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Nachruf zum 5. Todestag Ernst Jüngers


Kategorie: Spezial
Wörter: 3222
Erstellt: 05.03.2003
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Autor: Administrator

Timo Kölling

Zum 5. Todestag von Ernst Jünger

Am 17. Februar 1998 ist Ernst Jünger im Alter von 102 Jahren gestorben - 40 Tage trennten ihn von der Vollendung seines 103. Jahres. Kaum ein Autor darf sich einer solchen fortwährenden Aufmerksamkeit erfreuen wie der »alte Krieger« und spätere Wahlschwabe, dessen eindrucksvoller Lebensweg ein gewichtiger, aber doch ein nur äußerlicher Grund hierfür ist. Bereits zu Lebzeiten setzte ein Trubel um die Person Ernst Jüngers ein, die dem solcherweis´ Beehrten nicht immer angenehm und manchmal geradezu unheimlich war. In einer Rede anläßlich seiner hundertsten Geburtstags bemerkte er: »Ein solches Alter zu erreichen, hat mir selbst in meinen Träumen fern gelegen - es schien mir nicht einmal wünschenswert. Ich habe mein Leben unter anderen Auspizien geführt.«


Image © DLA Marbach.



Das Lakonische, das auch in seinen Werken zu Ernst Jüngers Eigenarten gehört, deutet auf eine Verschwiegenheit im Beredten hin, die uns auf noch unentdeckte Schichten seines Werkes verweist. »Die Zahl der Zeitgenossen, mit denen ein Gespräch noch lohnt, nimmt rapide ab.«, notiert er einmal; und unter dem 31. Dezember 1972 lesen wir in seinem Tagebuch: »Die Zeit hat wenig mehr zu bieten; das Zeitlose rückt näher - jetzt kann man in sich gehen.« Das allgemeine Geschwätz, von dem bereits Hegel prophetisch sagte, es sei »das vollkommene Abbild des Chaos« - auch das Andenken Ernst Jüngers droht darunter zu leiden, wenn nur »Ideale« gesehen werden, wo man lebendigen Geist gewahren muß, wenn zu einem »Programm« erniedrigt wird, was »naive«, das heißt ursprüngliche, naturhafte Hervorbringung dichterischer Gestalt ist. In seiner Rede anläßlich der Feier seines hundertsten Geburtstages dankte Ernst Jünger aufrichtig auch seinen Feinden und Gegnern (»Sie schärfen das Profil«), wohl wissend, daß größere Gefahr manchmal von den Anhängern und Folgern droht, die nur zu oft ein Programm aus dem Lebendigen, aus gelebter Wirklichkeit eine Ideologie machen - und oftmals ihren »Meister« auf eine seiner Entwicklungsstufen reduzieren, ausblendend, was kein Nährstoff für die eigene Selbstherrlichkeit zu werden vermag. In diesem Sinne spricht auch Goethe einmal von »jungen Männern ... , die, anstatt mit mir auf meinem Wege einer reineren, höheren Bildung entgegenzugehen, auf dem ihrigen verharrend, sich nicht besser bestanden und mich in meinen Fortschritten hinderten.«

Es gehört zu den unheilvollen Zeichen unserer Zeit, daß das Geräusch des allgegenwärtigen Geredes ein schimärisches Eigenleben angenommen hat. Nicht mehr die wirklichen Dinge zählen heute, sondern der Lärm des Geschwätzes, das »Wortgeräusch«, wie Max Picard es treffend benannt hat. Bereits 1948 schildert er hellsichtig, was vollends erst heute allbeherrschende Realität geworden ist, »links« wie »rechts«, im offiziellen Kulturgetue wie in den subkulturellen »Szenen«: »Bis 1920 ungefähr gab es noch einen ›Betrieb‹, das heißt: das Wortgeräusch bewegte sich noch um eine Sache herum, die deutlich zu unterscheiden war, und diese Bewegung des Wortgeräusches um eine Sache war eben der ›Betrieb‹, man erkannte aber zum Beispiel noch die Literaturgattung, um die das Wortgeräusch herumlärmte, man erkannte den Expressionismus, und er erschien als wichtiger denn das Wortgeräusch um ihn herum. (...) Das ist heute ganz und gar anders: nicht mehr das Objekt macht ein Wortgeräusch um sich herum, wie einst, sondern das Wortgeräusch ist das Primäre, es sucht ein Objekt. Es und das Objekt sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden, Betrieb und Objekt sind in einem einzigen Geräusch aufgegangen. Wohl wird heute auch von diesem oder jenem besonderen literarischen oder politischen Objekt geredet, aber das sind nur die Stellen, wo die Objekte ins allgemeine Geräusch eingeliefert werden und wo der Mensch ihnen nachfolgt, um in ihm mit ihnen zu verschwinden.«

