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Michael We.

TONY WAKEFORD und sein ORCHESTRA NOIR

'Ye Olde Tursa Boy' im Interview


TONY WAKEFORD und sein ORCHESTRA NOIR
Kategorie: Spezial
Wörter: 1228
Erstellt: 11.08.2010
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Hallo Tony! Viele Deiner Alben prägt eine düstere Atmosphäre, aber die Texte auf "What If..." verströmen nun wirklich absolute Hoffnungslosigkeit. Zerfall und Wahnsinn, wohin man hört. Woher rührt diese absolute Desillusion?

Elf Jahre verheiratet in London!! Ja, stimmt, die Musik scheint tatsächlich in Richtung Fin de siècle zu deuten, es könnte um den Untergang eines Weltreiches gehen. Eine Musikbox im Irrenhaus. Ich bin Pessimist aus Leidenschaft, und das nimmt zu, je älter ich werde. Allerdings geht es mir deshalb nicht permanent schlechter, denn wenn Du mal gemerkt hast, dass wir alle total verkorkst sind, dann kannst Du Dich damit arrangieren und das Beste daraus machen.

Musikalisch ist das ORCHESTRA milder geworden im Vergleich zu seinem Vorgänger. Alle martialischen und bedrohlichen, elektronischen Elemente, die zum Teil auch auf "The Affordable Holmes" (NONPOP-Besprechung) noch da waren, sind verschwunden. Wie passt das mit der Entwicklung der Texte zusammen?

Eigentlich war auf dem Album jede Menge Elektronik zu hören, aber wir haben uns dann doch für das Modell 'Edwardianisches Streichquartett – von Pocken gezeichnet' entschieden. Wir haben beim Sound abgerüstet, weil ich glaube, dass dann diese mit Spinnweben überzogene Baufälligkeit besser rauskommt.

Bislang ging es bei diesem Projekt immer um ein 'filmisches' Thema, um Gärten ("Cantos", 1997) zum Beispiel. Das Thema von "What If..." ist schwerer zu fassen, finde ich. Gibt es überhaupt eines?

Es ist wirklich schwierig, ein Thema zu extrahieren, aber ich schätze, sowas wie 'England in Zeiten des Wandels und des Niedergangs' passt schon. Viele Lieder scheinen entweder die Reaktion auf einen Verlust oder auf ein Horrorerlebnis zu sein, wie den Untergang des britischen Imperiums oder den 11. September 2001.

Lass uns über ein paar weitere Lieder und Themen sprechen: Der Titeltrack "What If...", das schönste und wohl traurigste Lied des Albums, bringt die oben erwähnten Elemente zusammen: zarte Instrumente und ein vollkommen hoffnungsloser Text. Klingt, als ob Du da zu einem Kind sprichst: "Was wäre, wenn Deine Eltern lügen würden?" Hast du beim Texten tatsächlich eine Ansprache an Kinder im Kopf gehabt?

Der Text entspringt einer Metapher, die M. R. JAMES in seiner Geschichte "The Haunted Doll's House" verwendet. Da wird ein Puppenhaus lebendig und erzählt furchterregende Dinge. Mein Puppenhaus würde einem Mädchen eben etwas über Aufstieg und Untergang beibringen. Gott würde in so einem Fall den König nicht schützen, und Eltern lügen nun mal.

"Spitfire" dagegen ist in meinen Augen ein politischer Song. Er thematisiert konkret den Zerfall Englands und die britische Beteiligung an militärischen Auslandseinsätzen. Sehe ich das richtig? Kommentare zu aktuellen politischen Themen hast Du ja bisher vermieden...

Ja, darum geht es wahrscheinlich. Obwohl ich gar nicht glauben kann, dass ich den Text selbst geschrieben habe. Vielleicht ist es auch belangloses Gerede von meinem Stuhl im Badezimmer, übrigens einer Manifestation des guten Geschmacks.

Ein weiterer Gegensatz: Trotz der aktuellen Kritik an England ist Dein Sound in den vergangenen Jahren wieder britischer geworden. "Into The Woods" (2007, NONPOP-Besprechung) war wohl das britischste Album überhaupt. Fühlst Du Dich auf der Insel wieder mehr zuhause als früher?

Ich bin ein englischer Künstler, es wäre sinnlos, etwas anderes vortäuschen zu wollen. Meine Bürde und Englands Fluch :-)

Was sagst Du zum Abschneiden der Engländer bei der Fußball-WM?

Überbezahlte Tunten. Gut, immerhin haben die Franzosen ein Lächeln auf meine angelsächsischen Lippen gezaubert. (Anm. d. Red.: Frankreich ist in der Vorrunde  rausgeflogen.)

Bringt uns der Buchstabentausch vielleicht weiter? Du hast L'ORCHESTRE NOIR in ORCHESTRA NOIR umbenannt – ein Abschied von Frankreich, wo Du ja zwischendurch auch gelebt hast?

