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Micha W.

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Ein postmodernes Spiel mit Beliebigkeit


Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel
Genre: Literatur
Verlag: dtv


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Der junge Casaubon schreibt gerade an seiner Dissertation über den Tempelritterprozess, als er zufällig die beiden Lektoren Belbo und Diotallevi kennen lernt, ersterer zynisch-distanziert, letzterer im steten Bemühen, als Nichtjude ein der Torah gemäßes Leben zu führen. Aus reinem Jux verabreden sie sich für den nächsten Tag im Verlagshaus der beiden Angestellten, da ein Autor, der ein Werk über die Templer veröffentlichen möchte, vorsprechen soll. Besagter Autor, ein gewisser Oberst Ardenti, entpuppt sich als typischer Vertreter derjenigen Sachbuchautoren, die sich zu dem mittelalterlichen Ritterorden hingezogen fühlen: Es gebe eine große, auf die Weltherrschaft abzielende Verschwörung der Templer, so Ardenti, er habe bloß noch nicht alle Mosaiksteine zusammen und wolle sein Buch als Köder nutzen, um mit ihm wirklich Wissende ausfindig zu machen. Als Beweis lässt er einen alten, bruchstückhaften Text im Verlagshaus zurück, der angeblich aus dem Versteck der Templer in Provins stammen soll, nachdem sie in den Untergrund gegangen waren. Keiner der drei schenkt Ardentis Geschichte viel Glauben, doch am nächsten Tag ist der alte Mann spurlos aus seinem Hotelzimmer verschwunden, und alles deutet auf einen Mord oder eine Entführung hin. Die Ermittlungen, die die Polizei aufnimmt, verlaufen genauso im Sand wie die Bekanntschaft Casaubons mit Belbo und Diotallevi. Erst Jahre später trifft man wieder aufeinander, diesmal als Casaubon - mittlerweile promoviert - in 'ihrem' Verlag Mauzio/Garamond zu arbeiten beginnt. Eines Tages kommt dem Verlagsinhaber die Idee, zwei neue Reihen ins Programm aufzunehmen, eine, die sich tatsächlich mit Okkultismus, Esoterik und magischen Weltbildern aller Art befasst, und eine zweite, in der diese Inhalte in Romanform aufgearbeitet werden sollen - ein Plan, der für die drei Angestellten ungeahnte Konsequenzen haben soll: Von nun an haben sie sich ununterbrochen mit Manuskripten über diverse Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen, Theorien, die größtenteils vor Lächerlichkeit nur so strotzen und vor allem enervierend zu lesen sind. Halb als intellektuelles Spiel, halb als Satire beginnen die Lektoren, die Botschaft, die Ardenti vor Jahren in ihrem Büro hinterlassen hatte, zu lesen, wie Verschwörungstheoretiker es täten, und entwickeln so den Großen Plan - jenen Plan, den die Nachfahren der Templer bis heute verfolgen und mit dem alles in Verbindung steht. Dabei gehen die drei so weit, dass sie eine okkulte Loge selbst erfinden und ihr ihren Platz in der Verschwörung zuteilen - was einige wohlinformierte Kreise allerdings nicht daran hindert, auf diese Gedankenspielerei aufmerksam zu werden und dort mehr Wissen zu vermuten, als sie selbst ihr Eigen nennen. Haben Casaubon, Belbo und Diotallevi wirklich ein Geheimnis entdeckt und okkulte Phänomene in den richtigen Bezug zueinander gestellt, oder ist all dies nur das Resultat ihres Spiels? Kann man diese beiden Optionen überhaupt auseinanderdividieren?

Die universelle Weltverschwörung ist wohl eines der postmodernsten Themen überhaupt: Einerseits kann jeder Fakt, jede Person, jedes Geschehnis durch selektive Wahrnehmung mit vermeintlich zwingender Logik aufeinander und letztlich die dahinter stehende Konstante - das Geheimnis - bezogen werden, und andererseits entwickelt sich mittels ebendieser Selektion ein in sich geschlossener, kohärenter Raum - ein Raum, der allerdings gleichzeitig so offen ist, dass er problemlos weitere Puzzlestücke zu integrieren vermag; eine statische Collage, die doch niemals vollendet ist. Just dieses allumfassenden geheimen Plans nimmt sich "Das Foucaultsche Pendel" an, das guten Gewissens als ein wahres postmodernes Monstrum bezeichnet werden darf: Es erschöpft sich nicht darin, ein Verschwörungsroman zu sein, sondern persifliert gleichzeitig das eigene Genre, und wie im Vorbeigehen rechnet Eco auf den knapp 850 Seiten noch mit der italienischen Linken ab und bietet zudem eine bissige Satire auf das Verlagswesen. An allen Ecken und Enden wimmelt es nur so vor inter- und außertextuellen Bezügen, wird die vermeintliche 'Unschuld des Diskurses' ganz im Sinne Foucaults genauso demontiert, wie Eco sich vor der Niederschrift des Romans intensiv Baudrillard gewidmet haben muss: Was dem französischen Philosophen die im Code eingelassenen (Objekt-)Zeichen sind, ist dem bolognesischen Fabulierkünstler (denn ein solcher ist er wirklich) jedes einzelne Stück, das in den Großen Plan integriert wird - Signifikanten, die auf nichts mehr verweisen als auf einander und das einzig Absolute im Hintergrund, sinnentleerte Platzhalter, die durch ihre einzige tatsächliche Beziehungsfähigkeit austauschbar werden. "Wenn es den Großen Plan gibt, muss er alles einbeziehen. Entweder er ist global, oder er erklärt gar nichts", postuliert Belbo an einer Stelle, und so werden im Laufe des Romans nicht nur sämtliche mehr oder minder bekannte Orden mit dem Plan erklärt, sondern auch Shakespeare, Einstein, Freud, der Eiffelturm, das Centre Beaubourg und die Hohlwelttheorie. Dank des Großen Plans steht alles mit allem in Verbindung, gibt es nichts, was nicht allumfassend analogisierbar wäre - mit der Konsequenz gänzlicher Beliebigkeit. Doch anders als Baudrillard nimmt es sich Eco heraus, zu urteilen und seinen Roman - ohne inhaltlich vorgreifen zu wollen - so zu einem Abgesang auf jede Verschwörungstheorie werden zu lassen.

"Das Foucaultsche Pendel" ist nicht nur ein raffiniertes Spiel, ist nicht nur ein komplexes und vielschichtiges literarisches Werk, das aus den unterschiedlichsten Perspektiven gelesen werden kann und will - es ist auch ein Roman, der eine wohltuende Alternative zu der seit geraumer Zeit grassierenden infantilen Verschwörungsbegeisterung bietet, wie sie sich nicht zuletzt in der "Sakrileg"-Euphorie manifestiert hat.

 
Micha W. für nonpop.de



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