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Michael We.

APOPTOSE im Bannwald

Besprechung und Interview. They never returned ...


APOPTOSE im Bannwald
Kategorie: Spezial
Wörter: 837
Erstellt: 17.03.2010
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APOPTOSE: Bannwald
TESCO 078
14 Euro @ Labelshop
51 Minuten

1. Die drei Schwestern
2. Hexenring
3. Ein Jahr und ein Tag
4. Haltet Euch fern!
5. Vivian und Wiebke
6. Berkanas Traum
7. Im Bannwald



In einen Wald entführt uns RÜDIGER alias APOPTOSE dieses Mal, gelegen in Norddeutschland, wie es in der beiliegenden Info heißt. Darin verschwinden drei Waisenschwestern auf der Suche nach Kräutern. Gerissen von wilden Tieren? Gestürzt in eine Felsspalte? Die Dorfbewohner spekulieren. In den kommenden Jahrzehnten häufen sich die Berichte über drei geheimnisvolle Frauen, die am Waldrand umhergeistern. Ihr Bann wird erst gebrochen, so erfährt der Hörer im Verlauf des Albums, wenn drei andere Kinder an ihre Stelle treten.
Nach dem eher industriellen, großstädtischen Vorgänger "Schattenmädchen" kehrt APOPTOSE also wieder zurück zu den naturreligiösen, heidnischen Motiven der ersten beiden Alben. Die äußerst stimmungsvolle Vorgabe eines Bannwaldes wird musikalisch beeindruckend, so zweideutig wie auch das Wort selbst umgesetzt: Auf der einen Seite ein der Natur überlassener, schützenswerter Raum, auf der anderen ein verfluchtes, verwunschenes Stück Wald.
In seiner Wirkung ähnelt "Bannwald" den Veröffentlichungen von STURMPERCHT, SVARROGH oder anderen Sagen- und Märchenfolkern; es ist urig, erdig, oft düster und bedrohlich, aber auch voller mysteriöser Pflanzen und märchenhafter Geheimnisse. Musikalisch ist das Album eindeutig APOPTOSE, gleichwohl sich auf der vierten Vollzeit-Veröffentlichung – nach dem skandinavischen "Nordland", dem rituellen "Blutopfer" aus Spanien und der japanischen Großstadt auf "Schattenmädchen" – erneut Geografie und einige Stilmittel geändert haben.

Schon die ersten Töne stimmen auf einen altertümlichen, märchengleichen Sound ein. Zu sparsamen Flöten und glockenähnlichen Klängen, zu wäldlichen 'field recordings' und wabernden, dunklen Drones erzählt eine flüsternde Männerstimme die Geschichte der drei Schwestern. Anschließend, während der nächsten sechs Tracks, begleiten wir die Mädchen in den Wald hinein. Dessen düster-magische Atmosphäre wird eingeführt durch einen der schönsten Abschnitte der CD, die Neuvertonung der Pagan-Hymne "May the Circle be open", dargeboten von einer Frauenstimme auf folkig-englische Art und Weise. Kinder wispern, wie Nebel schweben einzelne, dunkle Drones zwischen den dicken Baumstämmen hindurch, düster zwar, aber nie wirklich grausig. Den Bezug zur Realität liefern weitere Feldaufnahmen wie Wasserplätschern und Tiergeräusche. Zum ersten Mal entsteht an dieser Stelle ein 'typischer' APOPTOSE-Sound: leicht schrille, alarmähnliche Töne wie aus einer elektronischen Kirchenorgel formieren sich langsam und schleichend zu einer Melodie.
"Ein Jahr und ein Tag" (3) beginnt fast neoklassisch, streicherähnlich, schwermütig. Dann setzen die Trommeln des Leipziger Fanfarenzuges ein, der seit den ersten Liveauftritten mit Stücken aus "Blutopfer" eine wichtige Rolle bei APOPTOSE spielt. Die Snare Drums sind langsam, nicht zu laut, aber trotzdem stark und mächtig. Sie treiben etwas an, das sich wie ein Flug oder Lauf durch den Wald anfühlt, wodurch die Dramatik deutlich zunimmt.
"Haltet Euch fern!" (4) steht in der Mitte und ist mit einer flüsternden Geisterstimme, nächtlichen Waldaufnahmen und knarzenden Bäumen der gruselige Höhepunkt: Die aus fünf Tönen bestehende, sich immer wiederholende Melodie scheint aus einem alten, analogen KRAFTWERK-Synthesizer zu stammen, das hohle, rhythmische (Herz)Schlagen von Klanghölzern untermauert den rituellen Charakter, und nach vier Minuten machen Verzerrungen das Stück zu einem dröhnenden, flirrenden Waldgeist.
Fanfarenklänge und ein ruhigerer Herzschlag mischen sich anschließend mit Ambient-Soundflächen ("Vivian und Wiebke", 5), die – wie auch schon bei "Schattenmädchen" erwähnt – an die kühle, sphärische Stimmung russischer Ambient-Kosmonauten erinnern. "Berkanas Traum" (6) ist ein weiterer Beweis für die starke "Bannwald"-Atmosphäre: Aus Drones steigen Töne auf, die zusammen mit zarten Glöckchen eine Art Kinderlied einhüllen ("Der Mond steht am Himmel ..."). Ungeheuer traurig und verloren löst sich der Gesang, zum Teil im Duett, am Ende mit Kinderlachen in Nebelschwaden auf. Zum erneut dramatischen Abschluss (7, "Im Bannwald") kommt alles zusammen: eine hymnische Melodie, rhythmisches Stockschlagen, Flüstern, die Waldtiere und Trommeln in Klarversion, die sich steigern bis zum letzten Schlag. Mit einem schrägen Zupfinstrument klingt "Bannwald" aus.

Es ist nicht leicht, diese Stimmung in Worte zu packen. Wie eingangs erwähnt, variieren die Bedeutungen des Obertitels, und so weiß auch der Hörer nie genau oder nur selten, ob er sich jetzt geborgen oder beunruhigt fühlen soll. Erstaunlich ist jedenfalls, wie es APOPTOSE immer wieder aufs Neue gelingt, eine deart hypnotische Wirkung zu erzielen. Dabei variieren auch die Mittel von Veröffentlichung zu Veröffentlichung: Dieses Mal spielen die Trommeln nicht die Hauptrolle, dafür tauchen im Vergleich zu den älteren Alben viele Vocals auf, zum ersten Mal wird sogar – ganz bezaubernd – gesungen. Typisch für RÜDIGERs Projekt sind die langsamen, aber mächtigen und dramatischen Melodien. Je nach dem, wie tief wir im Wald sind, klingt der Soundtrack dazu nach den russischen Weiten von SAL SOLARIS, einer elektronischen und düsteren Variante von "Robin Hood" oder nach einem der Animationsfilme (mit bewegten Bäumen?) von TIM BURTON. Die Naturnähe ist ähnlich stark zu spüren wie im Erstling "Nordland", wenngleich natürlich weniger eisig. Von den allesamt atmosphärischen APOPTOSE-Werken ist "Bannwald" bislang am komprimiertesten und intensivsten, was durch die aufwendige Verpackung unterstützt wird, die TESCO wieder einmal dazu gibt.

=> Interview




 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» APOPTOSE-Homepage
» TESCO
» APOPTOSE @ myspace
» APOPTOSE @ last.fm
» APOPTOSE @ discogs

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