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Martin L.

PEARLS BEFORE SWINE (DVD)

Boyd Rice Superstar


PEARLS BEFORE SWINE (DVD)
Genre: Industrial
Verlag: Caciocavallo
Vertrieb: Caciocavallo
Medium: DVD
Kaufen bei: Amazon


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"I HAVE SO MUCH HATE TO SHARE WITH YOU!"  - Für Fans von BOYD RICE und DEATH IN JUNE ist RICHARD WOLSTENCROFTS  "PEARLS BEFORE SWINE"  (AUS 1999) längst ein Kultfilm. Gedreht wurde der Streifen bereits 1996, bis er endlich herauskam, vergingen weitere drei Jahre. Die Titelmusik wurde bereits 1997 auf einem der letzten WORLD SERPENT-Sampler veröffentlicht, "TERRA SERPENTIS".  Die lange Wartezeit ließ natürlich die Erwartungen der Fans schon im Vorhinein hochkochen, ähnlich wie für JIM VAN BEBBERS "THE MANSON FAMILY", der ganze sechs Jahre zur Fertigstellung brauchte - dergleichen Verzögerungen zählen zu den Tücken des "Indie"-Filmemachens. Der Film tourte mit mäßigem Erfolg durch einige Festivals, erschien irgendwann als NTSC-Videokassette in den USA und war hierzulande kaum greifbar. So kam es, daß euer Rezensent geschlagene acht Jahre auf den Film warten mußte, bis er durch eine DVD-Neuerscheinung von seiner andauernden Neugier erlöst wurde. "PEARLS" ist nun (d.h. vor etwa einem Jahr) als codefreie DVD über das US-SOLEILMOON-Sublabel CACIOCAVALLO erhältlich. Die DVD enthält ein paar hübsche Postkarten mit Motiven aus dem Film und einen extra für die DVD-Neuausgabe geschriebenen Text von Regisseur Wolstencroft,  "TOWARDS THE NEW DAWN: Reflections on the making of Pearls Before Swine". Er wollte einen unverdaulichen, kompromißlosen, ultra-avantgardistischen, ultrabösen "truly evil" Film drehen, einen Schlag ins Gesicht für die "mid-ninenties political correctness", seinen TRIUMPH DES WILLENS. Was könnte es zu diesem Zwecke Wirksameres geben, was mehr "evil" sein als ein "fascist movie"? Dieses Vorhaben wurde jedoch durch ein bedauerliches Hindernis beeinträchtigt: Wolstencraft brachte es nicht fertig, ein "Rassist" zu sein, und so bastelte er sich quasi seinen eigenen "Faschismus" zusammen: "Nicht den alten rassistischen oder den aktuellen kapitalistisch-materialistischen, der heute die Welt beherrscht. Ich wollte etwas Neues, etwas, das es als politische Theorie noch gar nicht gab." Ansätze dazu meinte er bei MARTIN HEIDEGGER zu finden, von dem er der Meinung ist, er wäre ein "Faschist und ein Nazi" gewesen. Das Ganze resultierte in einer Doktorarbeit mit dem Titel "Martin Heidegger: Für einen transzendentalen Faschismus". Was dieser "transzendentale Faschismus" nun eigentlich sein soll, bleibt jedenfalls in dem Text im Dunkeln, und die von Wolstencraft hingeschleuderten ("intellectual name dropping ") Referenzen zu BATAILLE, CÉLINE, MISHIMA und ARTAUD bringen auch nicht gerade mehr Licht in die Sache.


Wie auch immer, es liegt auf der Hand, daß der Regisseur mit Boyd Rice,  den ich hier wohl nicht weiter vorzustellen brauche, den kongenialen Komplizen für sein zweifelhaftes Unterfangen gefunden hat. Boyd übernahm die Hauptrolle des Killers Daniel und steuerte Musik, Texte und vor allem "Spirit" bei. Das Ergebnis ist eine Art knalliger Boyd-Rice-Personality-Show, die sich offenbar mehr Wolstencrofts Sex-und-Drogen-Erfahrung als Besitzer eines S/M-Nachtklubs in Melbourne (THE HELLFIRE CLUB) verdankt als seiner Heidegger-Lektüre. Wo Perlen sind, sind auch Säue, und geschweinigelt wird in "Pearls" mächtig, oh meine Brüder!


