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Roy L.

REUTOFF: Three Withered Souls

Psychoambient aus Moskaus Vorstädten


REUTOFF: Three Withered Souls
Genre: Ambient/Noise
Verlag: Ewers Tonkunst
Vertrieb: Indiestate
Erscheinungsdatum:
Oktober 2006
Medium: 2xCD
Preis: ~18,00 €
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Eigentlich war es ja "Lina Baby Doll" (DEUTSCH NEPAL), der das russische Industrial- und Ambientprojekt REUTOFF bei seinem Auftritt anlässlich des ersten HEILIGE FEUER-Festivals in St. Petersburg im Dezember 2000 kennen lernte und für die europäische Szene entdeckte. Nachdem das Trio so einigen hiesigen Plattensammlern auf dem später erschienenen ersten Teil des gleichnamigen Festivalsamplers gewahr geworden sein dürfte, startete vor vier, fünf Jahren eine riesige Veröffentlichungswelle, die REUTOFF von einem namhaften europäischen Label zum anderen schwappen ließ. Inzwischen ist diese Flut etwas abgeflaut, wohl weil das gesamte, jahrelang aufgestaute Material nun schon in allen gängigen Formaten von 5-Zoll bis 12-Zoll publik gemacht wurde und die drei Russen nicht gerade als die Schnellsten gelten, wenn es um das Abschließen begonnener Werke geht. Der "Generalstab" jedenfalls gab sich damals höchst angetan und wunderte sich in einer Rezension zum dritten Album "Regno di Pianta", "ob es ‚nur' Wodka sei, der die Kehlen der russischen Avantgarde herunterfließt". Wahrscheinlich ist es wirklich mehr als hausgebrannter Kartoffelschnaps, zumindest bei REUTOFF glaubt man, eine gewisse magische Komponente hinzutreten zu spüren.
Mitya N, Arnold pR und WoWa [BT] sind gemeinsam in der Moskowiter Vorstadt Reutov aufgewachsen und kennen sich vermutlich seit Ewigkeiten. Der Ort ihrer Herkunft spielt, wie es der Projektname ganz explizit zeigt, eine entscheidende Rolle in den Veröffentlichungen von REUTOFF. Schenkt man den Erläuterungen der Band Glauben, so scheint ihre Heimatstadt von einer Art übernatürlichen, in manchen geistigen Kammern wahrnehmbaren Essenz durchdrungen zu sein, fast wie ein reelles Abbild der "Zone" aus TARKOWSKIJs "Stalker". Dem Mythos von Reutov kommt dabei zugute, dass in der Stadt zu Sowjetzeiten Raketen produziert wurden und dass man möglicherweise sogar an diversen Geheimprojekten arbeitete, der Ort sei zu damaligen Zeiten zudem auf keiner einzigen sowjetrussischen Karte verzeichnet gewesen. Reutov ist in REUTOFF stets präsent, es ist ein an sich mythischer Raum, der durch die Kunst nochmals gebrochen wird und dann in Konzepte eingeht, die expressionistische und dekadente Züge tragen. Ein dumpfer, unterirdischer Schmerz von orphischer Qualität brodelt hervor, urbane Existenzängste glühen auf, metaphysische Fluchten deuten sich an und werden von der Sogkraft des allseits lauernden Nihilismus geschluckt, ganz gleich ob es über die Benennung der Stücke ("Das Vakuum", "Eine Spottgeburt aus Dreck und Feuer"), über den Einsatz signifikanter Sprachsamples oder aber durch das schiere Anschwellen und Räumlichwerden verstörender Frequenzen geschieht. Besonders rückt der suburbane genius loci in den gestalterischen Mittelpunkt bei der immer noch nicht abgeschlossenen und als siebenteilig angelegten 7-Zoll-Reihe "ReuTRauM". Jede Single aus dieser Serie intoniert einen bestimmten Punkt, einen bestimmten Ort innerhalb und in der Umgebung der Stadt - Plätze, an denen das Überzeitliche aus allen Poren der Erde hervorzubrechen scheint und der Mensch, weiß er dieser Stimme zuzuhören, das Raunen einer magischen Geographie aus den Reizfluten herauszulösen vermag. Die meisten Tonträger von REUTOFF werden von Bildern und Photos der Stadt begleitet. Wir lernen Reutov kennen als ein historisches Labyrinth von vereinsamten Fabrikruinen, die überwuchert werden von Birkenwäldchen und industriellen Abfällen, leeren Wohnsiedlungen und Kindheitserinnerungen, roten Ziegelbauten, die von Inschriften übersät sind, Spuren der Zivilisation. Und hinter jedem Winkel verbirgt sich das REUTOFF-Gesicht, die Fratze, das Symbol eines wahnsinnigen, finsteren Lachens. Die Hieroglyphe ersetzt hier die Sprache, das archaische Schwingen des Dämoniums steigt empor, wenn die Worte verblassen und nicht mehr zu entziffern sind. REUTOFFs Tonschwall ist ein nicht enden wollender Herbst der inneren Vergangenheiten, ein Entlangschweifen an steinernen Mauern, ein laubbedeckter Pfad, der Höllen und Abgründe kennt und oft auch in Schlachthöfe und Existenzmaschinerien mündet.
Seit etwa neun Jahren arbeiten die drei an der magischen Vertonung von Schauplätzen ihres Heimatortes. Gemeinsam musiziert wurde jedoch schon vor REUTOFF, z.B. unter dem Namen QUATTRO BRAVO EBALLIEROS - dies eine eher alkoholische, politisch unkorrekte Wildsauerei, die in Form von urbanfolkloristischen Lo-Fi-Sessions seit 1995 anhält und hoffentlich niemals ein Ende nehmen wird. 1998 bannte man die beiden ersten REUTOFF-Alben "Das Absterben" und "Three Souls For A Reasonable Price" auf Magnetbänder und veröffentlichte sie in Eigenregie über HOUSE OF MIRKMOON. Nachdem sich fünf Jahre später die Qualität dieser Tapes endlich in Westeuropa herumgesprochen hatte, fertigten die italienischen BLADE RECORDS Wiederveröffentlichungen auf CD-R in labeltypischer, wunderschön handgemachter ("Das Absterben" mit individueller Fliese; "Three Souls..." in versiegelter Holzbox) und streng limitierter Auflage an, die schnell vergriffen waren. Weil die Band ohnehin mit neuem Material auf sich warten lässt und dieses gerüchteweise wieder etwas "back to the roots" sein soll, macht es durchaus Sinn, dass INDIESTATE beide Alben, noch einmal frisch abgemischt und mit reichlich Bonusmaterial (knapp 36 Minuten) versehen, vor wenigen Monaten als Doppel-CD vorgelegt haben.
