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Michael We.

BABY DEE: ZWISCHEN BÄR UND KATZE

Ein Interview


BABY DEE: ZWISCHEN BÄR UND KATZE
Kategorie: Spezial
Wörter: 1141
Erstellt: 26.02.2007
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Fangen wir einfach ganz vorne an - wie würdest Du Deine Kindheit beschreiben?

Etwas heruntergekommen, aber auf keinen Fall armselig oder schmutzig.

Erinnerst Du Dich an etwas Bestimmtes?

An Flieder und Rosen, Ratten und Maden, Sicherheitsnadeln und Dachpappnägel, an Boote, die ich aus kleinen Holzstücken und altem Linoleum gebastelt habe, an den exakten Durchmesser eines jeden Baumes im Viertel. Und an roten Nagellack.

Wie war die Beziehung zu Deinen Eltern? Sie tauchen in manchen Deiner Songs auf...

Mein Vater war etwas mürrisch, aber aus heutiger Sicht denke ich, dass wir zurecht kamen. Wahrscheinlich war alles ganz normal. Kinder kapseln sich immer ein wenig von ihren Eltern ab. Sie haben mir manchmal leid getan, manchmal hatte ich Angst vor ihnen.... doch, das klingt sehr normal! Alles ein bisschen düster, aber nichts wirklich Schlimmes.

Stimmt es, dass Du Deine Karriere als Harfe spielender Bär im Central Park in New York begonnen hast? Erzähl.....

Ja, das stimmt. Ich hatte gerade angefangen, ein bisschen auf der Harfe zu üben. Da wuchs in mir der Wunsch, mich in ein großes, flauschiges Wesen zu verwandeln. Ich entschied mich für einen Bären. Also kaufte ich einen Bärenanzug in einem Kostümladen. Den bewahrte ich zusammen mit meiner Harfe im Haus eines Freundes auf, der direkt am Central Park wohnte. Ich ging jeden Tag hin, zog das Bärenfell an, trug die Harfe in den Park und spielte. Ich war sehr jung damals, eigentlich noch ein Kind, eines von denen, die keine Ahnung haben, wie sie jemals in diese Welt passen sollen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was für Musik ich gespielt habe. Kleine Fragmente, die für die Zuhörer vielleicht wie ein Lied oder ein Tanz oder ein Ich-Weiß-Auch-Nicht-Was klangen. Die Musik war so wie ich: ohne Anfang und Ende, ein Irgendwie. Es fällt mir sehr schwer, zu beschreiben, was Musik mir damals bedeutete. Sie hat mir geholfen, meine Gefühle einzurichten. Alles, was ich gemacht habe, war sehr egozentrisch. Eine Art Therapie vielleicht? So wie ein Verrückter versucht, seine Stimmen zu kontrollieren. Oder ein Baby an seinem Daumen nuckelt. Es war schön warm in dem Bären, und er hat mich davor beschützt, mit den Menschen um mich herum Kontakt aufnehmen, sie überhaupt wahrnehmen zu müssen. Niemand hätte von einem Bären Interaktion erwartet. Meine Beziehung zur Musik hatte damals also überhaupt nichts mit 'performance' zu tun. Aber gleichzeitig konnte ich damit Geld verdienen. Die Leute dachten wohl: 'Ach wie süß, ein Bär mit einer Harfe hier im Park.' Und sie gaben mit ein paar Münzen. Das war herzig. Und dumm. Ich mag Dumme.

Später warst Du als Straßenmusikant in New York unterwegs, vermutlich nicht mehr ausschließlich in einem Bärenkostüm. Für wen hast Du zu dieser Zeit Musik gemacht?

Wenn ich so darüber nachdenke, war 'später' ganz schön viel später - 20 Jahre vielleicht? Das war komplett anders. Ich habe mich nicht mehr versteckt. Ich fühlte mich, als ob ich schon mein ganzes Leben lang eine große Katze gewesen wäre. Ich hatte ein riesiges Dreirad, ich thronte über allem und betrachtete alles aus der Perspektive eines Raubtiers. Ich war laut, kantig und hatte Spaß am Leben. Für mein Publikum habe ich den normalen Krams gespielt, mit dem man Geld verdient, und ein paar wirre Comedysongs. Viel von HARRY RUBY. Ich liebte alles von HARRY RUBY (Anmerkung der Redaktion: ein US-amerikanischer Drehbuchautor und Komponist). 'And I swear by all that's holy I would dwell among the lowly caribou if you asked me to...' ('und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: ich würde mich für Dich auch unter ein niedriges Karibu kauern'). Auf der Harfe spielte ich viele Jazz-Klassiker, denn an der frischen Luft ist es fast unmöglich, eine Harfe gestimmt zu halten, und bei Jazz fallen die schrägen Töne weniger auf. Merkst Du jetzt, wie niederträchtig ich bin?

