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Dominik T.

CROMAGNON: Orgasm

Zur Einstimmung auf APOPTOSE beim WGT


CROMAGNON: Orgasm
Genre: Psychedelia
Verlag: ABRAXAS...
Medium: CD
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Der Aufhänger dieser Rezension zuerst: CROMAGNON war eine US-amerikanische Psychedelia-Band, die bereits 1969, also 15-30 Jahre vor VAGINA DENTATA ORGAN ("The Triumph Of The Flesh", 1984), KADMON/ALLERSEELEN (Hallstatt MC-Sampler, 1991) und APOPTOSE (Blutopfer, 2002) die heidnischen Trommeln von Calanda musikalisch verarbeitete. Das Stück heißt "Caledonia" und findet sich als Opener auf der einzigen CROMAGNON-LP mit dem ekstatischen Titel "Orgasm", zu der es aber noch weit mehr zu sagen gibt. Da wäre vor allem zunächst das Label ESP-Disk zu nennen, auf dem die heute nur sehr schwer zu findende und dementsprechend wertvolle Original-LP veröffentlicht wurde. ESP-Disk lassen sich, um im Neofolk-Szene-Terminus zu bleiben, durchaus als die "World Serpent" der sechziger und siebziger Jahre beschreiben, und im Gegensatz zu den "piggies" existiert das Label sogar heute noch. Gegründet wurde es 1966 in New York von einem gewissen BERNARD STOLLMAN, zum Labelrooster gehörten THE GODZ, eine interessante Proto-Punk-Band, die ALLEN GINSBURG-Freunde und Beatnik-Poeten-Band THE FUGS, seit jeher die Kultband der nordamerikanischen Linksintellektuellen (Mitglied war u.a. ED SANDERS, der ein berühmtes, auch auf Deutsch erhältliches Buch über CHARLES MANSON schrieb), PEARLS BEFORE SWINE, vielleicht die Neofolk-Vorreiter-Band schlechthin (siehe "Looking For Europe" S. 46ff.) und die Free-Jazz-Pioniere ALBERT AYLER, SUN RA und PHAROAH SANDERS, die alle weitaus mehr mit "Apocalyptic Folk" zu tun haben, als man zunächst annehmen könnte. Bei ALBERT AYLER ist es die spirituelle Aura und die Tatsache, dass er auch mehr oder weniger offiziell auf DAVID TIBETs DURTRO-Label veröffentlichte, bei SUN RA ist es die bizarre Privatmythologie bzw. Eschatologie, die der DAVID TIBET'schen Phantasie in keinster Weise hinterherhinkt ("Nuclear War, it's a motherfucker/ if they push that button your ass gotta go" und "It's after the end of the world, don't you know that yet?"), und bei PHAROAH SANDERS ist es u.a. die tolle Zusammenarbeit mit den Ritual-Industrial Pionieren 23 SKIDOO ("Dawning 12"). Doch zurück zu CROMAGNON. "Orgasm" ist, wie ein anständiger Orgasmus auch, schlicht der Wahnsinn. CROMAGNON können beanspruchen, sowohl eine Art Vorreiter des Industrial als auch des Black Metals zu sein, und das behaupte nicht nur ich, sondern das ist schon eher ein "geheimes Wissen", welches praktisch von allen geteilt wird, die die Musik kennen. Besonders verblüffend ist die musikalische Ähnlichkeit zu frühen EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN oder zum besten TEST DEPT. -Album "Gododdin". Dies hat oft Spekulationen darüber genährt, inwieweit jene späteren Industrial-Protagonisten mit CROMAGNON vertraut waren, denn natürlich taucht "Orgasm" auch auf der berühmten NURSE WITH WOUND "List of Influences" auf, eigentlich bis heute die beste Quelle für alle, die wirklich ungewöhnliche Musik kennen lernen möchten. Ich habe das aber dann nicht mehr weiter verfolgt. Weiterhin verblüffend ist der heisere Gesang, der so ein Black Metal-Gefühl entstehen lässt und der sowieso heidnischen Ausrichtung CROMAGNONs eine Aura verleiht, die den rund 25 Jahre später agierenden NECROMANTIA, FESTER, EQUIMANTHORN und BARATHRUM nicht unähnlich ist. Auf "Orgasm" befinden sich acht Stücke mit einer Gesamtspielzeit von ca. 46 Minuten. Neben dem angedeuteten Proto-TEST DEPT.