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Roy L.

Espers :: II

flowers in the esperhouse...


Espers :: II
Genre: Folk (-Rock)
Verlag: Drag City
Erscheinungsdatum:
Mai 2006
Medium: CD / LP
Preis: ~14,50 €
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Es gibt unzählige Alben, die man nach ausführlichstem Durchhören auf irgendeine Weise zu lieben "gelernt" hat, da sie schlichtweg in einer Art Gewöhnungsprozess verinnerlicht wurden. Die meisten dieser Alben verharren dann auch im Rahmen der Erwartungen, sie bleiben in ihrer Entwicklung stecken und sind nichts weiter als für den Moment relativ hörenswert, weil man letztendlich immer auch mit weniger zufrieden ist. In einem substantiellen Durchdrungensein von Absolutheit dagegen enthüllt die angloamerikanische Folktruppe ESPERS ihr zweites, unbetiteltes Werk und macht dabei restlos alles zunichte, was uns in letzter Zeit die Gehörgänge verdorben und verunreinigt hat. Aber genug der Abstrakta, kommen wir auf den Punkt:
Die ESPERS aus Philadelphia haben sich vor drei, vier Jahren als relativ junges Trio, bestehend aus Meg Baird, Brooke Sietinsons und Greg Weeks zusammengefunden und eine blumig seichte neo-folkloristische LP aufgenommen, die in den USA nicht übel angekommen ist und einige Kritiker enthusiastisch gestimmt hat. Das namenlose Debüt war vor allem vom endlos ausgedehnten Zusammenspiel von gezupften Akustikgitarren und einem vor Acid triefenden E-Bow bestimmt, einige Längen und die allzu eindimensionale, homogene Atmosphäre trübten ein wenig das ansonsten gut arrangierte Erstlingswerk. Für meinen Geschmack wurden mir ESPERS damals, ähnlich der neuen Weird-Folk-Ikone DEVANDRA BANHART dennoch etwas zu sehr und zu unrecht gehyped, besonders da weitaus authentischere Künstler wie NICK CASTRO oder Steven R. Smith (HALA STRANA) dadurch leider ziemlich in den Schatten gerückt wurden. Aber, aus Fehlern soll man ja lernen und ich tue dies im Moment des Niederschreibens dieser Rezension. Später also erschien mit "The Weed Tree" eine durchaus interessante  Mini-LP voller Coverversionen, und inzwischen ist die Band zu einer sechsköpfigen Hippiefamilie angewachsen, die auf virtuose Weise ein Spektrum an Instrumenten bedient, von dem andere Projekte nicht einmal zu träumen wagen. Da erscheint es nahezu unnötig zu erwähnen, dass auf "II" mit einer mehr als hundertprozentigen Steigerung zu rechnen ist. Stilistisch und konzeptionell sind sich die ESPERS treu geblieben. Der 60/70er-Revival-Nachgeschmack wirkt in den sieben wiederum sehr langen, bis aufs äußerste durchkomponierten Stücken nicht mehr so künstlich und fadenscheinig wie beim ersten Album, sondern vielmehr erfrischend und offenherzig umgesetzt. Der Einfluss der altehrwürdigen INCREDIBLE STRING BAND, FAIRPORT CONVENTION, PENTANGLE oder PEARLS BEFORE SWINE ist zweifelsohne enorm, aber nicht allein ausschlaggebend. Den ESPERS ist es hier gelungen, den "alten Stil" mit den Möglichkeiten eines modernen Tonstudios zu konservieren und gleichzeitig trotzdem völlig anders und eigen zu klingen. Die traditionelle Grundierung der Gitarren wird exzessiv koloriert vom ergreifenden Hauch der Streicher, Flöten und einigen östlichen Spezialitäten, das Schlagzeug sorgt für mehr Songstrukturen und besitzt gleichermaßen größeres Potential zu epischen Ausuferungen. Alles ist erfüllt von einer beinahe beängstigenden Perfektion, alle Teile passen von vornherein harmonisch aufeinander, nichts stört oder verursacht Missklang, wodurch gleichsam der Eindruck entstünde, es gäbe auf diesem glattgeschliffenen Album keine wirklichen "Ecken und Kanten". Diese aber liegen in den subtil gesetzten Klangdetails verborgen, die u.a. in Form von Glockenspielen und analogelektronischen Orgeln die ohnehin schon gut ausgefüllten Kompositionen erweitern. Der große Überraschungseffekt ist hier nicht in unerwarteten Breaks zu suchen, sondern im scheinbar banalen Realisieren, dass es tatsächlich noch Bands gibt, die ein so immens hohes, intensiv gespieltes Niveau von Beginn bis Ende einer LP ohne Ausrutscher aufrechterhalten können.
Köstlich ist es dabei anzuhören, wie sich die Musik auf natürliche Weise viel Zeit zur Entfaltung lässt. Die sanfte Flower-Power-Hymne "Children Of Stone" breitet sich mit viel Cello auf neun Minuten aus und entwickelt dabei eine elegische, eindringliche Qualität. "Dead Queen" und "Moon Occultes The Sun" wirken in ihrer klassischen formalen Strenge etwas europäischer und erinnern zeitweise fast schon an die sinfonischen SOL INVICTUS oder ältere (und ganz neue!) CURRENT 93, nur dass die unterschwellig brodelnden E-Gitarren der ESPERS etwas mehr "Rock & Pop"-Charakter besitzen, als das Lagerfeuergeschraddel der unsrigen Neofolkhelden. Psychedelischer wird es bei "Mansfield And Cyclops" und "Dead King", die beide zum Ende hin mächtig über die Stränge schlagen. Letzteres ist zudem von einer schottischen oder vielmehr gälischen Atmosphäre durchtränkt, was nicht nur den Flöten sondern auch dem sehr traditionell orientierten, naturhaft schönen Gesang zu verdanken ist. Das düstere und rockige "Widow's Weed" bringt mit einem verhältnismäßig muntermachenden Schlagzeug etwas Dramatik in die ansonsten sehr linear verlaufenden Kompositionen und mit "Cruel Storm" gibt es zur Abwechslung einen balladesken, melancholischen Song, der mir ein wenig auch die eingängigeren THE TEAR GARDEN in den Sinn ruft. Auf dem ganzen Album wurde erstaunlicherweise das richtige Mittel zwischen alteuropäischer Jugendstil-Romantik und amerikanischer Pilz-Psychedelia gefunden und unter den Fittichen des umtriebigen und erfahrenen Greg Weeks (er betreibt natürlich ein Soloprojekt und zuletzt produzierte er die neue MARISSA NADLER 7" "Diamond Heart/Leather Made Shoes") mit viel Enthusiasmus eingespielt. Was wir hier vorliegen haben ist ein präzise intoniertes Meisterwerk voller Kreisläufe und dichterischem Überfluss, ein in jeder Hinsicht absolutes Album für luftige Sommerausflüge, blätterduftende Herbstnachmittage und kaminknisternde Winterabende. Wenn ESPERS Schritt für Schritt ihr zauberhaftes Liedgut entrollen, ist es, als würden tausend Blumen aus der Erde schießen und in einem Anflug von "world turn green" den Stahlbeton unserer betäubten Leidenschaften umschlingen. Blüten würden aus den Knospen brechen, manche von ihnen schön und endlos verziert, andere schon mit einem Zeichen von Tod und Verfall versehen, symbolisch und symbolistisch und alles wäre in ein Farbenmeer von Ekstase und Trauer getaucht.
 

