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Roy L.

Tor Lundvall :: Empty City

autumnal ghost ambient


Tor Lundvall :: Empty City
Genre: Ambient
Verlag: Strange Fortune
Vertrieb: Strange...
Erscheinungsdatum:
April 2006
Medium: CD
Preis: ~12,00 €
Kaufen bei: Strange...


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Samtige Nebelschleier wickeln sich um die Straßen und Häuser einer erfrorenen, verstummten Stadt. Tor Lundvall drängt sie mit dem Pinsel zu unmerklichen Bewegungen und Mysterien von Schattierungen, gleichzeitig lässt er das entstandene Bild als düsteres Adagio erklingen. Der skandinavischstämmige Maler aus New York konnte seit Anfang der Neunziger mit seinem unverwechselbaren Werk, das wie kein zweites von dem unbenennbaren Zauber des Herbstes gezeichnet ist, verhältnismäßig große Aufmerksamkeit und internationales Ansehen erlangen. Uns dürfte der Name durch etliche Covergestaltungen nicht nur für Tursa / SOL INVICTUS - Veröffentlichungen ein Begriff sein. Nebenbei beschäftigte sich Tor Lundvall stets als Klanglaborant für ätherische, schwarzgestrichene Popkompositionen, die in der Lage sind, seine Bilder atmosphärisch zu begleiten. In den vergangenen Jahren sind dabei insgesamt sechs Alben entstanden, der Durchschnittsneofolker sollte darunter zumindest die sehr schöne Lundvall/Wakeford Kollaboration "Autumn Calls" bei sich im Regal stehen haben.
"Empty City" ist, wie vermutlich alle anderen Lundvall - Tonträger, ein überaus homogenes Werk, das nur durch eine Art szenische Abfolge unterteilt ist. Bereits die Titel geben Aufschluss darüber, wie sehr das Album Stimmungsbilder eines singulären, komplexen Ortes erläutert, ohne den "Mythos" des Augenblicks zu analysieren oder zu zerstückeln. Bei Lundvall - Rezensionen flattert durch viele Magazine immer wieder der Begriff "ghost ambient", der letztendlich auch vom Label Strange Fortune geprägt wurde und auch wenn es gar nicht nach meinem Geschmack geht, solch vorgefertigte Attribute noch einmal wiederzugeben, hier komme ich wirklich nicht dran vorbei: diese Musik ist fürwahr die geisterbeschwörendste, parallelweltlichste Klangmembran, die mir jemals aus den Lautsprechern gekommen ist. Am ehesten erinnert es freilich an das unbearbeitete, elektronische Grundgerüst der "Autumn Calls", also ohne das Zutun von Tony Wakeford und dem "schwarzen Orchester" betrachtet. Mit mehreren Synthesizern gebiert der Musiker Lundvall eine nur scheinbar stillstehende Landschaft, die gleichzeitig von äußerster Präzision und einer geheimnisvollen Verschwommenheit durchdrungen ist. In allem schwingt ein undeutlicher Wind, verschleiert die Perspektiven, den frühmorgendlichen Blick auf eine Stadt, die beginnt, sich auf ihren Winterschlaf vorzubereiten. Rußwolken schneiden Kerben in die dezenten Farbübergange, die nur durch das verzerrte Summen der Antennenmasten durchbrochen werden. In verlassenen, namenlosen Gassen und Hinterhöfen schwimmt eine Lache Fensterlicht, das sich mit dumpfen Drones und hauchdünnen, seichten Rhythmen zu einem Frösteln vermischt. Lundvall dringt hier noch viel tiefer als je zuvor in die Kälte vor, in den Kern einer urbanen Einsamkeit, die diesmal nicht die eigene ist, sondern die der regentropfenden Laternenmasten, der Hausfassaden, der entlaubten Platanen und überfrorenen Pflastersteine. Das alles ist dazu dermaßen subtil in Szene gesetzt, dass man "Empty City" wahrscheinlich gar nicht adäquat wahrnehmen würde, ließe man das Album nur im Hintergrund dudeln. Diese Musik erfordert, die Quergänge im Inneren frei zu schaufeln und mit erfrischenden Atmosphären zu fluten, sie erfordert auch ein bisschen den Blick aus dem offenen Fenster ins würzige Dunkel der letzten, durchwachten Nachtstunden, den charakteristischen Genius des Herbstes.
Gerade hier ist "Empty City" leider den ungünstigsten Umständen überlassen worden. Ein solches Album im Frühling und zu Beginn der sonnigen Jahreszeit herauszubringen, grenzt fast schon an eine Vergewaltigung dieser herbstlichen Ästhetik. So richtig entfalten mögen sich die Impressionen verlassener Städte im Augenblick noch nicht, vielleicht sollte man sich dieses Werk noch ein paar Monate aufbewahren und erst beim ersten fallendem Laub genießen. Ersatz bietet hierfür inzwischen die stilvolle Gestaltung, die selbstredend auf Tor Lundvalls eigene Bilder zurückgreift. Die Symbiose von Bild und Ton ist hier eine natürliche, unmittelbare, auf den Wechsel der Stimmungen bezogene. Würde man das Ganze über die Literatur noch weiter multimedialisieren, käme wohl am ehesten Poe, etwas moderner auch Thomas Ligotti in Frage.

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Tor Lundvall
» Strange Fortune

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Zusammenfassung
Eindringlich-atmosphärisches, herbstliches sechstes Album des Malers Tor Lundvall. Die Veröffentlichung wurde zeitlich bedauerlicherweise ungünstig platziert, was freilich nicht über die subtilen Qualitäten der Musik und Gestaltung hinwegtäuschen soll.

Inhalt
Scrap Yard
Platform #3
Running Late
Night Work
Early Hours
Grey Water
Buildings And Rain
Wires
Empty City
Open Window
2.00 am
Clearing Sky

40min

SF3 | DigiPak | limitiert auf 955 Kopien
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