Was heute in der Öffentlichkeit zum »Thema« gemacht wird, ist dazu verdammt, in der Maschinerie des Betriebes zermahlen zu werden - in einer Maschinerie, deren Treibstoff der Konsum ist, der sich auf zweierlei Weise zeigt: als Sucht nach materiellen oder als Sucht nach ideellen Gütern. Gemeinsam ist beiden Weisen die Vernichtung des Konsumierten im toten Seelenraum eines Menschentypus, der zu keiner Sache eine lebendige Beziehung aufzubauen vermag, so daß in diesem Zusammenhang an das tiefsichtige Wort Nietzsches erinnert sein möchte von dem Menschen, der alles zerredet und zerschwatzt, bis ihm vor den eigenen Worten ekelt, die ihm wie schmutzige Lappen aus dem Munde hängen. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Weltgeschichte, daß revolutionäre Erfindungen und Entdeckungen je mit einer neuen, bis dahin unbekannten Bewußtseinsstufe des Menschen korrespondieren: als der Mensch sich im Spätmittelalter als »Subjekt« zu empfinden begann und so erst die Welt als ein zu erforschendes »Objekt« wahrnahm, das später dann »Natur« genannt wurde - ein neuzeitlicher Begriff, der dem antiken, aber auch dem früheren mittelalterlichen Empfinden gänzlich fremd gewesen wäre -, erfolgte die Entdeckung der Perspektive in der Malerei, folgte wenig später der »faustische« Drang in den Raum, der zur zweiten Entdeckung Amerikas führte. Als Freud mit der Psychoanalyse die Tore zu bis dahin in der Tiefe verhüllten Zonen des menschlichen Wesens öffnete, trugen die grabenden Hände Schliemanns Erdschicht um Erdschicht von den Ruinen Trojas ab, solcherweis´ einen neuen und tieferen Blick in die historischen Schichten des frühen Hellas ermöglichend. Und so dürfte es kein Zufall, sondern vielmehr eine abermalige Bestätigung der von C.G. Jung geprägten Lehre von den Koinzidenzen sein, wenn die Entdeckung der materiefressenden Schwarzen Löcher im All korrespondiert mit dem finalen Sturz des ärmlichen Menschenwesens in jenen toten, »abstrakten« Seelenraum, wie ich ihn in meinem Essay »Der Gespenstmensch« ausführlich zu schildern versucht habe - ein Seelenraum, den wir fürwahr den apokalyptischen, den im wörtlichen Sinne »diabolischen« nennen dürfen (verbunden mit der leisen Hoffnung, daß die gestirnten Heere des Erzengels nicht mehr lange auf sich warten lassen, um den Satan in uns, den »nicht-sein-Sollenden«, den schlichtweg »Nichtigen« und also in jedem Betracht »Nichtenden« in die Leere zurückzustoßen, daher er gekommen...). In diesem Sinne, dürfen wir anführen, schrieb mit Leopold Ziegler ein Berufener in einem Brief vom 17. Dezember 1950 an Wolfgang Rathscheck: »Auf daß wir uns recht verstehen! Was ich am meisten fürchte ist nicht irgendeine Waffe oder Bombe, sondern die vollständige und unheimliche Verworrenheit sämtlicher Völker und sogenannten Staatsmänner. Das griechische Wort ›Diabolos‹ heißt in genauester Eindeutschung ›Durcheinanderwerfer‹. Er hat es mit seinem Werkzeug Mensch fertiggebracht, alles ohne Ausnahme durcheinanderzuwirbeln, so daß sich auf Diabolos Chaos reimt. Chaos-Diabolos, der Herr der Stunde. ›Seiner ist der Orient, seiner ist der Okzident. Nord und südliches Gelände, in der Wirrsal seiner Hände.‹ Lästerlich - aber, ›wie lange noch‹?«

