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jhonn balance (nochmals)


jhonn balance (nochmals)
Kategorie: Vorschau
Wörter: 1566
Erstellt: 18.11.2004


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Autor: Mark Goetzke

Ein etwas anderer Nachruf den ich per E-post erhielt und den ich allen Szenehelden,Meckerköpfen,Neidern,Reaktionären und Nazisehnsüchtigen widmen möchte(bitte lesen Sie besonders den ersten Teil).
Dies ist kein Newsletter in herkömmlichem Sinne
sondern eine sehr persönliche Momentaufnahme
anlässlich des traurigen Ereignisses des
vorvergangenen Tages.



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THE PRICE OF EXISTENCE IS ETERNAL WARFARE
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Das Jahr 2004 verspricht in jeder Hinsicht das
schicksalsbehaftetste dieses Jahrzehnts zu
werden. Erfahrungen nicht nur persönlicher
einschneidender Natur wie auch in unserem
Bekanntenkreis ließen uns dies schmerzlich spüren
und ahnen und vorerst scheint wohl kein Ende in
Sicht... :(

Die Nachricht, dass JHONN BALANCE vergangenes
Wochenende nach einer schweren Kopfverletzung im
Krankenhaus verstorben ist, dürfte sich
mittlerweile herumgesprochen haben und viele
Menschen weltweit haben es verstanden, ihre
Ungläubigkeit über diese Tragödie angemessen in
Worte zu fassen.

Allerdings waren auch bald Stimmen zu hören, die
reaktionär tönten: "Selber schuld", "Das kommt
davon", "War ja abzusehen", "Tja, so kann's
gehen", etc.
Bei Kommentaren wie diesen könnten wir nur
kotzen! Ebenso wie in Amerika der schwarze HipHop
vornehmlich von bornierten weißen
Mittelklassekids konsumiert wird, ist auch in der
Industrialszene in den letzten zehn Jahren immer
stärker die Tendenz zu beobachten, dass Hörer
bzw. Käufer an den Biografien, Intentionen und
dem Background der Musiker nicht nur kaum mehr
interessiert sind, sondern eine über Jahrzehnte
gewachsene Szene in das Korsett eines neuen engen
Weltbilds zwängen wollen. Da wird etwa von
Szenegrößen zum Abstoßen von Death In June
Platten geraten weil im Inlet zwei Protagionisten
der Szene in pseudo-homoerotischer Pose
abgelichtet sind und werden Tiraden über Drogen
(und ihnen angeblich verfallene Musiker)
verfasst, die weltfremder nicht sein könnten und
zudem von Leuten verbreitet werden, die
vielleicht erst einmal ihre eigenen Probleme mit
der Volksdroge Alkohol thematisieren sollten.

Auf der von uns präsentierten 2002'er COIL Tour
haben wir mit vielen Leuten gesprochen und dabei
leider auch nicht wenige solcher Leute
kennengelernt. Leute in deren Weltbild Schwule,
emanzipierte Frauen, Drogenkonsum und
Hausbesetzer am liebsten gar nicht vorkämen und
die sich nicht zu blöd sind, ihre Abscheu und
Ekel vor derlei Gesocks stets und überall zu
thematisieren, aber dennoch in die Konzerte von
Künstlern wie COIL, Diamanda Galas, Nocturnal
Emissions, Novy Svet, etc. rennen.
Selbstverständlich nur der Musik wegen. Man kann
das ja trennen.

Es ist an der Zeit, dass diese Leute einmal ihren
Horizont öffnen und sich eingestehen, dass ihr
neoreaktionäres Gehabe bei selbsternanten
'Avantgarde' Veranstaltungen so gar nicht möglich
wäre und sie ohne die jahrzehntelange
Pionierarbeit von arbeitssscheuen, ganz und gar
gesellschafts-inkompatiblen, lichtscheuen
Querdenkern ihre markigen Stammtischsprüche in
ranzigem Kneipenumfeld oder im Rahmen piefiger
Vereinsmeierei klopfen müssten und nicht
pseudoweltmännisch auf
Industrial/Darkwave/Neofolk Veranstaltungen im
In-und Ausland, wo der Verstand zu oft gerne
ausgeschaltet wird und die Musikdarbietung als
Hintergrundgedudel zur eigenen Selbstsdarstellung
gerade noch geduldet wird.