Die erste Szene: ein Martiniglas in Großaufnahme, eine Hand greift danach und führt sie an einen arrogant geschürzten Mund. "Das reicht, mein Junge, genug in der Ecke gestanden!". Schnitt auf einen 1,90-Kerl, der mit gesenkten Kopf devot in der Ecke steht und eine überdimensonale Schuluniform trägt: Boyd. Nachdem er seinen Hintern richtig positioniert hat, macht sich der Alte (MAX WEARING, ein britischer Schauspieler und ehemaliger Liebhaber von Douglas, der auf ROSE CLOUDS OF HOLOCAUST und OCCIDENTAL MARTYR zu hören war) daran, ihm denselben tüchtig zu versohlen. Leider ist "ein bißchen Anständigkeit" reinzuprügeln bei Boyd ein hoffnungsloses Unterfangen. "HARDER!" ruft er ungeduldig. Der Alte müht sich nach Leibeskräften ab, aber Boyds Arsch scheint aus Stahl zu sein. "BEAT ME, FUCK!". Das also mal der Einstieg zu dem ersten Meisterwerk des "transzendentalen Faschismus", gleich nach einem Rilke-Zitat (!) als Anfangstitel. Plötzlich ein Schnitt, der Raum ist nun abgedunkelt und Boyd wankt wie betäubt durch das Zimmer. Plötzlich kommt ein undefinierbares Etwas in einem seltsamen Kostüm um die Ecke, und hinter ihm eine altbekannte Gestalt in Tarnfleck-Anorak, knochenweißer Maske und gebleckten Zähnen. Großaufnahme auf den "Man Behind The Mask", der ausruft: "ASSASSIN!", fremdländisch ausgesprochen (mit offenen, unenglischen "A"s). Dann kommt zu der knalligen Nummer, die auf dem oben erwähnten WSD-Sampler zu hören ist, ein wirklich klasse designter Vorspann, in dem in Stakkato-Montage unter anderem Elefanten, Löwen, Zebras, gefesselte Frauen, Soldaten, Jesus Christus, Leichenberge, Blumen, Waffen, Bäume und was weiß ich noch zu sehen sind. 


Nach diesem suggestiven Aperitif geht es gleich drastisch weiter zur Sache: eine Großaufnahme von Boyd mit kaltem, entschlossenen Blick (dazu gruselige Krachmusik von NON), einem direkten Zitat der Eröffnungseinstellung von A CLOCKWORK ORANGE. Sein Haarschnitt ist dergestalt zurechtgemacht, daß er wie ein "Teufel" aussieht (Bemerkung am Rande für Spezialisten: eine ähnliche  "Bad Guy"-Frisur hatte LEE MARVIN in DONOVAN'S REEF).  Ein Hupen, draußen warten seine Kumpels auf ihn. Sie entsichern die Pistolen und überfallen eine Gruppe obdachloser Teenager, die zwischen graffitibeschmierten Wänden und hunderten leeren Bierdosen vor sich hin vegetiert. Nachdem sie das unwerte Leben mit sichtlichem Vergnügen an der "Arbeit" ausgelöscht haben, macht sich Boyd zu einem Date auf, das er nicht verpassen will, und so sehen wir ihn in der nächsten Szene, dezent durch die Wände einer Dusche hindurch gefilmt, genußvoll die Titten und den Arsch seiner Gespielin kneten. (LISA HUTCHINSON, die damals mit Wolstencroft zusammen war.) 


