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Claudia K.

NETHERWORLD: Mørketid

... und anderes Eis


NETHERWORLD: Mørketid
Genre: Ambient
Verlag: Glacial...
Vertrieb: Glacial...


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Landschaften unter ewigem Eis, kollidierende und kollabierende Eisberge, Polarlichter, der Wechsel zwischen Mitternachtssonne und anhaltender Polarnacht, Eisdrift und Schneestürme: Mit GLACIAL MOVEMENTS RECORDS ist ein neues Label geboren, das es sich zur Aufgabe macht, speziell Klangbilder dieser eisigen Gefilde zu verbreiten. Glacial and isolationist ambient nennt der Italiener ALESSANDRO TEDESCHI das, und bringt, als zweites, mit „Mørketid“ ein Album seines eigenen Projekts NETHERWORLD heraus. Nachdem auf der ersten Veröffentlichung, einem Sampler namens „Cryosphere“, sich mit Ambient-Protagonisten wie THO-SO-AA, TUU, TROUM, AIDAN BAKER und OOPHOI keine Unbekannten dem glazialen Thema gewidmet haben, geht TEDESCHI mit „Mørketid“, ganz gemäß des Label-Credos, diesen Weg weiter, indem er Geräuschfragmente, die er im Bereich der Arktis aufgenommen hat, zu kristallkühlen Klangflächen zusammenfügt. Der Name der gut sechzig Minuten langen Polarreise kommt aus dem Norwegischen und steht für jene Zeit des Jahres, wenn der arktische Winter das Land erstarren lässt und die Sonne kaum über den Horizont steigt; eine kalte, dunkle Zeit für die Menschen im hohen Norden. NETHERWOLRD ist kein gänzlich neues Projekt: Bereits 2004 brachte TEDESCHI auf dem OOPHOI-Label UMBRA  mit „Eternal Frost“ eine CDr heraus; es folgten weitere auf UMBRA, dessen Sub-Label PENUMBRA und, noch Anfang des Jahres, auf TAÂLEM. Nach dem ersten kehrt jedoch erst das aktuelle Album, endlich auf „richtiger“ CD und in einer gelungen schlichten und farblich kühlen Aufmachung, wieder zum ewigen Eis zurück.

Diese Polarnacht hört sich allerdings nicht dunkel an. Kühl und kristallklar ist sie, durchsichtig wie reines Eis und von eisiger Helle. Sie erzählt von überstrahlten Eislandschaften, von klirrendem Frost, gefrierendem Atem, diesen ganz gewissen kalten Farben des Winterhimmels. Die auf- und abschwellenden Flächen sind teilweise überlagert von einem hellen, hochfrequenten Sirren und stellenweise begleitet von so etwas wie langsamen, dumpfen Herztönen, ganz, als höre man, neben dem Wind und den Geräuschen des Eises, nur den eigenen Herzschlag in der Weite. Wie aus der Ferne hallen zuweilen gedämpfte Gesprächsfetzen über das Eis. Diese sind teilweise aus Dokumentationen des NATIONAL GEOGRAPHIC über die Arktis entnommen, andere stammen aus aufgezeichneten Unterhaltungen über den Norden und seine Phänomene. Allerdings sind sie – auch, wenn manche Stimmen durchaus den Charakter eines Dokumentationssprechers haben – kaum verständlich, kaum mehr als Echos des Menschlichen in der weißen Einsamkeit.

Wie kommt man aus dem sonnigen Italien zum ewigen Eis? “Into the deepness of my essence there is a wired, dark, silent, glacial and eternal place”, erzählt TEDESCHI. “This imaginary place contains a sort of parallel reality that I've named Netherworld. Netherworld manifests itself to me as a kind of faster abstract sensation that I feel instantly and I catch up through the making of my music. I switch, shift and record (with my microphones) environment's sounds and sibilance; for example a gate while it's opening, or a subterranean noise of a brook's courier, or also, ice's blocks motion, ghost's voices, gongs and crystals while broken. I'm interested in catch up sounds generated from the nature's flow. Through my music, I would like to play the quietness of the silence, desolate darkness and glacial landscapes.”

