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Michael We.

Noise aus Afrika (Interview)

Neue Musik aus Angola, Südafrika, Tunesien und anderswo


Noise aus Afrika (Interview)
Kategorie: Spezial
Wörter: 1882
Erstellt: 19.02.2013
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LES STATONELLS (mit PATRICK LOMBE) aus dem Jahr 2004

Unterscheidet sich afrikanische Noise-Musik von asiatischer oder westlicher?


Manchmal ja. In Nordafrika ist durch arabische Beziehungen und Einflüsse etwas Neues entstanden. Aber diese Identität ist eben, wie erwähnt, oft mehr arabisch als afrikanisch. In Afrika gibt es so viele verschiedene Kulturen, dass der Gedanke an nur eine Noise-Kultur ein bisschen utopisch ist. Aber außer in Südafrika ist die 'Szene' sehr jung, nur einige, die manchmal nicht mehr in Afrika leben, produzieren so eine typische Musik. VICTOR GAMA aus Angola, PATRICK LOMBE aus Réunion, der durch Maloya inspiriert ist, aber wir sprechen hier mehr über experimentelle Musik als über Noise.
Ich denke, dass wir noch einige Jahre warten müssen, um eine echte Szene zu sehen und dann auch Leute haben, die 'typisch afrikanisch' Noise und Experimental machen. Aber in anderen elektronischen Musikszenen gibt es typische afrikanische Musik wie Kwaito, Kuduro, Shangaan Electro, Burkinabe Electro-Pop und so weiter.

In Asien hat experimentelle Musik ja einen eindeutig politischen Hintergrund, zumindest von den Machern aus gesehen. Ist das in Afrika auch so?

Für einige Leute ist es so, wie bei VICTOR GAMA, der mit einigen Stücken wie "Mesagem A Luanda" über den Krieg spricht. VICTOR GAMA macht auch andere kulturelle Projekte zusammen mit Leute in Kuba, Kolumbien, Angola und Brasilien und arbeitet an dem Projekt TSIKAYA, einer Forschung über MusikerInnen, die vor dem Bürgerkrieg an der Grenze zwischen Nordnamibia und Angola geflohen sind. NEPA IOS (und sein Parallelprojekt HOHNER COMET) macht manchmal Noise zum Thema Palästina.
NETWORK 77 in Südafrika (betrieben von o.g. JAY SCOTT) war in die 80ern und 90ern Label und Distribution für elektronische, experimentelle, Rock, Ska und andere alternative Musik. Ich erinnere mich, dass unter der Adresse immer New South Africa stand. Das war eine Anti-Apartheid-Parole.
Die verschiedenen afrikanischen Gesellschaften sind sehr konservativ, deshalb denke ich, dass experimentelle Musik in Afrika irgendwie immer Politik ist, bewusst oder nicht.
Wenn PATRICK LOMBE seine Collagen oder experimentellen Maloya macht, weiß er, dass diese 'komische' Musik in Réunion nicht akzeptiert wird. Wenn YARA MEKAWEI audiovisuelle Kunst macht, weiß sie, dass radikale religiöse Menschen so eine Kunst nicht tolerieren. YARA trägt einen Hidschab, und ich finde diese Konfrontation auch interessant: Eine religiöse Frau, die nach Europa kommt, spielt ein experimentelles, avantgardistisches Musikkonzert. Sie achtet darauf, dass nicht immer alles schwarz-weiß ist.

Du hast es eben teilweise schon angedeutet: Wie wird afrikanische Noise-Musik in ihren Ursprungsländern wahrgenommen? Und über welche Kanäle wird sie transportiert?

Es gibt eine neue Elite, die sich über neue Medien informiert. Leute, die Kunst studiert haben oder in Europa studiert oder gelebt haben. Diese Elite reagiert natürlich nie wie die 'einfachen Leute'. Auf diese Weise interessieren sich einige Menschen für solche Musik.
Experimentelle Musik ist sicher etwas Neues in Afrika, und die Jugend, die in diesen konservativen Kulturen lebt, findet durch diese Musik und andere Genres wie Metal oder Hip Hop ein Ventil. Also keine Überraschung, denn wie akzeptiert ist experimentelle Musik im Westen? Für viele sind wir verrückt, oder? So ist es überall...
Diese Musik wird fast überhaupt nur per Internet transportiert, aber es gibt auch einige kleinere Kanäle. Vor einigen Jahren war ich in Rabat, und mein Freund dort hat viel Experimental, Industrial, EBM, Neofolk oder Goth auf CD-R und auch CD-ROM, ich hatte mir nie vorgestellt, dass ich so viele alternative Musik in Marokko finden könnte. Er hat mir erklärt, dass das auf den Markt kam durch viele Raubkopien aus Russland. Filme, Musik, da kannst Du wohl alles finden wie Daten-CDs voll mit mp3s von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, zum Beispiel. Die dritte Option: Leute, die außerhalb von Afrika reisen oder sogar dort wohnen und mit CDs zurückkommen.
Es gibt einige Labels, die vor Ort CDs, CD-Rs und auch Schallplatten produzieren, aber im Moment verkaufen sie mehr außerhalb von Afrika als in Afrika selbst. Wie in der ganzen Welt reist digitale Musik viel schneller als CDs, Platten und Kassetten.

