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Dominik T.

WHITE STAINS & COTTON FEROX

Gör vad du vill skall vara lagens hela


WHITE STAINS & COTTON FEROX
Genre: Experimental
Verlag: Edda Grammofon
Medium: CD
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Der Schwedische Künstler und Okkultist CARL ABRAHAMSSON sollte in Postindustrialkreisen kein Unbekannter sein, als PSYCHIC TV-Fan begann er Ende der 80er den TEMPLE OV PSYCHICK YOUTH SCANDINAVIA u.a. als Recordlabel aufzuziehen. Dort erschienen vor allem Singles seiner eigenen Band WHITE STAINS, aber auch manch eine gute Compilation. Nebenher übernahm er Aufgaben beim O.T.O. (Ordo Templi Orientis (Caliphat)) und bei der CHURCH OF SATAN. Anfang der neunziger Jahre erfolgte die Gründung des Underground-Buchverlags LOOKING GLASS PRESS, hier editierte er u.a. essayistische Werke von ANDREW MACKENZIE (THE HAFLER TRIO), RODNEY ORPHEUS (CASSANDRA COMPLEX), sowie eine renommierte Okkult/Satanismus-Schriftenreihe namens THE FENRIS WOLF (die er nun reaktivieren möchte).

WHITE STAINS, benannt nach einer pornographischen Lyriksammlung von ALEISTER CROWLEY, zeigten sich, ähnlich wie das Vorbild PSYCHIC TV, in der Zeit ihres Bestehens von ganz verschiedenen Seiten. Die ambient-experimentellen WHITE STAINS waren atmosphärisch meist nicht weit entfernt von Projekten wie DEUTSCH NEPAL, WHEN, den Freunden OMALA oder CYCLOBE, doch gab es immer auch eine hedonistisch sprühende Garage Rock-Seite – immerhin zeigten die Landsleute THE LEATHER NUN schon vorher, wie man sich aus Industrial Culture-Zusammenhängen in eine lupenreine Rockband verwandeln kann. In diesem Rock-Stil entstanden kleine Oden an JAYNE MANSFIELD (erinnernd an ihre Liaison mit LAVEY) und eine phantastische Version des BLACK SABBATH-Klassikers "N.I.B.". Mit einem gewissen Recht ließe sich außerdem sagen, dass das beste WHITE STAINS-Album gar nicht unter diesem Namen erschien, sondern als PSYCHIC TV "Live At Stockholm", Stimme und Gesang ist hier zwar meist von GENESIS P`ORRIDGE, aber für die Elektronik war das WHITE STAINS-Duo zuständig, neben CARL ABRAHAMSSON, ein TOMAS TIBERT, der besonders bei den ambienten Arbeiten immer dabei war. "Live At Stockholm" ist, anders als es der Titel vermuten lässt, ein reines Studioalbum ("Live At Stockholm" ist ebenfalls ein CROWLEY-Porno-Gedicht aus besagter "White Stains"-Sammlung). Kaufen, es lohnt sich.

Nachdem 1993 das Album "Why Not Forever?" obskurerweise auf dem DAS ICH-Label DANSE MACABRE erschien und wegen entsprechender Zielgruppenverfehlung sich kaum verkaufte, war erst einmal Schluss mit WHITE STAINS. Ihr Vermächtnis bis dahin: Vier sehr gute Vollzeitalben, "Live At Stockholm" nicht mitgerechnet, eine Handvoll Singles und Kassetten, darunter übrigens Kollaborationen und Gastbeitrage von THE HAFLER TRIO, IDEE DES NORDENS und ANTON LAVEY, sowie, weit verstreut, sehr vergnügliche Samplerbeiträge.

