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Roy L.

Rückschau: 15. Wave-Gotik-Treffen

Black Leipzig, 02.06. - 05.06.


Rückschau: 15. Wave-Gotik-Treffen
Kategorie: Spezial
Wörter: 1938
Erstellt: 13.06.2006
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"In Ewigkeit frei" - Orplid im Völkerschlachtdenkmal (Tony)

Am Sonntag stand mit dem Konzertdebüt von ORPLID in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals schließlich ein weiterer Höhepunkt des Festivals an. Ein noch geeigneterer Ort für das erste Konzert der Band überhaupt konnte man sich sicherlich nur schwerlich vorstellen, da ja auch schon ein Bild des Denkmals die MCD "Geheiligt sei der Toten Name" ziert. Insgesamt hatte die Band ein rund zweieinhalbstündiges Programm aufgestellt, das in mehrere Akte unterteilt war. Musikalisch war der Auftritt eigentlich ein kombinierter BARDITUS/ORPLID - Auftritt, der jeweils an zwei Stellen in Lesungen von Rolf Schilling überging. Die Band bestand an diesem Abend aus Frank Machau (Gesang, Gitarre, Keyboards), Uwe Nolte (Gesang, Keyboard), Andreas Arndt (Bass) und einem mir unbekannten Musiker an den Trommeln. Der Auftritt begann im ersten Akt eher BARDITUS-dominiert. So kamen mit Uwe Nolte am Mikrophon unter anderem "Herrentod 1919" oder "Die letzten Goten" zu konzertanten Ehren. Allerdings kamen auch bereits ORPLID Stücke wie "Bruder Luzifer" oder "Der Merseburger Rabe", letzterer natürlich a capella vorgetragen, zur Geltung. Gerade in diesem ersten Teil war noch eine gewisse Nervosität der Band zu spüren, die sich später allerdings verflüchtigte. Rolf Schilling betrat nun zum ersten Mal den Innenraum der Krypta und las einen Text zum Thema "Heimliches Deutschland". Der Text zu diesem Thema war aus meiner Sicht gekonnt ausbalanciert und in seinen Abgrenzungen bestechend scharf. Nach diesem Intermezzo betrat abermals die Band den Innenraum. Frank Machau übernahm nun bis auf das letzte Stück den Gesang, wobei man sicher konstatieren muss, das Letztgenannter der bessere Sänger ist. Die Band setzte weiter auf ein sehr organisches Klangbild. Elektronische Klänge und Hintergrundgeräusche wurden nur sehr zurückhaltend eingesetzt. Dabei wirkte das Klangbild aber nie zu dünn, da Andreas Arndt am Bass ein sehr variables und ausdruckstarkes Spiel bot und die variantenreiche Perkussion ihr übriges tat. Unter anderem aufgrund der zurückhaltenden Elektronik hatte die Band zudem einige Stücke teilweise erheblich bearbeitet, wie zum Beispiel "Maria", das sogar eine geänderte Gesangslinie aufwies, was dem Auftritt zusätzliche Spannungsmomente verlieh. In diesem Teil wurden schließlich Stücke wie "Auf Deine Lider senk ich Schlummer" oder auch "Das Abendland" dargeboten. Nach einigen Stücken betrat abermals Rolf Schilling den Innenraum, um einige Gedichte wie "Der Tiger" oder "Irminsul" vorzutragen. Schließlich nahte der letzte Akt des Abends, der mit "Der letzte Ikaride" eingeläutet wurde. Insgesamt drängte in diesem Teil die Elektronik dann doch noch etwas mehr in den Vordergrund. So wurde das völlig umgearbeitete und gegenüber dem Original minimalistischer gehaltene "Geheiligt sei der Toten Name" mit einem Loop unterlegt und sogar durch