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Axel M.

Scott Walker - The Drift

nach 11 Jahren das neue Meisterwerk


Scott Walker - The Drift
Genre: Post-Pop
Wörter: 1375
Erscheinungsdatum:
8.5.2006
Medium: CD / LP
Preis: ~16,00 €
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„Eine Platte, die tatsächlich so klingt wie nichts, was man bisher gehört hat… eine beängstigende, bezaubernde und befriedigende Erfahrung…“ Uncut

„anzuhören in totaler Dunkelheit, auf deinem Rücken liegend auf dem Teppich, und allein“ Independent On Sunday

„Scott Walker … macht Musik, die einige wenige andere sich gerade mal vorstellen können“ Mojo

Das sind einige Auszüge aus Rezensionen zu der neuen Scott Walker-Platte namens „The Drift“, seiner ersten nach 11 Jahren der Besinnung.

Scott Walker wurde als Scott Engel 1943 in Ohio geboren. In den frühen Sechzigern kam es zur Gründung der legendären WALKER BROTHERS. 1965 übersiedelte er nach England. Sein erstes Solo-Album, „Scott 1“, erschien 1967. Die Stilrichtung gaben einige von ihm interpretierte Jacques Brel-Lieder vor. Nach diversen Solo-Alben, die musikalisch immer kryptischer wurden, starteten die WALKER BROTHERS 1978 mit „Night Flights“ eine kurze Wiedervereinigung, aber das Titelstück selbst wurde letztendlich in der Version von DAVID BOWIE wesentlich bekannter. Sein 1983er-Album „Climate Of Hunter“ hatte musikalisch überhaupt nichts mehr mit dem früheren Schaffen zu tun, und ab da wurde auch eine Veröffentlichungsperiode von 10 Jahren und mehr eingehalten. Das 90er-Jahre-Werk „Tilt“ gab seiner einstigen Anhängerschaft dann wohl endgültig den Rest.

Sein neues Opus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sich diesmal das Independent-Label 4AD (Da erschienen damals die BAUHAUS-Sachen und Ähnliches.) auf die Fahnen geschrieben. Seine bisherigen Label, FONTANA, PHILLIPS und VIRGIN, hatten wohl angesichts des experimentellen Charakters keine Lust mehr. Und um es gleich vorweg zu nehmen: die Musik, die ihr hier zu hören bekommt, ist kein ANGELS OF ASHES (von der „Scott 4“, auch erschienen auf der 4 CD-Zusammenstellung „Looking For Europe“), ja sie hat auch rein gar nichts mehr zu tun mit dem damaligen Bombast- und Schmachtpop, der den Teenagerinnen feuchte Schlüpfer beschert hat. Es sind keine Lieder mehr, eher Geschichten, die er uns, instrumentiert mit Gitarre, Schlagzeug, Tasteninstrumenten, einem dominanten Baß und Streichern, um die Ohren haut. Das düstere Spiel des Basses gibt auch generell die Grundstimmung des Werkes wieder: dunkel ist es, von der Gestaltung bis zum Klang. In der Doppel-LP, welche dieser Besprechung auch zu Grunde liegt, steckt auf hochwertigem Papier gedruckt ein Booklet, das genau wie das Cover und die bedruckten Innenhüllen der Platten rein schwarz mit vereinzelten Farbtönen ist. Das Booklet enthält alle Texte, und das ist auch notwendig, will man Scotts Gedanken halbwegs folgen – wobei sein Gesang schon recht deutlich ist (Der Mann meint es ernst.) und genauso frisch wie vor 40 Jahren, aber ungleich pathetischer.

Nun zu den einzelnen Stücken: auf den ersten drei Seiten befinden sich jeweils zwei, auf der vierten Seite vier Lieder.

Seite A

COSSACKS ARE – „Cossacks are charging in, charging into fields of white roses“

Harmlos mit Gitarre und Streichern beginnend, setzt kurz danach treibendes Schlagwerk ein (ähnlich SWANS in der Spätphase) - die einzige Verbindung, die ich hier irgendwie zu Kosaken ziehen kann -, der dröhnende Baß… und dann seine Stimme, völlig neben der Songstruktur stehend. Trotzdem haben wir es hier mit dem rockig-rhythmischsten Stück zu tun.

CLARA (Benito’s Dream) – “It rocked stiffly and twisted around at the end of the rope”

Hier geht’s mit elektronisch erzeugtem Vogelgezwitscher los, dann sein gesprochenes „Birds“. Der einsetzende Baß läßt wieder Rock’n’Roll erwarten – aber das wird nichts. Die dann folgenden Streicher klingen eher wie ein Luftangriff, das Schlagzeug dazu irgendwie verloren. Als Claras Stimme darf ganz kurz Vanessa Contenay-Quinones auftreten.

Mit CLARA ist Claretta Petacci gemeint, die Geliebte Mussolinis, die mit ihm gemeinsam hingerichtet und kopfüber aufgehängt zur Schau gestellt wurde. Sollte das jetzt gar politisch gemeint sein? Das letzte Mal, als er sich politisch äußerte, war in THE OLD MAN’S BACK AGAIN, über den Neo-Stalinismus, auf der „Scott 4“, Ende der Sechziger. Mich hätte brennend interessiert, wie laut der Aufschrei gewesen wäre, wenn so eine Ode ein deutscher Künstler an Eva Braun gesungen hätte. Aber wer hätte das sein sollen – Klaus Hoffmann?