Nach einer Regenerationspause startete das Duo TIBERT & ABRAHAMSSON unter dem Namen COTTON FEROX im neuen Jahrtausend neu, doch aus nun auch nicht mehr ganz aktuellem Anlass lohnt es sich, kurz noch bei WHITE STAINS zu verweilen: 2007 erschien nämlich mit "Exploratorium. A Collection Of Ambient Pieces" posthum eine lohnenswerte Zusammenstellung der besten "nicht Rock"-Stücke, was nun, anders als der Titel vermuten lässt, selten direkt "Ambient" bedeuten muss. Charakteristisch für WHITE STAINS ist hier vor allem ein subtil schalkhafter Humor, den man, weil man bei NJURMÄNNEN, EN HALVKOKT I FOLIE, DEUTSCH NEPAL und WHEN (Okay, die sind aus Norwegen.) mitunter Ähnliches assoziiert, schnell als "typisch schwedisch" bezeichnen möchte. Gemeint sind lebensfroh-schimmernde, kindliche Melodien, die sich mit Glöckchen und dunkel-mystischen Drones mischen können und im Allgemeinen eine Atmosphäre erzeugen, die ein bisschen was von einem schummrigen Siebzigerjahre-Pornokino hat, zugleich aber zweifellos erhaben genug wirken, um augenblicklich zu wissen, dass die geistige Inspiration in einem dem Alltag enthobenen "magischen" Bereich liegen muss. Ausgewählt wurden Stücke aller vier Alben, darunter auch "Power Trippin' Blues" vom letzten regulären Album, was eine gute Fortsetzung der COIL "Hellraiser"-Werkes abgegeben hätte. Meine Empfehlung für die posthume "Exploratorium"-Zusammenstellung, wobei der WHITE STAINS-Komplettist hier nichts Neues erfährt, aber immerhin alles klanglich nochmal so neu überarbeitet, dass es insbesondere bezüglich der beiden Stücke des "Somewhat Lost Horizon"-Albums (1991) – damals auf der renommierten ANCKARSTRÖM-Reihe – wirklich einen Unterschied macht.

Unter dem Namen COTTON FEROX blieb man musikalisch der elektronischen Seite von WHITE STAINS weitestgehend treu, doch was für WHITE STAINS der psychedelische Rock-Einfluss im Sinne von BLUE CHEER oder 13TH FLOOR ELEVATORS war, ist nun für COTTON FEROX Dub, Reggae und sogar Soul-Musik. Heraus kommt eine Mischung, die im Postindustrial-Bereich kaum Vergleiche kennt, doch dürften Fans solcher Projekte wie BOURBONESE QUALK, BLACK SUN PRODUCTIONS, COLUMN ONE, solcher PSYCHIC TV-Alben wie "Mouth Of The Night" (1985) oder den SPLINTER TEST-Werken besonders interessiert sein. 
Ein Unterschied zu WHITE STAINS besteht außerdem in einer vielleicht noch größeren Offenheit Gastmusikern gegenüber, in dem Sinne, dass sie nicht nur in gewohnter Machart irgendwas wurschteln, wie noch LAVEY und THE HAFLER TRIO bei WHITE STAINS, sondern sich zusammen mit den Gastgebern bemühen, etwas COTTON FEROX-Eigenes zu entwickeln. So sprach etwa MICHAEL MOYNIHAN (BLOOD AXIS) in ungewohnter Soul/Dub-Nachbarschaft einen Text von ERNST JÜNGER ein (in Englisch), immer wiederkehrende Gäste sind aber vor allem GENESIS (BREYER) P`ORRIDGE und der Afro-Schwede KRISTER LINDER, ein wahres Stimmwunder – so eine Art männlicher SADE. COTTON FEROX-Fazit bisher: Das Debütalbum "First Time Hurts" (2002), eine Kollaboration mit THEE MAJESTY (BREYER ORRIDGE/BRYAN DALL) (2003) und 2007 eine Compilation, die alle Samplerbeiträge, ein bisschen bis dato Unveröffentlichtes und Material einer Single auf IMPORTANT RECORDS sammelt. Die Compilation ist aufgrund des groovigen und paradoxerweise besonders "modern" wirkenden "Revolt against The Modern World"-Geniestreichs, sowie den längeren Remixversionen von "Phantasmoplasm", dem Song mit KRISTER LINDER, der das Debütalbum zuckersüß, aber viel zu kurz abschloss, besonders zu empfehlen.

