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Dominik T.

URE THRALL: Arabian Knightmares

Auf den Spuren von Muslimgauze?


URE THRALL: Arabian Knightmares
Genre: Industrial
Verlag: TESCO
Vertrieb: TESCO


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Das Experimental Ambient-Projekt URE THRALL aus dem liberalen San Francisco, Kalifornien (USA), veröffentlichte 2004 auf dem hauseigenen DISCORPOREALITY RECORDINGS-Label eine CDR namens "Arabian Knightmares", die aufgrund des Formats und der geringen Stückzahl wenig Beachtung fand. Dem Mannheimer TESCO-Mutterschiff schienen Musik und Konzept der CDR jedoch so lohnenswert zu sein, dass sie vor nunmehr ein paar Wochen "Arabian Knightmares" als reguläre CD mitsamt opulentem Digipack wiederveröffentlichten. Eine gewisse Verbreitung scheint dadurch gesichert. Die meisten, darunter ursprünglich auch der Verfasser dieser Rezension, werden gar nicht gewusst haben, dass das Album bereits zwei Jahre auf dem Buckel hat.
Das Wortspiel des Albumnamens lässt es bereits erahnen, es geht um "die arabische Welt", "den Islam" und um ihren "Alptraum", so vorerst abgesteckt ist natürlich, zumindest in der Rezeption eines US-Bürgers auch "9/11", der "11. September 2001", nicht weit, und tatsächlich, teilweise geht es auch darum. Das Stück "Premonition 9/11" ist vermutlich identisch mit der URE THRALL A-Seite gleichnamiger DRONE RECORDS-Single aus dem Jahre 2003. Das "9/11" verschiedenen (Post)industrial Projekten als Inspirationsquelle dient, dürfte eigentlich niemanden überraschen, der Tag und seine tausendfach erzählte Geschichte, wie auch immer sie in "Wahrheit" ablief, eignen sich eben sowohl für "provokante" Scherze a la SEKTION B als auch für einen medienkritischen "Information War" in bester TG-Tradition, wie ihn etwa der "90% Wasser"-Mann und COLUMN ONE-Kollaborateur JÜRGEN ECKLOFF mit "War Has Come" (2005) leistete.
URE THRALL, soviel sei schon mal gesagt, tendieren mit "Arabian Knightmares" deutlich in die "gut gemeinte", "aufklärerische" Richtung, wirken aber, weil es vom genannten Titel abgesehen, um die arabische Welt ganz allgemein geht, konzeptionell eh auf einer etwas anderen Ebene.
Wichtig zu erwähnen, und vielleicht auch angesichts des Labels, welches bereits Tonträger verlegte, die mit "Bildern des Islam" in bekannter, zynischer Manier umgingen (GREY WOLVES, FORESTA DI FERRO), ist zunächst die Tatsache, dass URE THRALL hier etwas völlig anderes, betont "menschenfreundlicheres", im Sinn haben als die Kollegen der "Cultural Terrorist"-Fraktion. URE THRALL will sich "einfühlen" in die muslimische Welt und das Drama der "Sich-Unverstanden-Fühlenden" in Form von (natürlich) MUSLIMGAUZE-beeinflusstem Experimental-Ambient aufführen.
Im einleitenden Text wird das Gemeinte dann genauer beleuchtet, dort heißt es, die Muslime würden um ihr kulturelles Überleben kämpfen, da sie sich mit der so anderen, zugleich anziehend aber auch zersetzend wirkenden "westlichen Kultur" konfrontiert sähen. Weiter wird versucht, sich in die innere Konfliktsituation islamistischer Selbstmordattentäter (da gar nicht die Selbsttötung sondern der Märtyrertod beabsichtigt ist, ist der Begriff eigentlich falsch) "einzufühlen". Es fallen Sätze wie "todays victim inevitably becomes tomorrows terrorist", die zweifellos richtig sind, aber auch wirklich Usus sein sollten und insofern etwas altklug auf mich wirken. Der Text geht dann weiter in eine Richtung, die mir nicht ganz schlüssig erscheinen will. Der zentrale Begriff ist hier SURVIVAL, der auch im Original hervorgehoben ist und wohl im Kontext so etwas wie "Selbsterhaltungswillen" meint. URE THRALL glaubt nämlich, dass auch Selbstmordattentäter eigentlich einen "intakten Selbsterhaltungswillen" besäßen, der aber nicht das individuelle Einzelleben des Selbstmordattentäters berührt, sondern transzendiert erscheint, weil sich der Attentäter für ein menschenwürdiges Leben zukünftiger Generationen opfern will. Somit kann URE THRALL auch behaupten, dass ein islamistischer Selbstmordattentäter und ein "westlicher" Normalmensch, doch nicht so grundverschieden sind. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt, das "Unerklärliche" wird so verstehbar... Nun ja, kann man so sehen, für mich ist das aber alles zu sehr in ein Schema gepresst, in dem "Survival" alles ist, wirkt so, als sei für URE THRALL Verhaltensforschung a la Konrad Lorenz der einzige Weg die "Natur des Menschen" zu klären und dagegen muss man sich eigentlich sträuben. Der Märtyrertod wird so jedenfalls nicht "erklärbar". Ferner hätte ich mir gewünscht, dass die zwar nicht explizit genannte, aber doch offensichtlich gedachte Gleichung: "Islam, die Religion der Selbstmordattentäter" nicht allzu schnell auftaucht, denn das Thema ist sicher komplexer, zumal diese Art von "Opfergang" vermutlich keine islamische Erfindung (Samson) ist. Klar, der Text wäre dadurch noch um einiges länger  geworden, aber das Thema ist nun mal kompliziert, also: Ganz oder gar nicht!