Seite B

JESSE (September Song) – „Nose holes caked in black cocaine“

Zu diesem Lied macht Walker folgende Anmerkung: “In Zeiten der Einsamkeit und Verzweiflung würde Elvis Presley zu seinem totgeborenen Zwillingsbruder Jesse Garon Presley sprechen.“ Blubbernder Baß, ein düsterer Klangteppich, gewürzt mit einer simpel gezupften Country-Gitarre, die aber nicht weiter auffällt – und endet a cappella mit Walkers Klagegesang „I’m the only one left alive“. Ja, hier ist sogar das Kokain schwarz.

JOLSON AND JONES – „I’ll punch a donkey in the streets of Galway!“

Hier haben wir auch wieder trügerische Ruhe, die dann unverhofft durch Schlagzeug, Orchester und ein Saxophon unterbrochen wird, das wie der oben erwähnte getretene Esel klingt.

Seite C

CUE (Flugleman) – “What do Seoul/Sudan have in common? Both start with an S”

Hier hört man doch tatsächlich eine zaghafte Akustikgitarre, die sich durchs ganze Lied durchzieht, aber keine Angst: Der Bläser sorgt schon für die richtige Bürgerkriegsstimmung. Ähnlich beunruhigend klangen die Bläser auf den frühen DEATH IN JUNE-Platten. Abgelenkt werden wir zwischendurch durch ein „BAM BAM“, untermalt mit dem entsprechenden Schlagwerkeinsatz. Für einen kurzen Moment könnte es ein ganz normales Lied sein.

HAND ME UPS – “No ankles at the gates at dusk”

Beginnt mit einem SWANS-Schlagzeug, ähnlich Stück 1, zwischendurch wieder stilistische Brüche – insgesamt das vielseitigste Stück, durch die vielen Tempowechsel.

Seite D

BUZZERS (Faces Of The Grass) – “Polish the fork and stick the fork in him”

Hier die Anmerkungen Walkers: “Srebrenica war die reichste Binnenstadt des Balkans, eine kosmopolitische Bergarbeiterstadt – ihr richtiger Name bedeutet Silber.“

Dieses Stück beginnt mit Auszügen aus - nachgestellten? - Radioübertragungen, unter anderem auch mit dieser:

„Milosevic könnte es nicht weniger berühren, wenn Bosnien anerkannt würde“, sagte ein lachender Dr. Karadzic später zu einem Fernsehreporter. Er sagte: „Caligula ernannte seinen Hengst zum Senator, aber der Hengst nahm nie seinen Platz ein…“ (Gesprochen von Beverly Foster)

Vielleicht ist das ja auch wieder politisch gemeint, wir werden es irgendwann herausfinden. Das Lied selbst ist durchsetzt von Minimalelektronik-Passagen, unterbrochen durch Baß und Akustikgitarre und Streicher.

PSORIATIC – „Hear the germs pinging on the night wind“

Walkers Anmerkung: “Im Mittelalter waren Menschen, die unter der Hautkrankheit Psoriasis (Schuppenflechte) litten, bekannt als die Silbermenschen.”

Wie soll ein Lied über eine Krankheit klingen? Dieses beginnt nur mit Baß und Gitarre und elektronischen Effekten, mittig dann hart gespieltes Schlagzeug, ein Hin- und Her.

Die Ironie an diesem Lied ist, daß die einzigen Zeilen, die nicht von Walker sind, nämlich „Ja-da ja-da jing jing“, von dem Jazz-Musiker Bob Carleton stammen. Er läßt sich halt ungern hineinreden, und wenn, dann nur für einen trivialen Part.

THE ESCAPE (Thank You Mr. K) – “I wish I was in Dixie”

Atmosphärisch knüpft dieses Stück zumindest anfangs etwas an die alten Zeiten an, aber auch nur bedingt – die Art der Instrumentierung ist einfach zu “strange”, wie es auf Neudeutsch so schön heißt. Am Ende dann wieder organisiertes Chaos.

A LOVER LOVES – “A hand that is cold in another colder”

Zum Abschluß das kürzeste Stück der Platte, instrumentiert nur mit der Akustikgitarre, von ihm selbst gespielt. Irgendwie muß ich da an Johnny Cash denken, der für dieses kurze Intermezzo aus dem Sarg gestiegen ist. Bevor wir jedoch begreifen, was er uns mitteilen will, wird er durch ein immer wiederkehrendes „Pst“ unterbrochen.



Hier noch einige Verweise, die vielleicht Licht in die Sache bringen:



www.the-drift.net (von 4AD extra für diese Platte geschaltet)

www.phinnweb.org/retro/scott (inoffizielle Scott Walker-Seite)

www.scottwalkerfilm.com (zu der Doku über Scott von Stephen Kijak)



Trotz der nun sehr intensiven Betrachtung bin ich weit davon entfernt, dieses Opus auch nur im Ansatz in seiner ganzen Tragweite zu verstehen. Aber die Faszination liegt ja bekanntlich im Mysterium. Meine Hochachtung vor diesem mutigen Alterswerk jenseits aller kommerziellen Erwägungen. Es wird noch lange brauchen, Walkers heutige Welt zu erforschen, aber wir haben bis zur nächsten Platte bestimmt genug Zeit.

Axel Meese, Juni 2006 
www.neue-aesthetik.de


 
Axel M. für nonpop.de


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