Es wäre einfach Betrug gewesen, hätte ich mich mit neuen Leuten in eine neue Richtung bewegt und dabei den alten Namen behalten.

An der "Holmes"-EP haben schon viele Musiker mitgewirkt, für Euer neues, erstes Album sind noch mal ein paar dazu gekommen. Was seid Ihr? Eine Band, ein Projekt, eine Jamsession? Sind im Studio alle auf einmal anwesend?

Ich kann Dir wirklich nicht sagen, was wir sind. Die Aufnahmen entstanden auf jeden Fall in unterschiedlichen Studios, auch zu unterschiedlichen Zeiten. Das würzt unsere Arbeit mit einer Prise Chaos.

Du weist öfter auf MARK BAIGENT hin und bezeichnest ihn als einen der besten Oboenspieler in Europa. Wie hast Du ihn entdeckt?

Er ist ein Freund von RICHARD. Also ist wieder mal der böse MOULT an allem Schuld. (Anm. d. Red.: RICHARD MOULT von UNITED BIBLE STUDIES ist Bestandteil von ORCHESTRA NOIR.)

Die Oboe bekommt viel Raum auf "What If...", überhaupt gibt es viele klassische Parts. Einige Stücke, vor allem die mit wenigen Vocals, erinnern an impressionistische Kompositionen. Habt Ihr da bestimmte Vorbilder?

SATIE, PÄRT und JAMES LAST.

Dein Favorit von LAST?

Russia (Anm. d. Red.: Album von 1973).

L'ORCHESTRE NOIR hast Du mal ins Leben gerufen, um filmische Kompositionen zu schaffen. Daran hat sich meines Erachtens mit ORCHESTRA NOIR nichts geändert. Kommt irgendwann noch die Filmmusik, die Du schon immer gerne schreiben wolltest?

Wenn einer verrückt genug ist und mich beauftragt… Ich nehme an, das passiert dann wohl erst nach meinem Tod, was das Ding zu einem echten Verkaufsschlager machen würde.

Bei der "Holmes"-EP war es ja andersherum: Du hast eine bereits vorhandene Titelmelodie weiterverarbeitet. Was hat Dich an der HOLMES-Darstellung von JEREMY BRETT so fasziniert, dass Du ihm posthum eine EP gewidmet hast?

Das war ursprünglich JOAOs Idee (Anm. d. Red.: JOAO vom portugiesischen Label EXTREMOCIDENTE). Er musste ja auch die Zeche zahlen, denn sein Label hat die EP rausgebracht. Aber ich liebe SHERLOCK HOLMES natürlich auch, und BRETT war einfach wundervoll in dieser Rolle.

Off Topic: Hast Du zufällig den neuen Holmes-Streifen von GUY RITCHIE mit ROBERT DOWNEY JR. als HOLMES gesehen?

Tut mir leid, aber GUY RITCHIE-Filmen verweigere ich mich, das ist ein religiöser Brauch.

Schon Pläne für das nächste Album/die nächste EP oder Single von ORCHESTRA NOIR?

Ein paar lose Ideen. Ich bin erstmal erleichtert, endlich dieses Album rausgebracht zu haben.

Wann veröffentlichst Du eigentlich die wichtigen SOL-Alben aus dem Backkatalog wieder, zum Beispiel "Trees In Winter" (1990), "Lex Talionis" (1990/93) oder "The Blade" (1997)?

PROPHECY wird sie alle neu veröffentlichen, und zwar mit zusätzlichen Tracks und Artwork aus der schmutzigen Vergangenheit. ANDREW KING gräbt sich deshalb gerade durch den Bodensatz meiner Existenz, die arme Sau.

Mit der Single "The Bad Luck Bird" ist ja gerade zum ersten Mal seit vier Jahren neues SOL INVICTUS-Material erschienen, wie steht es um das angekündigte neue Album?

Das kommt erst, wenn der ganze Backkatalog draußen ist. MARTIN von PROPHECY hat für unsere Re-Releases die Idee einer Box im Kopf, die aussieht wie Schloss Neuschwanstein. Das wird überirdisch. Kann also alles noch eine Weile dauern.

Du hast eine deutschsprachige SOL INVICTUS-Seite im Netz, die ich erst vor kurzem entdeckt habe. Ist die auf besonderen Wunsch von deutschen WAKEFORD-Fans entstanden? Betreust Du sie selbst?

Ein Freund aus Deutschland (perverse Aussage für einen Londoner) hatte die Idee. Ich schicke ihm ab und zu ein paar Sachen, aber eigentlich hat er die Kontrolle. Also, wenn er irgendwann Pornoseiten verlinkt und Bilder von Deutschen mit Vokuhila-Frisuren hochlädt – ich habe nichts damit zu tun!

Danke für das Interview!

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» SHIP OF FOOLS (von WAKEFORD mitorganisierter Club)
» WAKEFORDs TURSA-Label

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