Oft wird ja - gerade bei elektronischer Musik - zwischen 'akademisch' und 'nicht-akademisch' unterschieden. Sind in Afrika nicht per se alle Noise-Musiker 'non-academic', oder ist das ein Vorurteil?

Außer in Südafrika und Ägypten gibt es keine Universitäten oder Akademien, wo elektronische bzw. elektroakustische Musik gelehrt wird. Deshalb kommen die verschiedenen MuskerInnen beinahe immer aus den DIY-Szenen. Einige haben sowas im Ausland studiert, aber echt wenige.

Existieren denn Festivals für solche Musik, möglicherweise auch in Europa?

Es gibt allerdings einige Festivals in Afrika. In Ägypten 100 COPIES und D-CAF, in Südafrika UNYAZI, in Algerien PULSATION SONORE, in Tunesien LE FEST.
In Europa buchen langsam einige OrganisatorInnen und Festivals Künstler aus Afrika, aber ein 100prozentig afrikanisches experimentelles Musikfestival habe ich hier noch nicht gesehen. Ich möchte gerne sowas organisieren, zusammen mit MusikerInnen aus Asien und warum nicht auch Lateinamerika. Momentan organisiere ich nur ab und zu kleine Konzerte.

Wie pflegst Du Kontakt zu Musikern aus Afrika, die Du ja auch teilweise auf Deinem Label veröffentlichst?

Es gibt natürlich das Internet, das ist einfach und billig, reicht aber nicht. Also wenn ich kann, treffe ich Musiker, wenn sie nach Europa kommen oder herziehen, oder ich fliege nach Afrika (bisher nur nach Nordafrika, aber hoffentlich bald auch weiter).
Man muss da hingehen, die Leute treffen, Partys sehen und dann manchmal zufällig etwas Neues entdecken. So ist es mir 2011 passiert: Ich war in Algiers, um zu spielen und einige Projekte zu erledigen, und da spielte ABDELKADER MOUSSOUS (A.K.M.). Er macht eigentlich Techno, aber war sehr neugierig und aufgeschlossen. Ein Mal ist er zu mir gekommen und sagte, dass er jemanden kennt, der mehr als 60 Jahre alt ist und eine riesige Plattensammlung hat, und zwar von Musique Concrète, experimenteller und elektroakustischer Musik. Aufnahmen von PIERRE HENRY zum Beispiel. Ich hätte das sicher nicht entdeckt, wenn ich in meinem Zimmer geblieben wäre und nur Emails geschickt hätte. Wenn ich reise, treffe ich oft Leute, die mir sagen, dass sie jemanden kennen, der oder die elektronische Musik oder Punk macht oder der oder die jemanden kennt... usw.

Du hast eine Datenbank ins Leben gerufen, die Künstler und Medien aus Afrika und Asien sammelt. Was ist Dein Ziel?

