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Tony F.

Mit OSTARA im schwarzen Turm - Interview


Mit OSTARA im schwarzen Turm - Interview
Kategorie: Spezial
Wörter: 2111
Erstellt: 05.03.2017
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Mit „Napoleonic Blues“ hat RICHARD LEVIATHAN wieder einmal ein thematisch interessantes wie auch musikalisch überzeugendes Album aufgenommen. Grund genug, dazu einige Fragen zu stellen. (For the original English version please just watch the following page.)

Als ich das erste Mal den Anfang von "Devil In Detroit" gehört habe, habe ich mich verhört und "SHARON TATE" statt "Charon take" verstanden. (Die schwangere SHARON TATE wurde 1969 von Mitgliedern der Manson Family ermordet. Die Ereignisse um die Manson Family wurden später als das Ende des „Summer of love“ bezeichnet. Anm. d. Red.) Angesichts möglicher Interpretationen des Songs ist das ein bemerkenswertes Verhören, oder nicht? Das Ende eines weiteren Traums?

Das erinnert mich daran, dass THURSTON MOORE von SONIC YOUTH einst sagte, dass der König der Hippies SHARON TATE’s ungeborenes Baby war. Ich habe mich natürlich auf den Bootsmann des Flusses Styx bezogen und das auf das moderne Detroit extrapoliert, das einst als Paris des Westens bezeichnet wurde. Ich besuchte es 2010 und es war schlimmer als ich mir es vorgestellt hatte. Allerdings ergaben sich einige eigenartige, inspirierende Momente: einer davon war, den norwegischen Folk-Sänger THOMAS DYBDAHL zu sehen, als er vor einem Publikum von nur sechs Leuten spielte. Wir trafen ihn später und er war total unglücklich. Also tranken wir einige Pints deutsches Bier zusammen, um unser Mitgefühl auszudrücken.   

Einige andere Anekdoten sind es ebenfalls wert, genannt zu werden. Ich traf einen älteren Afro-Amerikaner, dem eine Bar im Paris-Stil gehörte, die gegenüber von einem Strip-Club lag. Er bot mir einen Drink an und ich endete dort Schnaps-trinkend um 11 Uhr am Morgen, nachdem er mir gesagt hatte: „Ich verkaufe keine Soft-Drinks.“ Während wir miteinander sprachen, sagte er mir, dass er Jude sei und als ich antwortete, dass ich das auch bin, schüttelte er meine Hand und sagte mir, dass er mich zu einer Synagoge bringen würde, die in einer alten Lagerhalle war – nicht weit weg von der Bar. Ich hätte andernfalls nie davon erfahren. Wir haben auch über BILLIE HOLIDAY und ihren Song „Strange Fruit“ gesprochen. Er sagte mir, dass die Lyrics von einem polnischen Juden namens ABEL MEERPOL sind – etwas was ich nicht wusste. Wir hatten definitiv eine sonderbare Verbindung, dadurch dass ich in Südafrika geboren wurde, wo die Apartheid sehr ähnlich zur Segregation in den USA war.

Der zweite Zwischenfall war völlig anders. Ich fuhr an der Grand Central Station vorbei, die seit den Tagen von HENRY FORD eine ungenutzte Ruine ist. Ich sah ein weißes Mädchen, das auf einer Betonkante am Straßenrand saß, während sie eine Zigarette rauchte. Ich bemerkte dann, dass ihr Rock bis zu ihrem Schritt hochgerutscht war. Sie war umwerfend schön und ich konnte nicht anders als durch das Autofenster zu starren. Ihr fiel mein Blick auf und sie starrte sardonisch zurück. Als ob sie sagen wollte: "Näher wirst du mir nie kommen, Baby." Wie immer es auch sei, sie gelangte als "halbnackte Sexbombe mit dem Totenkopf in ihren Augen" in den Song; so fühle ich mich teilweise für mein Leiden belohnt!