Die frühen REUTOFF-Aufnahmen verdienen zurecht das Prädikat ‚archaisch'. Sie wirken weitaus schräger und unkonventioneller als die etwas assimilierteren europäischen Veröffentlichungen. Auf diesen beiden Alben klangen REUTOFF in der Tat noch sehr russisch, gerade auf "Das Absterben" ist ihr Ambient, wenn überhaupt, von unmilitärischen Rhythmen und organischen, nicht unbedingt düsteren, aber irgendwie psychedelischen Atmosphären durchsetzt. Man muss insgesamt eher an MUSHROOM'S PATIENCE denken als an COLD MEAT oder MALIGNANT, gleichwohl die Russen trotzdem richtige Landschaftsmaler sind und u.a. mit "Winter" ein schneeiges, statisches Naturbild mit geübter Tristesse und brodelndem Unterbewusstsein heraufbeschwören können. Manche Stücke aber, wie "Das Vakuum" (mit "Erlkönig" Samples), "It Enters Me" und "Waste" haben dagegen etwas Hörspiel- oder Theatercharakter, andere wiederum ("White Dance", "Libera Me") sind in ihrer elektrorockigen Ausprägung fast schon tanzbar.
Obwohl nahezu zur selben Zeit entstanden macht das zweite Tape "Three Souls For A Reasonable Price" einen weitaus reiferen Eindruck. Vielleicht, weil es in sich stimmiger ist und keine echten stilistischen Ausreißer kennt. Man müsste eine Art "Avantgarde- oder Psychoambient" ansetzen, um hier halbwegs mit Begrifflichkeiten Fuß fassen zu können. Die mitunter recht langen Titel entfachen hier eine infernalische Szenerie kafkaesker Leidenskammern und Subwelten, die erfüllt sind von einem schweren Schauer der Erinnerung. Es lässt sich nur mühsam in feste, zähe Worte gießen - diese Klangcollagen sind durchaus nicht besonders krachig, auch nicht auf eine andere Weise explizit provozierend oder verdüsternd, aber tief in ihnen pulsiert etwas Verstörendes, Klaustrophobisches, das auf ganz seltsame Weise unter die Haut geht. Vieles geschieht über ganz minimalistische, manchmal etwas kratzende, schabende Droneloops, Echo- und Reverbeffekte, die wie in einem endlos langen Korridor verhallen, dann plötzlich Stimmen, Flüstern und Peitschenhiebe, seltsam verzerrte Jahrmarktskeyboards, Grollen und Schläge, die sich zu latenten Rhythmusstrukturen aufschwingen, ein hintergründiges Stöhnen und Seufzen, das melodisiert. Die dunkleren Passagen erinnern zudem nicht wenig an CISFINITUMs göttlich verwehte, weite "Landschaft" (CD-R, INSOFAR VAPOR BULK, 2000), aber VORONOVSKY hat gegenüber REUTOFF den mathematischeren, musikalischeren Kopf, bei ihm herrscht absolut kein Chaos, kein Zufall, wie mancherorts in den hier vorliegenden Kompositionen. Das auf dieser zweiten CD vor allem erwähnenswerte "At The Gates Of Enchanted Garden" ist in seinem Wesen reine Meditation, reines Schweben des Geistes zwischen den anbrausenden, sanft sägenden Wellen dieser leicht indisch angehauchten Drones. Hier duftet das Laub von tausend im Traum durchwanderten Alleen, hier naht das kahle Antlitz des Winters mit seinen klirrenden Winden, hier strömt die Seele in ein größeres Bild des Gleichgewichts. Ein wahres Gänsehautstück.
Bei den vier sehr weit ausgedehnten Bonustiteln handelt es sich im Grunde um aktuelle, ziemlich modern ausgefallene Remixe von Tracks aus der "Maska"-Zeit. Man merkt diesen Stücken auch etwas mehr Schlitzohrigkeit und Professionalität an. Gerade der, warum auch immer, nicht in der Titelliste erwähnte und daher unbekannte Mix von "Black Mirror" vom ersten Silberling glänzt durch elektrifizierend prickelndes Hereinstoßen messerscharfer Noises in ein tarkowskijgemäßes Sphärenmosaik. Auf der zweiten CD sorgt das Zusatzmaterial außerdem hier und da für rhythmusbetonte, harsch verzerrte Beat-Überraschungen. Ein bisschen wie altbekannte REUTOFF vs. bessere ANT-ZEN. Und das fügt sich nicht einmal deplaziert ins Gesamtbild dieser Zusammenstellung. Vermutlich wird ein in unbestimmter Zukunft erscheinendes neues Album ähnliche Wege beschreiten.
Dank "Three Withered Souls" sind dem zeitgenössischen Szeneuntergrund zwei inzwischen ausverkaufte Werke wieder zugänglich gemacht wurden, die für die REUTOFF-Historie insofern interessant sind, als sie noch diesen hundertprozentig russisch-industriellen Esprit mit sich führen, der sich eher psychedelisch als düster ausnimmt. Auf dem späteren Album "Regno di Pianta" findet dieser dann seine kühle Perfektionierung. Es lässt sich bei REUTOFF natürlich immer sehr viel aus dem Reutov-Mythos in die Stücke hineininterpretieren, man kann nachträglich romantisieren, mystifizieren und mehr darin sehen, als überhaupt vorhanden ist. Aber es gibt auch andere Bands, bei denen der "Überbau" das Akustische wie ein Felsvorsprung überragt und im vorliegenden Fall ergeht sich die geistige Komponente im Aufspüren verborgener Quellen und dem Hereinziehen des Überweltlichen ins Tonale/Atonale.
Auch die Gestaltung ist noch eine Erwähnung wert. Das Coverbild ruft bei mir unterbewusste Assoziationen mit STANISLAW LEMs intellektuell überhöhten ‚utopischen Romanen', (insbesondere "Eden") wach. Diese dornenartig, sich ineinander verkrallenden Haut- und Knochenwesen spiegeln in erschreckend deutlicher Weise wider, wie sehr REUTOFFs Musik von einem bis aufs Äußerste entstellten, verformten Schmerz durchdrungen ist. Anders muss es gar nicht auf den Punkt gebracht werden.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Reutoff