Die Protagonisten und Gründerväter des Industrial
waren in ihrem Denken und Handeln Lichtjahre von
dem entfernt was heute unter dem selben Siegel
firmiert. Die Beschäftigung mit Magie und
Nationalsozialismus war eine weitaus obzessivere
als heutzutage und verlor sich dennoch bei weitem
nicht in solch engen Gassen, wie dies heute zu
beobachten ist. Die gesamte Londoner Clicque um
Industrial Rec./Fetish/Sterile Rec./Temple
Rec./United Dairies/NER//Durtro etc. pp. war ein
einziger Haufen von versoffenen Speedjunkies, die
mehr schlecht als recht in besetzten Gebäuden
hausten. Und das war auch gut so. Platten wie
'Für Ilse Koch' und Tapes wie 'White Power'
hätten in einer eichenfurnierten
rotweingeschwängerten Wohnathmosphäre wohl kaum
entstehen können.

Soviel dazu. Sorry. Not.
Die Mails die uns in den letzten Stunden erreicht
haben zeugten teils (alle anderen wurde wie
gewünscht umgehend weitergeleitet) leider von
solcher Borniertheit, dass wir uns 'genötigt'
sahen, unsere Position mit dem vorangegangenen
Absatz, den manche sicher als lächerlich
empfinden mögen, klarzustellen.

Die Industrialszene BRAUCHT Querdenker und
unbequeme Künstler mit ungewöhnlichen Biografien,
sonst verendet sie eines Tages in ihrem eigenen
Saft.

Zur Person JHONN BALANCE: JHONN hat seit jüngstem
Alter unermüdlich sein Wirken in den Dienst der
Sache gestellt; und dies schon weit vor seinem
Engagement bei den noch heute bekannten
Musikformationen. In einer Zeit, in der man noch
nicht mal eben einen Mailnewsletter per Mausklick
an tausende Empfänger in aller Welt aufgeben
konnte, hat er per Briefpost, Plakataktionen,
Tape-Samplern in Kleinstauflagen, zwei eigenen
Magazinen u.v.m. dazu beigetragen, den
Protagonisten einer noch am Anfang stehenden
Musikbewegung Gehör zu verschaffen, und hat nicht
selten einen hohen Preis dafür gezahlt. An
finanziellen Gewinn oder auch nur
(sub-)gesellschaftliche Anerkennung wurde dabei
im Traum nicht gedacht und anders als heute war
dies denn auch zu keinem Zeitpunkt die Triebfeder
der Macher von annodazumal. Und doch oder eben
gerade deshalb entfesselte der weltweite
(Industrial-)Aktionismus ungeahnte Synergien.

Für JHONN zählte stets die nächste Aufgabe am
Horizont und sein Schaffensdrang war zu jedem
Zeitpunkt seines Lebens unstillbar. Für die
Vermarktung seiner Kunst konnte er so auch nie
die rechte Geduld oder Ausdauer aufbringen. Treue
Kunden des Hauses werden so manche Flüche in
Richtung Threshold House geschickt haben. Und
doch sind sie alle letzten Endes mehr als
reichlich belohnt worden mit Schallplatten und
Konzerten von unbeschreiblicher Schönheit und
gelebter Spiritualität, von brutaler Atonalität
und hypnotischem Minimalismus. Kaum eine Band hat
in ihrer Existenz soviele Metamorphosen vollzogen
wie COIL und den Löwenanteil daran trägt JHONN
BALANCE, der als Motor das geniale Talent Peter
Christopherson stets inspirierte und zu immer
neuen Höchstleistungen antrieb.

