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Michael We.

REUTOFF: Deprivatio

Sterntagebücher aus einer russischen Satellitenstadt


REUTOFF: Deprivatio
Genre: Dark Ambient
Verlag: Ewers Tonkunst
Vertrieb: Indiestate


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Nach fünf Jahren der Stille sind die drei Russen von REUTOFF mit einem ganzen Paket voller Ideen, Pläne und Musik zurück. Und das ist gut so, wie wir gleich feststellen werden. Zunächst die Vorankündigungen: Im Herbst sollen zwei Zusammenarbeiten mit befreundeten Bands erscheinen, zum einen mit dem deutschen Drone-Projekt TROUM, zum anderen mit ALBIN JULIUS / DER BLUTHARSCH. (Auf beiden dazugehörigen Labels – hinter TROUM steckt DRONE RECORDS-Chef STEFAN KNAPPE, ALBIN JULIUS betreibt HAU RUCK! – haben REUTOFF schon Material veröffentlicht.) Geplant ist ebenfalls, bislang nicht oder nicht mehr erhältliches Material von QUATTRO BRAVO EBALLIEROS auf zwei CDs zu pressen. QUATTRO ist die 'Hobbyband' der drei REUTOFF-Mitglieder, die – angeblich nur unter Alkoholeinfluss – lange, spontane Livetracks aufnimmt, (noch) rhythmischer als die Mutterband, manchmal fast tanzbar. Unter dem Namen MYRRMAN hat ein Drittel REUTOFF (ARNOLD PR) schließlich in diesen Tagen seine Solo-CD "PorNOsmagoria" (COLD GRAEY) veröffentlicht, die tanzbarste Variante von allen; REUTOFF goes Techno. Wir sprechen nun aber über "Deprivatio", das neue Hauptwerk von MITYA N, ARNOLD PR und WOWA [BT].
Vieles ist trotz der langen Pause gleich geblieben. So umgeben sich die Musiker immer noch mit einer Aura des Geheimnisvollen. Ihre Pseudonyme haben sich seit der Gründung vor 20 Jahren gehalten, Liveauftritte sind nach wie vor selten. Eines der wenigen Konzerte fand zur Präsentation des "Iznutri"-Samplers (NONPOP-Besprechung) im vergangenen Jahr in Moskau statt. Auch Interviews werden eher scheu und zurückhaltend gegeben; in der Regel verweisen die drei Macher auf den 'Reutov-Mythos' als Inspiration für die Arbeit des Projekts. Reutov ist eine von Moskaus kleinen Satellitenstädten, die hauptsächlich aus Industrieanlagen besteht. Ihr wird von den Bandmitgliedern, die alle in der Nähe leben, eine ganz besondere Atmosphäre zugeschrieben, die man beim Hören der Musik als trübe Industriemelancholie zwischen Zerfall und Science Fiction begreifen könnte; eine Stimmung, wie sie in Deutschland manche alte Häfen oder Güterbahnhöfe ausstrahlen. Ein Faible für den Klang der deutschen Sprache, das sich auch in vielen deutschen Songtiteln ausdrückt, hat aus dem 'v' am Ende der Stadt das doppelte 'f' für den Bandnamen werden lassen.
Wie immer ist auch dieses REUTOFF-Album eine Antwort auf die Frage, wozu eigentlich Dark Ambient erfunden wurde. Die fantastisch-düstere Stimmung erwächst stets aus der Musik der Russen selbst, und nicht – wie bei vielen Genrekollegen – aus den großen Worten, die begleitend zur Musik gemacht werden. Aber – endlich eine Veränderung – "Deprivatio" ist nicht mehr so durchweg archaisch wie noch die ersten Arbeiten, es ist ebenfalls nicht mehr so homogen industriell wie die beiden letzten Alben "Unseen Rituals" (2002) und "Gute Nacht, Berlin!" (2003). Die neue CD ist die bislang dynamischste, abwechslungsreichste, aufregendste und futuristischste Veröffentlichung von REUTOFF.

