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Roy L.

Mushroom's Patience :: Eh?

the sound of the post-human man


Mushroom's Patience :: Eh?
Genre: Avantgarde
Verlag: Misty Circles
Vertrieb: Atro.Fact.
Erscheinungsdatum:
Dezember 2005
Medium: CD-R
Preis: ~10,00 €
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Unter dem seltsamen Titel "Eh?" veröffentlichte Misty Circles kürzlich den zweiten Part seiner römischen Akustik-Industrial Reihe, die vergangenen Herbst recht interessant mit dem "s.u.t.u.b." Projekt von Flavio Rivabella startete. "Eh?" jedoch ist damit nicht zu vergleichen. Es ist vielmehr ein einziges 56-minütiges, experimentell-atonales Fieldrecordingsmonstrum, das unermüdlich Roms Untergrundwelt heimsucht. Sein Schöpfer Raffaele Cerroni nennt es die interrogative Wehklage des post-humanen Menschen. "Post-human", so paradox es sich anhören mag, ist dabei gar nicht mal aus der Luft gegriffen, inmitten des urbanen Klangwalls haftet der Aufnahme eine kühle, menschenleere Abgeschiedenheit an. Regenplätschern, Straßenverkehr und die konstante Präsenz einer grauen Lärmmasse überlagern und überschichten sich über das ganze Stück hinweg, aber sie scheinen wie durch einen Filter wahrgenommen zu werden. "Eh?" verlagert die Perspektive der akustischen Dokumentation in den Untergrund. All die Geräusche an der Oberfläche, die einer völlig automatisierten Welt zu entstammen scheinen, kommen hier gedämpft und daher umso bedrückender an. Ein fremdartiger, synthetischer Loop, der im Kontext fast schon melodisch wirkt, drängt sich mit kurzem Atem dem ungemütlichen Klangteppich auf und rotiert bis zum Ende des Stücks. Heftige Schläge, Autohupen und andere infernalische Ereignisse unterbrechen plötzlich und wiederholt die Schleifen eines regnerischen Novembertags. Das alles zusammen breitet sich bewusst monoton auf knapp eine Stunde aus und hinterlässt auf diese Weise ein beängstigend auswegloses Gefühl von Isolation und Kellerdasein. Während sich zwischen der Oberfläche und der eingeschlossen Wahrnehmung eine klangdurchlässige Schicht bildet, setzt das mechanische Hintergrundrauschen gleichgültig und erbarmungslos fort. Der post-humane Mensch kann unterdessen dem allen nur ein gelegentlich verständnislos fragendes "eh?" abgewinnen. Zum Ende hin, scheint sich der Lärm zu intensivieren und vervielfältigen, aber dieser Eindruck kann ebenso gut aus den fast schon tantrischen Wiederholungen und der anhaltenden Resonanz der Umgebung resultieren.    
"Eh?" verarbeitet dabei teilweise auch Gedanken des futuristischen Manifests zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Aufnahme präzisiert geradezu das Vorwärtspreschen des lärmenden Bewegungsrausches und parallel dazu die stagnierende Entwicklung in der Wahrnehmung des selbigen. Marinetti's glühender Hochgeschwindigkeitsdrang hat uns in seiner irreversiblen Eigendynamik überholt, wir sind trotz immer verfeinerter Technologisierung inzwischen sozusagen unfähig zum Futurismus geworden. Unsere Auffassung von potentieller Geschwindigkeitssteigerung ist nur noch dumpfe Ausbeutung der Sinne und langweilende Gewohnheit. "Eh?" reflektiert hier einen Stellungswechsel innerhalb des futuristischen Konzepts, hin zu einer negativ-depressiven Konnotation, die in der erstarrten, subkutanen Atmosphäre der Kanalisation gipfelt.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Mushroom's Patience
» Misty Circles


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Zusammenfassung
Raffaele Cerroni's urbane Vision des post-humanen Menschen ist ein atonales, monotones Field-Recordings Monstrum, das starke Nerven fordert. Bedrückend isolationistisch.

Inhalt
Eh?

56min

"Roma, 20.XI.2005"

mcr58 | Sleevecard
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Mushroom's Patience