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Martin L.

Agnes Miegel - Dichterin Ostpreußens

Original-Lesung auf CD


Agnes Miegel - Dichterin Ostpreußens
Genre: Literatur
Verlag: Bublies
Vertrieb: Bublies
Medium: CD
Preis: ~12,00 €
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Vielleicht können sich einige unter euch noch an die Zinnober-Nummer mit Romowe Rikoito erinnern. Das Interview mit Frontmann Niktorius des baltisch-russisch-preußischen Projekts war mit Fotos versehen, die Mitglieder der Gruppe in romantisch-melancholischer Pose auf einem blühenden Feld und inmitten einer malerischen Ruine zeigten. Königsberg, die Hauptstadt von Ostpreußen, Heimat Immanuel Kants, die seit ihrer Eroberung durch die Rote Armee 1945 Kaliningrad heißt, sei "ein merkwürdiger Ort, der in dieser Welt nicht mehr existiert", so der aus dieser Stadt stammende Niktorius. Bestimmend für Romowe Rikoito sei "der mittelalterliche Stadtgeist, und ich bin seine Verkörperung....Der wichtigste Einfluß ist das Land selbst, der Zauber der preußischen Landschaften, ihre Geheimnisse...Sonderbar sind diese Orte und ihr Schicksal." Nun, die Verkörperung schlechthin dieses Landes, seiner Magie und seiner Schicksale, der Stadt, "die nicht mehr existiert" war zweifellos die heute leider vergessene Dichterin Agnes Miegel (1879-1964). Zuletzt geisterte sie durch Lichttaufe anläßlich der von Barbara Rossa herausgegebenen Anthologie "Tief im Schoße des Kyffhäuser", in der u. a. neben Novalis, Achim von Arnim, Heine und Rolf Schilling auch die ostpreußische Sybille vertreten war. Ein Freund, dessen Familie aus Ostpreußen stammt, meinte einmal zu mir, er könne trotz allem Herrn "Von Thronstahl" nicht zur Gänze böse sein, denn er habe eine ihn besonders anrührende Nummer aufgenommen: "Götterdämmerung" auf dem "Hermann-Hendrich"-Sampler läßt zu melancholischem Gesang die Stimmen von Gerhart Hauptmann und Agnes Miegel erklingen. Der Schlesier Hauptmann schildert die erschütternde Zerstörung Dresdens, Miegel liest ihr Gedicht "Abschied von Königsberg".

Das Gedicht findet sich neben anderen, von der Dichterin selbst vorgetragenen, auf der kleinen, aber feinen CD "Agnes Miegel: Ostpreußen - es war ein Land", erschienen im Siegfried Bublies Verlag.

Wir können uns Baudelaire kaum ohne Paris, Trakl nicht ohne Salzburg und Stifter nicht ohne den Böhmerwald vorstellen. Dennoch ist Agnes Miegels Dichtkunst in ihrer Heimat in einem Ausmaß verwurzelt, wie es bei kaum einem anderen Schriftsteller der Fall ist. Ihre Balladen und Novellen drehen sich immer wieder um die Magie, Geschichte und Genius loci des Landes "zwischen Weichsel und Memel". Geboren wurde sie am 8.März 1879 in Königsberg, wo ihre Familie seit fünf Generationen ansässig war. Ihr Geburtshaus stand im ältesten Teil der Stadt, der "Kneiphof"-Insel auf dem Pregel. Mütterlicherseits stammte sie von protestantischen Salzburgern ab, die vor der Glaubensverfolgung ins religiös tolerante Preußen geflüchtet waren. Miegels Mutter Helene Hofer heiratete als junges Mädchen den mehr als 20 Jahre älteren Kaufmann Gustav Adolf Miegel. Sie verfiel später einer wahnhaften, unheilbaren Melancholie und starb früh. Vielleicht hat Agnes von ihr die von Freunden oft bezeugte seherische Begabung, das "zweite Gesicht", geerbt: bereits als Kind hatte sie religiöse Visionen, die an William Blake und Hildegard von Bingen (oder David Tibet :-) ) erinnern, eine besonders eindrückliche war die von "von einem ungeheuren, sich unaufhörlich drehenden, weißglühenden Rad, an dem oder richtiger mit dem sich ein ebenso weißglühender, herrlicher, bärtiger alter Mann drehte, alles in blendend weißglühender Glut und strahlend, herrlich und unerträglich, nur eine Sekunde gesehen....Schon beim Anblick hatte ich das deutliche Gefühl, es ohne Augen mit einem Organ zwischen und über den Augenbrauen zu sehen", wo also nach esoterischer Tradition der Sitz des "dritten Auges" liegt. Die Inspirationen für ihre Dichtungen sollten ihr häufig in Form von Träumen und Visionen zuteil werden. Später sollte sie, lange vor 1945, mehrere apokalyptische Gesichte vom Untergang Königsbergs haben. 