Wir haben JHONN stets als begeisterungsfähiges
erwachsenes Kind erlebt, das sich nie beklagte,
sondern jede Situation und jeden Schicksalsschlag
als eine neue Erfahrung begriff. Wer das Glück
hatte, JHONN persönlich kennenzulernen, wird
gerne bestätigen, dass er, auch als er die 40
bereits überschritten hatte, noch immer eine
extrem jugendliche Ausstrahlung hatte. Seine
stets wachen, leuchtenden Augen werden uns immer
in Erinnerung bleiben.
Leider begingen viele Leute den Fehler, in dem
offensichtlich völlig verrückten Derwisch auf der
Bühne mit dem irren Blick auch die Privatperson
JHONN BALANCE zu sehen, doch selbst in einer
unzweifelhaft stressigen Tour/Konzertsituation
haben wir JHONN stets als (in seinem Rahmen)
ausgeglichen und immer Herr SEINER Situation
erlebt.

JHONN war immer freundlich und ein in seinen
Möglichkeiten oftmals außergewöhnlich großzügiger
Mensch. So fällt mir spontan folgende Begebenheit
ein: zu einem Zeitpunkt als auf der
rec.industrial.music-Newsgroup und auf der
COIL-Mailingliste das ultralimitierte Vinylalbum
'Astral Disaster' zu immensen Summen gehandelt
wurde (Jhonn war Mitglied in beiden Foren und der
Preise und Nachfrage sehr wohl gewahr),
offerierte er mir diese fröhlich als Geschenk,
nachdem ich ihm gestand, dass ich die letzten
drei Jahre COIL musikalisch nicht mitverfolgt
hatte.
Auch wenn er persönlich auf der Suche nach einer
bestimmten Musikaufnahme war, revanchierte er
sich stets mit einem Vielfachen. Früher oder
später.

Unser Kontakt hatte sich merklich abgekühlt und
war schließlich ganz erkaltet nach dem (für
unsere Seite menschlich zutiefst enttäuschenden
und finanziell katastrophalen) Disaster des
Throbbing-Gristle-Reunion-Konzerts, an dem COIL
nur periphär aber doch beteiligt waren. Da Zeit
jedoch oft alle Wunden heilt, waren zukünftige
Konzertbesuche bereits in Planung. JHONN's Freund
Ian hätten wir in nicht einmal vier Wochen
anlässlich des TG-Konzerts in England erstmals
getroffen. Gerne hätten wir, der kleine
dunkelhaarige Bär mit Bart und der große
Dunkelblonde mit Bart die beiden dort getroffen:
den großen Dunkelblonden mit Bart und seinen
dunkelhaarigen Bär mit Bart :)
Nun, es hat nicht sein sollen....
Wir hoffen sehr, dass auch Ian ein ordentliches
Maß an Mitgefühl zuteil wird, wie es Peter
derzeit aus aller Welt erfährt!

Wir wünschen Jhonn/John/Geff/Geoffrey viel Glück
auf seinen weiteren Wegen! Wir sind zutiefst
überzeugt, dass er seinen etwaigen Tod längst
akzeptiert hatte und ihn in seinen ganz eigenen
Lebensentwurf bereits integriert hatte. Ein
Leben, dass noch kein Ende gefunden hat.

Out of Darkness - cometh Light!,
Taro Torsay, Stefan Schwanke


Zuletzt noch die Bitte, Kondolenzschreiben nicht
an folgende Adressen zu richten:
john@..., rufus@..., comments@..., sleazy@..., zoskia@...
sondern ausschließlich an <bookofcondolence@thresholdhouse.com>

(Peter Christopherson empfiehlt folgende Geste im Gedenken an JHONN:
Write the words "JHONN BALANCE" on a small piece
of paper, put it in a hole in the ground or a
pot, and plant a vegetable or tree over it. Some
people might want to anoint the paper with their
own seed as well. When you see the plant grow or
even better when you eat the resulting vegetable,
know you have him beside (or inside) you.)
--
















 
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