NETHERWORLD ist allerdings nicht das erste oder einzige Projekt auf dem Ambientsektor, das sich mit glazialen Klangwelten beschäftigt. Bereits seit den 90ern widmet sich der Soundtüftler THOMAS KÖNER mit Alben wie „Nunatak Gongamur“, welches die unglückliche Südpol-Expedition des SIR ROBERT FALCON SCOTT zum thematischen Hintergrund hat, „Permafrost“ und „Nuuk“ nördlichen Gefilden. KÖNERs Leidenschaft für das ewige Eis liegt nach eigenen Worten in der Faszination für die Kälte, die alle Bewegungen bis kurz vor den Nullpunkt verlangsamt. “It’s my passion, this area where the cold slows down all movement,” erklärt KÖNER im März 1996 in einem Gespräch mit BIBA KOPF für THE WIRE (erschienen in THE WIRE, issue 145): “The process of slowing down and reaching this border between movement and absolute stillness is, for me, the process of simultaneously becoming very sharp and very unfocused, and that, for me is like a very excellent drug.

Es wird esoterisch: Unter dem Namen COSMIC TRIGGER brachte ANDREW McKENZIE von THE HAFLER TRIO ein Projekt von PIITU LINTUNEN und TOR AF STORVATTEN heraus, das mit „Polar Regions“ in entsprechende Regionen vorstößt und nebenbei im Booklet eine recht eigenartige Geschichte erzählt: Die angeblich über 50 Millionen Jahre alte „Bock-Saga", eine in Finnland mündlich überlieferte und 1984 erstmals schriftlich aufgezeichnete und veröffentlichte Saga um die Frühgeschichte der Menschheit im Norden, die offensichtlich auf nordische Mythologie referiert. Es fallen Namen wie Aser und Vaner (wobei LINTUNEN und AF STORVATTEN offenbar ihre Abstammung von den Aser ableiten), und Ragnarök wird zu einer Umkehrung der magnetischen Polung der Erde (GREG BRADEN lässt grüßen), auf die eine große Eiszeit folgte. Glücklicherweise sorgte der warme Golfstrom dafür, dass es im Land der Aser erträglich blieb und sich dort deren „arktische Kultur“ entwickeln konnte, während die Vaner auf der südlichen Seite des Eisgürtels lebten und in den Äquatorialregionen neue Rassen ausbildeten. Diese Periode nennt die Saga Altlandis, ein Name, der bestimmt nur zufällig an Atlantis erinnert, welches damit einmal mehr endlich gefunden worden wäre. Irgendwie haben auch die sogenannten Ley-Linien, Kraftlinien, die angeblich prähistorische Kultstätten und Kraftorte miteinander verbinden, mit der Geschichte zu tun, und auch ein eigenes Aser-Alphabet, dessen Lautwerte, ähnlich den Runen, mit spirituellen und wohl auch magischen Bedeutungen besetzt sind, wird vorgestellt. Angeblich weisen, analog zur „Bock-Saga", neuere archäologische Funde auf eine sehr viel frühere Besiedlung der nördlichen Regionen hin, als bis dahin angenommen. Davon kann man nun halten, was man will; musikalisch handelt es sich um zwei lange Stücke mit insgesamt etwas über sechzig Minuten Spielzeit, die recht esoterisch, aber nicht besonders aufregend sind. Interessant lesen sich allerdings die Rezensionen, die auf der Rückseite der CD abgedruckt sind. Da wird „Polar Regions“ als „Soundtrack des 21. Jahrhunderts“ gefeiert, mit Crowley in Verbindung gebracht und als die perfekte Musik zur Stimulierung sexueller Energie gepriesen (was der Schreiber angeblich in diversen Workshops und auch privat bereits selbst miterlebt hat). Viel Vergnügen.