Und so geht es munter weiter, mit Boyd in praktisch jeder Szene: Boyd mit "Rapist"-T-Shirt in der Disco beim Reinziehen meterlanger "Lines" und Stunk machen, Boyd, ein Video mit NS-Dokumentarmaterial kommentierend ("Wie kann man sie nicht bewundern? Allein die Uniformen...pure sadomasochistic chique!"), Boyd, der einer kleinen Schlampe im schwarzen Kleid und in roten Stöckelschuhen  zunächst den Hintern versohlt ("Ich war ein böses Mädchen!") und es ihr dann kräftig von hinten besorgt (einen Orgasmus mimend, mit dem Gesicht zur Kamera!!), Boyd im schwarzen T-Shirt mit einem wohlbekannten Totenkopf drauf  beim Muskelstählen in der Kraftkammer, Boyd beim Schießen mit dem österreichischen Sturmgewehr StG 77 von Steyr-Daimler-Puch ("a personal favourite"), Boyd beim Angucken und Hochjubeln einer (natürlich alten) Folge von DOCTOR WHO ("Doctor Who shits all over Star Trek!"), Boyd beim Psychoanalytiker ("You're my favourite patient!"), Boyd, ein Pläydoyer für sinnlose Gewalt in und außerhalb von Filmen haltend (also die "Bring back the Circus Maximus"-Routine), Boyd beim "SS-Mann versus KZ-Häftling"-Rollenspiel mit seiner Puppe  a là  "NACHTPORTIER", Boyd bei einer "Scheiße-fressen"-Hommage an PASOLINIS  "SALÒ ODER DIE 120 TAGE VON SODOM" (keine Angst, er schaut nur zu)....und so weiter und so fort. Dazwischen gibt es immer wieder markige "philosophische" Exkurse von Boyd, wie wir sie aus seinen Alben "MUSIC, MARTINIS & MISANTROPHY" oder "MIGHT!" auswendig kennen und lieben. Ein besonderes Highlight ist natürlich die Szene, in der Boyd einen Sammler und Händler seltener Erotika aufsucht, gespielt von keinem geringeren als DOUGLAS P., der an dieser Stelle seinen zweiten Auftritt in dem Film hat. In einem ollen blauen Anorak, (einer britischen Flieger/Bomberjacke) mit blauer Krawatte, weißer Hose und einer Wolfsangel am Kragen, spielt er den Part herrlich kauzig. Geheimnistuerisch ständig um die Ecke schielend, öffnet er die Tür zu seiner Wohnung: "Hello, can I help you?", während im Hintergrund der berüchtigte DIJ-Klassiker "C'est un rêve" läuft. Douglas' apartes Outfit in dieser Szene scheint  mir eine direkte Anspielung auf  JEAN-LUC GODARDS "SYMPATHY FOR THE DEVIL (ONE PLUS ONE)" (UK 1968) zu sein,  in dem POLANSKI-Darsteller  IAIN QUARRIER einen fast identisch gekleideten "Fascist porno book seller" (!) gab. (Allerdings wurde Douglas bereits Anfang der Neunziger, lange vor "Pearls", in besagtem Outfit - samt weißer Hose- gesichtet.) Death In June ist auch in einer anderen Szene präsent, als Boyd einen bonbonbunten Buch-und Comicsladen betritt, der neben Mangas, den "Basketball Diaries", LA VEYS  "Satanic Bible" und WILLIAM BURROUGHS  auch "Mein Kampf" im Angebot hat: da läuft als Hintergrundmusik "Heaven Street"


Die Handlung? Ach ja, hätte ich jetzt beinah vergessen. Gibt es auch so nebenbei: Boyd soll einen obskuren Schriftsteller umlegen, einen "Propheten und Perversen", dessen Bestseller PURE (eine Anspielung auf PETER SOTOS' ultraberüchtigtes Magazin aus den Achtzigern) Sex und Gewalt ins Zentrum aller Kultur und aller Anthropologie und allem überhaupt stellt. Dieser sollte urspünglich von GENESIS P-ORRIDGE oder KENNETH ANGER gespielt werden, beide hatten schon zugesagt, waren aber aus zeitlichen Gründen verhindert. Der ziemlich seltsame Ausgang der Geschichte sei hier nicht verraten, aber er scheint stark von der Schlußsequenz von DONALD CAMMELLS (ebenfalls um Sex, Drogen, Gewalt und Dekadenz kreisenden) Kultfilm PERFORMANCE (1969) beeinflußt zu sein. Der Abspann endet mit Hölderlin(!)-Zitat und einer weiteren NON-Nummer: "WIPE - OUT! CAST-OUT! CUT-OUT!"