Die meisten Songs wurden wie üblich in Australien aufgenommen, aber einige Stücke wurden in Amerika aufgenommen. Wie kam es dazu? 

Ja, ich war daran interessiert, mehr von Amerika zu sehen und ich begann Los Angeles sehr zu mögen - eine Stadt, die ich früher verabscheute. Nachdem ich dort ein paar Shows u.a. mit DEATH IN JUNE und BOYD RICE gespielt habe, ist es ein Ort, zu dem meine Liebe gewachsen ist. Ich entschied, dort einige Aufnahmen zu machen und traf den Produzenten-Veteranen TOM WEIR (u.a. Grammy-Gewinner als Mischer. Anm. d. Red.), der seit den 70er Jahren Aufnahmen macht. Er hat für die Balance zwischen den Produktionstechniken der Vergangenheit und den neuen Technologien ein gutes Ohr und ich war sehr erfreut darüber, was er sich hat einfallen lassen. Während ich in dem Studio war, da war da auch ein Gruppe von Zisterziensernonnen, die ein Album mit frommen Liedern aufnahmen. Ich sprach mit einer von ihnen über Neofolk, über den Glauben, das Leiden, die Erlösung und über den heiligen Johannes vom Kreuz. Es war surreal. Wir haben damals sogar CD's getauscht. Ich habe anschließend die Aufnahmen in Adelaide, Australien, fortgesetzt. Die drei Songs, die in L.A. aufgenommen wurden, definierten den Standard für den Rest, sodass sich die Ausarbeitung als recht angenehm gestaltete.


RICHARD LEVIATHAN

Das Titelstück "Napoleonic Blues" wurde mit dem Zusatz "Europa" versehen. Was ist dieses Europa - ein geschlagenes Imperium, eine geschlagene Kultur, eine geschlagene Idee? Gibt es einen Bezug zum alten Neofolk-Begriff des "Death of the west"?

Napoleon stand an der Kreuzung zwischen dem alten Europa und dem neuen; dem Ancien Régime, das auf der mittelalterlichen Welt basierte, und dem revolutionären Radikalismus der Moderne. Er war wohl der erste Neo-Konservative, der den traditionellen Charakter Frankreichs in einer neuen, autoritären, pan-europäischen Form wiederbelebte. Alle Revolutionen funktionieren letztlich so, da es keine vollständige Flucht vor der Vergangenheit gibt. Napoleon personifizierte bewußt den Ethos von Karl, dem Großen, Caesar und Alexander, dem Großen. Aber er repräsentierte auch die Nemesis und den Tiefpunkt des antiken imperialen Geistes, an den sich Europa klammerte. Seine Niederlage durch die reaktionären Kräfte kulminierte in der Geburt eines neuen Zeitalters der sozialen Umbrüche, was zu einem neuen Traum vom Imperium führte. DONALD TRUMP ist eine letzte Karikatur von Napoleon, ein Narzist für das Zwielicht des amerikanischen Traums und für das Jahrhundert des "Ichs", das mit dem großen Korsen begann.

Ich glaube nicht, dass der Westen tot ist oder stirbt. Er wird kontinuierlich und von innen heraus herausgefordert, da die meisten Staaten verwestlicht sind. Der Westen ist mit sich selbst seit Jahrhunderten im Krieg und das macht ihn zu solch einer faszinierenden Zivilisation. Er hat sich vergleichsweise schnell entwickelt, während andere Kulturen eher isoliert und traditionell blieben. Er wuchs, um die Welt zu übernehmen und während er dabei war, dies umzusetzen, wurde er zum globalen Koloss. Seine Macht wird durch materiellen Reichtum, Wissenschaft und Technology definiert; aber auch durch gegensätzliche Ideen, die seinen Kurs ausgeformt haben. Dagegen zu revoltieren ist immer noch ein Teil davon und selbst Traditionalisten wie EVOLA und Konservative wie SPENGLER erkannten dies, weshalb sie sich mitten in Ruinen nach einer Art von Erneuerung sehnten.

