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Michael We.

POST SCRIPTVM: Raspad

Industrial-Aufbruch aus Russland


POST SCRIPTVM: Raspad
Genre: Industrial
Verlag: TESCO
Vertrieb: TESCO
Erscheinungsdatum:
Januar 2007
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: TESCO


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Eine Industrialplatte zu besprechen und einzuordnen, ist immer schwierig. Zu viele Genredefinitionen gibt es, und zu beliebig wird der Begriff inzwischen allen möglichen anderen Stilen voran- (Industrial Metal, Industrial Rock) und nachgestellt (Ambient Industrial, Electro Industrial). Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt von 'Industrial' sprechen darf. Puristen glauben, dass nur die Bands dazu zählen, die ins Umfeld des INDUSTRIAL RECORDS-Labels gehörten, das 1976 von THROBBING GRISTLE gegründet wurde. Alles andere müsste demnach einfach nur 'Post-Industrial' heißen. Ich erlaube mir bei der Besprechung von 'Raspad' (Zerfall) trotzdem, bei 'Industrial' zu bleiben, zumal das aktuelle Album von POST SCRIPTVM vom (Industrial)Label TESCO auch so einsortiert wird. Außerdem kann sich darunter immer noch jeder etwas vorstellen: Klänge, die an industrielle Produktion erinnern und Wortsamples mit aufrüttelnder Thematik zum Beispiel. Die Russen von POST SCRIPTVM bieten auf ihrer zweiten regulären Veröffentlichung aber noch viel mehr als das. Auch Elemente, die ganz sicher überhaupt nichts mit ursprünglichem Industrial zu tun haben. Diese Spannbreite macht das Album für mich zu einem Highlight, um das Fazit ausnahmsweise einmal schon vorweg zu nehmen.

'Raspad' beginnt mit dem knapp elfminütigen 'Crepusculum' (der physikalische Begriff für Dämmerung). Wind weht, Loops von summenden und sirrenden Insekten liegen über einem leichten Donnern - und schon nach zwei Minuten passiert etwas völlig Überraschendes: Eine Stimme singt, die aus einem der bezauberndsten Folkalben von COCOROSIE stammen könnte (und die nachher auch in anderen Tracks wieder auftaucht). Spätestens nach drei Minuten hat einen das Album 'geschluckt': Die Langsamkeit, die Intensität und die Ästhetik, mit der hier - teilweise - Industrialmusik präsentiert wird, ist berauschend. Selbst nach dem Verklingen der Stimme, wenn 'Crepusculum' zu einem eher klassischen Industrialtrack wird, mit hochfrequenten Störgeräuschen und undefinierbaren Samples, bleibt die Erhabenheit noch haften, bis der Track mit künstlichem Regen aufhört, so wie er mit Wind angefangen hat.
'Declension' (Niedergang, Track 2) fängt mit abgehackten Samples von Silben an, so wie sie Avantgardekünstler gerne verwenden oder Elektropioniere wie JEAN-MICHEL JARRE verwendet haben. Und auch hier gibt es schon nach wenigen Sekunden die nächste Überraschung: ein Rhythmus! Er schleicht sich langsam an, wird noch versteckt von einem Dröhnen und gibt sich dann zu erkennen. Die Tüftler von KRAFTWERK würden Beifall klatschen. Spätestens hier zeigt sich ein wichtiges Credo von POST SCRIPTVM: Nie zuviel auf einmal! Ein Effekt nach dem anderen, langsam, von vorn nach hinten oder von links nach rechts. Ein Statement gegen das Überfrachten. 'Declension' endet dann nach knapp sieben Minuten wie eine Dampflok, der die Kohlen ausgehen.
'Purge Echelon' (die reinigenden Truppen), das dritte Stück,  hat mich zu Beginn leicht an 'People Are People' von DEPECHE MODE erinnert. Das Gehämmere klingt tatsächlich wie eine marschierende Armee, und der Schlachtruf passt dazu. Die Truppen ziehen ab, und es setzt wieder ein Rhythmus ein, der eine stampfende Riesenmaschine aus 'Star Wars' nachahmt, untermalt vom einfachen Geräusch eines klopfenden Stahlrohres. Ein weiteres Geheimnis von POST SCRIPTVM: Sie verwenden virtuos digital erzeugte und analog aufgenommene Sounds nebeneinander, was das Produkt organisch macht. Bei aller Liebe zu technischen Spielereien, aber was klingt mehr nach industrieller Produktion aus den Tiefen eines Fabrikkellers als ein Stahlrohr?
Nach dem Flüstern, das Track 4 ('Ruins Of Men') einleitet, wartet ein von Störgeräuschen überlagerter und verfremdeter Priestergesang und die Ruhe eines permanenten, dunklen Brummens. 'Exacerbation' (Verschlimmerung, Track 5) ist der unruhigste und härteste Song der CD. Dunkle Bässe wie Gewehrfeuer, Schreie und viele verschiedene Sounds auf einmal - das Stück liegt dem klassischen Industrial am nächsten. Offenbar findet hier der im Albumtitel beschriebene Zerfall statt, es bröckelt, bröselt, kreischt und sägt an allen Ecken und Enden. Aber der kurze Auftritt der 'COCOROSIE-Stimme' deutet schon an, was im letzten Track ('Fever Dream') musikalisch passieren wird. Nach einem Dahindriften (wirklich wie im Traum) durch seltsame Geräusche (Autohupen? Telefontuten??) endet alles in Harmonie, versöhnlich, mit ein wenig Gesang.