 
CURRENT 93's neuer bärtiger Troll Ben Chasny (SIX ORGANS OF ADMITTANCE) hat über diese junge Band zurecht folgendes geschrieben: "once a dark paisely seed, Espers has now grown to a full forest for us to take shape and gather in happiness within".
Normalerweise mache ich mich wirklich nicht gern mit unsinnigen Kaufempfehlungen gemein, aber dieses Album ist in der Tat jedem wahren Folk-Enthusiasten ans Herz zu legen.

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Espers
» Drag City


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Zusammenfassung
Meisterlich-epischer Hippie-Folk mit vielen 60/70er Einflüssen, bei dem das richtige Mittel zwischen alteuropäischer Jugendstil-Romantik und amerikanischer Pilz-Psychedelia gefunden wurde. Ein Album für luftige Sommerausflüge, blätterduftende Herbstnachmittage und kaminknisternde Winterabende.

Inhalt
CD-Version:
Dead Queen
Widow's Weed
Cruel Storm
Children Of Stone
Mansfield And Cyclops
Dead King
Moon Occults The Sun

Vinyl-Version:
A:
Dead Queen
Dead King
Children Of Stone
B:
Moon Occults The Sun
Cruel Storm
Mansfield And Cyclops
Widow's Weed

50min

DC310CD | DigiPak
DC310LP | schwarzes Vinyl

europäische Lizenzausgabe (Rough Trade) erscheint am 28.07. bei Cooperative Music
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