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Dominik T.

SIEGE: Drop Dead

Klassiker an der Schnittstelle Hardcore/Grindcore von 1984


SIEGE: Drop Dead
Genre: Hardcore-Punk
Verlag: Deranged...
Medium: CD
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Achtung! Rezensiert wird hier anlässlich der Wiederveröffentlichung über das us-amerikanische Hardcore-Punk Label DERANGED ein absoluter Klassiker extremer Musik: SIEGE „Drop Dead“. Das Album wurde 1984 „nur“ als Demokassette in geringer Auflage veröffentlicht verbreitete sich damals jedoch in der damaligen Hardcore- und der sich konstituierenden Death Metal-Szene weltweit wie ein Lauffeuer. Die Demokassette markiert genau den Übergang zwischen Hardcore und Grindcore, letzteres ein Begriff, der sich erst in Folge von SIEGE und anderen entwickeln sollte.
SIEGE stammten aus der Nähe von Boston, spielten ihre meisten Konzerte jedoch in entfernteren Regionen, so dass sie weder wirklich zu der berüchtigten „Boston Crew“ um SS DECONTROL gezählt wurden, noch sich selbst als „straight edge“ definierten, obgleich sie z.B. zusammen mit DYS, einer weiteren Band der ersten Bostoner Hardcore-Generation, Konzerte bestritten.
Ihre Bandgeschichte ist alles in allem etwas unglücklich zu nennen. Bei ihrem ersten Konzert, irgendeinem Schülerbandwettbewerb ihrer High-School, wurden sie direkt disqualifiziert, da ihr Bassist HANK McNAMEE sein Instrument zertrümmerte. 1985 sollten sie dann erstmalig im fernen New York zusammen mit den NECROS spielen, doch ihr Sänger KEVIN MAHONEY erschien gar nicht erst. So endete ihre "Karriere" nach einer Handvoll Konzerten, der „Drop Dead“ Demokassette und drei Compilationbeiträgen auf dem legendären „Cleanse The Bacteria“-Sampler (1985) reichlich unspektakulär und etwas abrupt.
Umso spektakulärer ihr Stil, der dem Anfang der 80er radikalsten und schnellsten Hardcore-Sound von DISCHARGE aus dem fernen Europa (England) noch eins draufsetzte. SIEGE waren jedoch in diesem Übertrumpfgebaren nicht allein, die ganze Hardcore-Szene, speziell um Boston, stachelte sich zu immer neuen Geschwindigkeitsrekorden an. „Partners in Crime“ waren vor allem DEEP WOUND aus New England, mit denen sie auch zusammen spielten und die sich erstaunlicherweise zu einer Art Nukleus der kommerziell ungleich erfolgreicheren Alternative-Rock Band DINOSAUR JR. entwickeln sollten, sowie GENOCIDE, die späteren REPULSION, die aufgrund ihrer Zombie-Texte in der extremen Metalszene noch etwas heimischer waren.
Die beschreibung des Stils erübrigt sich eigentlich fast, dennoch: SIEGE zockten ihre zwei, drei Minuten rasend schnellen Hardcorenummern mit einer auch heute noch verblüffenden Brutalität runter, jedoch noch ohne "Blastbeats", da hatten GENOCIDE/REPULSION ihnen etwas voraus. KEVIN MAHONEY schrie sich dazu mit flinker Zunge die Seele aus dem Leib, teilweise versteht man ihn noch, andererseits nimmt er schon den für Grindcore typischen Hochton-Geschrei vorweg. In einer Wissenschaft der Metal Schrei-und Grunzlaute würde man dies dem Black Metal-Gekrächze verwandt ansehen, doch ist das Grindcore-Krächzen, exemplarisch sehr gut vorgeführt auf dem BRUTAL TRUTH-Klassiker „Extreme Conditions Demand Extreme Responses“ (1992),  rein „irdisch“, außerdem wird häufig durch einen "Pitch-Shifter" nachgeholfen, während solche Laute im Black Metal mehr eine „heilige Wut“ evozieren sollen und ja eh so richtig erst mit DARKTHRONEs „A Blaze In The Northern Sky“ (1994) konstitutiv wurden.
Charakteristisch für den SIEGE-Stil ist, dass sie sich nicht auf die pure Raserei beschränken. „Conform“ etwa bietet in knapp zweieinhalb Minuten ein stetes Wechselspiel zwischen schleppenden Riffs und Schnelligkeitsausbrüchen, die das Ganze nur noch brutaler und vor allem „catchy“ wirken lassen (sterbenslangweilige Idioten wie MARDUK werden die Vorteile eines solchen Wechselspiels nie begreifen). Unbedingt erwähnenswert ist noch, dass Sänger MAHONEY auf dem „Cleanse The Bacteria“-Stück „Walls“ sogar das Saxophon auspackt, was dem eher schleppenden Song keinesfalls die Brutalität nimmt, ein Hauch von JOHN ZORN bzw. NAKED CITY lag hier bereits 1985 in der Luft.
Irgendwie lustig auch die Texte, die selten dämlich „freie Grenzen“ („Walls“) predigten oder „Rassismus“ bzw. besonders lachhaft, weil so folgenlos auf pure Wünschbarkeiten abzielend (der Kardinalfehler jeder Art von Liberalismus) „Konformität“ geißelten. Frei nach BOYD RICE, der sinngemäß einmal sagte, er habe außer TINY TIM niemals einen „Individualisten“ getroffen, besonders nicht unter denjenigen Spezis, die immer behaupten ein solcher zu sein, wäre ich mal ganz froh, würde es Punk Bands gäbe, die den Wert des Untertanengeistes predigen.
SIEGE sind übrigens trotz dieses frühen, offensiven Antifa-Bekenntnisses „ambivalenter“, als man zunächst vermuten könnte. Das hängt damit zusammen, dass sich die verbliebenen Bandmitglieder wohl aufgrund des posthumen Kultstatus zusammen mit dem berüchtigten SETH PUTNAM (ANAL CUNT) als neuem „Sänger“ 1991 reformierten. Ein neuer, schlecht aufgenommener Song („Cameras“) mit PUTNAM erschien dann auf dem spaßig(?)-homophoben, auch von PUTNAM zusammengestellten Sampler  “13 Bands who think you`re gay”-Compilation, auf der sich auch exklusive Stücke von EYE HATE GOD, den kanadischen Witzbolden THOR, den unvermeidlichen ANAL CUNT, aber auch von der White Power Death Metal Band MUDOVEN befinden – „Turnitdown“ munkeln PUTNAM sei dort Mitglied. Abgesehen davon gibt es von SIEGE seit der angeblichen Neugründung keine Neuigkeiten, und es bleibt abzuwarten, ob sie unter der Führung PUTNAMS ähnlich pubertäre Wege beschreiten, wie all seine anderen „Bands“.
Fest steht, SIEGEs Proto-Grindcore ist seit 1985 kein bisschen gealtert und wirkt so frisch-brutal wie eh und je. Die DERANGED-Edition präsentiert das „Drop Dead“-Demo, welches damals vom HÜSKER DÜ-Produzenten LOU GIORDANO produziert wurde, digital remastert, sowie die drei Beiträge des „Cleanse The Bacteria“-Samplers. Nach verschiedenen posthumen CD-Editionen mit genau der gleichen Tracklist (die 12“ Vinyl Version von DEEP SIX RECORDS bietet gar noch zwei Songs unbekannten Alters mehr) ist dies die erste Wiederveröffentlichung, die in voller Kooperation mit der Band entstand. Aus diesem Grund ist es etwas bedauerlich, dass im Booklet (immerhin) nur die Texte abgedruckt sind, nicht jedoch mehr alte Photos oder  eine Bandhistorie. Das Label verspricht jedoch ein ausführliches Interview mit SIEGE auf ihrer Netzpräsens.
Die CD ist, obwohl nahezu alle SIEGE-Stücke Berücksichtigung fanden, nur siebzehn Minuten lang. Der Grindcore-Liebhaber kennt das und im Vergleich zur ANAL CUNT EP „5643 Songs“ (1989), die eben so viel „Songs“ innerhalb von elf Minuten (!) präsentiert, ist das immerhin eine echte Langrille.
„Drop Dead“ ist wie ein Tritt in die Fresse und gehört mit Sicherheit mit den legendären Alben von REPULSION, CARCASS, TERRORIZER und natürlich NAPALM DEATH, die SIEGE als ihr wichtigsten Einfluss benennen, zu den fünf Grindcore-Alben, die jeder in seiner Sammlung haben sollte (NAPAM DEATH coverten "Comfort" auf ihrem "Leaders Not Followers pt. II" Coveralbum (2004).) Gleiches gilt für Anhänger des extremeren Hardcores und Crustcores von z.B. D.R.I., SORE THROAT, DEEP WOUND, INFEST, AMEBIX oder DROPDEAD (woher bloß der Name stammt?).