Was aber hat das alles mit Ernst Jünger zu tun? Allerhand!, antworte ich sogleich, und erinnere etwa an ein Wort des Autors von 1950 (»Über die Linie«), wo es heißt: »Wenn es gelänge, den Leviathan zu fällen, so müßte der freigewordene Raum erfüllt werden. Zu solcher Setzung aber ist die innere Leere, der glaubenslose Zustand unfähig. Aus diesem Grunde wachsen, wo wir ein Abbild des Leviathan stürzen sehen, gleich Köpfen der Hydra neue Bildungen hervor. Die Leere fordert sie.« In diesem Sinne läßt sich sagen, daß Ernst Jünger keine »Meinungen geäußert«, keine »Themen gesetzt« hat, die doch wieder nur »Markierungen in der Leere des Wortgeräusches« sein müßten. Wenn er eine »Lehre« gegeben hat, die zu beherzigen einem jeden Pflicht sein sollte, der sich dem Werke Jüngers verpflichtet oder verbunden fühlt, so ist es die Lehre seines Lebens, seines ganzen Daseins, welches er selbst als ein »gestalthaftes«, das heißt: als ein dichterisches gekennzeichnet hat mit den oftmals zitierten Worten von der Gestalt, die sich nicht widerspricht. Sie, die Gestalt, ist Abbild der platonischen, in sich vollkommenen, kosmischen Kugel, der im unperspektivischen Bewußtsein das Symbol des Kreises entspricht, von dem Ernst Jünger am 17. Juni 1982 schreibt, er sei »vollkommen in seiner Ruhe - wenn er sich als Rad bewegt, so ist das eine Minderung.« Das entspricht der »integralen« Anschauung bei René Guénon, die Bewegung des Rades je in ihrem Zugleich mit dem in sich ruhenden Sein des Mittelpunktes zu erfassen. In der Unausgedehntheit des unbewegten Pols »zeigt« sich das Wesen des kreisenden Rades, in jedem Nu seiner Bewegung beursprungt zu sein in der Ewigkeit heiligen Anwesens. Das aber bedeutet: alle Geschichte ist zutiefst, in der Tiefe ihres Sinns, Heilsgeschichte; alles in der bewegten Zeitlichkeit sich Ereignende erfahren wir in der integralen Anschauung als das Geschehen zeitlosen Seins. Diese Anschauung aber ist erst mit Überschreitung der »Linie« möglich: ein Akt der Transzendenz, der das geheime Zentrum in Leben und Werk Ernst Jüngers darstellt. Diesem Akt entspricht eine Hinwendung vom Politischen zum Theologischen, vom Autor selbst als ein Prozeß beschrieben, an dessen Anfang der »Neue Nationalismus«, an dessen Ende die theologische Ortsbestimmung der »Schere« steht. Ausdrücklich bezeichnet Ernst Jünger diese Hinwendung als »Transzendenz«, nicht also als eine Entwicklung im Gleichen. Er schreibt dazu am 23.10.1988 an Julien Hervier: »In einer dritten Gesamtausgabe würde ein ephemerer Teil vom rein literarischen zu trennen sein. Ich denke an eine Anordnung, die vom Politischen zum Theologischen transzendiert.« Dieser Weg stellt aber zugleich eine Transzendenz des Ephemeren dar; das nur Vorläufige erscheint in seiner Summe als die unteilbare Ganzheit eines Zeitbildes, in dem wir - das ist Kennzeichen des Dichters und Bewährung in seinem Amt - unseren »geistigen Ort«, unsere heilsgeschichtliche »Situation« (Lage) erkennen können.

