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El_Nico

SWANS live im BERGHAIN

Das ekstatische Comeback des MICHAEL GIRA und seiner Band.


SWANS live im BERGHAIN
Genre: Sonstige
Verlag: YOUNG GOD...


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"My quest is to spread light and joy through the world", sagte SWANS-Mastermind und Bandbegründer MICHAEL GIRA im Vorfeld der Veröffentlichung des zwölften Studioalbums "The Seer". Nicht unbedingt eine Aussage, die von ihm erwartet wird, haben die SWANS doch die Reputation etwas bösartig zu sein. So trug das erste Album den Namen "Filth". Das neue Werk passt jedoch zu seiner Aussage, ohne dem früheren Stil der Band untreu zu werden. Auch ist die Rede davon, dass MICHAEL G. die Fragmente zu "The Seer" mehrere Jahrzehnte in sich trug. Der Maestro selbst bezeichnet das Album als bestes der SWANS, in dem "Hunderte und Hunderte von Stunden an Arbeit stecken". In einem persönlichen Brief von GIRA, welcher den Promo-CDs beigelegt ist, bittet er darum, das Material aus diesem Grund und der persönlichen Geldinvestitionen nicht vorab irgendwo zu veröffentlichen. Und: "The absolute highlight of all SWANS albums and every other music I was ever involved" ist dann auch auf dem Beibackzettel zu lesen.
Große Worte, doch "The Seer", welches übrigens in New York und in Berlin aufgenommen wurde, hält diesen Preisungen durchaus stand. Das Album ist, so wie die letzte Veröffentlichung "My father will guide me up a rope to the sky" aus dem Jahr 2010 gut hörbar, geht angenehm ins Ohr und ist dennoch hochgradig spannend. Es wird gelärmt, gerockt, es gibt sphärische Keyboards, hypnotische Choräle, Bass-Geballer, schwebende Postrock-Klänge, Industrial-Lärm, hübsch fluffige wolkenhafte Dur-Akkorde und gemeine Krach-Attacken. JARBOE, die frühere Lebenspartnerin GIRAs und Bandmitglied von 1984 bis 1997, ist auf "The Seer" wieder dabei: als Sängerin bei mehreren Tracks. Weitere Gäste sind MIMI PARKER und ALAN SPARHAWK von LOW, die neben JARBOE beim Einstiegslied "Lunany", den Chor singen CALEB MULKERIN und COLLEEN KINSELLA (BIG BLOOD), der Elektro-Cello-Soundeffekt-Pate BOB RUTMAN spielt Steel Cello auf dem infernalischen halbstündigen Titelstück, Mitglieder von AKRON/FAMILY beteiligen sich am Gesang. Auch dabei ist KAREN O. von den YEAH YEAH YEAHS, die das erste Lied der zweiten CD gesangsmäßig eröffnet: "Song for a warrior" klingt dann auch ein bisschen wie ihre Hauptband zu den "Show Your Bones"-Zeiten.
Die Versatzstücke der frühen SWANS sind noch alle vorhanden: sehr hart klingende Gitarren, heftige Drums und Wuchtbrummer-Bass. Diese werden jedoch mit einer etwas leichtfüßigen und dennoch tiefgreifenden Musik umgarnt, die an Gospel, Choräle, und im Titelstück sogar an den "Suspiria"-Soundtrack der italienischen Band GOBLIN erinnern. Die Musik wirkt weniger verkopft als früher, jedoch rauschhafter und traumwandlerisch. An etlichen guten Stellen – vor allem wenn der Sound durch unübersichtlich viele aber immer gut harmonierende Instrumente gestaltet wird – wird man dermaßen gepackt, dass unklar ist, wo oben, wo unten ist. Es fühlt sich an, als habe jemand (Herr GIRA?) einen am Schlafittchen gepackt und rückwärts durch eine Hecke gezogen. Gleichzeitig ist die Musik von einer Schönheit, die ihresgleichen sucht. Im Kopf tauchen ab und zu Referenzen aus bestimmten Jahrzehnten auf. Festnageln auf ein Genre oder einen Sound lässt sich "The Seer" nicht.