Andreas Arndt mit einem Didgeridoo bereichert. "Im Sturm" durfte an dieser Örtlichkeit ebenfalls nicht fehlen, bevor der Auftritt schließlich mit dem von Uwe Nolte vorgetragenen "Barbarossa" mehr als eindrucksvoll endete. Uwe Nolte lebte sich direkt in den Text hinein, wie es ohnehin während des gesamten Auftritts sichtbar war, dass er seine Texte quasi mitdurchlebte. So verklang schließlich das zuletzt mit erhobener Stimme gerufene "In Ewigkeit frei!" in der Kuppel des sanft in rot beleuchteten Völkerschlachtdenkmals. Mit auslaufenden elektronischen Klängen endete ein aus meiner Sicht in jeder Hinsicht überragender Abend. Die ungeheuer dichte Atmosphäre des Auftritts, noch unterstützt durch die absolute Ruhe und Disziplin der Zuschauer während des Programms, hallte dann auch in einem selbst noch einen Moment nach. Ich hoffe für alle, die nicht zugegen sein konnten, dass ORPLID auch in Zukunft zumindest ausgewählte Konzerte spielen werden. Mit diesem Auftritt auf dem diesjährigen WGT endete dann auch mein Festivalaufenthalt für dieses Jahr. Ich würde mir allerdings wünschen, dass im nächsten Jahr die Neofolk-Veranstaltungen vielleicht wieder etwas mehr gebündelt werden und dass sich die Bekanntgabe der auftretenden Bands gerade in diesem Bereich nicht wieder so lange hinzieht, um den Besuch des WGT planbarer zu machen.


Mein Abend beim WGT (Martin L.)

Nun habe ich es also doch noch geschafft, das erste Mal in meinem darken Leben das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zu besuchen. Aus gutem Grund: die bloße Vorstellung eines Massenauflaufs an Schwarzkitteln hat mich schon zu Zeiten als ich selber einer war (samt schwarzgefärbten, toupierten Haaren, silbernen Umhängern und Kajalstift um die Augenlider) eher abgeschreckt. Bei meiner Ankunft in Leipzig bietet sich mir dann auch ein schier surreales Bild: ganze Trauben von "Gothics" aller Stilrichtungen bevölkern die Bushaltestellen, Cafés und Straßenbahnen. Die meisten davon sehen so richtig und auf spektakuläre Weise scheiße aus. Von Subversion, Subkultur oder jugendbewegter Romantik ist eigentlich den wenigsten etwas anzumerken. Stattdessen ein schales Gefühl von Kommerz, Konsum, Konformismus und zuviel Taschengeld. Business und Partyfaschismus as usual. Wo ist der Unterschied zu den durchschnittlichen gehirngewaschenen MTV-Kids? All dieser Spaß hat was Klebriges, Vorgefertigtes, Designtes. Sexshop-Dekadenz für Halbwüchsige. Als der selige Rozz Williams, einer meiner unsterblichen Helden, sich als neurotischer 18jähriger im Brautkleid von der Mama auf die Bühne gestellt hat und zum Geschrammel seiner dilettantischen Begleitband DESPERATE HELL gekrächzt hat, war das ein pubertätspsychotischer, künstlerisch-rebellischer Akt erster Güte. Außerdem hat er bewiesen, dass er kein Poser ist, und sich eigenhändig vors Jüngste Gericht und wahrscheinlich in die Hölle katapultiert. Rot in Peace, Rozz. Jesus, where the hell are you? Heute geht der infantil gebliebene Dummgothic seine Krankenschwester-Fetischklamotten bei Plaste+Elaste um teures Geld einkaufen wie andere halt zum Benetton gehen. Und dann auf zur szeneninternen Modenschau, um zu wetteifern, wer am beschissensten aussieht.