Schon früh wurde ihre Begabung von dem bekannten Balladendichter Börries von Münchhausen und der Schriftstellerin Lulu von Strauß und Torney, ihrer zeitlebens engsten Freundin, entdeckt. Bereits 1901 erschien ihr erster Gedichtband bei Cotta unter dem schlichten Titel "Gedichte" (später sollte der bedeutendste Verlag der Jugendbewegung, Eugen Diederichs, ihr Hausverlag werden). In dieser Zeit entstanden klassische, meisterhafte Balladen wie "Schöne Agnete", "Die Nibelungen", "Das Märchen von der schönen Mete" und die rätselhafte "Mär vom Ritter Manuel". Geschichte, Legenden, Märchen und Sagen des alten Preußen waren auch Stoff ihrer kraftvollen Novellen, zu deren besten Beispielen "Die Fahrt der sieben Ordensbrüder" (erschienen 1926 in ihrem ersten Prosaband "Geschichten aus Alt-Preußen") zählt, einer Begebenheit aus der Zeit der Eroberung des "Pruzzen"-Landes durch den Deutschen Orden, die eine Begegnung christlicher Ordensritter mit einem sterbenden Heidenfürsten schildert. Die Novelle ist fern jeder Klischierung des Mittelalters, ihre Figuren sind lebendige, anschauliche Gestalten. Den Walkürenmythos greift "Die Schöne Malone" faszinierend auf, "Noras Schicksal" schildert den Einfall der Cholera in Ostpreußen, "Der Ruf" handelt von einem Mönch, der während der Sachsenkriege Karls des Großen zur heidnischen Religion zurückkehrt.

Agnes Miegels äußeres Leben war wenig ereignisreich. Nach einer unglücklichen Liebe in der Jugend blieb sie unverheiratet und kinderlos. Zum Verhängnis für ihre Reputation nach 1945 wurde ihr zeitweiliges Eintreten für den Nationalsozialismus. Wie viele andere vom Reich durch den Korridor abgeschnittene Ostdeutsche, die den sowjetischen Bolschewismus direkt im Rücken hatten, ließ sie sich zunächst von den außenpolitischen Erfolgen des "Führers" blenden. Aus BDM und Hitlerjugend kamen junge Menschen auf sie zu, die begeistert ihre Gedichte lasen, und der alternden Dichterin ein wenig ihrer Einsamkeit nahmen. Niemals jedoch hätte die tiefreligiöse Miegel die späteren NS-Verbrechen gutgeheißen. Auch war sie, eine Verehrerin des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, zu keinem Zeitpunkt antisemitisch eingestellt. Miegel war im Grunde ein unpolitischer Mensch. Das kommt anschaulich in einem Brief an Lulu von Strauß und Torney aus dem Jahr 1923 zum Ausdruck. Ihre Position ist mindestens ambivalent. Sie empfindet negativ  die "immer krasser deutschnationale" Haltung der Zeitung, für die sie arbeitet, und wenn auch viele der "Menschen, die sie am höchsten achte" rechts stehen würden, so muß sie doch bekennen: "...ich stehe innerlich nicht zu ihrer Sache, wie sie sich auswuchs". Und sie bemerkt: "Links steht neben vielem, was mir fremd ist, doch das, dem die Zukunft gehört"


1940 schrieb die über sechzigjährige Agnes Miegel in einer Selbstdarstellung in einem Sammelband des Diederichs-Verlages im Hinblick auf den 1. Weltkrieg: "Tage der Not, als Krieg und Brand, Entsetzen und Tod über meine Heimat gingen, haben mich und die meisten der Meinen gelehrt, daß über dem Vergänglichen ein anderes bleibt, was jene Schrecken nicht zerstören, sowenig, wie Trennung im Leben oder Sterben Blutsverwandtschaft zerstört. Und so sage ich jetzt, wo der Abschied näher kommt zu dem Land zwischen Weichsel und Memel, wie der Samurai zu der edlen Braut, der er sich vor dem Schrein seiner Ahnen verlobt: Ich vermähle mich dir für die nächsten vier Inkarnationen." Miegel konnte nicht ahnen (oder sprach hier, wie so oft, wieder die Kassandra aus ihr?), wie sehr sich diese Zeilen als prophetisch erweisen sollten: zu diesem Zeitpunkt herrschte noch Frieden zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Wenige Jahre später sollte ein Sturm über Ostpreußen fegen, der alle Schrecken des 1. Weltkrieges in den Schatten stellte. Millionen mußten fliehen oder wurden vertrieben, Millionen starben. Der deutsche Osten ging in einem beispiellosen Inferno unter.