Heutzutage sind die Ruinen eher als symbolisch oder spirituell zu verstehen, da uns der Nachkriegswohlstand selbstzufrieden, apathisch, narzistisch gemacht und atomisiert hat. Nun könnte aus dem Chaos und der Konfussion etwas Bedeutendes entstehen - vielleicht kulturell, wenn nicht gar politisch. Es könnte besser oder schlechter werden oder eine Kombination aus Beidem. Globalisierung ist im Wesentlichen Verwestlichung und Anti-Globalisierung ist nur die Reaktion auf die negatigven Effekte. Wir sind vielleicht nicht alle Europäer, aber wir alle - oder zumindest teilweise - sind Westländer.

Du benutzt Zusätze bei den Songtiteln wie "America" oder "Roma" und "Iraq" oder "Iran". Willst Du damit auf eine aktuelle Polarisierung der Welt hindeuten oder liegt etwas Verstecktes hinter diesen Begriffen?  

Seit 9-11 (Gemeint sind natürlich die Anschläge vom 11. September 2001. Anm. d. Red.) ist es schwierig geworden, politischen und historischen Ereignissen, die das neue Jahrtausend geformt haben, auszuweichen. Noch im Jahr 2000 haben die Leute über das Ende der Geschichte und den Triumph des westlichen, liberalen Modells gesprochen, das als globaler Standard von Wohlstand, Toleranz und Hedonismus gesetzt wurde. 9-11 zerstörte diesen Traum, zumindest symbolisch. Die Amerikaner und Briten vervollständigten diese Zerstörung durch den Eintritt in einen katastrophalen, imperialistischen Krieg gegen den Irak, was die Monströsitäten, die wir heute sehen, hervorbrachte. DONALD TRUMP ist die direkte Konsequenz der letzten beiden Jahrzehnte und während wir uns im Westen immer noch unserer hohen Lebensstandards und unserer relativen Freiheit erfreuen, erwachsen andere Mächte, die nicht so liberal und tolerant sind, die die Unsicherheit sehr opportunistisch betrachten. Iran ist eine davon. China und Russland sind die anderen. Das globale System zerbricht und mittendrin existiert eine Polarisierung, die die Bezüge des Albums beeinflusst hat. Ich fühlte, dass es einen Sinn ergab, ihnen - den Songs- diese geopolitischen und historischen Markierungen mitzugeben, die in Relation zum napoleonischen Zeitalter stehen. Er ist in mancherlei Hinsicht der großartige Großvater von all dem.

Das letzte Stück ist eine kurze Reprise von "Proud Black Templar". Die Originalversion erschien auf dem "Ultima Thule"-Album. Nun haben wir hier eine kürzere, minimalistischere Version davon - "Black Templar".

Ich bevorzuge die neue Version und ich wollte sie anders als das Original haben, weil ich glaube, dass sie die Stimmung und den Inhalt des Songs effektiver einfängt. Es gibt eine Stimme anstatt eines Chors von Stimmen - alleine wie in einer verlassenen Kathedrale. Das Stück erinnert mich an das berühmte Gedicht "Der schwarze Turm" von WB YEATS, wo die Wache die Ruinen bewacht und auf einen Herscher wartet, der niemals zurückkehren wird.

Das neue Album erinnert mich ziemlich an "Secret Homeland" und "Kingdom Gone" - substantiell und auch bezüglich der Musik. Würdest Du zustimmen?

Ich stimme zu. Es reicht zurück in die Vergangenheit, während gleichzeitig Korrekturen und Verbesserungen bezüglich der Produktion und des Vortrags vorgenommen worden sind. OSTARA war immer eine Art Neofolk-Pop-Hybrid, sodass es hier eine Kontinuität gibt und vielleicht auch eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Das Album war ursprünglich als reine Vinyl-/Download-Veröffentlichung geplant. Bist Du persönlich an Vinyl und dessen Veröffentlichung interessiert? Und was denkst du über das kurze Leben der Downloads, die nun durch das Streaming abgelöst werden? 

