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Dominik T.

IGOR KRUTOGOLOV: White

Klassische Avantgarde eines AGNIVOLOK-Musikers


IGOR KRUTOGOLOV: White
Genre: Avantgarde
Verlag: Tophet...
Medium: CD
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IGOR KRUTOGOLOV, auch als IGOR18 (unter dem Namen z.B. auf dem "Infernal Proteus"-Sampler) bekannt, ist ein Russe jüdischer Abstammung aus Tel Aviv, Israel. Die "Neofolkszene" kennt ihn als Mitglied von AGNIVOLOK. Zudem steht er dem recht interessanten Old School Industrial-Projekt NEW JERUSALEM DEFENSE FORCES (bisher nur ein Beitrag auf "Tel Aviv Aftermath") vor, betreibt aber auch eine Freestyle Klezmer-Band namens KRUZENSHTERN & PAROHOD, sowie THE CROSSFISHES, ein weiteres Jazz-Noise-Projekt, bei dem auch VADIM GUSIS (CHAOS AS SHELTER, AGNIVOLOK) mit von der Partie ist.  Hinzu kommt ein TOY ORCHESTRA bzw. die IGOR KRUTOGOLOV'S KARATE BAND, welche dem streitbaren HENDRYK M. BRODER zufolge, der über KRUTOGOLOV auf "Spiegel-Online" schrieb, nach "Kindergeburtstag mit Kartoffelsalat und Wackelpeter" klingt.
Kurzum, IGOR KRUTOGOLOV ist eine zentrale Figur der israelischen Experimental-Musikszene, der langsam aber sicher immer bekannter wird. Unter seinem Namen veröffentlichte er bisher auf dem hochwertigen, amerikanischen GROUND FAULT RECORDINGS-Label oder auch bei den Landsleuten von TOPHET PROPHET, teilweise waren dies Splitveröffentlichungen mit CHAOS AS SHELTER, BASTARD NOISE oder TIDAL.
"White" ist nun erstmalig in Form einer Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Postindustrial-Label TOPHET PROPHET und AURIS MEDIA, einem ebenfalls israelischem Label für Experimentelle Musik erschienen. 
Zunächst die Eckdaten: Weiß scheint Programm zu sein. Das Cover ist weiß, angedeutet ist ein mächtiger Baum mit einem grasenden Pferd davor. Das Booklet umfasst vier Seiten, alle schneeweiß und ohne Text. 