Das »Theologische«, von dem hier die Rede ist, darf nicht verwechselt werden mit einem »neuen Thema« oder einer »neuen Weltanschauung« des Dichters. Es geht hier nicht mehr um »ideologische« Fragen, nicht mehr um Fragen der Überzeugung, sei es im Politischen oder Religiösen. Die Frage, um die es geht, ist schlichtweg existentieller Natur. In letzter Tiefe und Konsequenz, im husserlschen Sinne »reduziert« auf das Wesentliche, geht es um die eine und einzige Frage, ob ein neuer Bewußtseinsraum dem heutigen Menschen schon zugänglich ist oder nicht, ob die »Linie«, der Nullmeridian der nihilistischen Epoche, bereits überschritten zu werden vermag oder nicht. Ist das der Fall, dann wird sich von selbst erweisen, daß die Transzendenz zum Theologischen, von der Ernst Jünger spricht, keine idealistische Setzung ist, sondern ein existentiell vollzogener, »integraler« Akt, der sich im Spiegel der menschlichen Erkenntnis, so beginnen wir heute zu erkennen, in dem Vermögen offenbaren wird, die Geschichte des Abendlandes in ihrer Einheit als ein unteilbares Ganzes zu erkennen, das sich im zeitlichen Geschehen, gleich dem heraklitischen »Einen«, von dem Platon uns im Gastmahl und im Sophistes berichtet, »in sich auseinanderstellt«, um sich im Bilde des Ewigen Menschen »mit sich selbst zusammenzufügen.« In der Mitte aber dieses heilsgeschichtlichen Weges des Einen zu sich selbst steht das Zauber- und Wendewort der abendländischen Geistesgeschichte, das als solches freilich noch der Erkennung harrt: des Augustinus Wort, daß die Zeit in der Seele sei. Die Frage, ob dieses Wort für den Menschen existentiell zu werden vermag und als das Grundwort der gesamtabendländischen Geschichte in ihrer heilsgeschichtlichen Sinnhaftigkeit erkannt werden wird, ist zugleich, in ihrem Kern, Ernst Jüngers Frage nach der Überschreitung der »Linie« - gleichviel, ob wir damit über das bei Jünger ausdrücklich Gesagte hinausgehen.

Die »Linie« aber, und das ist bedeutsam, verschmilzt mit einer anderen, einer übergeordneten Wendemarke des Geschehens, der »Zeitmauer«. Die Überwindung der Linie, welche die nihilistische von einer postnihilistischen Zeit neuer Stiftung trennt, betrifft rein menschliches Geschick. Sie ist aber gebunden an die Überwindung der Zeitmauer - und an ihr zerschellt der Wille des Menschen. Hier gelten nicht mehr menschliche, sondern kosmische Maße; der Mensch in seiner Geschichtlichkeit vermag nichs mehr auszurichten - Götter müssen hinzutreten. Hier stehen wir mitten im Zentrum, in der sinnhaften Mitte von Ernst Jüngers Werk - und stehen zugleich auch vor seiner Problematik, die schon deshalb noch der Lösung harrt, weil sie als solche noch weitgehend unbegriffen ist. Sie wird in dem Maße existentiell, in dem Nietzsche und Hölderlin aktuell zu werden beginnen - Nietzsche als Verkünder des Titanismus, den er für das 21. Jahrhundert prophezeite, und dessen vergeistigte Form der Stoizismus der Ewigen Wiederkehr ist; Hölderlin als Bote der Götter, die aus dem Zeitlosen wiederkehren, wenn »die Zeit erfüllt ist«. Der titanische »Wille zur Macht« vermag nicht, die Zeitmauer zu überschreiten, vor der wir stehen, von der wir aber nicht wissen können, ob es ein tellurischer Zyklus oder nicht vielmehr etwas Unvorhersehbares aus dem Raum des »Ganz Anderen«, der unerschöpflichen Fülle göttlicher Freiheit ist, was uns erwartet. Diese Möglichkeit hat Ernst Jünger eigentümlicherweise kaum beachtet - er vertraute darauf, daß den Söhnen der Gäa von seiten der Mutter Hilfe widerfährt, verbunden mit der Möglichkeit und Hoffnung, das Titanische entspreche dem Willen der Erde. Dieser im Grunde positiven Bewertung des Titanischen ist das noch heute unerschöpfte Buch »Der Arbeiter« entsprungen. Es bildet die Grundlage für die spätere Studie »Die Zeitmauer«, wo mit kosmischen, mit astrologischen Zyklen gerechnet wird. Die noch immer weithin unverstandene Grundthese des Werkes von 1932 läßt sich in aller Kürze folgendermaßen zusammenfassen: der »Arbeiter« ist keine bestimmte Klasse und kein bestimmter Stand, sondern »Gestalt«. »Gestalt« aber ist ein Wesen je nur in der Weise der göttlich geborgenen Ganzheitlichkeit, die es kraft der ihm eigentümlichen Seinsweise je und je wahrt. In diesem Sinne soll auch der Arbeiter »Gestalt« sein - mit der Technik als seinem »Kleid«, das heißt als der Seinsweise, die auch ihm, dem Titanen, dessen Wille sich gegen die Götter empört, Ganzheitlichkeit verbürgt.