'Raspad' hat etwas von einem HIERONYMUS BOSCH-Gemälde: Es ist rauschhaft, gewaltig, morbide, bilderreich und feiert den Untergang. Ich dachte bisher, dass Industrial per se nicht schön sein darf, aber ich bin belehrt worden. Zu diesem Eindruck passt auch das stilvoll-düstere Artwork: außen ein matter, brauner Karton, die CD selbst bedruckt mit dem Ausschnitt eines Gemäldes, auf dem russische Bauern riesige, aber nicht unschöne Heuschrecken verjagen. Bei der Musik auf 'Raspad' überwiegt zwar das Industrielle, aber immer, wenn man es nicht erwartet, greifen POST SCRIPTVM in die Trickkiste und zaubern. Zu diesem magischen Effekt trägt die schon erwähnte Zeitlupentechnik bei, das langsame Zelebrieren einzelner Effekte, alle hervorragend bearbeitet von JEROME NOUGAILLON von PROPERGOL (die vielen Stereoeffekte kommen natürlich am besten unter einem Kopfhörer). Ich hatte in letzter Zeit den Eindruck, dass es bei vielen Industrial-Platten nur darum ging, noch mehr Sounds übereinanderzulagern und noch wüster und irritierender zu klingen. Das mag dem aufrüttelnden Grundprinzip des Genres genügen. Aber 'Raspad' zeigt viele andere Ideen und Möglichkeiten der Entwicklung von Industrial auf und ist deshalb für mich eine der besten Veröffentlichungen, die passieren konnte.

Falls die Puristen jetzt böse auf mich sind und über eine weitere Genre-Verwässerung schimpfen, hier ein Versöhnungsangebot: POST SCRIPTVM klangen vor knapp zwei Jahren, auf ihrem noch erhältlichen Vorgängeralbum 'Marginal Existence' (HERMETIQUE, 2005) viel, viel mehr nach klassischem Industrial. 'Isolation Of Sores' etwa ist ein einziges Bombardement an trommelfellstrapazierenden Frequenzen. Was da wohl zwischen den beiden Alben passiert ist?

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» POST SCRIPTVM

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Zusammenfassung
Ein Hieronymus Bosch-Gemälde des Industrial: rauschhaft und morbide. Überraschende Sounds machen 'Raspad' zu einer der aufregendsten CDs des Genres der letzten Zeit. Aufgrund seiner Anti-Industrial-Tendenzen wird das Album die Diskussion um das Genre und seine Grenzen (wieder einmal) neu beleben.

Inhalt
Schlichtes Digipack, wunderschön bedruckte, auf 600 Exemplare limitierte CD.

1. Crepusculum
2. Declension
3. Purge Echelon
4. Ruins Of Men
5. Exacerbation
6. Fever Dream
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