Na, das mal beiseite. Dessen ungeachtet machten wir uns am Sonntag also auf den Weg, um Lichttaufe-relevante Konzerte zu besuchen. Die Heterogenität der Szene hat ja inzwischen einen Grad erreicht, der ans Groteske grenzt. Das mag ja legitim und unter einem gewissen Blickwinkel ganz positiv sein. Wir lassen jedenfalls das "Obsession Bizarr Fetischtreffen 2006", die "erotische Lesung" "Les Erotique" (sic! ist "les" nicht ein Plural?) und DEINE LAKAIEN links liegen (es gab außerdem noch so Schmankerl wie eine Oswald Henke - Lesung und einen Auftritt von LACRIMOSA. Obwohl, das hätte ich auch mal gern gesehen), und begeben uns in das wirklich atemberaubend monumentale Völkerschlachtdenkmal zu ORPLID. Das sich hier konzentrierende Publikum fällt durch im Schnitt deutlich kürzere Haare auf, sowie durch eine hohe "österreichische Tarnjacken" - Dichte (das sind die mit dem DIJ-Fleck). Als wir ankommen, spielen ORPLID bereits. Wir begeben uns rauf auf die Galerie und blicken zu den gewaltigen Füßen von meterhohen, titanisch-teutonischen Steinriesen auf die Band und das Publikum hinab. Beim Runterschauen ficht mich eine leise Höhenphobie an und die vage Angst, ich könnte plötzlich dem Zwang erliegen, hinunterzuspringen. Dazu die passende George-Zeile aus "Geheimes Deutschland": "Reiß mich an deinen rand / Abgrund - doch wirre mich nicht!". Das "Geheime Deutschland" ist dann auch Gegenstand der Lesung des "Jahrhundertdichters" (Uwe Nolte) Rolf Schilling. Schilling ist eine beinah anachronistische Dichterexistenz. Seine virtuos geschmiedeten Gedichte erscheinen in nicht sehr billigen Liebhabereditionen in erlesenen bibliophilen Ausgaben, die auch auf dem Merchandising-Stand aufliegen - darunter in Blau und Gold der Band "Zeit der Götter", zu dem Arno Breker Zeichnungen beisteuerte (Lutz Dammbeck drehte 1994 einen sehenswerten Dokumentarfilm über den 1991 verstorbenen Breker mit demselben Titel, der Interviews mit Schilling und einem fast 100jährigen Ernst Jünger im bunten Asia-Hemd enthält). Schillings Themen sind fast ausschließlich mythischer Natur: der Olymp, Walhalla, das "Geheime Deutschland" erfahren in seinen Gedichten eine späte Verklärung. ZINNOBER 5/2003 enthielt einen Prosatext Schillings: "Das verweigerte Opfer". Einen ähnlichen Text trug der Dichter nun in der kongenialen Kulisse des Völkerschlachtdenkmals vor. "Geheimes Deutschland - Eine Elegie" ist eine Meditation über ein Nietzsche-Wort über das Wesen der Deutschen und die Figur Stauffenbergs, eines einstigen George-Jüngers, dessen letzte Worte "Es lebe das heilige Deutschland" oder "Es lebe das geheime Deutschland" gewesen sein sollen. Ich würde mich an dem Text verfreveln, wollte ich ihn hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergeben. Er wäre es wert, hier in voller Länge veröffentlicht zu werden. Trotz oder wegen der schlechten Akustik habe ich die Ohren gespitzt, und mir schien, als ob Schilling ganz allein zu mir sprechen würde, und auf eine Frage, die ich in mir schon lange trage, eine Vorahnung einer Antwort geschenkt hätte. Ich wünsche mir, dass es vielen so gegangen ist wie mir.  Nach einer kurzen Pause griffen ORPLID wieder zur Klampfe, und wir verließen den Saal, um uns in den "Anker" zum Tesco - Abend zu begeben.
