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Michael We.

UBERMORGEN.COM & NUSSBAUMER: 1001....

...Songs of eBay. Low-Tech-Pornografie aus dem Auktionshaus.


UBERMORGEN.COM & NUSSBAUMER: 1001....
Genre: Minimal
Verlag: Crónica


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Ich bin fasziniert von den "Songs of eBay", deshalb fängt diese Besprechung mit einer spontanen Gefühlsäußerung an: Was für eine geile Idee!!

Zunächst zu den handelnden Personen: Das Künstlerduo UBERMORGEN.COM lebt und arbeitet in Wien. HANS BERNHARD ist 1971 geboren, seine Kollegin mit dem Pseudonym LIZVLX 1973. Zwei Menschen der Generation also, die noch nicht als 'digital natives' bezeichnet wird, sondern beide Welten – Schreibmaschine und PC, Vinyl und mp3-file – kennt und deren erstes, unauslöschliches Computererlebnis ein C64 war.
Um zwei Internetgiganten hat sich das Team schon gekümmert: 2005/6 schreckten die beiden Google auf (Stichwort: Klickbetrug) und wurden vom Suchmaschinenbetreiber wegen ihres Projekts "Google will eat itself" aus allen Indizes geworfen. Ein Jahr später stand der Versandhandel Amazon im Fokus ("Amazon Noir", Stichwort: Copyright). Nun also folgerichtig ein Kunstwerk rund um eBay, den dritten Internetriesen. Dafür haben UBERMORGEN.COM noch den österreichischen 'Kultur-Techniker' (so bezeichnet er sich selbst) und Soundprogrammierer STEFAN NUSSBAUMER ins Boot geholt.

Die Idee: Nachdem ein Test im kleinen Rahmen mit der südamerikanischen Variante von eBay erfolgreich verlief, ist die Seite www.sound-of-ebay.com seit Juli 2008 online, im Stile alter Videotext-Seiten gehalten und mit C64-Pixelgrafik verziert. Dort kann jeder (s)einen eBay-Usernamen eingeben und seine Email-Adresse hinterlegen. Mit einem Klick auf den 'generate'-Button startet dann eine kleine, virtuelle Roboterarmee ins Netz und sucht alle Daten, die zu diesem Usernamen zu finden sind: ge- und verkaufte Artikel, Bankdaten, Passwörter, Bewertungen, Klarnamen etc. Nach zwei bis drei Minuten liegt ein Datenpäckchen mit Ergebnissen vor. Daraus gestaltet eine weitere Software ein digitales Muster, welches dann wiederum von einem Soundgenerator, der sich aus einer Reihe vorgegebener Bausteine bedient, in einen exklusiven Song umgewandelt wird. Die Benachrichtigung an den Nutzer erfolgt per einmaliger Mail – fertig! (Wer detaillierte Infos zur technischen Seite haben möchte, findet eine ausführliche Erklärung in dieser pdf-Datei.)

So ist ein riesiger Soundsee aus ebay-Userdaten entstanden, der nebenbei von der Software auch noch in Clustern sortiert wurde – nach ähnlichen Kauf-Vorlieben bei Online-Auktionen zum Beispiel. Knapp 1,3 Millionen Songs sind auf diese Art und Weise inzwischen generiert worden, das macht in Datenmengen ausgedrückt: 6,5 Terrabyte. Für das Gesamtkunstwerk haben sich UBERMORGEN.COM die im Titel geführten 1001 Tracks ausgesucht und auf der Projektseite sowie über das portugiesische Label CRÓNICA zum Download angeboten. Am Stück gehört wären das zwei Tage, drei Stunden, 41 Minuten und 26 Sekunden oder 4,26 Gigabyte Musik. Es gibt die "1001 Songs" aber auch in einzelnen, handlichen Paketen, die alle ungefähr CD-Länge haben. Der Download ist kostenlos, wer will kann spenden oder einen von zwei limitierten Holzschnitt-Drucken im C64-Look erwerben. Ein zusätzliches Gimmick: Die Datenmassen lassen sich auf www.sound-of-ebay.com auch visualisieren, so dass zwischen bunten Quadraten Textfetzen aus der Programmierung über den Bildschirm fliegen (siehe Screenshot).


Bislang erfolgte noch keine Beschreibung der Musik, was daran liegt, dass "1001 Songs of eBay" eines der wenigen Projekte ist, bei dem die Idee über dem Inhalt steht – und das trotzdem funktioniert. Es lebt von den zahlreichen Zugängen, die jeder für sich auftun kann und von denen die Audiofiles nur einer sind. Ohnehin ist es unmöglich, sich alle Songs anzuhören, sowohl aufgrund der Masse als auch der Ähnlichkeit, die sich nach einigen Minuten Querhören ergibt. Leicht quäkig ist der Sound, dessen Basis ein puckernder Beat im Hintergrund ist. Dazu Bestandteile aus dem umfangreichen Baukasten, die (passend zur Optik der ersten Computergeneration) wieder an die alte Commodore-Kiste erinnern. So klingen manche Tracks ein wenig nach dem Titelsong des Spieleklassikers "Boulder Dash", andere mit knarziger Sprachausgabe nach DAFT PUNK oder KRAFTWERK. Unterhaltsamer Trash, amüsante Billigware – wie sie bei eBay einen Großteil des Angebots ausmacht. Viele Fragen lassen sich stellen. Für die Philosophen: Wie viel Kunst steckt in etwas rein Künstlichem? Für die 'analog natives': Wie um alles in der Welt haben wir uns in so kurzer Zeit an ein virtuelles Leben gewöhnen können, das uns alltägliche Dinge wie Einkaufen fast nur noch online erledigen lässt?
Das eigentliche Thema ist aber die selbstverständliche Prostitution, in die wir uns damit begeben – deshalb wahrscheinlich die vielen Porno-Pixelbildchen, die "1001 Songs of eBay" begleiten (siehe Screenshot unten). Die freiwillige Entblößung unserer Vorlieben, unserer finanziellen Situation, unserer Bankdaten, die sich mit etwas Aufwand aus dem fertigen Song vermutlich wieder ins Datenoriginal zurückrechnen ließen. Ich – als 'analog native' – habe schon diverse Male meinen eBay-Usernamen eingetippt –und dann im letzten Moment wieder gelöscht, weil ich ein komisches Gefühl dabei hatte, eine Horde 'Bots' mit der Suche nach mir zu beauftragen.

"It's lustful entertainment, baby!", rufen UBERMORGEN.COM auf ihrer Homepage. "Aber sowas von!", rufen wir zurück. Ein Gesamtkunstwerk, das den Zeitgeist (inflationäres Wort, aber hier passt es einfach gut) trifft, eine www-Reflexion in Gang setzt und durch charmante Optik sowie – bei Bedarf – natürlich die Interaktion erfreut.
Für diesen Sommer bekommt "1001 Songs of eBay" übrigens eine eigene Ausstellung, und zwar im Zentrum Für Kunst Und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe.


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Interview zu "Amazon Noir"
» Artikel zum Google-Projekt
» Interview mit HANS BERNHARD


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