Mit „True North“ unternehmen MATHIAS GRASSOW und AMIR BAGHIRI eine Winterreise ins Jotunheimen-Gebirge, durch Fjell- und Fjord-Landschaften, über das Hardanger-Vidda-Plateau in Süd- und die Finnmark in Nord-Ost-Norwegen. Helle, eisig hallende und schwingende Klänge werden mit ethnoartigen Rhythmen unterlagert, und im Hintergrund klappert, rauscht oder rumort es geheimnisvoll. Es gibt, aufmerksames Hinhören vorausgesetzt, viel zu entdecken: Windgeräusche ertönen, manchmal scheint Wasser zu rauschen, an einer Stelle wird aus so etwas wie Wasserplatschen ein regelrechter Rhythmus, dann scheinen Vogelstimmen zu erklingen, ein einzelner Nachtvogel ruft. Unter den Schritten eines Wanderers – oder eines anderen… Wesens? - knirscht Geröll, Steine rollen, Wasser tropft. Manchmal glaubt man, entfernte Stimmen zu hören, ein Murmeln und Wispern. Dann wieder heulender Wind über weiten, schneebedeckten Flächen. Rasseln, Trommeln und Glocken fügen ein schamanisches Flair hinzu, und mit etwas Phantasie glaubt man fast, Geräusche von Trollen, oder etwas, das man sich als solche vorstellen könnte, zu hören. Der Klangerzeugung dienen, neben Keyboards und Synthesizern, Flöten, Rainstick, Glockenspiel, Klangschalen, eine Tonflöte und himalayanische Singing Bowls, dazu werden in Norwegen gemachte Naturaufnahmen eingesampelt. Als Gastkünstler sind KÅRE RÅBU, MALEK HALIME und MELANIE BAGHIRI, sowie ANKE THE DOG beteiligt (worin dessen Beitrag besteht, ist allerdings nicht klar ersichtlich). „True North“ ist ein Album, das seine Facetten beim bewussten Zuhören entfaltet. Wer es leise oder nur im Hintergrund hört, dem geht ein guter Teil der vielen verschiedenen Geräusche und Klänge verloren. Dann ist es noch immer recht gefälliger, kühler Ambient mit Ethno-Elementen, die versteckteren Details, die jedem Stück einen ganz eigenen Charakter verleihen, bleiben jedoch verborgen. Und ein Nachsatz: Einer der Tracks trägt den Titel „Man of Aran“, vielleicht eine Referenz an den gleichnamigen Dokumentarfilm von ROBERT FLAHERTY aus dem Jahr 1934, einem der ersten ethnographischen Dokumentarfilme.

Auf einer ganzen Menge Kram wurde inzwischen Musik gemacht – und seit TERJE ISUNGSET endlich auch auf Eis. Den im wahrsten Sine reinen Eisklang liefert, auf Instrumenten, die er mit einem japanischen Messer eigenhändig aus riesigen Eisblöcken geschnitzt hat, vom Schlagwerk bis hin zu Stäben, Platten und Blöcken, der Norweger TERJE ISUNGSET. Seine erste Eis-CD, "Iceman Is", wurde im Eishotel von Jukkasjarvi bei Außentemperaturen von -37°C und Innentemperaturen von -8°C aufgenommen. Um optimale Bedingungen für unverfälschte Akustik zu schaffen, wurde ein Raum mit Mauern von einem Meter Dicke gebaut, in den Tageslicht nur durch ein kleines Fenster drang. Musikalische Unterstützung erhielt ISUNGSET von IRO HAARLA an der Eis-Harfe (die allerdings aus gewöhnlichen Harfenseiten in einem Eisrahmen besteht) und ARVE HENRIKSEN an einer beim Spielen langsam schmelzenden Eis-Trompete. Fasziniert von der Arbeit mit dem Eis kehrte ISUNGSET nach Jukkasjarvi zurück, um den „Iceman“-Nachfolger „Igloo“ aufzunehmen, dieses Mal zusammen mit der norwegischen Avantgarde/Jazz-Sängerin SIDSEL ENDRESEN. Von der Hochzeit eines polnischen Rockmusikers standen dort noch einige Iglus, in denen die Aufnahmen entstanden: ISUNGSET in einem, ENDRESEN in einem anderen, und ein drittes Iglu diente dem Tontechniker als Kontrollraum. Erneut herrschten mörderische Minustemperaturen, die zwar für die Konsistenz des Eises, jedoch nicht unbedingt für das Befinden der Musiker ideal waren. Das Ergebnis ist allerdings faszinierend, dann all diese Klänge sind echt, es ist tatsächlich das Eis, das da schwingt und diese unterschiedlichen Geräusche und Tonhöhen hervorbringt. Begleitet von dem schamanisch anmutenden Gesang ENDRESENs, einer Mischung aus Lautmalerei, Gesumme, und etwas, das manchmal nach Norwegisch klingt, aber auch etwas ganz anderes sein könnte, entsteht eine eigentümliche Stimmung: Ein bisschen magisch, ein bisschen archaisch, und nicht ganz von dieser Welt.

