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Endsal

S.H.P.: The Empirics Guild

Im Westen nichts Neues ... - das aber grandios!


S.H.P.: The Empirics Guild
Genre: Power Electronics
Verlag: Malignant...
Vertrieb: Cold Spring


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Mit STEEL HOOK PROSTHESES verhält es sich ein bisschen wie mit einem Wein, dessen Qualität und Geschmack von Jahr zu Jahr kontinuierlich besser werden. Ungeachtet dieses, beharrlich sich vollziehenden Veredelungsprozesses wartet der geneigte Hörer jedoch bis heute auf jenes letzte, entscheidende Quäntchen ultimativer Genialität, welches den endgültigen Einzug in die Königsklasse zeitloser Lagen und Jahrgänge des Power Electronics-/Noise-Genres markieren könnte. Mit der aktuellen Veröffentlichung kommt man dieser magischen Grenze zwar näher als jemals vorher – ohne sie indes zu überschreiten.

Das 1999 in Dallas, Texas, von Mastermind JOHN STILLINGS und seinem alten Kumpel LARRY KERR gegründete Projekt steht seit Jahren für eine glasklare Linie, die von Veröffentlichung zu Veröffentlichung unbeirrt und mit stoischer Ruhe weiterverfolgt wird – und was diesen Teil der Geschichte betrifft, so bildet auch der vorliegende Tonträger keine Ausnahme. Um hier gleich einen weiteren Vergleich zu bemühen, der übrigens keineswegs so garstig gemeint ist, wie er sich im ersten Moment anhören mag: Der Connaisseur des STEEL HOOK PROSTHESES'schen Oeuvres ähnelt in gewisser Weise dem Filialbesucher einer internationalen Fast Food-Kette, denn hier wie dort gilt: wer die Pforten überschreitet, weiß genau, was ihn erwartet, und er bekommt auch genau das, was er erwartet. Die Neuerfindung des Rades war S.H.P.s Sache demgemäß noch nie, aber wer würde solches auch ernsthaft von einem Projekt erwarten, das die eigene Programmatik wie folgt umschreibt: "SHP explore the concept of horrors that human beings are capable of inflicting upon each other. From arcane medical practices, genocide, war, atrocities and numerous other vulgar displays that have cycled throughout the timeline of our civilization." Rrrrumms! Das nenne ich mal ein solides, mit beiden Beinen fest auf dem Traditionsboden des einschlägigen Themenkanons stehendes Selbstverständnis. Im Unterschied zum, als Vergleich herangezogenen Fresstempel allerdings ist die Kost, die uns die Maîtres de cuisine STILLINGS und KERR servieren, ungeachtet ihrer relativen Vorhersehbarkeit verdammt appetitlich – und die Qualitätsschraube wird von Jahr zu Jahr unbeirrt und kontinuierlich immer fester angezogen.

"The Empirics Guild" stellt die erste vollwertige Albumveröffentlichung seit dem, 2008 ebenfalls auf MALIGNANT erschienenen Album "Atrocitizer" dar. Ungeachtet der fünf Jahre, die seitdem ins Land gegangen sind, präsentieren sich S.H.P in konzeptueller Hinsicht gewohnt linientreu, hinsichtlich der künstlerischen Umsetzung jedoch noch ausgereifter und reflektierter als vorher: Der Sound kommt vielschichtiger, komplexer und ausgewogener daher, man hat – und das gilt für die Titel im Einzelnen wie für das Album im Ganzen – ein Maß an innerer Kohärenz, ästhetischer Konsequenz und schierer Intensität erreicht, das die vorangegangenen Veröffentlichungen souverän auf die Plätze verweist. Konnte "Atrocitizer" bislang als "rundeste" Veröffentlichung der Texaner gelten, so setzt "The Empirics Guild“ noch einen obendrauf, indem die einzelnen Fäden so konsequent und stimmig wie auf keiner Veröffentlichung vorher zu einem geschlossenen Ganzen zusammengetrieben werden.

