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Roy L.

MILENASONG: Seven Sisters

Fjordträume und Wohnzimmermöwen


MILENASONG: Seven Sisters
Genre: Lo-Fi
Verlag: Monika...


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Schatten wandern über sonnengegerbtes Holz, der Nachmittag schleppt sich behäbig in die warme, dunkle Flut des Horizonts. Boote torkeln haltlos über die Spiegel eines unbekannten Himmels. Dieser Ort trägt keinen Namen. Er ist Traum zwischen Tagen und Arbeit, Dahindämmern und Wachsein. Ein Traum unter Träumen der Berliner Traumfängerin MILENASONG und es ist ihr erster in LP-Länge.
Ihre ersten fünf Lieder auf Vinyl sind schon Ende letzten Jahres von Plattenteller zu Plattenteller gereist und haben sich in einigen Herzen ein wohliges Zuhause geschaffen. Es waren Lieder aus der eigenen Wohnung, aus dem eigenen Leben, die ihre ganze spätsommerliche Heimlichkeit nur dem Kassettenrekorder anvertrauen konnten. Nun ist Milena in den Monaten zuvor zur Abwechslung mal ins Studio gezogen und hat sich, wie es scheint, dort mit ein einer Hand voll Gastmusikern von THE RIVERENDINGS, DARK CAPTAIN LIGHT CAPTAIN, SCULPTURE und HUMAN ELEPHANT ganz häuslich eingerichtet. Die Hinterlassenschaft dieses Aufenthalts ist seit Januar auf dem Debütalbum „Seven Sisters“ zu bestaunen.
Dieses wirkt im Gesamtbild nicht mehr ganz so spontan und intim wie die 10-Zoll, gleichwohl sich immer noch ein minimalistisch liebenswürdiger Lo-Fi-Mantel sanft um die Schultern der kleinen Chanteuse legt. Dann braucht es auch kaum ein zweites, drittes Hören bis das traditionell gezupfte „Sara“ zierliche und verschrobene Gesichter in die Wolken malt, bis der fast schon post-punkige, ätherische Elektrorhythmus bei „Casey On Fire“ das Wohnzimmer zur Tanzfläche erklärt und das nostalgisch schlafwandelnde „Love Feel You Do“ zarte Liebeserklärungen von Fjord zu Fjord schickt. Sparsame Gitarrenläufe spinnen oft den roten Faden in den atmosphärischen Teppichen, die direkt aus dem heimischen Experimentierbaukasten gewoben sind. Die Landschaften, die sich so ergeben, zeigen sich vorwiegend maritim, aber keinesfalls stürmisch, nur manchmal ein wenig windig, im Hintergrund etwas trüb, doch letztlich voller funkelnder Regenbogen. Die Größe dieser Arrangements liegt in ihrem Gespür lieber klein und subtil zu sein und sich hin und wieder zu verirren und von dem wirbelnden Delirium der Begleitgeräusche nicht ohne Charme ablenken zu lassen. Dann landet ein folkiges Stück wie „Nightlost Trains“ auch mal in einem düsteren Nebel, in dem ungewissen Interim des Unterwegsseins und nirgends Ankommens. MILENAs Stimme wandert hier selbstsicher und erwachsen durch die irritierenden Lichter im Dunkel, doch manchmal tun sich unter der rauchigen Nacht auch süßlich naive Spitzen auf, die der Platte gleichsam ein leichtfüßig romantisches Aroma verleihen. Für Überraschungen sorgen auch zwei Neuaufnahmen von Stücken der „Can't Tape Forever“. Das vorher so unterirdisch geflüsterte „Lily Wyatt“ verwandelt sich im Studio zu einer luftiglockeren Frühachtziger New Wave Hymne, mit folkloristischem Unterton, während „Thirty“ die schmerzlichschönen Stiche ins Herz nun nahezu auf Zeitlupe ausdehnt und dabei viel melancholisches Blut vergießt.
Mehr Raum für mit Schräglage schwirrende Experimente und songwriterhafte Flussfahrten an unbestimmten Ufern entlang bietet die B-Seite von „Seven Sisters“. Mit unterschwelligem Drumcomputer schlängelt sich „Something Else“ durch die transparenten Schichten von Blasinstrumenten, die zu schwindelerregenden Wolkenzügen verfremdet werden. Wie unzählige kleine Hell/Dunkel-Nuancen auf einem Schwarz-Weiß Photo blitzen kleine, kaum ihrer Herkunft nach definierbare Sounds für einzelne Augenblicke auf und verschmelzen wieder mit dem gesamten Motiv. Sie setzen sich zusammen aus rückwärtslaufenden Bändern, verlustiggegangenen separaten Akkorden und traumtrunkenen Schleifen, die wie in „Figs Tree“ nahezu an das surreale Schneegestöber von COILs „An Emergency“ heranreichen. Weitere Vergleiche sollten nicht gezogen werden, hier sträubt sich MILENASONG wunderbar eigensinnig mit visionärem Eifer. Noch eine kosmische Reise mit unbekanntem Ausgang nimmt in „Standby“ Anlauf. Das psychedelische Kammerspiel wirkt zunächst wie die Kehrseite einer zerstückelten Countryballade, fließt und lässt Tränen fließen und stürzt sich endlich in einen durch dumpfe Bässe und Schlagwerk düster angeschwollenen kühlwavigen Blues, der bis zum Schluss mit gekonnter Tristesse um großstädtische Autobahnlaternen zirkuliert und verglüht.
Was bleibt, ist all this beautiful light... die letzten Rillen knistern sich geschlossener Augen in den Abgrund des Platteninneren und es scheint, sie würden auf der anderen Seite des Mondes wieder als flatternde Möwen zurückkehren und die Erinnerung an die zwölf dahingeflossenen Lieder von den sieben Schwestern durch vier lange Zeitalter tragen, bis alles wieder von vorn beginnt. Und das sollte es. MILENASONG öffnet auf ihrem ersten Album Fenster und Kanäle zu Räumen und Zeiten, die nie zusammen existiert haben, weil sie nie zusammen geträumt wurden. „Seven Sisters“ ist die derzeit schönste Begleitung für ein norwegisches Fischerboot, das als Transeuropaexpress bis in die 60er rudert und erst in den eigenen vier Wänden wieder die heimatlichen Gestade erreicht. Ein nostalgisches Urlaubsvideo.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» milenasong
» Monika Enterprises
» milenasong @ MySpace

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» milenasong :: Can't Tape Forever


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