Just nun in einer Zeit, in der es schien, CARL ABRAHAMSSON wollte sich ganz auf seine andere Leidenschaft, das Photographieren, konzentrieren, erschienen relativ unerwartet gleich zwei neue Alben auf seinem neu gegründeten EDDA GRAMMOFON-Label. Zum einen eine Zusammenarbeit mit der Französin SYLVIE WALDER und zum anderen eine Kollaboration mit den russischen Ambient/Experimentalprojekten KRYPTOGEN RUNDFUNK und BARDOSENETICCUBE, die wohl während einer kleinen COTTON FEROX-Russland"tour" spontan ins Leben gerufen wurden. Beide Alben sind nun nicht so, dass ich behaupten würde, dass sie jeder Ambient-Spezialist unbedingt braucht, aber genau deshalb scheinen sie ja auch in so einem bescheidenen Rahmen in Kleinstauflage erschienen zu sein. Die Kollaboration mit der mir bisher völlig unbekannten Ambientkünstlerin SYLVIE WALDER ist für COTTON FEROX-Verhältnisse ungewohnt schwer in die Magengrube treffender Dark Ambient, der offenbar von der "Natur" inspiriert ist und streckenweise durchaus dem Stil von INADE nahe kommt, wenn auch grobkörniger, was in dem Fall aber auch heißt, weniger nach Studierzimmer und geheimnisvollen Büchern klingend, schlussendlich kommt durch die Frau WALDER aber auch noch so ein spooky-"Oströgen-Faschismus"-Touch (Roy L.)  hinzu, der den solaren INADE natürlich völlig abgeht. Empfehlung!

"Mother Russia", die Kollaboration mit KRYPTOGEN RUNDFUNK und den Vielveröffentlichern von BARDOSENETICCUBE (meist lohnt es sich aber), besteht nun aus zwei langen Stücken "Mother Russia" und "Russia Mother". Hier wird vor allem auf eine, an alte NURSE WITH WOUND gemahnende, Samplerfetzen-Mischung gesetzt, so hört man diverse russische und englische Radioansprachen, schlecht eingestellte Radiomusik und eine Vielzahl obskurer Geräusche. Während ich das schreibe, ertönt beispielsweise der unvermeidliche ALEISTER CROWLEY. Insgesamt ein spannendes Hörvergnügen, welches den hohen Standard der beiden russischen Projekte, wie auch von COTTON FEROX mühelos halten kann, aber vor allem COTTON FEROX von einer bisher ungewohnten, diesmal überhaupt nicht schwedischen Seite, zeigt.

CARL ABRAHAMSSON möchte im Allgemeinen wieder voll durchstarten und hat sowohl musikalisch, als auch sonst publizistisch viele spannend klingende Pläne!


 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» WHITE STAINS Myspace
» COTTON FEROX Myspace
» COTTON FEROX Interview
» EDDA GRAMMOFON

Themenbezogene Newsmeldungen:
» Neuigkeiten von CARL ABRAHAMSSON (COTTON FEROX)

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Zusammenfassung
Gör vad du vill skall vara lagens hela

Inhalt
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WHITE STAINS: Exploratorium, Eroto Tox Decodings, 2007 (Compilation einiger WHITE STAINS-Exerimental Ambient-Werke)

COTTON FEROX: Defragmental, Eroto Tox Decodings, 2007 (sammelt Samplerbeiträge etc.)

COTTON FEROX/SYLVIE WALDER: Elementen, Edda Grammofon, 2009 (Dark Ambient)

COTTON FEROX / BARDOSENETICCUBE/KRYPTOGEN RUNDFUNK: Mother Russia, Edda Grammofon, 2009 (Experimental, Ambient)
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