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Roy L.

RUTH: Mescalito / Mon Pote 7"

Polaroïds & Garage-Punk? Ruths schmutzige Vergangenheit...


RUTH: Mescalito / Mon Pote 7
Genre: Garage Punk
Verlag: Poutre...


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RUTH? Wer ist Ruth? Die gute Frau Nachbarin, die des Nachts auf der Gitarre sägt? Nicht? Aber ganz schön viel Lärm macht sie da, die Ruth. Muss wohl eher eine ganze Horde sein... so pubertäre Penner, Anarchopack, Franzosen obendrein.
Aber nein, RUTH, war das nicht auch so ein sexy Synthie-Pop Projekt aus den Achtzigern? Da gab es doch diesen Riesenhit mit Saxophon-Solo: „Polaroïd/Roman/Photo“, der neulich auf allen French Touch Retro-Samplern zu hören war. Stimmt, also nein, die waren das!? Ja, THIERRY MÜLLER war das. Einer der letzten großen französischen Avantgarde-Helden, der noch darauf wartet, in den diesbezüglichen Olymp von BESOMBES, TAZARTÈS und BERROCAL aufgenommen zu werden. Und die Chancen dafür stehen nicht allzu schlecht. Immerhin fühlen sich FRACTAL RECORDS seit einigen Jahren schon für die (Neu-)Verwaltung des enigmatischen Outputs des schwer auf einen Stil festzunagelnden Tonkünstlers verantwortlich, der seit Beginn des neuen Jahrtausends auch wieder an neuem Material arbeitet. Und nun kümmert sich auch noch die korsische Untergrundorganisation POUTRE APPARENTE (Heimat des ICH BIN-Syndikats) mit leidenschaftlicher Hingabe (Vinyl Vinyl Vinyl !!!) um die schmutzigeren Kapitel in THIERRY MÜLLERs Biographie.

Eigentlich gelernter Gitarrist, experimentiert MÜLLER erst allein, dann in anderen „Bands“ (ARCANE, BREAKING POINT) schon seit Anfang der Siebziger im elektroakustischen Fahrwasser von STOCKHAUSEN und der großen Kraut-und-Rüben Revolution, die man „drüben“ erst Prog und später PÔLE nannte. In Zusammenarbeit mit seinem Bruder PATRICK MÜLLER entsteht nach und nach das Projekt ILITCH. Zur selben Zeit eine folgenschwere Schizo-Spaltung: RUTH M. ELLYERI dringt mit anagrammatischer Präzision in den Kosmos von Thierry und ILITCH ein (meine Generation weiß dank NEKOFUTSCHATA und GIGABROTHER glücklicherweise noch, was das bedeutet...).           
Zwei LPs erblicken mehr oder weniger erfolgreich das Licht der Welt: das experimentelle, psychedelische, pôle-esque „Periodikmindtrouble“ (1978) mit langen minimalistischen Toncollagen und zwei Jahre später das magnus opus „10 Suicides“ (1980), das mit zehn sehr unterschiedlichen, gänsehauteinflößenden suizidalen Schaubildern noch ganz in der Tradition von PHILIPPE BESOMBES' „Libra“ (1976) steht, aber zur gleichen Zeit schon dem nun heraufziehenden Post-Punk und New Wave die Tore öffnet.
Unter dem Namen RUTH erscheint erst 1985 das nicht weniger grandiose Album „Polaroïd/Roman/Photo“, das zwar nicht ganz so eingängig ist, wie das bekannte Titelstück vermuten lassen würde, aber doch schon mehr auf der sonnigen Seite des sonst so unterkühlten Cold Waves steht und außerdem stellenweise herrlich artsy-fartsy daherkommt.

1978 klangen RUTH allerdings anders. Die vorliegenden sieben Zoll Musick sind der beste Beweis dafür. „Mescalito“ wurde damals bereits auf dem französischen Kult-Punk-Sampler „125 grammes de 33 1/3 tours“ (OXYGÈNE, 1978) veröffentlicht und so steigt es auch mit einer endlos „coolen“ FACTORY-Basslinie ein, bis das ganze auf ungewohnten Bahnen explodiert. Mit fuzzigen und sägenden Gitarrensolos und einem schnoddrigen Mädelgesang (oder ist das Thierry/Ruth himself, der sich da zum Falsett aufschwingt?) zieht das Drei-Minuten-Epos den gesamten Rock'n'Roll der Vorväter durch Schmutz und Dreck und fabriziert dabei einen Riesenlärm, mit dem sich ganze Plattenbausiedlungen einebnen ließen. Warum dreißig Jahre ins Land ziehen mussten, bis das Stück wieder offiziell auf dem Plattenteller serviert werden darf, weiß nur der Herrgott allein.
Bei der B-Seite „Mon Pote“ handelt es sich um eine gar noch völlig unveröffentlichte Demoaufnahme aus den Archiven. Eine schwerwiegend nihilistische Garage-Punk tour de force mit kaputter Synthesizer-Grundierung und einem „7 And 7 Is“ - Stakkato-Schlagwerk, die bei vorgeschädigten F/i-, MODERN LOVERS- und inzwischen auch RESIDUAL ECHOES-Hörern ungesunde Verkettungen von kleineren und größeren Orgasmen auslösen wird. Am Ende entlädt sich das ganze in einen spacig-psychedelischen Hirnfick, der niemals niemals aufhören sollte. Die schon erwähnten RESIDUAL ECHOES aus Kalifornien hatten vergangenes Jahr auf ihrer „Firsts“ EP demonstriert, wie man innerhalb eines einzelnen Songs leichtfüßig von Post-Punk Coolness zu ausufernden Psych-Rock Trips übergehen kann. THIERRY und RUTH waren in dieser Hinsicht schon dreißig Jahre eher dran und außerdem steckt bei ihnen auch noch eine gehörige Portion tiefgründiger kontinentaleuropäischer Tristesse dahinter.
Wie traurig außerdem, dass von dieser RUTH-Phase außer den beiden vorliegenden Stücken  nichts weiter zu existieren scheint. Oder, Thierry? Bitte sag, dass das nicht wahr ist und dass irgendwann noch ein ganzes Album mit solchen Raritäten erscheinen wird. Bitte bitte!!

Immerhin, ein THIERRY MÜLLER-Sampler („Rare & Unreleased 1974-1984“) mit raren Stücken von all seinen Projekten: ARCANE, BREAKING POINT, CRASH, ILITCH und RUTH, ist gerade erst über FRACTAL RECORDS erschienen. Vinylmuffel (Nichtswürdiges Pack!) erhalten somit auch Gelegenheit, die beiden Songs der Single auf CD zu hören.       
Außerdem ist eine gekürzte Version von „Mon Pote“ auf einer parallel zur 7“ veröffentlichten, durch und durch zu empfehlenden Sammlung obskurer französischer Post-Punk und Industrial-Perlen („IVG – Futur Antérieur France 75/85“) vertreten.

Mit „Mescalito/Mon Pote“ haben POUTRE APPARENTE nicht weniger als neun Minuten Musikgeschichte für die Nachwelt konserviert. „Einfach nur geil“, wie die Jugend von heute zu sagen pflegt – eine maßlos psychedelische Plattenspielerverwöhntherapie, sagt NONPOP.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Ilitch/Ruth/Thierry Müller
» Ilitch/Ruth/Thierry Müller @ MySpace
» Poutre Apparente


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