihr zweites Vollzeitalbum (als CD und Doppel-LP) mit dem Titel „5:55“ vor, und zwar mit einer Ausnahme komplett in englischer Sprache gesungen. Die Texte sind im minimalistisch gestalteten Klappcover innen abgedruckt. Musikalisch begleitet wurde sie von dem Elektronikprojekt AIR, produziert hat NIGEL GODRICH (RADIOHEAD), Texte von JARVIS COCKER (PULP), NEIL HANNON (DIVINE COMEDY) und natürlich ihr selbst. Die Hintergrund-Streicher wurden von DAVID CAMPBELL angeleitet, der einigen vielleicht aus der Zusammenarbeit mit LEONARD COHEN bekannt ist. Zu guter letzt der nigerianische Schlagzeuger TONY ALLEN.

Natürlich klingt ihre Stimme jetzt wesentlich reifer, und musikalisch ist das für mich gehobener Pop, mit einer für unsere französischen Nachbarn typischen Melancholie. Es ist kein Album, das man im sonnendurchfluteten Kaffeehaus hören möchte und wird. Und auch wenn CHARLOTTE GAINSBOURGs Intention vielleicht eine andere war – für mich steckt in den Liedern immer noch viel von ihrem Vater, aber mal ganz ehrlich – es gibt wesentlich schlechtere Vorbilder.

Und das fällt auch gleich im Titelstück „5:55“ auf, mit dem Seite 1 beginnt: ein lockeres Pop-Stück mit baudellairescher Lyrik: „The very dead of night where time and space stand still.“ Das sind die kleinen feinen Phrasen, die ihren Vater so groß und bedeutend gemacht haben.

„AF607105“ ist für mich eine Art melancholischer Wohlfühlmusik („We wish you all a very happy pleasant flight“) – und dieser Flug wird dann mit der B-Seite fortgesetzt:

„The Operation“ ist purer Neon-Rock’n’Roll mit einem treibenden Baß, ich denke, ihr könnt euch vorstellen, was ich damit meine. „Tel Que Tu Es“ ist das einzige fast ausschließlich französisch eingesungene Lied und bedeutet „Come As You Are“. Filme wie BETTY BLUE oder DIE LIEBENDEN VON PONT NEUF laufen da vor meinen Augen ab. „The Songs That We Sing“, auch als Single-Auskoppelung erhältlich, ist CHARLOTTEs Philosophie des 21. Jahrhunderts – eine schöne Portion Pessimismus, was Verse wie „I saw a photograph, a woman in a bath of hundered dollar bills – if the cold doesn’t kill her, money will“ beweisen.

Seite C, “Beauty Mark” klingt wie ein elektronischer LEONARD COHEN, gefolgt von “Little Monsters” (“I could handle sticks and stones, but those words still break my bones”) und “Jamais” (von dem leider die Texte nicht abgedruckt sind).

Seite D beginnt mit dem leicht experimentellen „Night-Time Intermission“ – Hintergrund-Dialoge in die Musik gemischt, kein wirklicher Gesang. „Everything I Cannot See“ erinnert dann an SERGE GAINSBOURGs Meisterwerk „Histoire De Melody Nelson“, das ein Rezensent mal als nihilistische Porno-Oper bezeichnet hat: „So I carry the flowers that are dead in my hands…“

Mit „Morning Song“ geht die Nacht dann zuende: „To get to the morning first you have to get through the night…“

Auch wenn ein Großteil der Lieder nicht aus ihrer Feder stammt, sind sie trotz allem 100 Prozent auf sie zugeschnitten.

SERGE kann jetzt in Frieden ruhen – seine Tochter ist erwachsen geworden.

Axel Meese, April 2007


 
Axel M. für nonpop.de



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Zusammenfassung
-

Inhalt
5:55
AF607105
The Operation
Tel Que Tu Es
The Songs That We Sing
Beauty Mark
Little Monsters
Jamais
Night-Time Intermission
Everything I Cannot See
Morning Song
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