Die aus guten Gründen etwas jubelartige Berichterstattung erfährt jetzt einen kleinen Dämpfer: Das geplante Interview wurde kurzfristig aufgrund von Problemen beim Soundcheck abgesagt. Was den Sound anging, traten später auch noch mal Probleme (wenn auch geringfügiger Art) auf. Die SWANS sind seit jeher dafür bekannt, dass ihre Konzerte sehr, sehr laut sind. Öfter war davon zu lesen, dass Konzertbesucher die Lautstärke nicht aushielten, teilweise ohnmächtig wurden oder dass die Polizei Gigs vorzeitig beendete. Diese etwas legendäre Reputation war für MICHAEL GIRA einer der Gründe, die Band 1997 an den Nagel zu hängen. Im BERGHAIN hingen mehrere Hinweisschilder an prominenten Stellen, die auf die zu erwartende Lautstärke hinwiesen, mit der Bitte an die Zuschauer, Ohrstöpsel zu benutzen. Diese gab es gratis am Eintritt.
Nun ist das BERGHAIN generell kein besonders stiller Ort. Nicht nur in Bezug auf die Klangtechnik ist der Laden eine Referenz, unabhängig davon, ob es sich um Techno-Veranstaltungen oder die immer häufiger stattfindenden Konzerte innerhalb der Woche handelt. Das alte Heizkraftwerk passt nicht nur aufgrund des martialischen Aussehens und der etwas kathedralenartigen Atmosphäre, sondern auch wegen der schönen, kühl wirkenden und geschickt beleuchteten Einrichtung hervorragend zu einer Band wie den SWANS.
JARBOE war nicht bei dem Konzert dabei, dafür aber BOB RUTMAN, der mit zwei anderen Musikern ein Set spielte. Neben seinem Steel Cello, Drums und Percussions kamen mehrere kleine batteriebetriebene Spielzeuge zum Einsatz wie eine E-Gitarre, die quäkende kleine Soli von sich gab oder Pfeifen und Plastikspielzeuge, die Tiergeräusche simulieren, welches zusammen mit der Musik einen leicht verdrehten märchenhaften Effekt ergibt.
Die SWANS betraten danach die Bühne – MICHAEL GIRA mit Cowboyhut. Das zweistündige Konzert bestand zur Hälfte aus älterem Material, wie zum Beispiel "Coward" vom 86er-Release "Holy Money", die andere Stunde ist gefüllt mit drei Songs von "The Seer": "Avatar", "The Apostate" und als Höhepunkt der Titelsong. Dieser wurde leicht verändert zur Albumversion dargeboten: GIRA sprach davon, dies gehöre zum Konzept, die Lieder hätten alle einen mehrjährigen Prozess durchlaufen und seien nie "fertig" oder zu Ende gedacht, sondern auch live einer stetigen Weiterentwicklung unterworfen.
Das Bühnendesign ist karg – genauer: Es gibt keins. Das BERGHAIN als Kulisse und vier weiße Scheinwerfer, die von der Decke auf die Musiker strahlten, reichten aus. Die SWANS überzeugen als Musiker und brauchen keinerlei Drumherum. Während des Gigs hat MICHAEL GIRA den Cowboyhut abgesetzt und über einen Mikrophon-Ständer gehangen. Auch wenn er gerade mit dem Rücken zum Publikum stand oder gar nicht auf der Bühne war, so wirkte er durch diese Aktion dennoch präsent.

Ob er weiß, was für Ausstrahlung er hat? Er sieht gut aus, obwohl (oder weil) sich die Spuren des Lebens in seinem Gesicht abzeichnen. Er hat im Grunde genommen mehrere Leben hinter sich: Drogen seit dem zwölften Lebensjahr, Knast kurz darauf wegen Vandalismus und Diebstahl, unfreiwilliger Export zum Vater in Europa, wo er umhertrampte und Konzerte von AMON DÜÜLL, FRANK ZAPPA und PINK FLOYD sah. Er lebte in einem israelischen Kibbuz, studierte Kunst in Los Angeles, hörte KRAFTWERK, nahm Punkbands auf Video auf (was damals noch als avantgardistisch galt), trieb sich in der Punkszene von LA herum, war aber gleichzeitig mit dem Österreicher HERMANN NITSCH bekannt, der ein etwas umstrittener und avantgardistischer Wiener Aktionskünstler und Maler ist. Im Knast freundete GIRA sich mit den Werken von GENET und DESADE an, wurde mit BURROUGHS bekannt.
1982 gründete er die SWANS. Anfangs wurde deren Musik als No Wave bezeichnet, später als Power-Rock, Doom-Metal wird auch mal gerne in die Runde geworfen. Die SWANS unterlaufen Erwartungen, da sie häufig ihren Sound ändern, Mitgliederwechsel sind an der Tagesordnung. Nachdem die Band bei einigen Independentlabels unter Dach und Fach war, landeten sie durch den Erfolg einer Coverversion ("Love Will Tear Us Apart") bei einem Major, was von GIRA häufiger als "Tiefpunkt" der Band bezeichnet wurde. GIRA gründete daraufhin Anfang der Neunziger ein eigenes Label namens YOUNG, bei dem auch andere spannende Künstler ein Dach fanden und fanden: DEVENDRA BANHART, CALLA und LISA GERMAN sind nur einige davon. Später kamen bei den SWANS Folk- wie auch Noiserock-Elemente ins Spiel, bevor die Band 1997 zu Grabe getragen wurde.
Sie sind jedoch im Jahr 2010 von den Toten auferstanden. Wo bei anderen Bands der Filmtitel "Let Sleeping Corpses Lie" angebracht ist, lässt sich bei den SWANS sagen, dass sie seit der Reanimierung genau so spannend, etwas anders und möglicherweise noch besser als zuvor sind. Aktuellere Aussagen des SWANS-Masterminds sind deutlich lebensbejahender als früher, so sagte er zum Beispiel kürzlich, dass wir alle Ekstase wollen und die neuen Shows sollen "soul-uplifting and body-destroying" sein.
Das alles hat MICHAEL GIRA uns gegeben: Meine Beine sind etwas wacklig nach dem Gig und der körperlich erfahrbaren Musik, die Ohrstöpsel waren ausnahmsweise eine gute Wahl, und Endorphine lassen den Körper zehn Zentimeter über dem Erdboden schweben. Den Leuten drumherum scheint es nicht anders zu gehen: Sie sehen etwas fertig, aber glücklich aus.


 
El_Nico für nonpop.de


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