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Zusammenfassung
Mit "Three Withered Souls" sind zwei ausverkaufte Werke wieder erhältlich, die für die REUTOFF-Historie insofern interessant sind, als sie noch diesen hundertprozentig russisch-industriellen Esprit mit sich führen, der sich eher psychedelisch als düster ausnimmt. Enthält über 30 Minuten Bonustracks.

Inhalt
CD1: "Das Absterben"

White Dance (Voiceless Version)
Allegoria No. 4
Dies Irae
Das Vakuum
Regennon
It Enters Me
Libera Me (Muted)
Waste
Red Luna (Edit)
Winter (1998 Total Remake)
Mask*
Black Mirror (unbekannter Remix)*

75min

Erstauflage:
C-60 Tape | House Of Mirkmoon HOMe 017 | 1998

Zweite Auflage:
CD-R mit Fliese | Blade Records WMDA036 | 2002 | limitiert auf 190 Kopien


CD2: "Three Souls For A Reasonable Price"

Hypnerotomachia (3rd Scene)
Life Beyond The Peril
Typus Et Imago
At The Gates Of Enchanted Garden
Eine Spottgeburt aus Dreck und Feuer
Hoellenfahrt
Final Arcane*
Black Mirror (Broken Glass)*

77min

Erstauflage:
C-60 Tape | House Of Mirkmoon HOMe 019 | 1998

Zweite Auflage:
CD-R in Holzbox | Blade Records WMDA025 | 2001 | limitiert auf 110 Kopien



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