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My Landlady the Lobotomist

Ein Rektor und sein Einweckglas


My Landlady the Lobotomist
Kategorie: Vorschau
Wörter: 1114
Medium: Buch
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"She keeps jars of frontal lobes in formaldehyde....my favorite one is the one that reads bad table manners."

"My Landlady the Lobotomist", ein Titel gemacht, in einer Videothek ein 30mal gesehenes VHS-Band zu beschriften, um Profilneurotikern mit Schlafstörungen halbjährlich in die Hände zu spielen. Jedoch ist es das neue Buch von ECKHARD GERDES. Eckhard Gerdes, Herausgeber des "The Journal of Experimental Fiction" unterrichtet kreatives Schreiben an den Chicagoer Fakultäten DePaul University, Triton College und Devry University. Er schreibt regelmäßig Rezensionen für American Book Review, Review of Contemporary Fiction und Electronic Book Review. Mit "My Landlady the Lobotomist" liegt sein achter Roman vor.

Zu Anfang befinden wir uns in dem Apartmentgebäude von Mrs. Lardenswill. Mrs. Lardenswill, eine strenge Vermieterin, die notfalls "etwas" über das Ziel hinausschießt, um mit unliebsamen Mietern zurechtzukommen. Diese häufen sich natürlich; wie Hudie Wedbetter: "The sight of an elderly man combatting a Mackintosh apple with dining utensils is often humorous." oder Howard Forfor: "Forfor went four-for-four for Forfor and for no one else." und unseren namenlosen Protagonisten, einen Schuldirektor.
Wir begleiten ihn bei seinem routinierten Schulalltag, wo sein Nachbar Howard Forfor ihn regelmäßig besucht, um Schülerinnen sexuell zu belästigen. Sein Verhältnis zu seiner Arbeit lässt sich mit dem Wort 'angewidert' gut umreißen: "Read Roethkes 'Last Class' ... I have to be around these nutcases every day." Als Nächstes begleiten wir ihn als Zuschauer bei einem Wettschwimmen im Stromschnellen-Gebiet, da es: "... the only mandatory social event in our community" darstellt. Er verfolgt jeden einzelnen Teilnehmer mit absolutem Desinteresse und gibt dem Leser kurze biographische Angaben. Das Rennen entpuppt sich als makaberes Spektakel, da die Zuschauer nur darauf warten, dass die Schwimmer sich an den Felsen verletzen oder sogar sterben. "... ran to the bank and dove in head first, right onto some rocks"; "Something in the water got Reardon. A moccasin maybe? ... We were not used of shows of emotion."; "Only three survived the falls: Freebeck, Almacher, and Flores. Ten was better then thirteen, at least. We could substain ten. We'd only had nine births the previous year."
Kapitel 3 betitelt sich mit: "Fall out" und genau das erwartet den Leser auch. Es beginnt mit den Worten: "Did she love you? Didn't she? Where are you? where is she going?" und endet mit "I had to leave". Dazwischen genehmigen sich "Godzilla" und "She-sus", sowie "Angelfish" demonstrativ die Seiten. In den zwei Kapiteln davor fristeten sie noch ein Nischendasein und waren auf einige Zeilen beschränkt. Eine Erklärung dafür finden wir in Kapitel 4: "I lowered my head as a saucer whizzed by ... The saucer landed and two tiny green women scuttled out, grapped the duck and disappeared."
Der Schuldirektor trampt, verliert sich in Erinnerungen über seine erste große Jugendliebe und landet schließlich in einer Absteige, die sich als "populated by lonely married women" erweist. Auf seinem Zimmer ist er mit "stuffed tissues in my ears" sowie "cut up a nightcrawler" beschäftigt, um schließlich vollkommen seine Sprache zu verlieren: "Dis is what I'm pinkin: dat is Pop's whizban, ne dom in Ions or paternal co-Valens, oh ingrate the Youner, dat chair beholden onto."
Kapitel 5: Die Absteige wurde hinter sich gelassen und man beschließt, jetzt auf einem vereisten Teich zu erfrieren. Anschließend finden wir uns wieder bei Mrs. Lardenswill. Unüberlegt stellte sie ein Glas mit Hirnmasse auf den Treppenabsatz. Der Schuldirektor war auf dem Weg in den Waschraum als er es, tituliert mit "Unlovable Jerk", vorfand. "Godzilla disappears into the desert. Call me Majnun, he growls back in the direction of the burning timbermill." Die letzten drei Kapitel sind eine Mixtur aus Cut-Ups und automatischem Schreiben. So etwas wie ein Plot existiert nicht mehr. Wenn man davon ausgeht, dass "Broken spikes and rusted metal wedges are used to pry my skull apart," ist es, für mein Dafürhalten, entschuldbar.

