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Thomas L.

ROLF SCHILLING: Lingaraja


ROLF SCHILLING: Lingaraja
Genre: Literatur
Wörter: 1029
Medium: Buch
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Die treue und gewachsene Leserschaft hat lange auf ein Lebenszeichen von ROLF SCHILLING warten müssen; denn dieser fand sich zwar zunehmend in Vertonungen wieder bzw. sprach selbst eine solche ein, doch die letzte gedruckte Veröffentlichung lag nahezu fünfzehn Jahre zurück. Umso größer war zu Beginn des Jahres 2012 die Überraschung, als publik wurde, dass der TELESMA VERLAG des ALFRED SCHULER-Experten BAAL MÜLLER fortan für die Werke SCHILLINGs verantwortlich zeichnet. Was zum einen einen Bruch mit der optischen Präsentation der leinengebunden ARNSHAUGK-Bände bedeutet, ist zum anderen auch die Chance auf eine neue Phase in der Rezeption von SCHILLINGs Schaffen. Modern und frisch und im größeren Format kommt das neue Werk daher. Wird optisch auch gebrochen mit dem Charme der Freundesgabe für einen kleinen, elitären Kreis (der zwar dem Werk als solchem nicht geschadet hat, wohl aber den Umfang seiner Verbreitung verkleinerte), so bleibt sich der Meister der lokalen und universellen mythischen Dichtung inhaltlich ganz und gar treu. Nirgends wird dies deutlicher als im Ersten der fünf Abschnitte, "Wiedergänger", der sich mit den Mythen und Landschaften des Harzes befasst, der seit jeher als Traum-Harz zum festen Bestandteil im Gesamtwerk gehört. Als hätte es keine Schaffenspause von eineinhalb Jahrzehnten gegeben, findet der Leser sich inmitten der vertrauten Symbolik von Adler, Falter und Einhorn wieder und schreitet von der Rosstrappe über den Hexensteig hin zur Teufelsmauer.

Das zweite Kapitel, „Refugium“ betitelt, stellt eine Neuerung im Schaffen SCHILLINGs dar, da sich hier erstmals ein gesamter Zyklus allein mit dem Persönlichen und dem Alltäglichen befasst. Universelle Symbole und große Gesten müssen hier zurückstecken zugunsten des Kaffees, der Katzen und der eigenen persönlichen Träume. Nicht umsonst trägt das Kapitel den gleichen Namen wie SCHILLINGs Tagebücher, in denen der niedergeschriebene Traum eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Ironischerweise verkehrt sich hier die Flucht ins Gegenteil; dienen gemeinhin den Menschen Mythen und Sagen als mögliche Auswege aus der Realität, so ist SCHILLINGs Werk aber dermaßen im Mythischen und Spirituellen verhaftet, dass die Begegnung mit dem Alltäglichen und dem Banalen nun als eigentlicher Eskapismus erscheint. Der Abwechslung tut dieses Eintauchen in neue Gewässer allemal gut, denn SCHILLINGs Dichtung leidet in der profanen Welt keinesfalls.

Der dritte Abschnitt, „Hort in der Lohe“, ist den heimischen Gärten gewidmet und beschreibt die großen Mysterien, die im vermeintlichen Kleinen und Banalen lauern. Der Blick in den Garten als Blick in den Kosmos und das eigene Ich. Hier nimmt die Dichtung tatsächlich schamanenhafte Züge an; die Wahrnehmung der Natur ist derart tiefgreifend, dass allein die Beobachtung dann eben doch noch zum quasi-religiösen Akt gereift. Mir kam beim Lesen passenderweise (oder unpassenderweise) der Kräuterkundige WOLF-DIETER STORL in den Kopf, der an diesen Zeilen sich seine helle Freude hätte.

Der vierte und titelgebende Abschnitt, „Lingaraja“, beschreitet nun wieder vertraute mythische Pfade. Geht es im „Wiedergänger“ noch um lokale Mythen und den Geist des Ortes, so ist „Lingaraja“ die hohe Religion. Der Blick geht betonend auch in den Osten, maßgeblicher als der nordische Mythos ist hier nun Shiva. Zahllose himmlische und irdische Herrschaftssymbole gleiten mit dem Speer zu den Hohepriestern der verschiedensten Kulturen; die Bezüge sind eben nicht so offenbar, wie mancher Kritiker sie gerne hätte. Wer SCHILLING auf einen Dichter nordischer Mythen zu reduzieren gedenkt, der hat wohl tatsächlich keines seiner Bücher jemals gelesen.