Etwa zehn Jahre lang warst Du Chorleiter und Organist einer katholischen Kirche in New York. Das klingt nach Herausforderung und gleichzeitig nach einem sicheren Job. Warum hast Du aufgehört?

Das war zwischen Bär und Katze. (Kann es sein, dass ich bis hierher eine kleine Hölle beschrieben habe, voll mit lauter bleichen, durchgeknallten Irren - und jeder einzelne davon bin ich??). Eigentlich war das ein prima Job. Ich musste nichts von dem Mist spielen, der heute so in katholischen Kirchen läuft, obwohl da draußen Tonnen von tollen Kirchenliedern rumliegen. Es ist unverzeihlich, dass alles, was heutzutage in Kirchen gespielt wird, so beschissen ist. Gott wird Euch dafür eines Tages drankriegen! Toll an meiner Arbeit war, dass zu der Kirche eine Schule gehörte und ich den Kindern Musikunterricht geben durfte. Ich bin sehr glücklich, dass ich wenigstens ein paar Jahre meines Lebens mit Kindern arbeiten konnte. Gegangen bin ich, als mir klar wurde, dass ich es keinen einzigen Tag mehr ertragen würde, so zu tun, als sei ich ein Mann. Zu dieser Zeit war ich schon ein Jahr lang in meiner privaten Mission unterwegs - Geld zu sammeln für meine Operation. Ich habe mich durch jede Kirche in allen fünf Gemeinden gehurt und jeden ätzenden Scheiß gespielt, den sie von mir haben wollten. Ich habe mich so geschämt..... Du siehst: Als ich ging, war meine Leidenschaft für alles, was sich 'heilig' nennt, schon deutlich abgekühlt.

Würdest Du Dich trotzdem als religiös bezeichnen?

Das werde ich immer und überall gefragt. Manchmal sage ich einfach NEIN. Nie sage ich einfach JA, denn dazu bin ich zu sehr wie all die anderen Menschen, die davonlaufen vor denen, die besonderen Wert darauf legen, als 'religiös' wahrgenommen zu werden. Bei solchen Menschen muss ich immer schreien und mich schütteln. Na ja, es ist schon verständlich, dass manche auch mich als religiös wahrnehmen, das gebe ich gerne zu. Ich lese sehr viel, und ich habe alle Anstrengungen unternommen, um auch DAS Buch zu lesen, das vor mehreren Jahrtausenden geschrieben wurde, und zwar ohne dass ich dabei von jemandem beeinflusst wurde. Vielleicht ist davon ein bisschen was hängen geblieben, wer weiß.....

Sammelst Du noch Kirchenlieder?

Nein.

Du hattest noch viele andere faszinierende Jobs, das heißt - für mich klingen sie zumindest faszinierend. Um dieses Kapitel abzuschließen: Was genau hast Du als 'Bäumekletterer' (tree climber) gemacht? (Anmerkung der Redaktion: Das ist in den USA ein ganz normaler Job.)

Ich habe das Klettern geliebt. Ich war schon immer gerne hoch oben. Am Anfang war es sehr schwer für mich, aber als ich es dann konnte, war es unglaublich befriedigend. Mein Problem: Je besser Du wirst, desto größere Äste musst Du absägen, und irgendwann hatte ich dann Angst. Zum Schluss arbeitete ich für eine Firma, die sich um riesige Monsterbäume kümmerte, und ich bin ein paar Mal nur ganz knapp mit dem Leben davon gekommen. Wahrscheinlich habe ich deshalb mit dem Thema 'Bäume' in meinem Leben abgeschlossen.



 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» BABY DEE
» CURRENT 93
» ANTONY & THE JOHNSONS

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