"Sie erstarrten im Schnee, sie verglühten im Brand,
Sie verdarben elend in Feindesland,
Sie liegen tief auf der Ostsee Grund,
Flut wäscht ihr Gebein in Bucht und Sund,
Sie schlafen in Jütlands sandigem Schoß,-
Und wir Letzten treiben heimatlos,
Tang nach dem Sturm, Herbstlaub im Wind,-
Vater, Du weißt wie einsam wir sind!"
(Es war ein Land)

Auch Agnes Miegel mußte ihre geliebte Vaterstadt verlassen. Dem Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen setzte sie unter anderem in Gedichten wie "Wagen an Wagen", "Im Morgengrauen" und in der Novelle "Fischtag im Lager", die lange vor Günther Grass (dem Westpreußen) die Tragödie der Wilhelm Gustloff thematisierte, ein Denkmal.

In ihrer neuen Heimat Bad Nenndorf bei Hannover wurde Miegel nun für die Heimatvertriebenen endgültig zur "Mutter Ostpreußens", wie eines ihrer berühmtesten Gedichte heißt. Ihr Schicksal ertrug sie stoisch und ohne Verbitterung, wirkte trostspendend für viele. Ihre Biographin Anni Piorreck, die sie noch persönlich kannte, schreibt: "Es liegt viel Licht über der Gestalt der alten Dichterin, und so ist sie in die Erinnerung der meisten Menschen eingegangen...Liebe und Güte ihres Wesens treten immer stärker hervor zusammen mit einer naturhaften, ostpreußisch gestimmten Warmherzigkeit."

Agnes Miegel starb im hohen Alter von 85 Jahren am 26. Oktober 1964. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in ihrem Alterswohnsitz Bad Nenndorf. Der Literaturwissenschaftler Josef Nadler nannte sie ein "Jahrhundertereignis der deutschen Literatur".

So bleibt dem Verfasser nur zu hoffen, daß Agnes Miegel auch in neofölkischen Kreisen dem Vergessen entrissen wird. Diese herausragende Gestalt hätte wirklich einen schönen Tribut-Sampler verdient. Hier liegt für viele Musik- und Literaturbegeisterte ein Schatz, der noch zu heben ist. Dazu mag die CD "Ostpreußen - Es war ein Land" einen schönen Einstieg bieten. Sie enthält einige von Miegels besten Gedichten: "Es war ein Land", "Sonnenwendreigen", "Mainacht", "Cranz", "Heimweh", "Die Frauen von Nidden", "Abschied von Königsberg" und "Trost".


Als Bonus sei hier eine Hommage ihres österreichischen Dichterkollegen Josef Weinheber (1892-1945) aus dem Jahr 1939 wiedergegeben:


AKROSTICHON FÜR AGNES MIEGEL


Ferne Stimme, streng und doch verwandt,
Übervoller, klarer Bogenstrich!
Rührend grüßt dein Lied und mütterlich
Aus dem Lande des Immanuel Kant.


Gruß zurück aus unserm weichern Land,
Nimm ihn an in Huld, wir bitten dich.
Eine kleine Melodie an sich,
Schwank und zier, doch herzvoll einbekannt.


Mit dem Märchen von der schönen Mete,
In den Nibelungen, in Agnete.
Ewig hast du dir ein Mal gesetzt.


Gehst uns mit des Nords verhaltnen Schritten
Ernst voran, von Güte sanft umglitten,
Löst mit Liebe Leid und Tod zuletzt.

(aus: "Kammermusik", 1939)



M.L., 15.April 2006
Korrigiert: 17. April 2006


 
Martin L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Verlag Siegfried Bublies
» Agnes-Miegel-Gesellschaft
» A.Miegel in der Wikipedia
» Links zu Lyrik und Prosa Miegels im Internet
» Chr. O. Frenzel: Die vertriebene Ostpreußin (1954)
» Hans Peter Reinecker: Mein Weg zu Agnes Miegel
» Ostpreußen Infoseite
» Romowe Rikoito Homepage
» LT-Rezension: Tief im Schoße des Kyffhäuser


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Zusammenfassung
Guter Einstieg in das vergessene, wiederzuentdeckende Werk einer großen Dichterin!

Inhalt
01. Geläut der Silberglocke des Königsberger Doms
02. Es war ein Land
03. Land der dunklen Wälder (Musik)
04. Sonnenwendreigen
05. Reiter schmuck und fein (Musik)
06. Mainacht
07. So seht mal an mein rosa Kleid (Musik)
08. Cranz
09. Ging ein Weiblein Nüsse schütteln (Musik)
10. Anke van Tharaw (Musik)
11. Heimweh
12. De Oadeboar (Musik)
13. Die Frauen von Nidden
14. Zogen einst fünf wilde Schwäne (Musik)
15. Abschied von Königsberg
16. Es dunkelt schon in der Heide (Musik)
17. Trost
18. Geläut der Silberglocke des Königsberger Doms

Musik: Trad., Leitung Karl-Horst Schröder, Erich Bender, Friedrich Loosen, Helmut Wormsbächer
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