Dort angekommen erfahren wir unisono, dass APOPTOSE, die wir verpasst haben, supertoll gewesen sein sollen. Nun denn. Es folgten Auftritte von DIETER MÜH (zwei seltsam aussehende Engländer, die weder "Dieter" noch "Müh" heißen), LAND:FIRE und PROPERGOL, zu denen mir rein gar nichts einfällt. Erst gegen ein Uhr früh findet dann endlich der Auftritt jener Gruppe statt, die der eigentliche Grund unserer Anwesenheit ist: gemeint sind die aus Wien stammenden Wahl-Katalanen Jürgen Weber und Fräulein Tost, auch bekannt unter dem Namen NOVÝ SVET. Für diesen Gig wurden sie unterstützt von Tairy Ceron, dem Kopf des Kultprojekts AIT!. Der Großmeister des Bizarrismo mit den lustigen Tattoos ist zugleich Betreiber des exzellenten Labels Punch:-Records. Eine Band hat es dann geschafft, wenn sie mit niemandem vergleichbar ist, bzw. wenn andere mit ihr verglichen werden, wenn es heißt "die klingen wie..". NOVÝ SVET haben diesen Status schon lange erreicht. Ihre Musik entzieht sich eigentlich jeder Beschreibung. Dazu haben sie ein Image in die Welt gesetzt, das Marco Deplano einmal so auf den Punkt gebracht hat: "Jürgen und Ulla sind die Al Bano & Romina Power der Post-Industrial-Szene." Die Jürgenundullahaftigkeit ist eine scharf definierte, organische Persona, erstrahlend in ihrer unverwechselbaren "Istigkeit" (Meister Eckhart) und ihrer so-seienden, ekstatisches Entzücken hervorrufenden "Kuinzigkeit" (Heidegger). In der Welt von NOVÝ SVET kreuzen sich liebenswerte, lilafarbene Naivität, amoklaufende Aggressivität, puristische Melancholie, schwarzer Humor, poppiger Surreal-Satanismus, zuckerlfarbenes Delirium, Coca-Cola und Katholizismus, mediterrane Leichtigkeit und Wiener Wahnsinn gugging'scher Färbung. Und so kamen sie dann endlich, enthusiastisch empfangen von einem durch die späte Geisterstunde und die vorhergehenden Bands ausgiebig mürbe gemachten Publikum: Frl. Tost, in charakteristisches Rosa gekleidet, am Akkordeon und am Turntable, Herr Weber, authentisch schwer über- und umnachtet wirkend, mit unheimlichem Flackern in den Augen und einem irren Grinsen ab und zu, Tairy als Lounge-Lizard im dunklem Hemd und Krawatte am Sexy Saxophon. Was nun folgte, war eine gut einstündige, sehr laute Krach-Orgie, in der Jürgen Weber gleich zu Beginn alle seine Dämonen mit einem gezielten Schnitt in den Oberarm beschwor. Das ist nicht zum Nachmachen empfohlen, Kinder, und außerdem nur dann halbwegs sinnvoll, wenn man künstlerisches Talent hat. Während ihm die Blutbächlein hinabströmen und T-Shirt und Hose beflecken, gibt er eine mitreißend ausdruckstarke Performance, von der ich, des Spanischen unkundig, kein Wort verstehe, die aber einem öffentlichen Exorzismus nahe kommt, wie ich ihn zuletzt nur noch bei Jhonn Balance gesehen habe. Während Jürgen sich die nach katholischem Glauben zwar unsterbliche, aber diabolischen Heimsuchungen verfallene Seele aus dem Leib singt, über die gesamte Konzertdauer eine Bierflasche umklammernd, führt Ulla hin und wieder mit ernstem, zu Boden gewandtem Gesicht einen kryptischen Stepptanz auf. Schreie und Flüstern, Blut, Schweiß und Tränen. Puro rumore, puro amore. Exorcise through exercise? Was will man mehr? Das Publikum tobt jedenfalls. Als bei einem Lied nach Verstummen der Musik Webers spanischer Sprechgesang in die deutschen Worte mit österreichischem Akzent "...ichweißjetztnichtmehrwieesweitergeht - mirtutallesweh - wirhabeneinenfehlergemacht..." mündet, gibt es einen herzlichen Spontanapplaus aus dem Publikum. Trotz langanhaltenden Schlussovationen gab es leider keine Zugaben mehr. Dafür überall glückliche Menschen, glänzende Augen, bekehrte Gruftis. Nur mein Mitredakteur Stephan P. musste rummosern, der fand es zwar "live besser als auf Platte", aber ganz "grässlich". "Stephan", sage ich, "du bist ein Prolo! Hier ist die wahre Hochkultur am Werk und nicht bei ORPLID, wo alle Lieder gleich klingen." - Bleibt noch zu erwähnen, dass im Publikum Gäste aus der NOVÝ SVET - Familie gesichtet wurden: les artistes du WERMUT und Flavio Rivabella, auch bekannt als DER BEKANNTE POST-INDUSTRIELLE TROMPETER.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
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