Hypnotisch ist der Beginn. Zum Dauerloop eines Kindersummens gibt eine rauchige, weibliche Sprechstimme auf Englisch Anweisungen, was zu tun ist: "Stellen Sie Sich vor, Sie sitzen in einem riesigen Theater mit schwarzen Sitzen und können nur eine einzige Sache sehen..." So düster und geheimnisvoll die ersten Sounds, so beruhigend sind die Worte. Später passt sich die Musik an und entspannt sich Richtung Downbeat, garniert mit verhuschten Männerstimmen und noisigen Geräuschen. Der Opener bereitet die futuristische Atmosphäre, die das ganze Album durchzieht. Noch häufiger im Verlauf der knapp 73 Minuten kommt sich der Hörer vor, als würde er durch einen von STANISLAW LEM entworfenen Park lebender Maschinen wandern. Auch das intelligente Songwriting – wenn man bei einem zehnminütigen Dark Ambient-Track davon überhaupt sprechen kann – offenbart sich gleich zu Beginn. Überraschungen wie eine eingeflochtene und beinahe folkige Akustikgitarre sowie versteckte und vertrackte Melodien und Rhythmen machen aus einem langen auch einen sehr abwechslungsreichen Soundteppich. Es folgt ein eher klassisches Dark Ambient/Noise-Stück, dessen Drones in Verwandtschaft zu SAL SOLARIS gleißen und schimmern wie Sonnen im Weltall. Großes Kino, im wahrsten Sinn des Wortes, denn REUTOFF-Alben werden immer gerne mit der Stimmung von Filmmusiken oder Filmen – unter anderem "Stalker" von TARKOWSKIJ – verglichen. Und selten traf dieser Vergleich so zu wie bei "Deprivatio", auch bedingt durch die technisch hervorragende, satte Produktion.
"American Whores" geht dann wieder einen gänzlich anderen Weg. Die Collage bringt zu einem Bass, der auch MASSIVE ATTACK oder MOBY alle Ehre machen würde, ganz unterschiedliche Samples zusammen. Musik der 1920er-Jahre, fast eine Minute lang solo. Dazu verdichten sich die Trainerin eines Fitnesskurses und ein Kirchenprediger mit Chor – in Kombination mit dem Namen des Songs – zu einer infernalischen Amerikakritik. Nie wirken solche Samples belanglos, sie unterstützen bei REUTOFF immer die Atmosphäre des Tracks.
Auch der einzige deutsch betitelte Song, "In Die Leere Gehen", ist eines der Highlights: Hier ein strahlendes Universum mit synthetischen Engelschören, dort düstere Gewittercluster, die glauben machen, dass sich die Hölle öffnet – fehlt nur noch ein Sample von Luzifer persönlich. "Sun Of Sleepless" ist mit seinen knallenden und knirschenden Beats eine weitere Empfehlung für die Macher des nächsten Endzeit-Streifens; mit laut wehenden Fahnen geht die Welt unter. Und zum Abspann verglüht "25-th Hour" wie die letzte Moll-Hoffnung eines im futuristischen Kerker eingesperrten VANGELIS. Für so viele Höhepunkte übersieht man gerne die wenigen schwächeren Momente, etwa die Mischung aus Ethno und Dark Ambient mit piepsigen Loops menschlicher Geräusche ("Nemesis").

Alles an "Deprivatio" atmet russische "Metropolis"-Atmosphäre. Das Individuum zwischen Experiment, größenwahnsinniger Industrie, Verlassenheit und Zerfall. Damit ist die neue REUTOFF-Veröffentlichung längst nicht mehr nur ein Stimmungsbericht aus Reutov, sondern ein Abbild des neuen, modernen Russlands. Genreuntypische Experimente, die gekonnte Verknüpfung diverser Samples und Abwechslung in Tempo und Klangbild sorgen dafür, dass "Deprivatio" eines der besten und ausdrucksstärksten Dark Ambient-Alben der vergangenen Jahre ist. Es macht außerdem sehr neugierig auf die angekündigten Kollaborationen im Herbst.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» REUTOFF @ myspace

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