Mit der Transzendenz zum Theologischen aber wird die Wertung ambivalent; »Der Arbeiter« rückt für Jünger in die Ferne. Der titanische Wille zur Macht, der 1932 eine wesentlich positive Bewertung erhalten mußte, weil er es ist, der die Technik als das Mittel des neuen Menschen hervorbringt, einerseits titanisch die Materie zu beherrschen, andererseits die »Gestalthaftigkeit« und insofern Göttlichkeit auch dieses neuen Menschentypus zu verbürgen - dieser Wille erfährt später eine Ablehnung; er wird erkannt als Kraft, deren »Transzendenz« eine bloße Sukzession innerhalb des Materiellen ist. Ein infiniter Regreß aber ist das Gegenteil einer Teilhabe am Zeitlosen, und seine vermeintliche Vergeistigung zu einem ideologischen Pantheismus ist nur ein fruchtloser »Naturalismus«, der den Geist den Gesetzen des Stoffs unterwirft. Es muß offen bleiben, ob Ernst Jünger das in aller Schärfe erkannt hat. In Stefan Georges Dichtung »Der Krieg« finden wir hierzu Verse, denen nichts hinzuzufügen ist:

Und was schwillt auf als geist! solch zart gewächs
Hat fernab sein entstehn... wie faulige frucht
Schmeckt das gered von hoh-zeit auferstehung
In welkem ton. Wer gestern alt war kehrt nicht
Jetzt heim als neu und wer ein richtiges sagt
Und irrt im lezten steckt im stärksten wahn.