Die Musik ist zunächst einmal klar dem Experimentellen, etwas "akademisch" wirkenden Bereich zuzuordnen, was das Beschreiben etwas schwierig macht. Zunächst lässt sich aber ganz simpel feststellen: Auf der CD regnet es! Ununterbrochen, von der ersten bis zur letzten Minute hört man das Plätschern der Regentropfen, die die einsetzende Musik begleiten und von ihr teilweise übertönt werden, aber immer wenn ein Stück vorbei ist, stellt man fest, es regnet immer noch. So ein Sauwetter, auch im Heiligen Land!
Zur Klangerzeugung benutzt KRUTOGOLOV einen Bass mit Bogen, verschiedene Streich- und Seiteninstrumente, eine Flöte und wohl eine Art Harmonium. Dazu lässt ein IDO AZARIA einige Glöckchen läuten. Nebenher singt IGOR KRUTOGOLOV ein wenig, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne und auch ohne Text.
Rein formal ist die Kategorisierung sicher nicht ganz korrekt, aber da sehr viel mit Wiederholungen gearbeitet wird, ist "White" vom Hörgefühl her ein wenig wie ein Minimal-Music-Album, gemeint ist jenes Genre der klassischen Avantgarde, dessen Ursprünge bei LAMONTE YOUNG und TERRY RILEY zu suchen sind, via PHILIPP GLASS heutzutage kommerzielle Erfolge einheimsen kann und über JOHN CALE/VELVET UNDERGROUND auch unterirdisch immer mal wieder seine minimalism">Wirkungen in der Rockmusik entfaltet (Beispiele wären SPACEMEN 3, SONIC YOUTH oder GASTR DEL SOL). Auch im engeren "Nonpop-Themenfeld" begegnet uns diese Musik. Es gibt z.B. Alben von NURSE WITH WOUND ("Soliloguy For Lilith", 1988, "Salt Marie Celeste", 2003) und COIL ("Time Machines", 2003), auf denen diese Kompositionsform mehr oder weniger klassisch ausprobiert wurde.
Im Sinne dieses Minimal-Music-Vergleichs erinnert "White" besonders an STEVE REICH, dem vielleicht interessantesten Minimal-Komponisten, der, so wie IGOR KRUTOGOLOV hier, viel mit "Field Recordings", also mit für den Zweck aufgenommenen Geräuschen der Natur oder des Alltaglebens, arbeitet.
Neben dem durchgehenden Regen, gibt es auf "White" eine ganze Reihe solcher "Field-Recordings", beispielsweise ein recht präsentes Knarren, ein wenig Kindergeschrei, Gewitterdonner, klagendes Rufen aus dem Off und Vogelgezwitscher.
Durch die eingewobenen Geräusche der spielenden Kinder erinnert "White" dann immer auch ein wenig an "Child & Magic" (1997), ein sehr interessantes Minimal-Music-Album des Japaners NOBUKAZU TAKEMURA, der seine Wurzeln eigentlich an den Turntables und im Trip-Hop-Genre hat und sogar mit den BOREDOMS zusammenarbeitete. Das Stichwort "Japan" macht auch insofern Sinn, als dass "White" passagenweise durch das Glockenspiel einen fernöstlichen Charakter gewinnt.
"White"“ ist aber auch kein klassisches Minimal-Album, die klagenden Streicher beispielsweise spielen richtig dramatisch-schöne, aber für Minimal-Music untypische Melodiebögen, die, um annähernd ein Szenevergleich zu bemühen, vielleicht ein wenig an den kolossalen "Children Of Nature"-Soundtrack von HILMAR ÖRN HILMARSSON erinnern, also jenes Album, welches die instrumentelle Basis der CURRENT 93/HÖH Zusammenarbeit „Island“ (1991) bildete. "White" klingt und vor allem ist jedoch im krassen Gegensatz zu diesem Klassiker viel organischer, soll heißen gar nicht mit Synthies beladen.
Die Geigen auf "White" betören durch einen leichten Klezmer-Klang, vielleicht ist dies jedoch auch nur Einbildung aufgrund der Herkunft des Musikers. Sicher ist in jedem Fall, die Musik ist tief schwermütig, feierlich, cineastisch, teilweise dramatisch und sehr dicht, jedoch niemals in einem hippiesk-zugedröhntem Sinne. "White" ist definitiv kein "Trip", dazu ist alles zu ernst, durchgeplant und akademisch.
Das Album, dessen sieben unbetitelte Kompositionen eine Einheit bilden, klingt am Ende mit einigen Minuten Regenrauschen aus, bis es dann irgendwann ganz ruhig ist, schön.
"White" wird Liebhaber solcher Komponisten wie TERRY RILEY oder STEVE REICH begeistern. Ebenso dürfte das Album aber auch ein Leckerbissen für jene "Zielgruppe" sein, die JOHANN JOHANNSSON, einiges vom TOUCH-Label, aber auch COLIN POTTER, ANDREW LILES, die "ernsten" NURSE WITH WOUND-Alben, ORGANUM oder die Minimal-Stücke von NOBUKAZU TAKEMURA schätzen. Das einzige Problem, das man mit einem solchen Meisterwerk haben kann, besteht darin, dass es recht viel Musik dieser Stimmungslage gibt und man daher nie so recht abschätzen kann, ob sich ein solches Album im heimischen CD-Schrank wird durchsetzen können. Trotzdem möchte ich jeden potenziell Interessierten dazu ermutigen, sich "White" zu kaufen, statt ständig irgendeinen halbgaren Ambient-Quatsch nachzulegen, Minimal-Music dieser Art ist auch kontemplativ und stillt "Szene-Ambient-Bedürfnisse" vielleicht sogar viel besser.

Siehe auch AGNIVOLOK

 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» IGOR KRUTOGOLOV Myspace
» Der Spiegel über Krutogolov
» AURIS MEDIA Records


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Zusammenfassung
Eine Art Minimal-Music. Schwermütig, getragen, feierlich und "akademisch".
Atmosphärisch dunkel, aber nicht hoffnungslos.
„White“ wird Liebhaber solcher Komponisten wie STEVE REICH begeistern.

Inhalt
Tracklisting:
1 Untitled
2 Untitled
3 Untitled
4 Untitled
5 Untitled
6 Untitled
7 Untitled

ca. 77 Minuten (ca. 15 Minuten "Regen", siehe Rezension)
Weißes Digipack, leeres, vierseitiges, weißes Booklet
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