Zum SIEGE-Kontext siehe auch: ALBERT MUDRIAN: Choosing Death Buchrezension

 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» sehr gute SIEGE Fanpage
» SIEGE Lyrics
» SIEGE Myspace inoffiziell
» SETH PUTNAM offiziell


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Kommentare
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Dominik T. (23-02-2007, 22:02)
Die Projekte von Barlow/Mascis sind ja im Namedropping enthalten (DEEP WOUND, DINOSAUR JR.)
If you like ultrafast, brutal speedcore you should already heard of SIEGE!!!
(23-02-2007, 11:24)
ansonsten kann ich mir nicht vorstellen das die gerade jetzt neue "fans" gewinnen könnten.
dem betreiber des lostandfound labels wurde seinerzeit (1993-94)massiv mit prügel gedroht sollte er die drop dead 7" veröffentlichen.
ach ja bei all den querverweisen und dem ganzen namedropping vermisse ich die herren mascis und barlow


http://www.austrinken.com/discographien/Siege/siege.htm

Zusammenfassung
Klassiker von 1984, neu aufgelegt und digital remastert von DERANGED RECORDS. Ein brutales Album, 17 Minuten an der Schnittstelle zwischen Hardcore und Grindcore.

Inhalt
1. Drop Dead
2. Conform
3. Life Of Hate
4. Starvation
5. Armageddon
6. Grim Reaper

Cleanse The Bacteria Compilationtracks
7. Sad But True
8. Cold War
9. Walls

Zweiseitiges Booklet, alle Texte und kleine Photos.
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