Zwischen dem Titanismus des »Arbeiters« und der negativen Bewertung des titanischen Willens zur Macht steht die Korrespondenz Ernst Jüngers mit Martin Heidegger über die Frage der Technik. Vielleicht ist dies die Frage, die uns heute am unmittelbarsten angeht - zugleich ist es die Frage, an der sich am deutlichsten die Problematik im Werk Ernst Jüngers erhellen läßt, was hier freilich nicht in gebührender Tiefe unternommen werden kann. Deutlich aber ist: der Wille zur Macht vermag nicht, gestaltend auf den Menschen zurückzuwirken; der Idealismus des »Arbeiters«, in der Technik eine Seinsweise neuer Ganzheitlichkeit zu erblicken, hat sich als Schimäre erwiesen und mußte scheitern. Es müßte Thema einer eigenen Untersuchung sein, inwieweit die Technik-Deutung Martin Heideggers auf den Denkweg Ernst Jüngers eingewirkt hat. Die Bezeichnung der Technik als »Gestell« greift Jünger jedenfalls mehrfach und gerne auf, und in der Tat verweist sie auf etwas Wesentliches, wie ich es auch in meinem noch unvollendeten Band »Tradition und Transzendenz« darzustellen versuche: Heidegger weist zurecht darauf hin, dass man das Wesen der Technik nicht begreift, ja sogar ihrer Verlockung erliegt, wenn man sie nur als den Bestand des technischen Instrumentariums begreift. Man droht dann, der falschen Hoffnung zu erliegen, die Technik ließe sich durch den Willen überwinden, sie einfach nur zu ›gebrauchen‹ , ohne sich innerlich von ihr konstituieren zu lassen. Es geht aber nicht primär um den Gebrauch von Gerät technischer Art, sondern um die Technik als ›Gestell‹ in dem präzisen Sinn, den Martin Heidegger diesem Wort gegeben hat. Was bedeutet es also, die Technik als ›Gestell‹ zu verstehen? Es bedeutet, Technik nicht als ein feststehendes objektives Was zu anzusehen, das es zu gebrauchen oder zu beseitigen gilt - das ist die vulgäre Technikauffassung, die mit der rationalistischen Fiktion einer ›objektiven Welt‹ auf eigentümliche Weise korrespondiert -, sondern sie zu begreifen als ein Wie, als die Grundweise des Daseins eines bestimmten Menschentypus. Technik ist demnach eine grundsätzliche Disposition des Menschen, eine Weise, Welt zu erleben und Welt sich anzuverwandeln. Zugleich werden wir aber auf Tieferes verwiesen. Technik als ›Gestell‹ bedeutet: in der Weise des Bestellens ist die Technik eine Beschwörung der natura naturata als dem schöpferischen Quell der Physis, deren Verwandlung durch den menschlichen Zugriff als antwortendes Handeln erscheint. Hier wird deutlich, warum der Wille zur Überwindung der Technik nichts auszurichten vermag: er ist selbst nur eine Kraft innerhalb der technischen Welt; er entspricht der Technik und ist eine ihr immanente Kraft, weshalb er sie auch dann bestätigt, wenn er sie überwinden zu können glaubt. (...) Der Wille vollzieht sich in der Weise des Gerichtetseins, und er ist immer gerichtet auf ein in der Zukunft zu Verwirklichendes. Das im Blick Halten von Zukünftigem aber ist dessen Abwendung. Der Wille erweist sich hier als die Kraft, die das Zukünftige, gerade indem sie es ›will‹, verhindert. Gibt es aber nicht einen ›magischen Willen‹, der ein in der Zukunft Latentes zu verwirklichen vermag? Es gibt ihn, doch er stellt gerade die Überwindung alles ›Faustischen‹ dar, denn die in ihm wirkende Kraft ist die Teilhabe an der Physis als dem Subjekt und Objekt, Seele und Welt übergreifenden Geschehen des Heiligen. Wenn ›Wille‹ aber wesentlich Teilhabe ist und damit gerade die Überwindung dessen, was wir uns unter einem Willen vorstellen, der nach Zukünftigem hinspannt, so muß auch die ›Zukunft‹ uns anders aufscheinen als in dem Sinne eines vulgären Zeitverständnisses, ist Teilhabe doch nur an etwas möglich, das je schon gegenwärtig ist. Zukunft ist dann - und wir sagen es in der Weise Heideggers, weil es der weithin unverstandene Zukunftsbegriff ist, den Heidegger bereits in ›Sein und Zeit‹ äußert -; Zukunft ist dann, sag´ ich, die Gegenwärtigung des je Anfänglichen und als Anfänglichen je im Sinne der Anwesung Kommenden. So ist das Zukünftige das aus dem Raum des zeitlosen Seins Zukommende, das wir bewirken, wenn wir an ihm teilhaben. Dann bewahrheitet sich des Augustinus Wort, daß die Zeit in der Seele sei, und zugleich ist jener ›faustische Wille‹ überwunden, der eine gespenstische, unbewußte Kehrseite der Technik ist und sie erhalten hilft, indem er sich selbst als den Willen zu ihrer Überwindung verkennt. So ist dieser Wille die eigentliche, innerste Kraft der Weltnacht, die sich in das Unendliche auszudehnen vermag, wenn nicht erkannt wird, dass die Erneuerung nur aus dem Fernsten kommt - aus dem Ganz Anderen des Heiligen. Erst dann eröffnet die Stätte des unausgedehnten Punktes sich, und es bewahrheiten sich die Worte Stefan Georges vom Geheimen Deutschland:

Da in den äussersten nöten
Sannen die untern voll sorge
Holten die himmlischen gnädig
Ihr lezt geheimnis.. Sie wandten
Stoffes gesetze und schufen
Neuen raum in den raum...


Als unhintergehbaren Ertrag der Korrespondenz Jüngers und Heideggers jedenfalls müssen wir die Erkenntnis werten, daß die Frage nach der Überschreitung der Linie, nach der Überwindung des Nihilismus, ineins fällt mit der Frage nach der Überwindung der Technik. Hier wäre heute anzuknüpfen, und zweifelsohne befinden wir uns damit in einer Schicht von Ernst Jüngers Denken und Wirken, die der zentralen Bedeutung seiner »Gestalt« als eines »geistigen Ortes« sehr nahe kommt. Die Frage nach der Überwindung der Linie, die mit der Frage nach dem heilsgeschichtlichen Sinn der Technik und des Titanismus unmittelbar verworben ist, beginnen wir heute als Mitte und Mythisches im Leben Ernst Jüngers zu begreifen - es ist diese Mitte, die uns auf künftiges Geschick verweist. Darauf sei zum fünften Todestag des Dichters hingewiesen.

Biographie Ernst Jüngers.

Autor: Renovatio-Verlag




 
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