„Quester in Gold“ ist das abschließende Kapitel und versammelt manche bereits von ROLF SCHILLINGs ehemaliger Netzseite bekannte Gedichte. Wie der Titel ahnen lässt, steht hier einmal mehr der Sucher im Mittelpunkt, der sich in die Welt der Mythen und Symbole begibt, um zu verstehen und in ihnen zu werden. Das Streben nach religiöser Erfahrung, spiritueller Lenkung und höherer Weisheit als unanfechtbares Ideal. Hier wird SCHILLING wieder seiner Rolle als Questengänger gerecht, der gleich den nordischen Barden und Skalden Rätselsprüche aufsagt und wie ein Zauberer Worte webt. „Neun“ ist beispielsweise eines von diesen Gedichten, das vom nordischen und eddischen Geist beseelt ist, allerdings sanfter und hypnotischer daherkommt, da es eben nicht dem Stabreim folgt, auch wenn es inhaltlich diesem entstammt.

„Lingaraja“ ist ein Gedichtband, der ROLF SCHILLINGs Ruhm weiter untermauern und nähren wird; das Altbewährte, in dem er längst die Meisterschaft erlangt hat, wird fortgeführt, dabei jedoch auch das Neue nicht vergessen. Das Neue ist hier, wie eingangs beschrieben, das zutiefst Persönliche, das man aus seiner Feder bislang in dem Maße nur von seinen Tagebüchern her kannte. Dass sich beides jedoch großartig zu einem Werk vereinen lässt, zeigt „Lingaraja“ auf beeindruckende Weise. ROLF SCHILLING ist und bleibt der Große Meister des Geheimen Deutschlands, der lokale und universelle Mythen und Symboliken durch sich Sprache werden lässt und dabei ein Werk schafft, das weit über Dichtung hinausgeht. In seinem Werk ruht der Hauch des Religiösen, es hat etwas geradezu faszinierend Überirdisches, auch wenn der Dichter selbst der Letzte wäre, der Derartiges für sich beanspruchen würde. Dass das Schaffen eines Dichters Zustimmung findet, ist nicht ungewöhnlich, dass aber Dichter und Werk verschmelzen und einen Quester und Sänger ins Dasein schaffen, der selbst eine Mythologisierung erfährt – und sei es nur durch die Konsequenz und die kompromisslose Zurückhaltung bei der Vermarktung seiner Werke – das mag man allenfalls von Dichtern und Visionären wie WILLIAM BLAKE kennen. Ähnlich wie bei BLAKE, erfährt der Leser bei ROLF SCHILLING eben nicht nur die Freuden schöner Poesie, er taucht vielmehr ein in eine metaphysische Welt und erfährt eine Einweihung durch die Worte. Das Profane erlischt und die Feuer der antiken Mysterien leuchten; fernab jeder verkitschten Esoterik dringt SCHILLING zum Brunnen vor und schöpft sein Dichterwerk direkt aus der Quelle der Religion. Was WILLIAM BLAKE für England oder WILLIAM BUTLER YEATS für Irland war, das ist ROLF SCHILLING für Deutschland. Kein zweiter dichtet derart hypnotisierend in der Sprache der Mythen und mit der, wie ERNST JÜNGER es ausdrückte, „mythisch-heraldischen Grundhaltung“. Wer ROLF SCHILLING bislang noch nicht entdeckt und gelesen hat, der sollte den neuen Band zum Anlass nehmen, dieses Versäumnis nachzuholen. Der Quester reist weiter durch archaische Welten und trifft Hirsch und Greif, labt sich an der Quelle, ritzt die Runen in die Esche und träumt im Schatten der Pyramiden und im Tempel von Angkor Wat. Wer hier nicht mitreist, dem entgehen ganze Welten – sowohl die Äußeren, als auch die Inneren.

 
Thomas L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ROLF SCHILLING-Internetpräsenz

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» Hörbuch von ROLF SCHILLING

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