Welkommen til Utvær. Welcome to Shipwreck Radio. Ein nordisches Experiment besonderer Art unternahmen indes NURSE WITH WOUND: für die Aufnahmen zu „Shipwreck Radio Volume One: Seven Sonic Structures from Utvær“ reisten STEVEN STAPLETON und COLIN POTTER im Sommer 2004 auf Einladung eines lokalen Radiosenders auf die Lofoten. STAPLETON und POTTER sollten, unter Verzicht auf herkömmliche Instrumente und nur aus Geräuschen, die sie auf den Inseln vorfanden und aufzeichneten, Musik für unangekündigte Radiosendungen herstellen. Insgesamt 24 solcher Sendungen wurden ausgestrahlt; zunächst wurden sieben von ihnen auf „Shipwreck Radio“ veröffentlicht - zehn, wenn man die Bonus-CD „Lofoten Deadead“ mitzählt, die den ersten 150 Exemplaren beilag. Schnee und Eis spielen eine untergeordnete Rolle in dem Panorama einer Lebenswelt, das hier entworfen wird: Alle Geräusche, die NURSE WITH WOUND verarbeiten, haben ihre Quelle irgendwo auf den Lofoten, stammen von Hafenarbeit- und Ausrüstung, ein- und auslaufenden Schiffen, von Schiffstakelage, den metallenen Außenhüllen von Fischkuttern, von Gebäuden, Gesprächsfetzen, Menschen und Marschmusik auf dem lokalen „Codstock“-Festival, Möwen, Meerschwalben, Meer und Wind, die gemischt und, im Fortgang der Radiosendungen, immer mehr verfremdet und gestört werden. Mit „Shipwreck Radio Volume Two: Eight Enigmatic Episodes from Utvær” und “Shipwreck Radio: Final Broadcasts” folgten 2005 und 2006 zwei Fortsetzungen mit weiterem Radiomaterial.

Erwähnen könnte man, was Eis, Schnee und Winter angeht, vielleicht außerdem noch die Kreationen VINTERRIKETs, deren norwegischer Name so viel wie „Herrschaft des Winters“ bedeutet, und bei denen kaum eines ihrer zahlreichen Alben Winterschatten, Winternächte, Winterflammen, das Winterreich oder Wintereinsamkeit auslässt. Aber da reicht wohl eine Erwähnung. Zurück also zu NETHERWORLD, der sich, was das Eis betrifft, also nicht nur auf dem labeleigenen Sampler in namhafter Gesellschaft befindet - und KÖNER, GRASSOW und BAGHIRI, TERJE ISUNGSET und NURSE WITH WOUND legen die Meßlatte hoch. An die Originalität und den manchmal fast hörspielartigen Charakter der Feldaufnahmen von STAPLETON und POTTER kommt NETHERWOLRD nicht heran, und auch hinter dem Eis-Avantgardismus von TERJE ISUNGSET bleibt des Projekt zurück - aber eine annähernde Wiederholung dessen wäre auch zuviel erwartet. In eine Reihe mit den genannten passt NETHERWOLRD dennoch, denn schließlich gehört auch TEDESCHI zu denen, die selbst mit dem Mikrophon in arktische Gefilde losziehen. Sein Eis kommt, zumindest an seinem klanglichen Ursprung, aus der Natur. Es bleibt abzuwarten, welche Gletscherbewegungen in Zukunft von GLACIAL MOVEMENTS ausgehen werden, und zu hoffen, dass das neue Label Spannendes und vielleicht auch Eis-Experimentelles liefern wird, anstatt sich Ambientbeliebigkeit zu verlieren.

 
Claudia K. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Glacial Movements Records
» Netherworld Myspace
» Cosmic Trigger
» Thomas Köner
» Nurse With Wound
» Terje Isungset Myspace
» Mathias Grassow
» Amir Baghiri

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» FALSE MIRROR: North
» RAPOON: Time Frost


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