Nun liegt es mir aber von Grund auf fern, weiter zu meckern, denn das Kritisierte ist nur die "Verpackung", der inhaltliche Kontext, die "Message" zur rein instrumentalen Musik, obgleich bei so einem Album die Wechselwirkung zwischen Musik und Überbau natürlich besonders stark ist. Von der musikalischen Seite her ist der MUSLIMGAUZE-Vergleich unumgänglich, zumal URE THRALL das Album auch BRYN JONES "zum Gedächtnis" widmet. Und tatsächlich, Vieles ist sehr ähnlich. Es tauchen haufenweise Nahost-Samples, arabische Windinstrumente und das charakteristische Percussionspiel auf, all das kombiniert mit dunkel pulsierendem Dark Ambient, der sogar ein wenig etwas von INADE hat. Wer sich mit MUSLIMGAUZE nur oberflächlich auskennt, könnte zweifellos "Arabian Knightmares" für ein neues, posthumes MUSLIMGAUZE-Werk halten, und auch wer sich mit MUSLIMGAUZE richtig gut auskennt, könnte durchaus gleicher Meinung sein, zumindest gibt es unter den 184 Tonträgern der MUSLIMGAUZE-Discographie ambiente Werke mit einem etwas ähnlichen Ansatz, z.B. ihre Zusammenarbeit mit BASS COMMUNION. Bei mir, und ich bin ein bekennender MUSLIMGAUZE-Sammler, stellt sich dennoch nicht das typische MUSLIMGAUZE-"Hörgefühl" ein, hier ein paar Gründe:
MUSLIMGAUZE-Kompositionen wirken oft unfertig, wie von einem schlampigen Genie unter Zeitdruck erstellt. Man ist als Hörer oft nicht richtig zufrieden, weil etwas "fehlt", genau dies lässt aber erst eine gewisse Sucht entstehen. Bei URE THRALL ist das komplett anders, die Stücke sind von A bis Z sorgfältig durchkomponiert. URE THRALL kann man demnach genießen, während MUSLIMGAUZE eher was für "Junkies" ist. Beides hat seinen Reiz!
MUSLIMGAUZE ist, auch wenn es ambienter zugeht, meist unterschwellig aggressiver. URE THRALLs "Arabian Knightmares" ist trotz seiner Dunkelheit ein recht weiches Album. Es ist deutlich zu spüren, dass hier eine Tragödie vermittelt werden soll, dass es um "Verständnis" geht. Es ist also ein traurig stimmendes Album, MUSLIMGAUZE hingegen wirkte immer, obwohl durch die "Macht der Bilder" unglaublich radikal Partei ergreifend, etwa für den palästinensischen Freiheitskampf, auf eine seltsame Weise unbeteiligt und richtiggehend objektiv sezierend. Somit tut sich eine Art Gegensatz auf, URE THRALL, das ist der "Islamversteher" und BRYN JONES war der Partei ergreifende Dokumentarist. Letzteres sehe ich inhaltlich und ästhetisch im Vorteil.
URE THRALL ist hier wirklich ein hervorragendes Album gelungen, überhaupt keine Frage. Es verarbeitet ein interessantes und aktuelles Thema, lässt sich nicht auf einen manchmal abgestanden wirkenden "Cultural Terrorism" ein und bietet sicher genau das, was viele bei MUSLIMGAUZE irgendwie vermissen, nämlich "durchdachten", sorgfältigen, arabesken Dark Ambient. URE THRALL normalisieren hier sozusagen MUSLIMGAUZE und bieten uns die BRYN JONES-Hinterlassenschaft aufbereitet für die Kundschaft, die INADE, BASS COMMUNION oder Ambient-Werke des SILENT RECORDS -Labels (PGR/KIM CASCONE) schätzen, aber MUSLIMGAUZE bisher als zu irritierend erlebten, an. Ein klein wenig zeigt mir aber "Arabian Knightmares" auch, was es anrichten kann, wenn man dunkel pulsierenden, instrumentellen Ambient mit einer "gut gemeinten" Message verbindet. Nochmals: Das Genie BRYN JONES zeigte sich darin, dass er absolut "krasse" antizionistische und antiamerikanische Stimmungsmache-Coverbilder oder Titelnamen (und eben sonst nichts) mit vollkommen "Message"-befreiter Musik verband, was MUSLIMGAUZE einen kühlen, dokumentarischen und ungeheuer aggressiven Charakter verlieh. Das war und ist die "Macht des Nichterklärens", die auch NON und DER BLUTHARSCH so genüsslich anzapfen. URE THRALL setzen dem ein "Sich Einfühlen" entgegen. Das ist interessant, aber vielleicht auch ungewollt etwas arrogant (Stichwort EDWARD SAID / Orientalismus) und zum Scheitern verurteilt, dennoch ein sehr gutes und spannendes Album.

Abschließend noch als Hinweis: Auf dem Album werkelt FERRARA PAN, vom interessanten Experimental-Neofolk Projekt FORM OF THINGS UNKNOWN mit. Ferner arbeitet URE THRALL noch mit ASIANOVA zusammen, dem Nachfolgeprojekt der sehr guten Ritual-Ambient Formation VOICE OF EYE.
"Arabian Knightmares" kommt in einem kunstvollen Papp-Digipack mit einigen Extra-Postkarten mit den typischen Nahost-Kriegsszenario-Motiven - Frauen mit ihren Burkas, große Kinderaugen, Feuer, Maschinengewehre, da man aber ja kein "kulturellen Terrorismus" verbreiten will, sind es keine verstörenden Bilder. Auf der Rückseite der Postkarten auch "Verständnis erheischendes" und Zitate zum Thema aus arabischer Sicht (leider ohne Quellenangaben).

 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» URE THRALL im Netz


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