-Stil mitsamt einer ganzen Dudelsack-Kompanie, befinden sich auch einige Kompositionen, die je nach Stimmung als "atmosphärisch" oder schlicht als nervtötend bezeichnet werden können. Sollte es hier Leser geben, die das PROSCRIPTOR "The Venus Bellona"-Album, Nebenprojekt eines ABSU Okkult-Black/Trash-Metallers, einst (1995) auf dem COLD MEAT INDUSTRY-Sublabel CRUEL MOON veröffentlicht, bis zum Ende durchgestanden haben, dann ahnen zumindest sie, welche musikalische Zumutung ich hier zu beschreiben versuche, aber auch hier gilt es, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass das Album von 1969 ist, was das zu hörende Hühnergegacker, die Orgasmusschreie, Kinderlieder und "heidnischen" Gesänge zwar nicht weniger nervenzerreißend, dafür aber sensationell macht. Besonders hervorzuheben ist vor allem das Stück "Genitalia", auf dem gegen Ende ein Monolog zu vernehmen ist, der absolut nach BOYD RICE klingt. 1969 war aber selbst dieser alte Sack noch zu jung, um hier als Gast dabei zu sein. Interessant auch das zehnminütige, düstere "Toth, Scribe 1", eine industriallastige Klangcollage, auf der in bester PACIFIC 231, LES JOYAUX DE LA PRINCESSE, DER BLUTHARSCH, STURMOVIK - Manier Bombeneinschläge zu hören sind oder "Crow Of The Black Tree", das einzige Stück mit folkigen Akustikgitarren, welches durch maschinengewehrartige Stakkato-Riffs ebenfalls sehr martialisch wirkt. Es klingt ein bisschen wie ein GYPSY KINGS-Remix von ALLERSEELEN zu Zeiten von "Gotos-Kalanda" oder "Sturmlieder". Fazit: "Orgasm" ist durch das Jahr seiner Veröffentlichung eine Art Wunder, vielleicht waren die CROMAGNON-Mitglieder auch einfach Zeitreisende aus dem Jahr 2006(?), denn damals gab es nichts, was sich soweit vorwagte, und auch das experimentellste BEATLES-Album ("The White Album" mit dem satanischen Klassiker "Revolution 9") erschien nur ein Jahr früher (1968), das experimentelle PINK FLOYD-Debüt "The Piper At The Gates Of Dawn" zwei Jahre früher. Auch wenn "Orgasm" bisweilen ganz schön nerven kann, sollte jeder Industrial und Apocalyptic Folk-Fan dieses Album mal gehört haben. Vielleicht einfach mal dran denken während man APOPTOSES Live-Darbietung des "Blutopfer"- Albums genießt.
Über die Band CROMAGNON ist leider nur sehr wenig bekannt. Die Mitglieder hießen AUSTIN GRASMERE und BRIAN ELLIOT, sie erzählten, hinter CROMAGNON würden neben ihnen selbst auch ein Indianerstamm aus einem Reservat in Conneticut stecken, weshalb als drittes Bandmitglied immer "The Conneticut Tribe" angegeben ist. In Wirklichkeit handelte es sich vielmehr um eine Hippie-Kommune mitsamt vielen Kindern. Meines Wissens veröffentlichten die namentlich genannten CROMAGNON-Mitglieder keine weitere Musik, BRIAN ELLIOT starb durch ein Autounfall. Aus diesem Grund wünschte sich AUSTIN GRASMERE als verbliebenes Mitglied bei der CD-Wiederveröffentlichung einige Änderungen beim Cover. Auf der Original-LP war noch ein großes Skelett zu sehen. Meine Rezension bezieht sich auf diese CD-Wiederveröffentlichung, die vor einiger Zeit beim italienischen ABRAXAS/ESP-Disk -Label erschien ist, welches sich auf ESP-Disk-Wiederveröffentlichungen spezialisiert hat und auch die dementsprechenden Rechte besitzt. Das "Orgasm"-Album wurde auch damals schon unter dem Namen "Cave Rock" ein zweites Mal veröffentlicht, davon sollte man sich nicht irritieren lassen. Das Material ist identisch, und es gibt von CROMAGNON nur dieses Album.


 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» CROMAGNON Rezension 1
» zum Thema CROMAGNON
» CROMAGNON Rezension 2


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