Ich liebe Vinyl und war wirklich erfreut, die Chance zu bekommen, fast 15 Jahre nach der "Whispers To The Soul"-10" eine neue Platte zu veröffentlichen. Ich bin froh, dass es ein Vinyl-Revival gibt - allerdings sind Trends sehr unvorhersehbar geworden. CDs scheinen wieder in Mode zu sein. Vor einiger Zeit feierte die Kassette ein Comeback. Ich denke, einige Leute wollen etwas, dass sie besitzen und eben nicht, dass ihre Musik nur auf dem Computer oder in der Cloud existiert, was nicht wirklich persönlich ist, da die Cloud für jedermann gebaut ist aber jemand anderem gehört. Ich respektiere diesen Sinn für Nostalgie und habe selbst das meiste von meinem alten Vinyl und den Kassetten behalten, während ich weiterhin Musik online sammele. Es gibt genug Platz für die Balance zwischen purer Virtualität und dem Materiellen. Ob das Künstlern im Zeitalter des Streamens helfen wird zu überleben, ist eine andere Frage. Es ist definitiv schwerer geworden, aber ich bin erfreut, dass ich das Massaker überlebt habe! Ich habe nichts dagegen, Musik über soziale Medien zu teilen, da es ein Weg ist, sie zu entdecken. Aber es wäre gut, ein Vergütungsmodell zu haben, das etwas fairer funktionieren würde. Ich erinnere mich da an eine Tantieme-Abrechnung von MP3.com, die ich erhalten habe, bevor sie Pleite gingen. Unabhängig von Youtube, das nicht speziell für Musik designed wurde, ist das Streaminggeschäft ziemlich unzuverlässig. Seiten wie Bandcamp ändern das vielleicht, weil sie den Künstlern und Independent-Labels mehr Kontrolle ermöglichen. Man kann mich dort unter Ostara.bandcamp.com finden.

Über ein Jahr ist es jetzt her, dass JOHN MURPHY gestorben ist. Ist so etwas eine Art Bruch im Leben oder ein Moment des innehaltens? 

2016 war ein Triumph des Todes. Ziemlich viele der Ikonen des 20. Jahrhunderts waren sicher alt genug um zu sterben, insofern war das nicht so überraschend. Aber wenn so viele in so eine kurzen Zeitspanne sterben, dann lässt dich das über deine eigene Sterblichkeit nachdenken und wie man sich wohl an dich erinnern wird.

Ich werde JOHN niemals vergessen. Er war eine Persönlichkeit, außergewöhnlich und ungewöhnlich, seltsam aber auch sehr reflektiert und auf seine Weise sensibel. Er schätzte gute Musik und eine gute Performance und obwohl er ein Mann weniger Worte war, hatte er eine aufrichtige Haltung und war sehr bescheiden. Du konntest viel aus dem schließen, was er nicht sagte, aber wenn er etwas sagte, war es für gewöhnlich sehr interessant; außer er war mürrisch, dann war es einfach nur lustig, weil seine Übellaunigkeit nie offensiv war. Ich habe sicherlich den künstlerischen Wert des Schlagzeugs schätzen gelernt, etwas dem ich weiterhin folge. JOHN hatte damit sehr viel zu tun. Darin liegt seine Umsterblichkeit für so viele von uns.

Gibt es momentan bestimmte, zukünftige Pläne mit OSTARA, oder andere Projekte und Kollaborationen?

Ich nehme gerade neues Material für ein australisches Projekt auf, was bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein wird. Ich kann dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr Informationen geben. Außerdem plane ich definitiv die Rückkehr nach Europa für Live-Auftritte im Herbst oder Winter.


 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» OSTARA-Homepage
» OSTARA @ Facebook
» OSTARA @ Bandcamp

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