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Roy L.

THOMAS NÖLA ET SON ORCHESTRE

"So Long, Lale Andersen"


THOMAS NÖLA ET SON ORCHESTRE
Genre: Walzer
Verlag: Eskimo Films...
Erscheinungsdatum:
September 2006
Medium: CD-Extra
Preis: ~11,00 €
Kaufen bei: Eskimo Shoppe


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Spätestens seit JOSEPHINE FOSTERs schwärmerisch teutonischem Schafspelz-Album und nun auch THOMAS NÖLAs neuerlichem Meisterwerk steht es definitiv fest: die Amis haben doch eine sentimental-perverse Schwäche für uns furchterregende "Krauts". Ob der Regisseur des kürzlich erschienenen Szenefilms "The Doctor" nun wirklich ein leidenschaftlicher Fan und Sammler von Lale 'Lili Marleen' Andersen-Platten ist... ich weiß es ehrlich gestanden nicht, vermute aber mal ein strenges Ja. Sein zweites, oder besser gesagt erstes richtiges Album ist deswegen allerdings keine Sammlung von Schlagern aus den 30ern/40ern geworden - obwohl, ganz verwerfen sollten wir diesen Gedanken auch wieder nicht.
Neben den umwerfend beschwingten Tanzschritten ist "So Long, Lale Andersen" mit ausreichend nostalgischen Mustern tapeziert, es atmet ein wenig muffigen Kammerspielduft und stürzt sich mit markanter Schräglage ins späte 19. Jahrhundert. Musikalisch und textlich wirkt das alles manchmal abgefahren bieder, aristokratisch poetisch, besoffen, höchst kultiviert und endlos kabarettistisch. Wie ein düsterkomödiantisches "Picknick am Valentinstag" mit Golfspielen und anderen Pläsierchen, zuckersüß und reichlich wirr im Kopf. Bereits das wohlstandsfamiliäre Landpartie-Coverbild schickt einen tiefen stilistischen Einblick voraus. NÖLAs staubiges Cocktail-Piano humpelt durch Upperclasskindergärten und spielt Ringelpietz mit dem bösen Wolf. Dreivierteltakt bis zum bitteren Ende, Walzer, Foxtrott, viel Bass und ein paar Gitarren. Die Stimme wirkt dazu passend finster und angetrunken, stilvoll und auch ein bisschen amerikanisch "cool". Sein burschikoses Orchester, das aus Blechtrommler und "Hi-Hat Man" DUSTIN (natürlich von DUSTMUFFIN & THE ALUMINUM CANS), dem bezaubernd provinziellen Stimmchen von MELISSEY CASTEVET (sie wirkte in "The Doctor" als "Frau des Doktors" mit...) und den cognacgeschwängerte Salonluft atmenden Cellotänzchen von KAREN S. LANGLIE (THE SOB SISTERS, WISTERIAX) besteht, folgt ihm mit trunkener Loyalität durch labyrinthübersäte Anwesen im "märchenhaften" Neuengland. Die Reise endet irgendwo zwischen verrauchten Jazz Bars und Wiener Opernball-Grandezza, eingewickelt in einer ungemütlich morbiden, charmanten Roulade mit Sauerkraut. Im Obergeschoss einer verlassenen viktorianischen Villa, die zur knarrenden Spelunke verkommen ist, tanzt TOM WAITS mit den Geistern frühverstorbener Dichter Foxtrott, am Nebentisch sitzen COIL und NOVÝ SVET und schunkeln benommen mit, während die Kellner WERMUT in geringer Dosis servieren. Manchmal, und besonders im Mittelteil, gleitet das Album in eher elektronische Spielereien mit Kinderstimmen und avantgardistischen Collagen ab. Kurze Zeit vorher krachen und beben die Dielen der morschen Tanzfläche unter dem magischminimalen Rhythmus des 80er inspirierten Wave Hits "Henry Pelham". Bei dem herrlich altmodischen, versifften "Foxhole Foxtrot" fließt der Alkohol in Strömen, getanzt wird auch, gemächlich, unterirdisch, surreal. Zu "Down The Well" säuselt die Belle Epoque "absolutement moderne" ihr nihilistisches, gewitztes Requiem, ein traurig-sarkastischer Selbstmordversuch und Sterbeschrei am feinen Gesellschaftsabend. Sodann "Snowy Border Crossings" - selten konnte ein Titel diese seltsam entrückten Klavierklänge, diese flüchtige Schwere auf den Tasten, dieses neblige "wer-reitet-so-spät-durch-Nacht-und-Wind" so präzise beschreiben und illustrieren. Dabei fällt auch auf: THOMAS NÖLA ist irgendwie unheilbar europäisch. Er ist ein verrücktes, liebenswertes Genie, und er erfindet hier einen völlig einzigartigen, grotesken Stil, der freilich seine Einflüsse aus tausend unterschiedlichen Filmatmosphären, Musiken und in Vergessenheit geratenen angloamerikanischen Dichtern (Washington Allston mag einer von ihnen sein) saugt und im nächsten Schritt alles in ein durch und durch anachronistisches Kostüm presst. 
Der Titelsong seiner Hommage (?) an die große blonde Schlagersängerin taumelt göttlich hin und her, wie eine beschwipste Kaffeehauskarussellfahrt mit straffen Celloarrangements, bis das unruhige Kreisen samt E-Gitarre in psychedelische Sphären hinaufschwebt und sich mit intensiver Geste verabschiedet. Die runden Kinderäuglein schließt uns NÖLA, deutsch singend, mit einer streicherbetonten, sacht dahinschmelzend elegischen Interpretation von Andersens "Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende". Was soll man dazu noch sagen?
Ein Videoclip zu "Kinderbund", der einen Einblick in NÖLAs exzellentes visuelles Schaffen bietet und stilistisch in der gleichen Tradition wie Musik und Covergestaltung steht, lässt sich ebenso auf der CD finden. Dieses grandiose Album bereitet so eine immense Portion Spaß und naive Tanzlust wie kaum ein Tonträger in den vergangenen Monaten und Jahren. Im Vergleich zu dem atmosphärisch ähnlich gelagerten Soundtrack zu "The Doctor", der mitunter in Zusammenarbeit mit DOUGLAS P. entstand, macht es einen weniger fragmentarischen, dafür umso songorientierteren und eingängigeren Eindruck, obschon auch hier der NÖLAschen Experimentierfreudigkeit genügend Raum zugestanden wurde. Für mich persönlich ist "So Long, Lale Andersen" kristallklar eine der drei, vier eindrucksvollsten Veröffentlichungen des laufenden Jahres, aber selbstverständlich braucht es einen gewissen Nostalgie- und "Retrogarde" - Fetisch und Humor, um hier der Meinung des Rezensenten sein zu können.

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Thomas Nöla et son Orchestre
» Eskimo Films

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Zusammenfassung
THOMAS NÖLA durchquert im teutonisch blonden Kinderbund die aristokratischen Vorgärten Neuenglands und erfindet auf den Spuren von Lili Marleen eine alkoholische Wiener Melange aus Psych, Walzer und Jazz, die sich besonders für verstaubte Belle Epoque Tanzflächen eignet. Umwerfend anachronistisch!

Inhalt
Kinderbund
Hi-Hat Men
Bicycle For Two
Henry Pelham
Washington Allston
The Posion Cameo
Rosy Cross Rag
Foxhole Foxtrot
Down The Well
These Strawberries Are Hideous
Snowy Border Crossings
So Long, Lale Andersen
Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende

44min

+ Videoclip "Kinderbund" / Multimedia-Part

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