Ich wollte beweisen, dass es auch alternative elektronische und experimentelle Musik auf beiden Kontinenten gibt. Früher habe ich so viele negative Kommentare gehört wie "Es gibt nichts in Afrika", "In China gibt es nichts Originales, nur Kopien von westlichen Künstlern", "Iran ist eine Theokratie, da gibt es sicher keine Leute die so eine Musik spielen", und so weiter. Ich hatte die Nase voll von diesen Klischees.
In den 80ern und 90ern wollte ich Noise, Industrial, EBM, Punk, Goth oder Grindcore in der ganze Welt finden. Ich konnte nicht glauben, dass es diese Musik nur in Westeuropa, Nordamerika oder Australien gibt. Ich tauschte und kaufte viele Musik und habe schnell einige Bands in Japan gefunden (UTERUS OF PLANT, MERZBOW, K2, YXIMALLOO...), auch in Jugoslawien, Polen, Südafrika, Brasilien... Endlich, 1996, habe ich einen Sampler auf Kassette produziert mit 26 verschiedenen MusikerInnen und Bands aus alle Kontinenten von Chile bis Japan, von Malta bis Südafrika, von Litauen bis Australien und so weiter. Das war der ersten Schritt.
Die Mauer war gefallen, das Internet wuchs schnell, wir konnten MusikerInnen aus Osteuropa oder Lateinamerika besser entdecken, aber - außer Japan - beinahe noch keine aus Asien und noch weniger aus Afrika. Nach zwei Konzerten in der Türkei und dann Thailand habe ich gedacht, dass es an der Zeit wäre, mehr zu reisen und Werbung zu machen. In 2005 bin ich sechs Monate lang in Ost- und Südostasien geblieben, um zu spielen, neue Projekte ins Leben zu rufen, KünstlerInnen, und OrganisatorInnen zu treffen. Ich bin mit 70 CDs und einigen Kassetten und Vinyls nach Europa zurückgekommen und ein bisschen später nach Marokko geflogen. Zwei Jahre darauf habe ich dann die erste Compilation auf SYRPHE produziert: "Beyond Ignorance And Borders" (unten zum Nachhören), eine CD mit Noise, elektronischer und experimenteller Musik aus ungefähr 20 verschiedenen afrikanischen und asiatischen Ländern wie Ägypten, Marokko, Libanon, Vereinigte Arabische Emirate, Laos, Vietnam, China, Singapur, Mongolei... Das hat mir immer noch nicht gereicht, ich habe danach mehr CDs produziert und die Datenbank im Januar 2009 online gestellt.
Es gibt Kataloge, Magazine, Bücher, Datenbänke, die verweisen auf experimentelle, Noise-, Punk- oder Jazz-Musik aus Japan, andere auf ektroakustische Musikgeschichte, aber es gibt nichts über diese Musik aus Afrika und Asien. Ich wollte nicht, dass sie für immer verloren geht.
Jetzt exisitert ein Nachweis, dass es etwas in Asien und Afrika gibt, und langsam wächst ein Netzwerk heran. Leute aus China, die mir sagen, dass sie nicht wussten, dass es eine Szene in Vietnam gibt, gehen jetzt nach Hanoi, um zu spielen. Andere fragen an, ob es Möglichkeiten in Marokko gibt. Oder MusikerInnen aus der Türkei, die auf Tour nach Europa kommen, Labels, die in der Datenbank nach neuen MusikerInnen suchen...

Jetzt darfst Du noch ein bisschen Werbung für Dein Label machen: Welche Möglichkeiten gibt es, sich hier in Deutschland einen Überblick über afrikanische Noise-Musik zu verschaffen?

Na ja, es gibt natürlich das Label: SYRPHE, alle Produktionen sind online zu kaufen (digital und CD), einiges könnt Ihr frei downloaden. Ich mache auch ein Mal pro Monat eine Radiosendung auf STAALPLAAT RADIO, ungefähr eine Stunde über experimentelle Musik aus Lateinamerika, Asien und Afrika. Bald werde ich auch eine andere Online-Radiosendung starten, eine Zusammenarbeit mit RADIO SAOUT aus Marokko, jeden Monat (von Februar oder März an) werde ich Interviews, kleine Dokus, Musik und Field Recordings aus Afrika und dem Mittleren Osten präsentieren.
Ab und zu organisiere ich Konzerte, aber zur Zeit mehr mit MusikerInnen aus Asien. Im August und September kommt GARTH ERASMUS (von ASAI, der AFRICA SOUTH ART INITIATIVE aus Südafrika) nach Deutschland, um einige Workshops (in München) und Konzerte zu geben; eine gute Möglichkeit, um ihn zu treffen und zu hören.

Du schreibst gerade an einem Buch über Noise-Musik in Afrika und Asien. Worum wird es genau gehen, und wann wird es erscheinen?

Ich schreibe über alternative elektronische Musik wie EBM, Industrial, Electronica, Ambient... und ein bisschen über Techno, Trance, Kwaito, Shangaan Electro... aber das interessiert mich eigentlich etwas weniger. Und natürlich über experimentelle Musik: elektroaustische Musik, Noise, Onkyokei, Future Folk... - von Anfang (1944) bis heute.
Über die Historie, die sozialen und politischen Einwirkungen, über den Kontext, die verschiedenen Kunstrichtungen, die Effekte der traditionellen Kulturen, die Zensur, die Parallele zwischen experimenteller Musik im Iran und experimenteller Musik in Indonesien und noch vieles mehr.
Wann das Buch erscheinen wird, weiß ich leider nicht. Hoffentlich werde ich alles am Ende des Jahr fertig haben, aber das sage ich schon seit einigen Jahren... Dieses Jahr reise ich weniger, dann gibt es eine Chance, dass es fertig wird.

CEDRIK, vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Dir viel Erfolg  für Deine ambitionierten Projekte und weiterhin so viel Motivation!

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Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» SYRPHE (Label)
» CEDRIKs Datenbank (Afrika & Asien)
» SYRPHE @ Bandcamp


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