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Michael We.

Berstende Tintenfische

Ein Interview mit KRAKEN aus Belgien


Berstende Tintenfische
Kategorie: Spezial
Wörter: 825
Erstellt: 27.12.2008
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musik

Woher kommt Eure offensichtliche musikalische Leidenschaft für Unterwasser-Atmosphäre?


j> Ich habe meine Kindheit an einem Hafenbecken verbracht. Unser Nachbar hat sich umgebracht, indem er hineinsprang. Die Nachbarin vier Türen weiter ist reingesprungen, um ihrem Leben ein Ende zu machen. Der Vater einer meiner Freunde geriet am Neujahrsabend zwischen ein Schiff und die Wand. Als Kind hatte ich deshalb Alpträume, ich blieb im Schlaf zwischen den Docktüren stecken. Nächtelang habe ich das ganze Haus zusammengeschrien; ich dachte, ich ertrinke. Also war diese 'Leidenschaft' bei mir ursprünglich gar nicht die Tiefsee, sondern der Gedanke an das Ertrinken. Menschen, die das Pech hatten, mit mir im selben Raum zu übernachten, erzählten mir am nächsten Morgen, dass es sich so angehört hätte, als wäre ich abgesoffen. Sie gerieten in Panik und weckten mich auf. Deshalb schlafe ich nicht besonders gern ein, weil ich immer ertrinke...
r> Für mich ist die Erklärung absolut einfach: Alles Leben kommt aus dem Meer. Wenn man auf das Wasser schaut, ist einem gleich ganz leicht und ruhig ums Herz. Man fühlt sich wie ein Neugeborenes, das seine Mutter reden und atmen hört. Aber die Sanftheit kann trügerisch sein, da drunten ist ein riesiges Universum, das unseren ganzen Planeten umspannt. Viele seiner Geheimnisse und Bewohner sind uns noch nicht bekannt.

Auffallend  ist, dass Ihr immer wieder tuschelnde, flüsternde Stimmen einsetzt. Stammen die aus Euren Köpfen?

j> Wegen meiner Arbeit reise ich viel. Wenn ich in einem Flugzeug, Auto oder auf einem Schiff bin, und es ist eine lange Reise, schalte ich nach einer Weile ab. Ich lehne mich gegen das Fenster, fahre meine Systeme runter, höre aber immer noch alles. Das ist ein Zustand zwischen Bewusstsein und Schlaf, eine außergewöhnliche Hörerfahrung. Alles erscheint laut, beweglich, ich bin zwar da, nehme aber nicht teil, sondern bade in diesen Geräuschen. Ich hoffe, dass manche Leser diese Erfahrung auch schon gemacht haben. Das ist auf jeden Fall, was diese Stimmen für mich sind.
r> Joris spricht von Halbschlaf. Aber wer sagt denn, dass die Stimmen überhaupt aus UNSEREN Köpfen kommen? Vielleicht sind sie in den Köpfen der Hörer, ausgelöst durch unseren Sound. Ich persönlich mag diese Halb-Zustände, die bringen mehr Tiefe in Musik oder Film. Man muss sich hinterher viel intensiver fragen, was man eigentlich gehört und gesehen hat und was nicht.

Auf die Frage nach Euren Einflüssen antwortet Ihr gerne 'life in general'. Geht es konkreter?

r> Die Ignoranz dieser Gesellschaft ist die Hauptmotivation für meine kreative Arbeit. Die Geschichte der Menschheit, die letzte Nachrichtenmeldung oder ein Gang durch kaputte Gebäude löst bei mir einen schier unendlichen Strom an Ideen für unsere musikalischen Experimente aus. Und natürliche die persönlichen Höhen und Tiefen in unser beider Leben.

Eure Musik driftet – trotz Stimmen und Tiefsee – nie in den Wahnsinn ab, sondern kehrt immer wieder zu beruhigenden, schönen Elementen zurück. Seid Ihr harmoniesüchtiger als Ihr zugebt?

j> Alles ist echt an unseren Sounds. Würde die Verrücktheit überhand nehmen, gäbe es auch KRAKEN nicht mehr.
r> Versteh' mich nicht falsch – ich lebe meine Portion Verrücktheit. Aber viel stärker wird doch alles, wenn das genaue Gegenteil dazu kommt. Denke ich jedenfalls. Für KRAKEN ist das die richtige Balance. Ich würde mich gerne auf den Song "Dunkelheit" von BURZUM beziehen: Hart und mit Geschrei, aber die Synthiemelodie macht alles erst so richtig mächtig. Musik für den Moment, in dem Du abtrittst... in Flammen....

Eure Düsternis gleicht Ihr außerdem mit sehr abgedrehten Songtiteln aus, wie zum Beispiel "Deine Schwester und das falsche Bein" oder "Sushi ist Mord" – wer kommt denn auf so was??

j> Das ist wirklich am schlimmsten an so einem Album. Wir haben eine Idee, wohin die Musik führen soll. Aber sie zu betiteln, ist hart. Wir haben mal einen und mal 300 Songtitel für ein Album. Da zeigt sich der Vorteil, mit einem Typen zusammen zu arbeiten, den Du seit Jahren kennst. Du musst Dich für nichts schämen, lass es einfach raus. Dann suchen wir aus, was am besten zum aktuellen Sound passt. Nicht gerade einfach, aber so wie wir KRAKEN verstehen, ist es der einzig richtige Weg.
r> Die Titel sind über die Jahre eine Art Markenzeichen geworden. Sie passen viel besser zu unseren Visionen als solche, die wir zum Beispiel für "Aquanaut" verwendet haben. Diese Art von 'Unterhaltung' haben wir perfektioniert, seit wir uns kennengelernt haben. Es wundert mich immer, dass Leute unsere Titel lustig finden. Zum Beispiel die Schwester, siehe oben. Vielleicht musste ihr Bein abgenommen werden nach einem Unfall, und ihr Drecksack von einem Bruder hat die Prothesen vertauscht. Ich glaube nicht, dass sie das lustig findet.

Eine Einordnung Eurer Musik in bestimmte Kategorien ist schwierig. Experimental ist sehr allgemein, Noise ist es nicht wirklich. Was würdet Ihr vorschlagen?

j> Gedankenfluss?
r> Elektro-akustische Geräuschkulisse? Klingt sperrig, deckt aber unsere akustische Spanne ab, ohne etwas zu vernachlässigen.

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Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» KRAKEN-Label (SPECTRE)
» KRAKEN-Mailorder @ ANT-ZEN
» KRAKEN-Kanal @ youtube
» KRAKEN-Blog @ myspace

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