"Pearls" ist wohl der B- (oder C?-)Movie mit dem großspurigsten Anspruch aller Zeiten. Klar, daß er dem schwerlich gerecht werden konnte. Der Film leidet an den typischen Billig-Produktionsschwächen: mittelmäßige bis laienhafte Akteure, do-it-yourself-Special-Effects, ein schwaches Drehbuch und allgemein schäbiger Look. Auch Boyd Rice ist eher mäßig überzeugend als er selbst; auf einer NON-Bühnenshow ist weitaus mehr von seiner charismatischen Präsenz zu spüren als in "Pearls". Klar, er sieht toll aus. Seine notorische Eitelkeit ist jedoch  leider in jeder Szene sichtbar, was für den Film eher kontraproduktiv ist. Stark auffallend ist auch der Einfluß des modischen TARANTINO-Hypes der Mitt-Neunziger, der dreckige Humor und die hemmungslose Gewalt des Films verdanken sich direkt den berüchtigsten Szenen von PULP FICTION. Wie Tarantino in manchen seiner Filme, spielt Wolstencraft (der Tarantino auch physisch ähnlich sieht) in einer kleinen Rolle selbst mit: als arrogantes Aas im Trachtenhemd (!?!-eine Heidegger-Hommage?) wird er von Boyd und seinen Kumpanen richtig schön blutspritzend & sadistisch getolschockt und schließlich umgebracht. Den Anspruch, "ultraböse" mithilfe einer wohlfeilen Dosis "Faschismus" zu sein, erfüllt der Film nicht wirklich. Boyds kleine Rollenspiele im Wohnzimmer wirken eher komisch und harmlos als schockierend.  Andere Filme der Neunziger, die weniger großmäulig daherkamen,  waren da weitaus fieser und "menschenverachtender", etwa  Tarantinos "RESERVOIR DOGS"ABEL FERRARAS "BAD LIEUTENANT",  GASPAR NOES  "SEUL CONTRE TOUS" oder der belgische  "MANN BEISST HUND".  Der Witz dabei  ist, daß es Wolstencroft mit seinem nebulösen "Transcendental Fascism" und dem im Film ausgiebig beschworenen "New Dawn" offenbar wirklich ernst meint, und das Ganze nicht bloß als verkaufsfördernden Vermarktungsgag erfunden hat. Er wäre wohl beraten gewesen, den Mund lieber nicht so voll zu nehmen, denn angesichts dieser aufgeblasenen Ankündigungen wirkt das Ergebnis eher unfreiwillig komisch. Von einem visionierten "powerful mix of aesthetics, philosophy, politics, power and poetry" (fehlt nur noch "pornography", höhö) merkt man jedenfalls in "Pearls" nur wenig - es ist und bleibt ein deftiger, schmutziger, quasi-pornographischer, gewaltverherrlichender, pädagogisch wertloser  "Sex & Crime"- Trashfilm ("If it had a brain it would be dangerous", wie ein User der Internet Movie Database anmerkte) , und als solcher macht er auch Spaß. Da braucht man über den Brückenschlag vom S/M zu Rilke und vom Fäkalienvertilgen zu Heidegger nicht viel nachzugrübeln. Es sind alle Beteiligten ohnehin etwas balla, und wer sie zu ernst nimmt, ist selber schuld. Aber dafür lieben wir sie ja. Vor allem Boyds Fans werden bei "Pearls before Swine" voll auf ihre Kosten kommen.

 
Martin L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» "Pearls Before Swine" in der Internet Movie Database
» Porträt Richard Wolstencroft
» Richard Wolstencroft in der IMDB
» Boyd's Homepage
» Douglas' Homepage
» SNOG Homepage (haben Filmmusik beigesteuert)


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