Was die grundlegenden Strukturen und Ausdrucksformen betrifft, so bleibt man sich also treu, doch wurden die Grenzen, innerhalb derer man sich bewegt, noch nachdrücklicher auf das Terrain des Dark Ambient hin ausgeweitet – Anklänge an STILLINGS' Soloprojekt METACONQUEROR schimmern immer wieder durch, am unverkennbarsten wohl in den Tracks "Leprosaria Dross" und "Sadomedica", die meiner Ansicht nach allerdings beide nicht zu den Highlights des Albums gehören. Typisch für den S.H.P.-Sound bleiben die, sich immer wieder aus dem allgegenwärtigen, schleifenden Hintergrundschnarren herausschälenden, mal mehr, mal weniger zerschreddert-verwaschenen Vocals, die irgendwo zwischen black-metaleskem Growlen (hier fühlte ich mich speziell an THOMAS EKELUND von TREPANERINGSRITUALEN erinnert, für den STILLINGS übrigens auch das Mastering des aktuellen TxRxP-Opus "The Totality Of Death" übernommen hat) und PE-typisch verzerrtem Geschrei à la NAVICON TORTURE TECHNOLOGIES changieren. Einmal mehr frönt man nach Herzenslust einem ausgeprägten Faible für flächiges, tiefgelegtes Gerumpel in Kombination mit schleifend-sägenden Komplementärpatterns, neu hinzugekommen – oder wenigstens auffällig oft in Erscheinung tretend – ist allerdings eine gewisse, nun ja, nennen wir's mal etwas nassforsch: Beataffinität – wobei dieser Charakterisierung freilich nur relativ zu den, eigentlich eher beatfernen S.H.P.-Standards ihre intendierte Bedeutung zukommt. So besticht z. B. mein ganz persönliches Lieblingsstück, "Gula", durch hartnäckiges, dumpf pulsierendes Wummern, das in Kombination mit einem stetig auf- und abschwellenden Basisdröhnen sowie den harschen, untypisch deutlich vernehmbaren Vocals etwas derart Zwingendes entfaltet, dass es für einschlägige Veranstaltungen guten Gewissens als tanzflächentauglich eingestuft werden kann. Insgesamt betrachtet erweist sich der Sound des Albums als konsequenter und klarer, dabei aber facettenreicher und komplexer als der seiner Vorgänger. Und auch, wenn sich das eine oder andere Stück noch ein wenig im Unentschlossen-Beliebigen verliert – exemplarisch sei hier auf das, irgendwie improvisiert und amorph wirkende "The Blood Cough" verwiesen –, so liegen die Stärken des Albums dennoch klar in der konsequenten Zusammenführung seiner einzelnen Teile zu einem schlüssigen Ganzen einerseits und der überaus gelungenen Spannungsführung in Detail- wie Gesamtschau andererseits.

Auch thematisch bzw. textlich bewegt man sich dezidiert im projekttypischen Rahmen und ganz in diesem Sinne klassifiziert der vorliegende Promotext "The Empirics Guild" als Soundtrack "to surgery performed amidst filth and grime, with flickering lights, rusty scalpels and absolutely no hope of anesthesia". Und für den, der nach diesen Worten immer noch nicht so recht weiß, wo die Reise hingeht, sollten die gelisteten Titel ein Übriges leisten. Man tummelt sich im bewährten Fundus des Klinisch-Pathologischen in all seinen schillernden Erscheinungsformen. Auch hier gilt also durchaus: im Westen nichts Neues. Ganz ähnlich sieht es auf visueller Ebene aus, wenngleich ich zu dem, im Promo-Text bejubelten "6 panel digipak with suitably gruesome artwork" im einzelnen nicht allzuviel sagen kann, da das Promoexemplar bedauerlicherweise ohne selbigen auskommen musste, was angesichts mutmaßlicher Portoeinsparungen allerdings nachvollziehbar ist. Das Design der Disc selbst sowie das, was man vom Cover-Artwork im Netz in Augenschein nehmen kann, spricht jedenfalls eine ebenso deutliche wie vertraute Sprache: Es wimmelt von Skeletten, Leichenteilen, allerlei eklem Gekröse, Folterwerkzeugen, Pathologieinstrumentarium etc. pp. Das auf youtube als flankierende Maßnahme zum CD-Release eingestellte Videomaterial stützt diesen Eindruck zusätzlich, wovon sich, wer mag, gerne hier, hier oder auch hier selbst überzeugen kann. Auch auf visueller Ebene ist also das "Motörhead-Syndrom" ("Kennste eine, kennste alle") zu diagnostizieren, auch hier stört es jedoch nicht wirklich: So kennt man sie eben und so mag man sie – "never change a winning team" werden sich dementsprechend auch STILLINGS und KERR gedacht haben und wir, das genüsslich mit der Zunge schnalzende Publikum, rufen in schönster Eintracht: "Jawoll".

Summa summarum: Gelungenes, ausgereiftes und gut abgehangenes PE-/Noise-/Death Industrial-/Dark Ambient-Konglomerat, das sich als, von den Schwächen vorangegangener Veröffentlichungen bis auf wenige Ausnahmen bereinigte, kompakte Einheit präsentiert. Ich höre zwar jetzt schon den einen oder anderen nörgeln, die ungeschlachte Harshness der frühen Tage sei unwiederbringlich dahin, doch möchte ich dergleichen Oberflächenkritik mit dem Hinweis auf die Bündelung dieser Harshness qua entschlossenerer Strukturierung kontern, was der Gesamtwirkung nur zuträglich ist. – Und wer weiß: Der ganz große Wurf – nämlich der, der sozusagen in den Olymp des Genres befördert –, nun, der gelingt vielleicht schon mit dem nächsten Album. Der gesetzte Kurs stimmt jedenfalls.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» STEEL HOOK PROSTHESES @ blogspot
» STEEL HOOK PROSTHESES @ bandcamp
» "Debrided_Necrotic_Tissue"@Youtube.com
» "Rendering_Human_Tallow"@Youtube.com
» "Sadomedica"@Youtube.com

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» STEEL HOOK PROSTHESES: Calm Morbidity


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