Dieses Buch ist grotesk: Sämtliche Personen erscheinen absolut austauschbar. Ja man gewinnt noch nicht einmal den Eindruck, dass es Personen sind, eher personifizierte Gemütszustände – Geblubber aus dem Unterbewusstsein. Blähungen, die auf einen großen Knall hinarbeiten. Plastisch wirken nur die beschrifteten Gläser der alten Dame. Mrs. Lardenswill will ihre Welt bewahren. Durch die Lobotomisierung ihrer Mieter sind diese vollkommen in sich "geschlossen". Die Zerstörung der Gegenwart des Einen, erhält die Gegenwart eines Anderen. Veränderung ist etwas Einseitiges. "Das Absolute soll die Welt erlösen, sie vor dem nie beginnenden und nie endenden Tod bewahren: In seiner ewigen Gegenwart bleibt alles bewahrt, wird alles geschützt und erhalten ... Doch um das zu leisten, muß es nicht nur immun gegen die Zeit, sondern vollkommen in sich geschlossen und unteilbar sein; deshalb können wir niemals erfahren, wie das (scheinbare) Nichts des Universums zur Herrlichkeit des Seins in der unvergänglichen Einheit des Eschaton zurückkehrt, ohne daß diese Einheit auseinandergesprengt würde." – Leszek Kolakowski
Dieses Buch ist eine Suche nach der Wirklichkeit: Die leidenschaftliche Suche des Schuldirektors nach der Wirklichkeit lässt sich zurückführen auf seine Gebrechlichkeit. Sein Unvermögen, irgendeiner Situation seines Lebens etwas Vitales und Echtes abzugewinnen, ist nicht zu letzt der Tatsache geschuldet, dass er den Unterschied zwischen Illusion und Nicht-Illusion und die damit verbundene Unsicherheit sprachlich dechiffrieren kann. "Das Dilemma des Skeptikers bleibt, entweder gar kein Skeptiker zu sein oder unlogisch zu denken." – Leszek Kolakowski
Tiefschwarz ist diese Tragikkomödie auf Descartes "opinio somnii" und sie dauert bis Kapitel 6 an. Dieses Buch verkörpert "Risum teneatis": Nachdem der Schuldirektor die Suche nach der Wirklichkeit aufgab, flüchtet er sich mal als "Godzilla", mal als "She-Sus", mal als "Dragonfly" dahin, wo er nichts mehr sprachlich dechiffrieren muss, sondern nur noch sein kann – in seine Phantasie. Der Leser wird allerdings im Unklaren darüber gelassen, ob allein seine Selbstaufgabe oder Mrs. Lardenswills Operationen ihn in diesen Zustand transportierten. Die Flucht vor der Zeit ist das verbindende Element von Mrs. Lardenswill und dem Schuldirektor. "Wenn nichts wirklich existiert außer dem Absoluten, ist das Absolute nichts; wenn nichts wirklich existiert außer mir selbst, bin ich nichts." – Leszek Kolakowski
Jeder von uns kommt ohne das Gegebensein von selbstbezüglichen Entitäten aus. Die Eigenschaften dieser Entitäten sind präsent. Sie müssen nicht sprachlich verortet werden. Wieso fordert dann die Allgemeinheit eine Intuition für Existenz? – Weil viele Menschen der Ansicht sind, dass die Allgemeinheit so etwas fordert. Mrs. Lardenswill glaubt durch ihre Eingriffe dieser Intuition eine gewisse Beweisbarkeit, in Form von mit Hirnmasse gefüllten Gurkengläsern, beizusteuern. Ob sich ihre Lebensqualität dadurch verbessert, ist unklar. Die Lebensqualität ihrer Mieter ist doch stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
Dieses Buch ist eine Kampfansage an "Schöner Wohnen" und alleine schon deshalb besonders wertvoll. Hassen Sie aufräumen? Mögen Sie Descartes? Mögen sie vielleicht die Lobotomie? Oder wie wäre es mit alten schrulligen Damen oder Schuldirektoren? Als Minimum einigen wir uns doch auf Gurkengläser und dieses sehr gute Buch.


 
für nonpop.de



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